ETIKA

NACHFOLGE CHRISTI

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9.5.2003

10I408

Sich Christus hingeben

Regensburg 1880. IV, 8, S. 364 - 367

Des ehrwürdigen Thomas von Kempis vier Bücher von der Nachfolge Christi. Aus dem Lateinischen übersetzt von P. Benedikt Niedermayer, Bennediktiner von Weltenburg. Regensburg 1880. IV, 8

Von der Nothwendigkeit, sich vollkommen Christo hinzugeben,
wie sich Christus vollkommen für uns hingegeben hat.

Diese Hingabe ist:

I. unsere heiligste Pflicht und
II. unser größter Nutzen.

Der Herr.

I . Gleichwie ich am Kreuze mit ausgespannten Armen und entblößtem Körper für deine Sünden Gott dem Vater mich selbst freiwillig hingeopfert habe, so dass an mir Nichts übrig blieb, was nicht vollständig in das Opfer der göttlichen Versöhnung übergegangen wäre: so musst auch du täglich bei der heiligen Messe freiwillig und mit der innigsten Andacht dich selbst mit allen deinen Kräften und Neigungen zu einem reinen und heiligen Opfer mir darbringen. -

Was fordere ich denn mehr von dir, als das Bemühen, gänzlich und unbedingt dich mir zu eigen zu geben? –

Alles, was du mir außer dir selbst gibst, achte ich für Nichts; denn nicht deine Gabe suche ich, sondern dich.

(Anmerkung ETIKA : Für aufmerksame Leser hier schon vage vorweg die in unserem Hauptwerk „Christliche Einheit jetzt!“ vorgeschlagene Lösung des unseligen Streites der Konfessionen um den Messopfer-Charakter des Gottesdienstes: Evangelische Christen: Erkennt, dass die Eucharistie-Dankfeier zugleich ein Gottesdienst mit Opfer ist, das heißt wir empfangen beim Abendmahl die Gnade Gottes, opfern uns aber selbst auf im Dienst an Gott, wie hier in der konfessionsübergreifenden Nachfolge Christi ausgeführt wird.)

II . Gleichwie es zu deiner Beseligung nicht genügen würde, wenn ich dir alles Andere, nur mich selbst nicht gäbe; so kann es hinwiederum mir nicht wohlgefallen, wenn du auch alles andere mir gibst, nur dich selbst nicht. –

Opfere dich mir und gib dich gänzlich für Gott hin, und es wird dein Opfer angenehm sein. –

Siehe, ich habe mich vollständig dem Vater für dich aufgeopfert, habe mein Fleisch und Blut vollständig zur Speise hingegeben, auf dass ich so ganz dein wäre und du allzeit ganz mein verbliebest. –

So lange du aber noch an dem eigenen Willen hängst und dich nicht aus freiem Antriebe nach meinem Willen zum Opfer bringst, bleibt dein Opfer ein unvollkommenes und wird die Vereinigung zwischen uns nur eine unvollständige sein. –

Willst du also Geistesfreiheit und Gnade erlangen, so muß allen deinen Werken die freiwillige Aufopferung deiner selbst in die Vaterhand Gottes vorangehen. –

Weil aber so wenige Menschen es verstehen, ganz und gar sich selbst zu verleugnen, darum werden auch so Wenige wahrhaft erleuchtet und innerlich frei. –

Unumstößlich bleibt mein Ausspruch:

„Wer nicht Allem entsagt, kann mein Jünger nicht sein.“

Willst du also mein Jünger sein, so opfere mir dich selbst mit allen deinen Neigungen auf.

Betrachtung.

... Jesus Christus hat nicht nur seinen heiligen Leib geopfert ..., sondern auch seine heilige Seele, alle seine Leiden, seine Neigungen, all´ sein Wollen und seinen Todeskampf, und jene Verlassenheit Gott aufgeopfert, die seinem Herzen den Ruf des tiefsten Seelenschmerzes entriß: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“ (Matth. 27, 47.)

In diesem Zustande vertrat er die ganze, zum Sterben verurtheilte Menschheit, denn in Wahrheit ward der Mensch vom Tode getroffen bis in die geheimsten Tiefen seines Wesens. Dann war „Alles vollbracht“ (Joh. 19, 30.) – die Strafe und die Erlösung.

... So oft daher der Priester zum Altare schreitet, um nach göttlicher Vorschrift das unbeschreibliche Opfer zu erneuern, müssen sie sich aufopfern, wie Jesus Christus sich selbst aufgeopfert hat. Ihr Opfer, mit dem seinigen eng vereint, muß wie das Seine ohne Rückhalt sein; denn auch wir sind an das Kreuz geheftet und mit Jesus Christus und in Jesus Christus leiden wir für uns, für unsere Brüder, für die Lebenden, die Todten (Toten), für die ganze große menschliche Familie.

Dies hat den heiligen Paulus zu jenem merkwürdigen Worte veranlasst:

„Ich freue mich meiner Leiden für euch, und ersetze in meinem Fleische, was an dem Leiden Christi für seinen Lein noch mangelt, der da ist die Kirche.“ (Coloss. I, 24.)

Gewiß nicht, als ob das Leiden des Erlösers nicht übermäßig genügt hätte, um „die Sünde von der Welt hinweg zu nehmen,“ (Joh. I, 29.) und der Gerechtigkeit Gottes genug zu thun, sondern weil ein Jeder von uns es in sich erneuern soll.

·        Da wir aber „Glieder eines einzigen Leibes sind, des Leibes Christi,“ (I. Cor. 12, 27.) so leidet er Alles, was wir leiden, mit uns , so dass unsere Leiden gleichsam ein Theil von seinem eigenen Leiden werden.

O mein Jesus! Ich opfere mich mit dir, ich opfere mich gänzlich und ohne Rückhalt, hier bin ich auf deinem Altare;

“Herr, hier brenne, hier schneide, verschone mich nur in Ewigkeit!“

Vollende das Opfer, zerstöre Alles in mir, was dem verurtheilten Menschen angehört, was dir missfällt.

„Nimm mich ganz mir, gib mich ganz zu eigen dir,“ verzehre im Feuer der Leiden alle meine irdischen Wünsche, diese Neigungen, diesen Willen, diese Sinne, die mich verwirren, diesen Leib der Sünde, dann werde ich die Augen auf dein Kreuz heften und ausrufen:

„Alles ist vollbracht!“ -

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(Nebensächliche Anmerkung ETIKA: Vor dem erweiterten Infinitiv mit zu fügen wir ein Komma ein, um das von der Rechtschreibreform verursachte Durcheinander nicht noch größer werden zu lassen. Die Jungen kennen sich sonst überhaupt nicht mehr aus.)

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