ETIKA

Jean Paul
(1763 – 1825)

www.etika.com
27.2.2005

22JEAP51

Vom kalten Nihilismus zurück in die Wärme des Glaubens

Dank an M. F.

 

Auszüge aus „Siebenkäs“ (Die destruktiven Stellen lassen wir weg)
REDE DES TOTEN CHRISTUS VOM WELTGEBÄUDE HERAB,
DASS KEIN GOTT SEI

Wenn einmal mein Herz so unglücklich und ausgestorben wäre, dass ich in ihm alle Gefühle, die das Dasein Gottes bejahen, zerstöret wären; so würd' ich mich mit diesem meinem Aufsatz erschüttern und - er würde mich heilen und mir meine Gefühle wiedergeben.

 

... Ebenso erschrak ich über den giftigen Dampf, der dem Herzen dessen, der zum erstenmal in das atheistische Lehrgebäude tritt, erstickend entgegenzieht. Ich will mit geringern Schmerzen die Unsterblichkeit als die Gottheit leugnen: dort verlier' ich nichts als eine mit Nebeln bedeckte Welt, hier verlier' ich die gegenwärtige, nämlich die Sonne derselben; das ganze geistige Universum wird durch die Hand des Atheismus zersprengt und zerschlagen in zahlenlose quecksilberne Punkte von Ichs, welche blinken, rinnen, irren, zusammen‑ und auseinanderfliehen, ohne Einheit und Bestand.

 

Niemand ist im All so sehr allein als ein Gottesleugner‑ er trauert mit einem verwaiseten Herzen, das den größten Vater verloren, neben dem unermeßlichen Leichnam der Natur, den kein Weltgeist regt und zusammenhält, und der im Grabe wächset; und er trauert so lange, bis er sich selber abbröckelt von der Leiche. Die ganze Welt ruht vor ihm wie die große, halb im Sande liegende ägyptische Sphinx aus Stein; und das All ist die kalte eiserne Maske der gestaltlosen Ewigkeit.

   Auch hab' ich die Absicht, mit meiner Dichtung einige lesende oder gelesene Magister in Furcht zu setzen,...

 

Ich lag einmal an einem Sommerabende vor der Sonne auf einem Berge und entschlief. Da träumte mir, ich erwachte auf dem Gottesacker. Die abrollenden Räder der Turmuhr, die elf Uhr schlug, hatten mich erweckt. Ich suchte im ausgeleerten Nachthimmel die Sonne, weil ich glaubte, eine Sonnenfinsternis verhülle sie mit dem Mond. Alle Gräber waren aufgetan,  und die eisernen Türen des Gebeinhauses gingen unter unsichtbaren Händen auf und zu. An den Mauern flogen Schatten, die niemand warf, und andere Schatten gingen aufrecht in der bloßen Luft. In den offenen Särgen schlief nichts mehr als die Kinder.

 

Am Himmel hing in großen Falten bloß ein grauer schwüler Nebel, den ein Riesenschatte wie ein Netz immer näher, enger und heißer herein zog. Ober mir hört' ich den fernen Fall der Lawinen, unter mir den ersten Tritt eines unermeßlichen Erdbebens. Die Kirche schwankte auf und nieder von zwei unaufhörlichen Mißtönen, die in ihr miteinander kämpften und vergeblich zu einem Wohllaut zusammenfließen wollten... Das Netz des Nebels und die schwankende Erde rückten mich in den Tempel, vor dessen Tore in zwei Gift-Hecken zwei Basilisken funkelnd brüteten. Ich ging durch unbekannte Schatten, denen alte Jahrhunderte aufgedrückt waren.

 

Alle Schatten standen um den Altar, und allen zitterte und schlug statt des Herzens die Brust. Nur ein Toter, der erst in die Kirche begraben worden, lag noch auf seinen Kissen ohne eine zitternde Brust, und auf seinem lächelnden Angesicht stand ein glücklicher Traum. Aber da ein Lebendiger hineintrat, erwachte er und lächelte nicht mehr, er schlug mühsam ziehend das schwere Augenlid auf, aber innen lag kein Auge, und in der schlagenden Brust war statt des Herzens eine Wunde. Er hob die Hände empor und faltete sie zu einem Gebete; aber die Arme verlängerten sich und löseten sich ab, und die Hände fielen gefaltet hinweg. Oben am Kirchengewölbe stand das Zifferblatt der Ewigkeit, auf dem keine Zahl erschien und das sein eigner Zeiger war; nur ein schwarzer Finger zeigte darauf, und die Toten wollten die Zeit darauf sehen.

 

   Jetzo sank eine hohe edle Gestalt mit einem unvergänglichen Schmerz aus der Höhe auf den Altar hernieder, und alle Toten riefen: »Christus! ist kein Gott?«

   Er antwortete: »Es ist keiner.« ...

 

   Da kreischten die Mißtöne heftiger ‑ die zitternden Tempelmauern rückten auseinander ‑ und der Tempel und die Kinder sanken unter ‑und die ganze Erde und die Sonne sanken nach ‑und das ganze Weltgebäude sank mit seiner Unermeßlichkeit vor uns vorbei ‑ und oben am Gipfel der unermeßlichen Natur stand Christus und schauete in das mit tausend Sonnen durchbrochne Weltgebäude herab, gleichsam in das in die ewige Nacht gewühlte Bergwerk, in dem die Sonnen wie Grubenlichter und die Milchstraßen wie Silberadern gehen.

 

   Und als Christus das reibende Gedränge der Welten, den Fackeltanz der himmlischen Irrlichter und die Korallenbänke schlagender Herzen sah, und als er sah, wie eine Weltkugel um die andere ihre glimmenden Seelen auf das Totenmeer ausschüttete, wie eine Wasserkugel schwimmende Lichter auf die Wellen streuet: so hob er groß wie der höchste Endliche die Augen empor gegen das Nichts und gegen die leere Unermeßlichkeit und sagte: »Starres, stummes Nichts! Kalte, ewige Notwendigkeit! Wahnsinniger Zufall! Kennt ihr das unter euch? Wann zerschlagt ihr das Gebäude und mich? ... ‑  Schaue hinunter in den Abgrund, über welchen Aschenwolken ziehen ‑ Nebel voll Welten steigen aus dem Totenmeer, die Zukunft ist ein steigender Nebel, und die Gegenwart ist der fallende. ‑ Erkennst du deine Erde?«

 

   Hier schauete Christus hinab, und sein Auge wurde voll Tränen, und er sagte: » ...  Sterblicher neben mir, wenn du noch lebest, so bete Ihn an: sonst hast du Ihn auf ewig verloren.«

 

   Und als ich niederfiel und ins leuchtende Weltgebäude blickte: sah ich die emporgehobenen Ringe der Riesenschlange der Ewigkeit, die sich um das Welten-All gelagert hatte ‑ und die Ringe fielen nieder, und sie umfaßte das All doppelt ‑dann wand sie sich tausendfach um die Natur ‑ und quetschte die Welten aneinander ‑ und drückte zermalmend den unendlichen Tempel zu einer Gottesacker-Kirche zusammen ‑ und alles wurde eng, düster, bang‑ und ein unermeßlich ausgedehnter Glockenhammer sollte die letzte Stunde der Zeit schlagen und das Weltgebäude zersplittern ... als ich erwachte.

 

   Meine Seele weinte vor Freude, daß sie wieder Gott anbeten konnte‑ und die Freude und das Weinen und der Glaube an ihn waren das Gebet. Und als ich aufstand, glimmte die Sonne tief hinter den vollen purpurnen Kornähren und warf friedlich den Widerschein ihres Abendrotes dem kleinen Monde zu, der ohne eine Aurora im Morgen aufstieg; und zwischen dein Himmel und der Erde streckte eine frohe vergängliche Welt ihre kurzen Flügel aus und lebte, wie ich, vor dem unendlichen Vater; und von der ganzen Natur um mich flossen friedliche Töne aus, wie von fernen Abendglocken.


Jean Paul: Scritti sul Nichilismo, a cura di Adriano Fabris, Editrice Morcelliana Brescia, 1997. Titolo originale:
Des todten Skaespear´s Klage unter todten Zuhörern in der Kirche, daß kein Gott sei; Entwürfe; Rede des todten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei; Der Traum im Traum. (Dank für das Buchgeschenk an M. F.)
Lamentazione di Shakespeare morto, fra ascoltatori morti nella Chiesa, in cui si proclama che non vi è Dio alcuno.
Discorso del Cristo morto, il quale, dall´alto dell´edificio del mondo, proclama che non vi è Dio alcuno


Jean Paul, von Hanns-Josef Ortheil, rowohlt monographie 1984

Zu: Des toten Shakespeares Klage ...
Seite 37 Kühn ist das Ganze, weil es die Vision eines absoluten Nichts versucht. Johann Paul experimentiert darin mit den dunklen Todesgedanken, die durch die philosophische Lektüre angeheizt wurden und gegen die Jacobi die großen Begriffe von Gott, Mensch und Welt gesetzt hatte, die unter den vernichtenden Stößen kantischer Auslegung zu zerbröckeln drohten. Aber er experimentierte doch nur. Am Ende zerfällt das Chaos des absoluten Nichts, der Träumende wacht aus den düsteren Visionen auf und das befriedete Bild einer anderen Welt strahlt erlösend auf:

„Mit einem schrecklichen Schlage schien der Glockenhammer, der sich unendlich über uns ausbreitete, die zwölfte Stunde zu schlagen und er zerquetschte die Kirche und die Toten: und ich erwachte und war froh, daß ich Gott anbeten konnte“.

Neben der Vision griff auch eine kleine Abhandlung – über die Fortdauer der Seele und des Bewusstseins – das Todesthema der Vernichtung auf und variierte es philosophisch. Später folgten dann die großen Abhandlungen „Das Kampaner Tal“ (1797) und noch kurz vor dem Tod „Selina oder über die Unsterblichkeit der Seele“.

Jean Paul sehnte in der Ferne zwar nichts so herbei wie die Unendlichkeit (der Seele, Gottes), im Nahen ergänzte die Idee der Freiheit das metaphysische Hoffen.

Zu: Siebenkäs
S. 65 „... dieselbe Lachlust in der schönen Irrenanstalt der Erde“

Zur Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab:
S. 69 „Doch bleibt dieser atheistische Schrecken auch in dieser Dichtung nur ein Schrecken; er macht nachvollziehbar, wie es um den Menschen stünde, wenn er nicht mehr zu glauben vermöchte, er lässt ihn dieses uferlose Zweifeln und die Leere des Alls spüren, damit er später um so stärker die Wärme der Rückkehr in die Sicherheit seines Glaubens empfinde. Dieser wird beibehalten, nicht geopfert... mit seiner Dichtung beginnt der nihilistische Zweifel.“

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