|
ETIKA |
Jean Paul |
www.etika.com |
|
22JEAP51 |
Vom kalten Nihilismus
zurück in die Wärme des Glaubens |
Dank an M. F. |
Wenn einmal mein Herz so
unglücklich und ausgestorben wäre, dass ich in ihm alle Gefühle, die das Dasein
Gottes bejahen, zerstöret wären; so würd' ich mich mit diesem meinem Aufsatz
erschüttern und - er würde mich heilen und mir meine Gefühle wiedergeben.
... Ebenso
erschrak ich über den giftigen Dampf, der dem Herzen dessen, der zum
erstenmal in das atheistische Lehrgebäude tritt, erstickend entgegenzieht. Ich
will mit geringern Schmerzen die Unsterblichkeit als die Gottheit leugnen: dort
verlier' ich nichts als eine mit Nebeln bedeckte Welt, hier verlier' ich die
gegenwärtige, nämlich die Sonne derselben; das ganze geistige Universum wird
durch die Hand des Atheismus zersprengt und zerschlagen in zahlenlose
quecksilberne Punkte von Ichs, welche blinken, rinnen, irren, zusammen‑
und auseinanderfliehen, ohne Einheit und Bestand.
Niemand ist im
All so sehr allein als ein Gottesleugner‑ er trauert mit einem verwaiseten Herzen, das den größten Vater
verloren, neben dem unermeßlichen Leichnam der Natur, den kein Weltgeist regt
und zusammenhält, und der im Grabe wächset; und er trauert so lange, bis er
sich selber abbröckelt von der Leiche. Die ganze Welt ruht vor ihm wie die
große, halb im Sande liegende ägyptische Sphinx aus Stein; und das All ist
die kalte eiserne Maske der gestaltlosen Ewigkeit.
Auch hab' ich die Absicht, mit meiner
Dichtung einige lesende oder gelesene Magister in Furcht zu setzen,...
Ich lag einmal an
einem Sommerabende vor der Sonne auf einem Berge und entschlief. Da träumte
mir, ich erwachte auf dem Gottesacker. Die abrollenden Räder der
Turmuhr, die elf Uhr schlug, hatten mich erweckt. Ich suchte im ausgeleerten
Nachthimmel die Sonne, weil ich glaubte, eine Sonnenfinsternis verhülle sie mit
dem Mond. Alle Gräber waren aufgetan,
und die eisernen Türen des Gebeinhauses gingen unter unsichtbaren Händen
auf und zu. An den Mauern flogen Schatten, die niemand warf, und andere
Schatten gingen aufrecht in der bloßen Luft. In den offenen Särgen schlief
nichts mehr als die Kinder.
Am Himmel hing in
großen Falten bloß ein grauer schwüler Nebel, den ein Riesenschatte wie ein
Netz immer näher, enger und heißer herein zog. Ober mir hört' ich den fernen
Fall der Lawinen, unter mir den ersten Tritt eines unermeßlichen Erdbebens. Die
Kirche schwankte auf und nieder von zwei unaufhörlichen Mißtönen, die in
ihr miteinander kämpften und vergeblich zu einem Wohllaut zusammenfließen
wollten... Das Netz des Nebels und die schwankende Erde rückten mich in den
Tempel, vor dessen Tore in zwei Gift-Hecken zwei Basilisken funkelnd
brüteten. Ich ging durch unbekannte Schatten, denen alte Jahrhunderte
aufgedrückt waren.
Alle Schatten
standen um den Altar, und
allen zitterte und schlug statt des Herzens die Brust. Nur ein Toter, der erst
in die Kirche begraben worden, lag noch auf seinen Kissen ohne eine zitternde
Brust, und auf seinem lächelnden Angesicht stand ein glücklicher Traum. Aber da
ein Lebendiger hineintrat, erwachte er und lächelte nicht mehr, er schlug
mühsam ziehend das schwere Augenlid auf, aber innen lag kein Auge, und in der schlagenden
Brust war statt des Herzens eine Wunde. Er hob die Hände empor und faltete sie
zu einem Gebete; aber die Arme verlängerten sich und löseten sich ab, und die
Hände fielen gefaltet hinweg. Oben am Kirchengewölbe stand das Zifferblatt
der Ewigkeit, auf dem keine Zahl erschien und das sein eigner Zeiger war;
nur ein schwarzer Finger zeigte darauf, und die Toten wollten die Zeit darauf
sehen.
Jetzo sank eine hohe edle Gestalt mit einem
unvergänglichen Schmerz aus der Höhe auf den Altar hernieder, und alle Toten
riefen: »Christus! ist kein Gott?«
Da kreischten die Mißtöne heftiger ‑
die zitternden Tempelmauern rückten auseinander ‑ und der Tempel und die
Kinder sanken unter ‑und die ganze Erde und die Sonne sanken nach ‑und
das ganze Weltgebäude sank mit seiner Unermeßlichkeit vor uns vorbei ‑
und oben am Gipfel der unermeßlichen Natur stand Christus und schauete in das
mit tausend Sonnen durchbrochne Weltgebäude herab, gleichsam in das in die
ewige Nacht gewühlte Bergwerk, in dem die Sonnen wie Grubenlichter und die
Milchstraßen wie Silberadern gehen.
Und als Christus das reibende Gedränge der
Welten, den Fackeltanz der himmlischen Irrlichter und die Korallenbänke
schlagender Herzen sah, und als er sah, wie eine Weltkugel um die andere ihre
glimmenden Seelen auf das Totenmeer ausschüttete, wie eine Wasserkugel
schwimmende Lichter auf die Wellen streuet: so hob er groß wie der höchste
Endliche die Augen empor gegen das Nichts und gegen die leere Unermeßlichkeit
und sagte: »Starres, stummes Nichts! Kalte, ewige Notwendigkeit! Wahnsinniger
Zufall! Kennt ihr das unter euch? Wann zerschlagt ihr das Gebäude und mich? ...
‑ Schaue hinunter in den Abgrund,
über welchen Aschenwolken ziehen ‑ Nebel voll Welten steigen aus dem
Totenmeer, die Zukunft ist ein steigender Nebel, und die Gegenwart ist der
fallende. ‑ Erkennst du deine Erde?«
Hier schauete Christus hinab, und sein Auge
wurde voll Tränen, und er sagte: » ... Sterblicher neben mir, wenn du noch lebest, so bete Ihn an: sonst
hast du Ihn auf ewig verloren.«
Und als ich niederfiel und ins leuchtende
Weltgebäude blickte: sah ich die emporgehobenen Ringe der Riesenschlange der
Ewigkeit, die sich um das Welten-All gelagert hatte ‑ und die Ringe
fielen nieder, und sie umfaßte das All doppelt ‑dann wand sie sich
tausendfach um die Natur ‑ und quetschte die Welten aneinander ‑
und drückte zermalmend den unendlichen Tempel zu einer Gottesacker-Kirche
zusammen ‑ und alles wurde eng, düster, bang‑ und ein
unermeßlich ausgedehnter Glockenhammer sollte die letzte Stunde der Zeit
schlagen und das Weltgebäude zersplittern ... als ich erwachte.
Meine Seele weinte vor Freude, daß sie
wieder Gott anbeten konnte‑ und die Freude und das Weinen und der
Glaube an ihn waren das Gebet. Und als ich aufstand, glimmte die Sonne tief hinter
den vollen purpurnen Kornähren und warf friedlich den Widerschein ihres
Abendrotes dem kleinen Monde zu, der ohne eine Aurora im Morgen aufstieg; und
zwischen dein Himmel und der Erde streckte eine frohe vergängliche Welt ihre
kurzen Flügel aus und lebte, wie ich, vor dem unendlichen Vater; und von der
ganzen Natur um mich flossen friedliche Töne aus, wie von fernen Abendglocken.
Jean Paul: Scritti sul Nichilismo, a cura di Adriano Fabris, Editrice
Morcelliana Brescia, 1997. Titolo originale:
Des todten Skaespear´s Klage unter todten Zuhörern in der Kirche, daß kein Gott
sei; Entwürfe; Rede des todten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott
sei; Der Traum im Traum. (Dank für das Buchgeschenk an M. F.)
Lamentazione di Shakespeare morto, fra ascoltatori morti
nella Chiesa, in cui si proclama che non vi è Dio alcuno.
Discorso del Cristo morto, il quale, dall´alto dell´edificio del mondo,
proclama che non vi è Dio alcuno
Jean
Paul, von Hanns-Josef Ortheil,
rowohlt monographie 1984
Zu:
Des toten Shakespeares Klage ...
Seite 37 Kühn ist das
Ganze, weil es die Vision eines absoluten Nichts versucht. Johann Paul experimentiert
darin mit den dunklen Todesgedanken, die durch die philosophische Lektüre
angeheizt wurden und gegen die Jacobi die großen Begriffe von Gott, Mensch und
Welt gesetzt hatte, die unter den vernichtenden Stößen kantischer Auslegung zu
zerbröckeln drohten. Aber er experimentierte doch nur. Am Ende zerfällt das
Chaos des absoluten Nichts, der Träumende wacht aus den düsteren Visionen auf
und das befriedete Bild einer anderen Welt strahlt erlösend auf:
„Mit
einem schrecklichen Schlage schien der Glockenhammer, der sich unendlich über
uns ausbreitete, die zwölfte Stunde zu schlagen und er zerquetschte die Kirche
und die Toten: und ich erwachte und war froh, daß
ich Gott anbeten konnte“.
Neben
der Vision griff auch eine kleine Abhandlung – über die Fortdauer der Seele und
des Bewusstseins – das Todesthema der Vernichtung auf und variierte es
philosophisch. Später folgten dann die großen Abhandlungen „Das Kampaner Tal“
(1797) und noch kurz vor dem Tod „Selina oder über die Unsterblichkeit der Seele“.
Jean
Paul sehnte in der Ferne zwar nichts so herbei wie die Unendlichkeit (der
Seele, Gottes), im Nahen ergänzte die Idee der Freiheit das metaphysische
Hoffen.
Zu:
Siebenkäs
S. 65 „... dieselbe
Lachlust in der schönen Irrenanstalt der Erde“
Zur
Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab:
S. 69 „Doch bleibt dieser
atheistische Schrecken auch in dieser Dichtung nur ein Schrecken; er macht
nachvollziehbar, wie es um den Menschen stünde, wenn er nicht mehr zu glauben
vermöchte, er lässt ihn dieses uferlose Zweifeln und
die Leere des Alls spüren, damit er später um so stärker die Wärme der Rückkehr in die Sicherheit seines Glaubens empfinde.
Dieser wird beibehalten, nicht geopfert... mit seiner Dichtung beginnt der
nihilistische Zweifel.“