ETIKA 022

KARL MAY

www.etika.com
11.4.2003 – 5.2.2007

22MAY34E

EMPOR INS REICH DER EDELMENSCHEN -  DAS HEILIGE FEUER

Karl und Klara May, Fritz Barthel

Allen Wahrheitssuchern, besonders den etika.com-Lesern,
F. J. Hendricks, H. F., J. u. M. M., P. V., F. L., den F. L.,
Tatjana Goritschewa sowie Shraga Elam gewidmet

Wir empfehlen: Karl May Band 34
"Ich" - Karl Mays Leben und Werk
sowie alle Bücher Karl Mays,

natürlich nur aus dem Karl-May-Verlag Bamberg

Am 22. März 1912, acht Tage vor seinem Tode, hielt Karl May in Wien auf Einladung des Akademischen Verbandes für Literatur und Musik eine zweistündige Rede. Seine Frau Klara May hat eine Zusammenfassung erstellt, aus der wir Auszüge wiedergeben:

Empor ins Reich der Edelmenschen!

Es ist das Hauptthema des großen Menschheitslebens und auch das jedes einzelnen. Die Menschheit soll empor ins Reich der Edelmenschen und jeder einzelne ebenso.

Ich habe, wie jeder andere Mensch, ein äußeres und ein inneres Leben. Beide sind auszugestalten, daß sie zur Persönlichkeit werden. Viele bringen es nie zur inneren Persönlichkeit, ja leider viele nicht einmal zur äußerlichen.

Nicht meine äußere, sondern meine innere Persönlichkeit soll zu Ihnen sprechen: mein Herz! Das ist das Richtige! Die Seele zur Seele, das Gemüt zum Gemüt, das Herz zum Herzen. Dann werden wir uns verstehen! So bin ich aber verpflichtet, Ihnen hier meine Seele, mein Gemüt, mein Herz offen und ehrlich zu zeigen.

Ich fragte zu den Sternen
wohl auf in stiller Nacht:
"Gilt dort in jenen Fernen
auch mir die Himmelspracht?"

Da klang es tröstend nieder:
"Du gingst von hier einst aus
und kehrst, wie deine Lieder,
zurück ins Vaterhaus!"

Was für einen Ort aber verstehe ich unter diesem "hier", unter diesem "Himmel", an dem solche Sterne strahlen? Ich bin hier, um es Ihnen zu sagen.

Es führen drei Wege hinauf: Wissenschaft, Kunst, Religion. Wissenschaft bringt Erkenntnis, die Kunst Offenbarung; Religion bringt Erlösung.

Ich stehe auf dem mittleren Weg, auf dem Weg der Kunst, und spreche zu Ihnen nur als Schriftsteller, als unbefangener Laie, der nichts erstrebt als nur das eine große irdische Ziel: "Und Friede auf Erden!"

Tragt euer Evangelium hinaus
doch ohne Kampf sei es der Welt beschieden!
Und seht ihr irgendwo ein Gotteshaus,
so stehe es für euch im Völkerfrieden!

Gebt, was ihr bringt, doch bringt nur Liebe mit;
das andre alles sei daheim geblieben.
Weil Liebe einst für euch den Tod erlitt,
will sie durch euch nun ewig weiter lieben.

Tragt euer Evangelium hinaus,
indem ihr´s lebt und lehrt an jedem Orte!
Und alle Welt sei euer Gotteshaus,
in dem ihr hell erklingt als Engelsworte!

Gebt Liebe nur, gebt Liebe ganz allein;
laßt ihren Puls durch alle Länder fließen!
Dann wird die Erde Christi Kirche sein
und wieder eins von Gottes Paradiesen!

Also auf dem Pfad der Kunst, der Poesie empor ins Reich der Edelmenschen!

Was ist Poesie? Ich versuche es in "Friede auf Erden" (Anmerkung: Band 30) zu sagen.

Der Dichter ist zugleich Seher. Wer nicht Seher ist, kann auch nicht Dichter sein! Schaut in die Heilige Schrift! Wie oft beginnen die Reden der Propheten: "Und ich sah" oder "Und ich hörte eine Stimme".

Dem wahren Dichter kommt aus einer Welt, die mit der unsrigen zusammenhängt, auf leisen Schwingen schöngebor´ne Kunde. Er nimmt sie auf; er gibt sie weiter fort, und wer sie hört, der wird von ihr berührt, als sei sie ein Gedicht aus Engelsmunde. Das ist die Poesie, die aus dem Himmel stammt. Kein Geist, kein Mensch kann sie uns niederbringen. Dort oben, wo das Meer des Lichtes flammt, muß jeder Strahl in goldenen Reimen schwingen.

Wir stehen gerade jetzt in einer Zeit, die alte Formen zerbricht. Wir sehnen uns nach neuen Idealen, nach einer neuen Kunst, nach dem Drama der Zukunft, nach dem großen Meister, der da kommen soll.

Die höchste, inhaltsreichste und mir liebste Form der Kunst, der Poesie, ist das Märchen. Ich liebe das Märchen. Ich bin Hakawati. Dieses arabische Wort bedeutet "Märchenerzähler".

Was ist das Märchen?

Es gibt irdische Wahrheiten und himmlische Wahrheiten. Die irdischen werden uns von der Wissenschaft gebracht. Die himmlischen steigen an den Strahlen der Sterne zu uns nieder.

Die himmlische Wahrheit kam zu den Menschen, wurde aber von ihnen fortgewiesen; man wollte sie nicht. Trauernd kehrte sie zu Gott zurück und klagte, daß man ihr keine bleibende Stätte gewähre, ja sie nicht einmal einlasse.

Gott tröstete sie und sprach: Versuche es noch einmal, wähle dir einen Dichter aus und laß dich von ihm in das Gewand des Märchens kleiden, dann wird man dir Einlaß gewähren.

Die Wahrheit tat, wie ihr geheißen, und sie ging sich einen Dichter suchen. Als sie ihn gefunden und er sie, ins Märchengewand gehüllt, von neuem zu den Menschen sandte, wurde sie freudig aufgenommen: schien sie doch nur ein harmloses Märchen zu sein!

Das Märchen von Sitara
(Band 34, Ich, Seite 27 - 32)

Wenn man von der Erde aus drei Monate lang geraden Weges nach der Sonne fliegt und dann in derselben Richtung noch drei Monate lang über die Sonne hinaus, so kommt man an einen Stern, der Sitara heißt. Sitara ist ein persarabisches Wort und bedeutet eben "Stern". Dieser Stern hat mit unserer Erde viel gemein. Das Tiefland ist eben, ungesund, an giftigen Pflanzen und reißenden Tieren reich. Man nennt es Ardistan. Ard heißt Erde, Scholle, niedriger Stoff, und bildlich bedeutet es das Wohlbehagen am geistlosen Schmutz und Staub, das rücksichtslose Trachten nach der Materie, den grausamen Vernichtungskampf gegen alles, was nicht zum eigenen Selbst gehört und gewillt ist, ihm zu dienen. Ardistan ist die Heimat der niedrigen, selbstsüchtigen Daseinsformen und, was sich auf seine höheren Bewohner bezieht, das Land der Gewalt- und Egoismusmenschen.

Das Hochland dagegen ist gebirgig, gesund, ewig jung und schön im Kuß des Sonnenstrahls, reich an Gaben der Natur und Produkten des menschlichen Fleißes, ein Garten Eden, ein Paradies. Man nennt es Dschinnistan. Dschinn heißt Genius, wohltätiger Geist, segensreiches, unirdisches Wesen. Bildlich bedeutet es den angeborenen Herzenstrieb nach Höherem, das fleißige Trachten nach allem, was gut und edel ist, und vor allen Dingen die Freude am Glück des Nächsten, an der Wohlfahrt all derer, welche der Liebe und der Hilfe bedürfen. Dschinnistan ist das Land der Nächstenliebe, das einst verheißene Land der Edelmenschen.

Tief unten herrscht über Ardistan ein Geschlecht von Tyrannen, deren oberstes Gesetz lautet: "Du sollst der Teufel deines Nächsten sein, damit du dir selbst zum Engel werdest!"

Und hoch oben regiert eine Dynastie großherziger Fürsten, deren Gesetz lautet: "Du sollst der Engel deines Nächsten sein, damit du nicht dir selbst zum Teufel werdest!"

Also in Dschinnistan Glück und Sonnenschein, dagegen in Ardistan eine tiefe seelische Finsternis und der heimliche Jammer nach Befreiung aus dem Elend dieser Hölle! Ist es da ein Wunder, daß da unten im Tiefland eine immer größer werdende Sehnsucht nach dem Hochland entstand? Daß die fortgeschrittenen unter den dortigen Seelen sich aus der Finsternis zu befreien und zu erlösen suchen?

Zwischen Ardistan und Dschinnistan liegt Märdistan. Zu Märdistan, im Walde von Kulub (arabisch Herzen), liegt einsam, tief versteckt, die Geisterschmiede.

"Da schmieden Geister?"
"Nein, man schmiedet s i e !

... Da, jetzt., o Mensch, ergreifen dich die Zangen.
Man stößt dich in den Brand; die Bälge knarren.
Die Lohe zuckt empor, zum Dach hinaus,
und alles, was du hast und was du bist,
der Leib, der Geist, die Seele, alle Knochen,
die Sehnen, Fibern, Fasern, Fleisch und Blut,
Gedanken und Gefühle, alles, alles
wird dir verbrannt,, gepeinigt und gemartert
bis in die weiße Glut -"

Der Schmerz beginnt sein Werk, der Schmied, der Meister.
Er spuckt sich in die Hände, greift dann zu.
Hebt beiderhändig hoch den Riesenhammer -
die Schläge fallen. Jeder ist ein Mord,
ein Mord an dir. Du meinst, zermalmt zu werden.

Jeder Bewohner des Sterns Sitara kennt die Sage, daß die Seelen aller bedeutenden Menschen, die geboren werden sollen, vom Himmel herniederkommen. Engel und Teufel warten auf sie. Die Seele, welche das Glück hat, auf einen Engel zu treffen, wird in Dschinnistan geboren. Die arme Seele aber, welche einem Teufel in die Hände fällt, wird von ihm nach Ardistan geschleppt und in ein um so tieferes Elend geschleudert, je höher die Aufgabe ist, die ihr von oben mitgegeben wurde. Der Teufel will, sie soll zugrunde gehen, und ruht weder bei Tag noch bei Nacht, aus dem zum Talent oder gar Genie Bestimmten einen möglichst verkommenen, verlorenen Menschen zu machen.

Nur selten ist die Himmelskraft, die einer nach Ardistan geschleuderten Seele mitgegeben wurde, so groß und unerschöpflich, daß sie selbst die stärkste Pein der Geisterschmiede erträgt. Sie wird nicht vom Feuer vernichtet, sondern geläutert und gestählt. Darum kann weder Mensch noch Teufel sie mehr hindern, nach Dschinnistan aufzusteigen, wo jeder Mensch der Engel seines Nächsten ist.

(Anmerkung: Ende des hier gestrafften Märchens von Sitara)

Sitara ist die Erde. Nicht geographisch, sondern geistig betrachtet. Da kann es nicht drei oder gar fünf Menschenrassen und fünf Erdteile geben, sondern nur zwei Erdteile mit einer einzigen Rasse, die aber nach gut und böse, nach hoch und niedrig Denkenden, nach auf- oder abwärts Strebenden geschieden ist. Körperbau, Hautfarbe usw. sind da gleichgültig, bestimmen nicht im geringsten den Wert oder Unwert des betreffenden Menschen.

In Ardistan haben die Niedrigen, die Unedlen, in Dschinnistan die Hohen, die Edlen ihren Wohnsitz.

Beide sind verbunden durch den schmalen, aufsteigenden Streifen von Märdistan, wo im Wald von Kulub der "See der Schmerzen" und die "Geisterschmiede" liegen.

Kennst du den unergründlich tiefen See,
in dessen Flut ich meine Ruder schlage?
Er heißt seit Anbeginn das Menschheitsweh,
und ich, mein Freund, ich bin die Menschheitsfrage.

Und ich setze hier fort:

Ist dir auf ihm das kleine Boot bekannt,
das mir der Herr für meine Fahrt gegeben?
Von euch wird es das Erdenleid genannt;
ich aber sag: Es ist das Erdenleben!

Was ist die Menschheitsfrage? Sie wurde von Gott geschaffen, als er den Menschen schuf. Dieser lebte im Paradiese von Dschinnistan. Die Früchte des Sumpflandes waren ihm verboten. Er stieg trotzdem hinab, sie zu genießen. Kaum hatte er das getan, so sah er, daß er nackt war, entkleidet allen Adels, aller Hoheit, aller Reinheit, aller Würde. Es war nichts mehr an ihm, was ewig ist, er hatte sich den Tod erworben.

Er versteckte sich. Da kam der Herr und rief: "Adam, wo bist du?" Adam heißt Mensch. Gemeint ist Edelmensch. Also: "Mensch, Edelmensch, wo bist du?"

In diesem Augenblick war die Menschheitsfrage geboren. Sie verließ mit Adam das Paradies.

Gott war gnädig mit ihm, der nun in Ardistan wohnte und darum sterben mußte. Er verlieh ihm das Geschenk der Nachkommenschaft, in der er weiterleben durfte, um nach Jahrtausenden fortgesetzter Läuterung nach Dschinnistan, ins Paradies zurückzukehren.

Wohin sich die Menschen immer wandten, die Menschheitsfrage ging mit. Sie stand auf allen Schlachtfeldern der Erde, um auszurufen:

"Adam, wo bist du? Wo ist die Edelmenschlichkeit? Ich sehe sie nicht."

Zu jeder Zeit und überall, wo Menschen gegen Menschen sündigten, erhob sie ihre Stimme. Sie schien ewig zu sein, weil das Menschenleid kein Ende zu nehmen scheint. Und sie schien allgegenwärtig zu sein, weil das Menschheitsweh allgegenwärtig ist.

Aber nicht bloß bei großen, gewaltigen Völkerschmerzen tritt sie als Klägerin heran, sondern sie steht bei jeder einzelnen Menschenseele, die irgendein Leid zu tragen hat, und flüstert bittend:

"Du bist in der Geisterschmiede. Schrei nicht! Dann kommst du frei und wirst als Sieger die Qual verlassen. Bleib nicht hier unten. Werde Edelmensch! Dein Ziel heißt Dschinnistan!"

Woher weiß ich das?

Ich will es Ihnen erzählen: Im tiefsten, allertiefsten Ardistan wurde ich geboren. Meine Eltern waren bitterarm. Wir haben fleißig gearbeitet und ebenso fleißig gehungert. Vater war streng, doch gut. Jähzornig. Nächtelang las er. Mutter war still und lieb, unendlich lieb, und hatte trotz ihrer eigenen Not und Armut immer noch für noch Ärmere übrig. In meinen "Himmelsgedanken" gedenke ich ihrer in dem Gedicht:

Ich hab gefehlt, und du hast es getragen...

Der Großmutter widmete ich folgendes Gedicht:

Sie trug mich stets auf ihren Armen,
sie lehrte mich den ersten Schritt,
und weinte ich zum Herzerbarmen,
so weinte sie erbarmend mit...

Dieser Großmutter habe ich damals versprochen: "Großmutter, ich will ,Hakawati' werden. Ich will von Dschinnistan erzählen. Darum muß ich aus Ardistan hinaus!" Märchenerzähler, um die Wahrheit der Zukunft in das Gewand des Märchens zu kleiden, damit man sich ihrer erbarme.

Ich bin trotz allen Erdenleides ein unendlich glücklicher Mann. Habe mich aus Abgründen emporgearbeitet. Ich habe meinen Beruf, meinen Erfolg, mein glückliches, friedliches Heim, meinen unerschütterlichen Glauben an Gott und die Menschheit. Dieses so große Glück möchte ich auch gern anderen Menschen bereiten.

Was ich selbst erstrebe, soll auch für meine Leser (Anm.: auch für die etika.com-Leser) gelten: Empor ins Reich der Edelmenschen!

Schon weicht das Tiefland hinter mir;
mein Lebenspfad beginnt zu steigen.
Nun gilt mein ganzes Sehnen Dir,
da endlich alle Zweifel schweigen.

Es ist, als ob am Horizont
ich Bergesspitzen leuchten sähe.
So reinigt, läutert, wärmt und sonnt
die Seele sich in Himmelsnähe.

Hinauf, hinauf! Ich raste nicht;
ich will und will nicht unten bleiben.

Mein frömmstes, innigstes Gedicht,
will ich im Glühn der Alpen schreiben.

(Anmerkung: Merkwürdig die wichtigen Bezüge in jüngster Zeit zum gottgesegneten Südtirol!)

Dann werde ich es heimlich, still

in einem Kirchlein niederlegen;

vielleicht gereicht´s, so Gott es will,

dem, der es finden wird, zum Segen!

Wie ich mir dieses Empor für die Menschheit im allgemeinen denke, sage ich im "Silbernen Löwen".

Das Menschheitsleben vollzog sich bisher nur unten in Ardistan. Ardistans Geschichte ist mit Blut geschrieben. Glauben wir ja nicht, daß die Sehnsucht nach Dschinnistan erst von heute ist! O nein! Allen Völkern wohnte sie inne, wir finden sie bei den Heiden, in der Religion der Inder, der Chinesen, der Inkas, alle, alle zeugen von der großen Sehnsucht nach Edelmenschlichkeit. Die Gesetze Hammurabis! Wie das heutige "Heidentum" darüber denkt, lasse ich von einem malaiischen Priester sagen in "Friede auf Erden".

Und Israel, das Volk Gottes! Was haben wir von ihm überkommen und geerbt! Nie können wir genug dankbar sein! Was ist sein Gott für den Poeten! Welche Regeln der Menschlichkeit! Ich habe als Knabe die Weissagungen gesungen: Jesaias 9. Und es genügt mir hier das eine Wort aus dem 60. Kapitel, Vers 1:

Mache dich auf, werde Licht!

Und der Islam! Ich lasse ihn in meinem "Babel und Bibel" zu Worte kommen.

Und nun das Christentum!

(Anmerkung: Dem Bekenntnis zu Gott läßt Karl May Zitate aus dem Werk der Friedensaktivistin Bertha von Suttner "Der Menschheit Hochgedanken" folgen. Der frei gesprochene Teil des Vortrags ist von dem Journalisten Fritz Barthel rekonstruiert. Daraus entscheidende Absätze, ebenfalls in Kurzform und an ganz wenigen Stellen wegen des Satzbaus leicht verändert:)

Heute wollen wir den eisernen Entschluß fassen, alles zu tun, was dem Frieden dient, und alles zu lassen, was zum Kriege führt! Es ist höchste Zeit! Schon lauert der Krieg wie ein hungriger Tiger vor den Toren Europas! Morgen schon kann er bei uns einbrechen und uns vernichten! Und das zu ändern, das liegt nur bei uns selber, bei uns ganz allein!

(Anmerkung etika.com: Die prophetische Warnung Karl Mays wurde nicht ernst genommen. So kam der Erste Weltkrieg; dieser löste mit seinem ungerechten Versailler Vertrag den Zweiten Weltkrieg aus; und das dadurch hervorgerufene Unrecht wird den Dritten Weltkrieg ermöglichen, wenn Vernunft und Wahrheit nicht bald zum Durchbruch kommen.)

Fünfzehnhundert Millionen bevölkern die Erde. Fast alle sind einfache Leute, Wochenlöhner, geduldige Gehaltsempfänger, Menschen wie wir alle hier im Saal. Menschen, die nichts heißer wünschen, als in Ruhe für sich und ihre Lieben schaffen zu dürfen. Ja, alle diese fünfzehnhundert Millionen Mitmenschen hassen den Krieg. Meint ihr nicht?

Und da sollte es uns fünfzehnhundert Millionen nicht gelingen, eine Handvoll Wahnwitzige daran zu hindern, die Welt in Brand zu stecken? Liegt also nicht die Schuld bei uns selber?

Drei Teufel sind es, drei Dämonen, die uns immer wieder hinabstoßen auf den Weg, der zum Kriege führt: das sind der Hochmut, die Habgier und die Unduldsamkeit. Besiegen wir diese drei in unserem eigenen Herzen, dann erst dürfen wir hoffen, daß wir sie auch draußen in der Welt besiegen!

Es ist aber nicht so einfach, diese Dämonen in uns selber zu erkennen. Denn sie kommen seit altersher immer mit edlen Masken. Oder wißt ihr hier im Saal von irgendeinem Kriege, der mit der Parole der Gehässigkeit oder Gemeinheit begonnen hätte? O nein! Der Krieg beginnt immer mit großen und guten Redensarten, ja, seine liebste Art ist es, ein großes Geschrei für den Frieden zu erheben! Dann klingt es in allen Reden und schreit es in allen Zeitungen vom Frieden, Frieden und wieder Frieden!! - Es ist das Lächerlichste und das Gemeinste, daß die meisten Kriege entfesselt wurden, angeblich um den Frieden herbeizuzaubern! Oder um ihn zu erhalten und zu stärken! Ist es nicht der gräßlichste Betrug: die Hölle zu entfesseln, um der Menschheit den Himmel zu schenken?

Oder der Krieg kommt mit dem Appell an euren Gerechtigkeitssinn, an euer christliches Empfinden, an eure gute Seele. An euren Mut und eure Opferbereitschaft. Viele, viele Masken trägt er, und es ist schwer, hinter diesen edlen Masken die Teufelsfratze zu erkennen.

"Die heiligsten Güter sind in Gefahr", so ruft er durch die Lande, und selbst die klügsten und besten Menschen greifen dann, betört von dem eigenen Überschwall, blindlings zur Waffe, um andere, ebenso betörte Mitmenschen niederzustechen und niederzuschießen!

Dann sitzen die Greise, die Frauen, die Bräute, die Kinder zitternd daheim und warten auf - ja, worauf? - es ist ja so lächerlich - auf ein gerechtes Gottesurteil!

Hört mich an. Wir alle hier glauben doch, daß wir Geschöpfe sind mit einem gesunden Verstand. Und dieser gesunde Verstand ist uns doch von Gott geschenkt, um ihn auch recht zu gebrauchen.

Nein, meine Freunde, wir dürfen nicht die Hände in den Schoß legen und uns damit einschläfern, daß letzten Endes ein Gottesurteil zum Besten führe - das Gottesurteil ist in uns selber! In unserer eigenen Brust! Gott verlangt von uns, daß wir selber das Edelste und Beste, das Recht und die Tugend schützen, indem wir den Weg suchen, uns selber und unsere Mitmenschheit zu veredeln.

Empor ins Reich der Edelmenschen! Das ist der einzige Weg in die Zukunft einer besseren Welt!

Wir müssen zu allererst danach trachten, selber Edelmenschen zu werden und die andern Mitmenschen durch unser Beispiel auch dazu zu erziehen. Werdet echte, wahre Christen, und ihr seid schon auf dem Wege, der uns in eine Welt des Ewigen Friedens führt!

Wir sind durch die Hölle des Klassenhasses gegangen, des Rassenhasses und des Religionshasses! Überall Haß, Haß und Haß! Der Große gegen den Kleinen. Der Kleine gegen den Großen. Der Christ gegen den Mohammedaner, der Mohammedaner gegen den Christen. Der Weiße gegen den Gelben, den Schwarzen, den Roten. Ein Gebirge von Leid. Ein Ozean voll Tränen. Und dann wundern wir uns, daß immer wieder Krieg ist in der Welt?

Besiegen wir den Haß in uns selber - und das können wir! - dann ist der Weg frei zum Ewigen Frieden. Aber solange ihr das nicht könnt, ja, solange ihr das nicht könnt, solange seid ihr nichts anderes als Heuchler! Glaubt mir: wären die Menschen seit dem schwarzen Tag von Golgatha wirklich echte Jünger des Heilandes gewesen, so gäbe es schon seit zweitausend Jahren keinen Krieg mehr!

Nun wißt ihr, warum Winnetou im Sterben sagt: "Winnetou ist ein Christ!"

Warum Hadschi Halef sich bekehrte von der brutalen Nilpferdpeitsche zur Liebeslehre Isa Ben Mariams!

Versteht mich aber auch nicht falsch, meine Freunde!

Wenn der Frieden göttlich ist, so ist der Krieg vom Teufel! Ich beschwöre euch: denkt darüber nach und erkennt es.

Gewiß, es gibt in unseren Geschichtsbüchern unsterbliche Männer und edle Frauen, die im Kriege unvergeßliche Heldentaten verrichteten und das Leben unbedenklich für ihre Brüder und ihre Kinder in die Schanze schlugen - aber welche Heldentaten waren größer als die für den Frieden!

Glaubt mir: Mit dem ersten Schuß schon ist der Satanismus der Unterwelt entfesselt und ersäuft alles Gute in einem Strom von Unrat und Blut!

Ich weiß so gut wie Sie: Kampf muß sein, denn leben heißt kämpfen!

Das Edle muß über das Böse siegen, der Bessere über den Schlechteren, auf daß sich die gesamte Menschheit emporentwickle in das Reich der Edelmenschen! Güte ist größer als alle Gewalt!

Güte ist größer als Gewalt! Milde mächtiger als Mord!

Sie wissen es aus meinen Büchern: Nie ist Old Shatterhand, ist Kara Ben Nemsi einem Kampf ausgewichen, wenn es galt, dem Guten zu dienen, Bedrängten zu helfen oder das Böse niederzuzwingen! Nie!

Heimtücke und Niedertracht, die Waffen der Unterwelt, sie lauern überall an unseren Wegen! Wir müssen bereit sein mit Herzen und Händen, Tag und Nacht, zu jeder Stunde."

Auch ich habe einmal geglaubt, daß eine gerechte Sache im Kriege siegen müsse. Seitdem ich weiß, daß der Krieg das Handwerkszeug des Teufels ist, seitdem weiß ich auch, daß Gott andere Wege geht als die des Krieges.

Der Mensch ist seine eigene Geißel!

Es ist eine gemeine Lüge, Freunde, wenn man euch einredet, es könne nie einen ewigen Frieden geben in der Welt! Glaubt dieser Lüge nicht! Alles, was von Menschenhand stammt, das kann auch von Menschenhand wieder bereinigt werden! Und der Krieg mit allen seinen Greueln, er ist nichts als Menschenwerk! - Nein, ihr Männer und Frauen, es gibt kein Gottesgesetz und es hat nie eines gegeben, das euch zwingt, eure Väter, Männer oder Brüder zu Krüppeln zu machen oder sie in den Tod zu schicken!

Draußen am Eingang zum Sophiensaal - habt ihr sie nicht gesehen? Die beiden Bettler? Sie hocken auf schneenassen Steinen. Der eine hat keine Füße mehr und der andere keine Augen... Kriegsopfer. Fragt sie doch, ob auch sie meinen, der liebe Gott habe es in seiner Weisheit und Güte so gewollt!

Sind das nicht fleischgewordene Gottesworte gegen den Wahnsinn Krieg?

Aber die Menschen gehen stumpf an den Mahnungen Gottes vorüber. Sie legen die Hände in den Schoß und warten, warten ...worauf?

Es gab Zeiten, da glaubten die Menschen allen Ernstes, es sei gottgewollt, daß es Freie und Sklaven gäbe. Es gab Sklavenhalter, die in der Woche die Sklaven mit Bluthunden hetzten und die am Sonntag mit der Bibel in der Hand zur Kirche gingen. Sklaverei? Ach, das war doch gottgewollt! - Aber da traten edle und tapfere Menschen auf. Ein ganzes Volk empörte sich über die Sklaverei (Anmerkung: Wer empört sich heute über die Sklaverei des Kindesmißbrauchs und der Prostitution?) - und heute weiß jedes Kind, daß Sklaverei ein Verbrechen ist und kein Gottesgesetz!

Ich frage: wer hat die Sklaverei beseitigt? Wer hat die Pest und die Cholera besiegt? - Und ich antworte: der menschliche Wille! Wir! Ihr! Du und ich! Der Mensch, der Gottes Ebenbild sein soll!

Wer Menschenblut vergießt, des Blut soll wieder vergossen werden! - Ist das nicht auch eine göttliche Stimme, die euch sagt, daß Krieg Mord ist? Und nun fragt ihr: Was können wir denn gegen den Krieg tun?

Ich will es euch sagen, Freunde:

Wir müssen die Güte, die Klugheit organisieren!

Ohne unser eigenes Zutun wird der Krieg nicht kapitulieren. Nie wird dem Menschen etwas geschenkt, was er sich selber erzwingen kann!

Christus, der große Friedensfürst, sagte:

"Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden, und Ich wollte, es brennte schon!"

Welches Feuer meinte er denn?

Er meinte das heilige Feuer gegen alles Schlechte, Böse, Gemeine!

Und ist Krieg nicht das Schlechteste, das Böseste, das Gemeinste...?

(Anmerkung: Die Greueltaten der Kriege, die Karl May 1912 bekannt waren, werden in der jetzigen Endzeit noch um ein Vielfaches übertroffen von dem satanischen Krieg, der gegen die Kinder und Familien geführt wird durch milliardenfache Verführung zum Bösen, sexuellen Mißbrauch und Tötung der Seelen!)

Wie wir den Kampf gegen das Schlechte, das Böse, das Gemeine führen können, wollt ihr wissen? Lest ihr denn meine Bücher nicht? Zeige ich es nicht in jedem Kapitel?

Weshalb wird denn Old Shatterhand von allen geliebt und geachtet? Weil er nur in allerletzter Notwehr Messer und Kugel gebraucht, sonst aber nur die Güte, die Verzeihung, die Klugheit - oder wenn das nicht ausreicht, die List - und erst dann, wenn auch diese nicht zum Ziele führt, die schmetternde Faust.

Aber diese Faust tötet nicht, sie schont das Leben. Auch der Feind ist ein Gottesgeschöpf. Und aus manchem Feind Old Shatterhands wurde dadurch ein Freund, ja sogar ein Bruder. Denkt an Winnetou!

Brüder! Laßt uns heute etwas wollen, in unserem tiefsten Innern wollen! Wir wollen nicht mehr ablassen im Kampfe gegen den Krieg. (Anmerkung: unsere Aufgabe ist vor allem der Kampf gegen den Krieg, den die Unterwelt zum Verderben der Seelen führt).

Wir wollen jeden Tag an unsere Aufgabe denken: Kampf dem Massenmord! (Anmerkung: Massenmord der Seelen) Tag für Tag wollen wir unverdrossen suchen, wie wir unser Ziel erreichen! - Freunde, welch hohes Ziel! Ein Paradies gilt es zu schaffen auf dieser blutenden Erde!

Wir müssen einen ganz neuen Weg gehen - und es ist doch schon zweitausend Jahre her, daß der einfache Zimmermannssohn aus Nazareth ihn der verirrten Welt zeigte:

Wir müssen - Du und ich - bei uns anfangen mit dieser Aufrüstung zur Liebe! - Ja, laßt uns aufrüsten, Freunde, aufrüsten mit all unserer Kraft, mit allem, was wir besitzen und vermögen: aufrüsten in unseren eigenen Herzen! Wollt! - Wollt! - Wollt!

Vergessen wir nicht, Freunde: das schönste Wort der Welt ist Liebe! Und wenn wir uns alle wirklich und wahrhaftig zur Liebe durchgerungen haben, dann hat die letzte Stunde des Hasses geschlagen, und dann sind wir reif für den Ewigen Frieden!

Das walte Gott - Amen!

Sicherlich mit dem Wollen des Redners, seiner Witwe und des Berichterstatters zitiert aus:

"Ich", Karl Mays Leben und Werk, Karl-May-Verlag Bamberg 1975, Empor ins Reich des Edelmenschen! Seite 293 - 312

Fritz Barthel: Letzte Abenteuer um Karl May, Ustad-Verlag Bamberg 1955, S. 164 - 188

Zu den Zuhörern im Wiener Sophiensaal gehörten Karl Kraus, Georg Trakl, Berthold von Viertel, Heinrich Mann, Adolf Hitler. In einer Besprechung des Films „Karl May“ von Hans-Jürgen Syberberg über die letzten zehn Jahre des Schriftstellers heißt es weiter: „Der Traum vom guten deutschen Wesen, an dem die Welt genesen könne, hat nach Syberberg eine seiner Wurzeln bei Karl May und findet seinen perversen Höhepunkt bei Adolf Hitler.“ Der von dem erpresserischen Journalisten Lebius und Prozessen gehetzte Schriftsteller erhielt Zuspruch von Bertha von Suttner, Peter Rosegger und dem Maler George Grosz. (2003)
Die Vorführung des Films im Bozner Filmclub am 13.3.2003 zum Ende einer Plakat-Ausstellung (w. h. m.) wurde von Jürgen Wehnert eingeleitet, Theologe und Germanist, Dozent an der Universität Göttingen, Leiter des Karl May Archivs Göttingen.

Kauft euch alle Karl-May-Bände, natürlich aus dem Karl-May-Verlag!

Anmerkung: Jemand hatte diese Seite manipuliert und oben ein falsches Datum eingetragen.

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