ETIKA D12

HL. BERNADETTE
SOUBIROUS

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8.6.2003

12BS3

Gnade und Martyrium

Biographie von Dom Antoine Marie o.s.b., Abbaye Saint-Joseph de Clairval, F-21150 Flavigny-sur-Ozerain, 2.2.1999

Biographie auf französisch

Am 7. Januar 1844, einem Sonntag, kam in der Mühle von Boly in Lourdes ein kleines Mädchen aus einer sehr armen, aber zutiefst christlichen Familie zur Welt; man nannte es Bernadette. Es war das älteste von neun Kindern. Schon im Alter von sechs Jahren bekam Bernadette Asthmaanfälle, unter denen sie ihr ganzes Leben lang litt.

Herr Soubirous, ihr Vater, arbeitete hart; doch die Armut der Familie wurde so groß, daß sie in einer Einzimmerwohnung, dem sogenannten "Verlies", Zuflucht nehmen mußte. Bernadette führte den Haushalt und kümmerte sich um ihre Geschwister. Alle liebten sich so sehr und beteten so gut, daß die Armut sie nicht am Familienglück hinderte.

Da hört die Erscheinung auf: Bernadette erwacht aus ihrer Ekstase und gibt auf Drängen ihrer Begleiterinnen alles preis, was sie lieber für sich behalten hätte.

Als Frau Soubirous von dem Vorfall hörte, befürchtete sie, ihre Tochter hätte sich getäuscht, und verbot ihr, zum Felsen von Massabielle zurückzukehren.

"Komm und trink aus der Quelle"

Danach wurden gründliche Untersuchungen durchgeführt, und als Ergebnis verkündete der Bischof von Tarbes feierlich: "Wir sind der Ansicht, daß MARIA, die unbefleckte Mutter Gottes, Bernadette Soubirous am 11. Februar 1858 und in den darauffolgenden Tagen insgesamt achtzehnmal wirklich erschienen ist."

Die Grotte von Massabielle, Foto: Rainer Lechner

Bei einer Erscheinung wurde Bernadette von der heiligen Jungfrau eröffnet, daß sie Ordensfrau werden würde. Acht Jahre später, nachdem sie lange wegen der Wahl einer Klostergemeinschaft gezögert hatte, schloß sich die Sehende von Lourdes im Alter von 22 Jahren den Barmherzigen Schwestern der christlichen Unterweisung von Nevers an: "Ich bin hierher gekommen, um mich zu verstecken", sagte sie manchmal.

"Geh fort, es ist zu früh!"

Die Novizenmeisterin des Klosters, Mutter Marie-Thérèse Vauzou, setzte sich zwar eifrig für die Heiligung ihrer Nonnen ein, doch sie hatte ihre eigene Auffassung von deren Vervollkommnung. Sie wollte sie demütig und vertrauensvoll und duldete es nicht, daß ihre Seelen Geheimnisse vor ihr hatten. Bernadette, der die heilige Jungfrau mehrere Geheimnisse anvertraut hatte, die sie niemandem sagen durfte, schien der Vorgesetzten zu verschlossen zu sein. In ihren Augen war die Sehende von Lourdes ein gewöhnliches junges Mädchen, das für das Ordensleben erst geformt werden mußte. Die unerhörte Gunst, die Bernadette empfangen hatte, durfte zwar nicht ignoriert werden, doch sie mußte gegen die Versuchungen der Hochmut gewappnet werden.

Auf dringendes Anraten ihres Beichtvaters hin bat sie darum, ihre Ordensgelübde abzulegen. Bischof Forcade erteilte die notwendige Erlaubnis und begab sich selbst an das Krankenlager der Sterbenden, um ihr das ewige Gelübde abzunehmen. Doch gleich nach der Zeremonie besserte sich der Gesundheitszustand Bernadettes unerwarteterweise. "Es geht mir besser", sagte sie mit einem Anflug von Bedauern. "Der liebe Gott hat mich nicht gewollt; ich bin bis ans Tor gegangen, und Er hat mir gesagt: ,Geh fort, es ist zu früh!´" Sie hat noch weitere zwölf Jahre gelebt.

"Innerlich demütig, äußerlich erniedrigt"

Als eifrige und gewöhnliche Novizin tauchte Schwester Marie-Bernard demütig in der Schar ihrer Gefährtinnen unter. Am Ende des Noviziats teilte Bischof Forcade den jungen Nonnen die Beschäftigungen mit, denen sie sich künftig zu widmen hatten. Jede erhielt eine Aufgabe, für die sie bestimmt war, doch Bernadette fehlte auf der Liste.

"Und Schwester Marie-Bernard?" fragte der Bischof.

"Euer Hochwürden", erwiderte die Oberin, "sie ist zu nichts gut."

"Stimmt das, Schwester Marie-Bernard, daß Sie zu nichts gut sind?"

"Das stimmt", antwortete die Nonne demütig.

"Aber was sollen wir dann mit Ihnen machen, armes Kind?"

"Wenn Sie wollen, Herr Bischof", warf die Oberin ein, "können wir sie aus Barmherzigkeit im Mutterhaus behalten und im Krankenzimmer irgendwie beschäftigen, und sei es auch nur zum Putzen und zum Kräuterteekochen. Da sie ja immer krank ist, wird das genau das Richtige sein für sie."

Der Bischof war einverstanden und beendete die Debatte erbaulich: "Ich gebe Ihnen die Aufgabe zu beten", sagte er zu der kleinen Schwester.

Da Bernadette als "Seherin" so berühmt war, hätte sie auf dieses Vorrecht pochen können, um sich in den Vordergrund zu spielen. Sie hat im Gegenteil ein Beispiel tiefer Demut gegeben, die eine besonders wichtige Lektion für unsere Zeit darstellt. Der Mensch von heute ist in der Tat ängstlich auf eine falsch verstandene Freiheit bedacht; er fordert eine völlige Unabhängigkeit von wem auch immer, selbst von seinem Schöpfer, und verfällt so einer Verherrlichung seiner selbst. ...

In der Tat ist das ganz demütige Leben der heiligen Bernadette ein Leben des Gebets. Es ist aber auch ein von einem großen Mut gekennzeichneten Leben, denn entgegen der landläufigen Meinung ist die Demut nicht die Tugend der Feigen oder Charakterlosen. Sie setzt vielmehr eine ganz seltene Seelenkraft voraus. So fügte einige Jahre nach ihrem Gelübde die heilige Bernadette ihrer Aufgabe zu "beten", die sie als allen anderen Aufgaben überlegen betrachtete, eine weitere Arbeit hinzu, die nicht weniger erhaben und gewinnbringend war. Als sie in einer Ecke des Krankenzimmers im Bett lag, bekam sie Besuch einer Oberin:

"Was machen Sie da, Faulenzerin?"

"Aber, liebe Mutter, ich tue meine Arbeit."

"Und was ist Ihre Arbeit?"

"Krank zu sein."

Diese schmerzliche Situation zog bei einer Novizin folgende Überlegung nach sich: "Welch ein Glück, wenn man nicht Bernadette ist!" Doch Schwester Marie-Bernard erklärte später mit vollkommener Aufrichtigkeit über Mutter Marie-Thérèse: "Ich schulde ihr viel Dankbarkeit für das Gute, das sie meiner Seele getan hat."

Ein Platz im Herzen Gottes

"Mein göttlicher Bräutigam hat mir den Hang zum demütigen und verborgenen Leben geschenkt", schrieb Bernadette, "und Er sagte mir oft, daß mein Herz erst Ruhe finden würde, wenn es Ihm alles geopfert hätte. Und um mich zu einer Entscheidung zu bringen, läßt Er mich oft daran denken, daß ich nach allem, bei meinem Tod, keinen anderen Trost haben werde als JESUS, und zwar den gekreuzigten JESUS. Ihn allein, meinen getreuen Freund, werde ich zwischen meinen eisigen Fingern ins Grab mitnehmen. O welcher Wahnsinn wäre es, wenn ich mich an etwas anderes binden würde als an Ihn."

In dem armen, erschöpften Körper Bernadettes gewann die Tuberkulose an Boden: Am Knie entstand ein Tumor, der anschwoll und sehr schmerzhaft wurde. Sie schrieb in ihr kleines Tagebuch: "Ich kann meine Beine gar nicht mehr gebrauchen; ich muß mich mit der Demütigung abfinden, getragen zu werden." Vom Oktober 1878 an verursachte der Tumor unstillbare Schmerzen. Bernadette fand nur noch in JESUS Kraft, und aus Liebe zu Ihm gelang es ihr, das Leiden sogar zu "lieben":

"Ich bin glücklicher mit Christus auf meinem Bett als eine Königin auf ihrem Thron", schrieb sie einer Nonne, die ihr ein Bild des gekreuzigten Christus gesandt hatte.

Auf diese Weise gab sie folgende Worte des heiligen Paulus wider: Nun freue ich mich der Leiden für euch und will das, was an Christi Drangsalen noch aussteht, ergänzen an meinem Fleisch zum Bestens seines Leibes, das ist die Kirche (Kol 1,24). In Verbundenheit mit dem Mysterium des Leidens Christi wirkte sie tatsächlich an der Erlösung und an der Heiligung der Seelen mit. Dadurch ist Bernadette ein Licht für unsere Zeit, in der die unmäßige Jagd nach Vergnügen oft zur Lebensregel wird.

"Ich bin wie ER"

Schwester Marie-Bernard pflegte ihr rechtes Bein wegen des Tumors auf einen Stuhl neben dem Bett zu legen. Die Knochenfäule, die ähnlich starke Schmerzen verursacht wie Zahnweh, ringt ihr gedämpfte Klagen ab. Es gibt keine Regung der Ungeduld in ihr, man hört immer das gleiche abgehackte, keuchende Stöhnen eines Willens, der heldenhaft kämpft. Sie hält ihr Kruzifix fest: "Ich bin wie Er."

Am 19. März 1879, dem Fest des heiligen Josef, gibt sie auf die Frage: "Um welche Gnade haben Sie ihn gebeten, Schwester Marie-Bernard?" folgende Antwort: "Um die Gnade eines guten Todes!"

Am 28. März empfing sie die Sterbesakramente. Ihr Martyrium zog sich allerdings noch drei Wochen dahin. "Der Himmel, der Himmel!" murmelt sie... "Es soll Heilige geben, die nicht geradewegs dorthin gegangen sind, weil sie ihn nicht genug begehrt haben. Für mich trifft das nicht zu."

"Erinnere dich an das Versprechen der seligsten Jungfrau: Am Ende steht der Himmel", sagt man zu ihr.

"Ja", antwortete sie schwach, "aber das Ende braucht lange, bis es kommt... Ich bin zermalmt wie ein Weizenkorn..."

"Ich habe es eilig, sie wiederzusehen"

In der Nacht vom 14. auf den 15. April versuchte der Teufel, sie zur Verzweiflung zu bringen. Sie rief: "JESUS!" Und dann: "Geh weg, Satan!" Der Geistliche fragte sie: "Willst du dein Leben opfern?"

"Opfern? Das ist kein Opfer, dieses elende Leben zu verlassen, in dem man so viele Schwierigkeiten hat, Gott zu gehören! ... Oh! Die Nachfolge Christi hat recht, wenn sie lehrt, man solle nicht bis zum letzten Augenblick warten, um Gott zu dienen! ... Man ist dann zu so wenig in der Lage!"

Der Vormittag des 16. April ist sehr schmerzhaft. Schwester Marie-Bernard droht zu ersticken. "Ich werde die Unbefleckte Mutter bitten, Ihnen Trost zu spenden", sagt Mutter Eleonore zu ihr.

"Nein, keinen Trost, sondern Kraft und Geduld... Ich habe sie gesehen", fährt sie fort, den Blick auf die Statue der heiligen Jungfrau geheftet, "ich habe sie gesehen! ... Oh! Wie schön sie war und wie eilig ich es habe, sie wiederzusehen!"

Kurz vor drei Uhr nachmittags sagt Schwester Marie-Bernard zweimal: "Heilige MARIA, Mutter Gottes, bitte für mich arme Sünderin... arme Sünderin." Beinahe gleich danach verscheidet sie, das Kruzifix immer noch fest ans Herz gedrückt. Sie ist 35 Jahre alt. Die Mutter Gottes hatte ihr versprochen, sie würde jung sterben. Nun war die Zeit der Belohnung gekommen.

Bernadette Soubirous wurde von Papst Pius XI. am 8. Dezember 1933 heiliggesprochen. Heute noch strömen aus allen Ländern der Welt Menschenmassen zur Grotte von Lourdes: Man sieht dort viel Elend, viele Leute in Gebet und viele Wunder. Was man nicht sieht, was man aber ganz nah spürt, ist die Herrlichkeit des Himmels, jener anderen Welt, in der die heilige Bernadette für immer unendlich glücklich ist und für uns Fürbitte einlegt, während sie uns zu Gott hin lenkt.

Dom Antoine Marie o.s.b.

Abbaye Saint-Joseph de Clairval, F-21150 Flavigny-sur-Ozerain
Fax 3 80 96 25 29

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Wir danken den Brüdern des französischen Klosters Saint Joseph de Clairval aus ganzem Herzen für die Erlaubnis zum Abdruck auch dieser erschütternden Lebensbeschreibung! Möge sie Christen katholischer, evangelischer, orthodoxer und koptischer Konfession zur Erkenntnis führen, daß wir im Leiden alle gleich sind und einen gemeinsamen Gott haben, der uns erlösen und zu sich führen wird. Gott, hilf! AIHS etika.com

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