ETIKA 022

Peter Paul Rainer

www.etika.com
10.1.2003

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„Decke Täter nicht“

Brief vom 7.1.2003, erhalten am 9.1. (nicht prioritario!)

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Zur Meldung in der Südtirol Chronik von etika.com (Nachtrag unter 21.2.2001) schrieb uns Mag. Dr. Peter Paul Rainer aus seiner Haftanstalt in der Provinz Udine am 7.1.2003:

„Herzlichen Dank für Ihre Rückmeldung und besonders für die Korrektur des entsprechenden Intemeteintrages. Nachdem ich den beigelegten Ausdruck gelesen habe, erlaube ich mir doch noch eilige Anmerkungen.

 

Ich wurde zu 20 Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt.

 

Zu keinem Zeitpunkt habe ich die italienische Sprache gewählt. In der Verhaftungsnacht führte der Staatsanwalt das Verhör eigenmächtig in italienischer Sprache, ohne mich zu fragen. Leider habe ich dessen bis heute so verhängnisvolle Grobzusammenfassung nicht mehr durchgelesen, sondern einfach unterschrieben. Im unerwähnt gebliebenen Anfangsteil findet sich seither der Absatz, demzufolge ich die Sprache gewählt hätte. Da ich unterschrieben habe, kann ich dagegen nichts sagen. Dennoch stimmt es nicht, wie ich bereits 1997 vor Beginn der Hauptverhandlung am Landesgericht Bozen mittels Leserbrief an die "Dolomiten" erklärte. Ich hätte bei späteren Verfahren die Sprache wechseln können. Das habe ich nicht getan, weil das die  Übersetzung aller Akten erforderlich gemacht hätte. Wer hätte aber bei deren Umfang eine korrekte Übersetzung kontrollieren können. So verzichtete ich in Absprache mit meinen Anwälten darauf.

 

Wie Sie selbst schreiben, handelt es sich bei Ihrer Bewertung um eine "nicht beweisbare Meinung", kurzum um ein Gerücht. Gegen Gerüchte gibt es keine probaten Mittel, mit denen man sich wehren könnte. Dementsprechend kann ich Ihnen nur versichern, wie ich es schon im Frühjahr dieses Jahres in Leserzuschriften an Südtiroler Medien tat, daß ich zu keinem Zeitpunkt irgendeinen Kontakt zu Geheimdiensten unterhalten habe. Ich halte deren Aktivitäten im Verborgenen für grundsätzlich suspekt, gleichgültig für welchen Staat sie handeln. Daß man über mich ein solches Gerücht in die Welt gesetzt hat, hat mich tief getroffen und mich endgültig jeder aktiven Politik entfremdet. Es hat mir auch gezeigt, daß in Südtirol sehr leichtfertig diese Keule eingesetzt wird. Eine späte Ermahnung an mich selbst.

 

Schließlich habe ich mich ja selbst jahrelang genau in jenen Südtiroler Kreisen bewegt, in denen nur zu gerne alle unerklärbaren Vorkommnisse mit vermeintlich omnipräsenten Geheimdiensten erklärt werden. So kann ich auch nichts über deren mögliche Verwicklung in den Mord sagen, sehr wohl aber, daß ich jedenfalls nichts mit ihnen zu schaffen habe. Dementsprechend gibt es auch keine "Leidtragenden" meiner angeblichen Geheimdiensttätigkeit. Frau Hofrat Stadlmayer hat sich von solchen "dummen" (ihre eigenen Worte) Unterstellungen nie beeindrucken lassen. Leider hat jener Journalist, der am meisten über den Fall und mich veröffentlicht hat, diesem böswilligen Gerücht die nötige Publizität verschafft. ...

 

Ebenso falsch ist die Annahme, ich würde den Täter decken. Ich kenne ihn nicht, weshalb ich ihn auch gar nie decken könnte. Dergleichen würde ich auch nie tun. Entsprechend falsch ist auch die Annahme, ich würde erpreßt werden. Dergleichen schlimme Erfahrungen sind mir zum Glück in meinem Leben erspart geblieben.

 

Vielmehr wurde ich in der Verhaftungsnacht genötigt, in der ich aus gesundheitlichen Gründen leider nicht Herr der Lage war. (In gewisser Weise genötigt wurde ich nur noch 1989. Christian Waldner hatte mich als Landesjugendsekretär der SVP designiert, sollte er zum Landesjugendreferent gewählt werden. Ich wurde zu einem Treffen in das Wohnzimmer seines Elternhauses geladen. Dort verlangten einige Funktionäre meine Zusage, daß ich während meiner Amtszeit keine Initiativen gegen die Abtreibung starte. Das Faustpfand war deren Stimmrechte bei der  Landesjugendreferentenwahl, die Christian brauchte. Ich stimmte zu! Ganz habe ich mich zwar nicht an diese "Abmachung" gehalten, sondern in Redebeiträgen für Christian sehr wohl das Thema angesprochen, ebenso im Taschenkalender auf die Bewegung für das Leben und deren Beratungsstelle hingewiesen. Tatsächlich habe ich aber keinen einzigen Vorstoß innerhalb der JG-Gremien unternommen. Das liegt mir heute noch auf dem Magen, wie ich es insgesamt heute für fatal halte, daß ich in die Politik eingestiegen bin.)“

 

(Es folgen private Dinge, die wir auf Wunsch des Verfassers natürlich weglassen.)

 

„Insgesamt muß ich sagen, daß ich kein Vertrauen mehr in die Justiz habe. Dieses Vertrauen wird mir auch ein erhoffter Freispruch bei einem Wiederaufnahmeverfahren nicht zurückgeben können. Zuviel mußte ich in den nun schon vier Haft Jahren und bald sechs Jahren Rechtskampf sehen. Irdische Justiz kann für sich bestenfalls in Anspruch nehmen, ein notwendiges Übel zu sein. ...“

Peter Paul Rainer, Tolmezzo, den 7. Jänner 2003


Wir bitten Gott, in diesem mysteriösen Fall die Wahrheit zu dem Zeitpunkt zu offenbaren, der ihm am günstigsten erscheint. Von Schuldigen und Unschuldigen wollen wir gar nicht reden – vielleicht gibt es gar keine. (9.1.2003)
Vorstehender Satz, unter dem unmittelbaren Eindruck des erhaltenen Briefes geschrieben, mag auf einige Geschichten Chestertons von Pater Brown zutreffen. Vielleicht endet der Fall gar auf diese Weise, vielleicht aber mit einer anderen Überraschung. Es wäre zu simpel, alles den Geheimdiensten in die Schuhe zu schieben. Meist geht es in Morden um elementare Dinge: Leidenschaft und derartiges oder Geld oder Machtgier. In verwickelten Mordfällen wird üblicherweise gelogen, dass sich die Balken biegen. Man denke nur an Agatha Christies „Mord im Orient-Express“. In ihrem Roman „Mord auf dem Golfplatz“ lesen wir gerade die Erkenntnis von Detektiv Hercule Poirot:

„Wir tappen im dunkeln. Hundert widersprechende Einzelheiten verwirren und bedrängen uns – das ist gut. Das ist ausgezeichnet! Aus dem Chaos entsteht Ordnung. Aber wenn du gleich zum Beginn Ordnung findest – eh bien, sei auf der Hut! Dann ist es – wie soll ich sagen – gefehlt! Der große Verbrecher  ist unkompliziert – aber die wenigsten Verbrecher sind groß! Bei den Bemühungen, ihre Spuren zu verwischen, verraten sie sich meistens selbst.“ (Agatha Christie: Mord auf dem Golfplatz – Murder on the Links – Goldmann Verlag München, Rote Krimi, 1984, S. 88)

Irgendwann kommt die Wahrheit auf, und die Belogenen werden Rechenschaft verlangen. Jedenfalls sieht man, dass hinter allem Bösen der Vater der Lüge steckt. (10.1.2003)

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