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ETIKA |
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12GS1 |
Girolamo Savonarolas Kampf für
Gottes Reich |
16.3.2008,
Palmsonntag |
Die erwecklichen
Schriften des Märtyrers Hieronymus Savonarola.
Zur Belebung
christlichen und kirchlichen Sinnes übertragen von Georg Rapp, Pfarrer zu Oberurbach Stuttgart. Verlag von S. G. Liesching. 1839. Einleitung. Seite V – XXIX
Der Übersetzer und Herausgeber war
evangelischer Pfarrer im Remstal in Württemberg.
Mit der Veröffentlichung im Internet leistet ETIKA einen Beitrag zur Ökumene,
zur 3. Reformation
sowie zur Rettung wertvoller Schriften des 19. Jahrhunderts, die dem Papierfraß
verfallen sind.
Mögen die katholischen Christen die evangelischen besser verstehen und
umgekehrt.
Teil I Lorenzo
de Medici – Gekaufte Kanzelredner
Die Wahrheit stehet fest, wie die Sonne und um sie wendet sich die Menschheit, wie sich ihre Erde um die Sonne wendet. Jesus hat sie erhellt, wie der Morgen; er weckte das Frühlingsleben in den Menschenherzen; und nimmer will er untergehen, will am hohen Mittag leuchten und in der tiefen Mitternacht, wie die Johannissonne im hohen Norden. Aber an der innern Kälte der Herzen mußte die Wärme der himmlischen Liebe erlöschen, es wurde Winter und kam die Nacht. Dunkel standen die Mauern der Gottesstadt, der Kirche Jesu. In ihrem Innern hatten sie die finsteren Hallen mit Kerzen erleuchtet, daß sie der Nacht vergäßen, und hatten die Weihrauchwolke erhoben, an ihrem Duft sich zu laben und nimmer zu denken der winterlichen Oede ihrer verblühten Herzen. Im prunkenden Hause der Nacht murmelten sie ihre Gebete und ließen sie die Predigt schallen, aber der Strom des Lebens quoll nicht daraus, er war zu Eis erstarrt in der Winterkälte. Aus der Weihrauchwolke aber trat Einer hervor und sprach: ich bin der Statthalter Gottes auf Erden! Und die Völker beteten ihn an; er irrte ja nicht, auch wenn er log, er war ja der allein Seligmachende, auch wenn er elend machte. Aber das Volk, das in Finsterniß und im Schatten des Todes saß, sollte das große Licht wieder sehen, das den Tag erleuchtet, und die treuen Wächter auf den Zinnen riefen: die Nacht ist vergangen, der Tag ist nahe herbeigekommen, lasset uns ablegen die Werke der Finsterniß und wieder anlegen die Waffen des Lichts. Doch der Statthalter der Finsterniß, der sich den Statthalter Gottes nannte, ließ die Wächter von der Zinne führen, denn sie hatten verkündet, was ihm übel gefiel: er ließ seinen Scheiterhaufen gegen den dämmernden Morgen hinaufflammen und Jene darin sterben. Aber die Zeit war erfüllet, die Flammen der Scheiterhaufen schlugen hinauf zum Angesicht der heiligen Gerechtigkeit und die zündete ein Feuer an, das die Ungerechten nicht löschen sollten. Die selbstsüchtige Menschenkraft kann nur zerstören, die Gotteskraft der Liebe nur schaffen. Darum hat die Reformation gesiegt und wird siegen; aber ihren letzten Sieg hat sich der Herr vorbehalten auf seinen großen Tag.
Jener Wächter einer, die ihr letztes Amen über den Flammen sprachen, war der Mann, der in diesen Blättern zu uns redet, dessen Schriften uns noch den weckenden Ruf verkünden, mit dem er den neuen Gottesmorgen begrüßte und sein Vaterland zum Lichte lud. Wir geben, ehe wir ihn selbst reden lassen, einen Umriß seines Lebens.
Hieronymus (Girolamo; Anmerkung: Betonung auf ro) Savonarola wurde am 21. September 1452 zu Ferrara in einer adeligen Familie geboren, die dort in Ehre und Wohlstand lebte. Seinen Jugendunterricht empfing er in den öffentlichen Lehranstalten seiner Vaterstadt und erweckte schon als Knabe große Hoffnungen. Schon damals hielt ihn Ernst und Trieb nach Wahrheit von der Welt zurück, die bald den Jüngling in ihrem eitlen, ganz der Zeitlichkeit hingegebenen Treiben erschreckte und ihn von den Schriften der Weisen dieser Welt zum Worte Gottes und zu den frommen Büchern heiliger Seelen trieb. So wurde er dem Beruf des Arztes, zu dem ihn der Vater bestimmt hatte, abhold, und die Einsamkeit war es, in der er früh sich selbst überwinden und die wilden Wellen einer von Natur heftigen Gemüthsart von der Gnade zur freundlichen Sanftmuth lenken ließ. Er wurde seines Herrn nicht froh im väterlichen Hause, in das die Welt mit ihren Lockungen einzukehren pflegte; darum floh der drei und zwanzigjährige Jüngling und suchte in der Stille des Klosters Rettung und Frieden.
Am 25. April 1475 wurde er im Kloster des h. Dominikus zu Bologna als Novize aufgenommen. Aber anders führte ihn der Herr, als er erwartet hatte; er war keine der Blumen, die ihre Blätter unter der Knospenhülle verbergen und welken lassen, ehe sie aufgehen und Früchte bringen; nicht fruchtlos sollte sich dies reiche Herz voll Liebe in sich selbst verschließen, es wurde in die Welt geführt, wie ein Lamm unter reißende Wölfe. Sein Orden verwendete ihn, gegen seine Neigung, zu Vorträgen über die Philosophie, die er nach siebenjähriger Vorbereitung mit dem Predigtamte vertauschte.
In Luthers Geburtsjahr, im Jahre 1483 hielt er in Florenz seine erste Predigt und kam hierauf, da ihn sein Orden in verschiedenen Klöstern verwendete, nach Brescia, wo er die Offenbarung Johannis erklärte. Die stille Trauer über seine Zeit mußte jetzt zur lauten, warnenden Klage werden, denn er hatte das Predigtamt vom Herrn und nicht, wie die Prediger seiner Zeit, von der Welt übernommen; und so begann er bald gegen die Verderbniß der Kirche mit warnendem Wort und mit der Verheißung göttlicher Strafgerichte aufzutreten.
Der Ruf seiner Gelehrsamkeit und Frömmigkeit bewog den Lorenzo von Medicis, ihn im Jahre 1489 in’s Kloster St. Markus nach Florenz zu berufen, um dort theologische Vorlesungen durch ihn halten zu lassen und auf einen berühmten Namen mehr eitel werden zu können. Schon im nächstfolgenden Jahre wurde er zum Prior seines Klosters ernannt. Aber Lorenzo fand in ihm nicht, was er suchte. Lorenzo herrschte mit gleißendem Ruhm, doch widerrechtlich über seine Vaterstadt, in der sein Stamm aus reichen Kaufleuten durch Gold und Ränke herrschend geworden war. Der Vaterstadt Güter hatte er durch kaufmännische Künste an sich gebracht und mit dem ungerechten Mammon spielte er eine eitle Freigebigkeit.
Sein Leben widmete er anscheinend dem Wohle des Volkes, den Künsten und Wissenschaften, aber die Menschen durch Gerechtigkeit und Glauben zur Tugend zu erziehen blieb ihm ferne. Ein sinnlicher, selbstsüchtiger Mann, suchte er seine Macht nur zu Vergnügen und Ruhm zu nützen und wurde so die leitende Ursache der großen Sittenverderbniß seines Vaterlandes. Seine Gelehrten und Künstler umwoben das innere Verderben mit buntem, glänzendem Scheine, und hatten ihm gegen den sittlichen Ernst des Christenthums eine Gegnerin aus Griechenland gebracht, die Kunst und Wissenschaft des heidnischen Alterthums. Die christlichen Bräuche blieben, aber die Sitten wurden heidnisch; der sinnliche Reiz und der selbstgerechte Stolz der Heiden sollten die Sehnsucht nach der Gnade des Herrn auslöschen. Statt der Worte der Schrift schallten nun die klingenden Verse der Dichter und die zusammengeklügelte Weisheit der Philosophen Griechenlands und Roms von den Kanzeln. Denn auch die Kirche sollte dem feinen Weltmann und den Genossen seiner Lüste schmeicheln, und zum Lohn dafür an ihrem bösen, zügellosen Treiben theilnehmen.
Einen solchen geschmeidigen, aus der Bahn gleitenden Hofgelehrten und Leibtheologen hoffte Lorenzo in Savonarola auch zu finden, und nur dazu konnte er ihn berufen haben. Aber ihn hatte der Herr in seinen verwüsteten Weinberg berufen, daß er seine Mauern wieder aufrichte und die verwilderten und zertretenen Reben ordne. Er mußte Gott mehr gehorchen, als den Menschen, und legte seine rüstige Hand an’s Werk.
Die Erklärung der Offenbarung, die er auch in Florenz bald nach seiner Ankunft unternahm, veranlaßte ihn zu rücksichtloser Rüge alles Dessen, was gegen den Herrn war, und bald riß das Feuer und die innere Ueberzeugung seiner Rede die Herzen hin; mit lautem Weinen hörte ihn das Volk, selbst die feinen Leute erfüllte sein Wort mit Schauder und rührte sie zu Thränen.
Lorenzo legte sein Gold gegen die Sache Gottes in die Waage und suchte den strengen Sittenprediger durch Geschenke geschmeidig zu machen: doch vergebens. Hierauf ließ er ihn gnädig warnen, sein Volk nicht mehr länger mit seinen aufregenden Vorträgen zu beunruhigen und als ihm der Prediger diese Zumuthung mit der Mahnung zur Buße und Besserung erwiederte, führte er seine erkauften Kanzelredner gegen ihn zu Felde.
Der berühmteste von ihnen war der Augustiner Mariano von Ghenezzano, der mit seinen süßen Redensarten, weinenden Augen und nassen Wangen das Volk zu rühren suchte und sich von Lorenzo gern befehlen ließ, gegen den Eiferer zu predigen, den er für seinen Nebenbuhler um den eitlen Weltruhm hielt. Die Folge war, daß Mariano’s bessere Anhänger zu Savonarola übertraten, der Jenem die Antwort nicht schuldig geblieben war. Mariano verbarg seinen Grimm hinter anscheinende Versöhnlichkeit, wußte ihn aber später beim Pabste anzubringen und ihm anzuliegen, Savonarola als ein Ungeheuer zu vertilgen.
Dieser erlebte die Früchte seiner Treue: es war nicht der Reiz der Neuheit, sondern der Wahrheit, der dieß sinnliche Volk mit immer größerer Aufmerksamkeit an ihn zog und ihm das Herz für Gottes Frieden aufschloß. Selbst Lorenzo, so sehr er, nach Weltmanns Weise, den Eifer des Predigers für Faselei hielt, bekannte dennoch, er habe außer diesem noch nie einen wahren Mönch gesehen. Doch blieben Beide einander ferne und erst auf seinem Todtenbette ließ ihn Lorenzo zu sich rufen. Savonarola ermahnte ihn, alles unrechtmäßig Erworbene zu erstatten und dem Volke die entzogenen Rechte wieder zu geben.
Lorenzo’s unfähiger Sohn, Pietro, aber suchte sich, nach des Vaters Tode, in der unrechtmäßigen Herrschaft zu behaupten, und jetzt schritt Savonarola, der Zeuge der Wahrheit, weiter und wurde der Befreier und Reformator seiner neuen Vaterstadt. Nun begann er, es war im Jahre 1492, zu weissagen. In einer Predigt berief er sich auf ein Nachtgesicht, das ihm eine Hans aus den Wolken, mit einem Schwert, gezeigt, auf dem geschrieben stand:
„Gottes Schwert über den Erdkreis, bald und
schnell!“
„O Italien,“ sprach er dazu, „um deiner Sünde willen kommt die Trübsal; Florenz, um deiner Frevel willen kommt die Züchtigung; o Geistlichkeit, um deinetwillen kommt der Sturm! Ueber die Alpen wird Einer daherziehen gen Italien und der Hand des Herrn wird keine Klugheit noch Gewalt widerstehen. Und der da kommt, wird wie Cyrus, der Wahrheit das Volk freigeben und die Tyrannei stürzen.“ –
Dieß, und manches von ihm Verheißene, traf theilweise ein, denn er verstand seine Zeit im Lichte des göttlichen Geistes und der Schrift, wie sie von seinen Zeitgenossen nicht verstanden wurde. Deine Sünde, rief er über Italien, weissagen wider dich; nicht ich, sondern Himmel und Erde. Wenn er zugleich vorhersagte, die Kirche werde sich in Bälde erneuern, so sah er an seinem Werke selbst den Anfang dieser Erneuung, er kannte das Erwachen so vieler geistigen Kräfte seiner Zeit und die Sehnsucht, welche die Bessern seit einem Jahrhundert in sich trugen.
Das Pabstthum war durch Alexander den Sechsten, der Liederlichsten der Sterblichen, jetzt auf der Stufe des Verderbens angekommen. Da hoffte Savonarola, was er so sehnlich wünschte; und was er hoffte, durfte er in Bälde erwarten. Denn alle Umstände deuteten darauf hin. Allen großen Erscheinungen aber gehen Gottes läuternde Gerichte und große Wehen voran und so ahnte er, sein Italien müsse durch Gottes strafende Hand zuvor geläutert werden. Die Beiden sind es ja allein noch, die ein versunkenes Geschlecht aus seiner Lauheit reißen können.
Jene specielle, zum Theil erfüllte Weissagung aber auf den strafenden Helden von den Alpen her ruhte auf natürlichem Grunde. Die Könige von Frankreich machten, als Erben Karls von Anjou, Ansprüche auf das von aragonischen Königen beherrschte Königreich Neapel und der arglistige Herzog von Mailand, Ludoviko Sforza, war es, der Frankreichs König, Karl VIII., zum Kriegszug gegen Neapel mit dem Wege durch Italien, veranlaßte. Diesen König meinte Savonarola. Karl rückte in Italien und in Florenz ein, und Pietro, der sich gegen den König erklärt hatte, verlor die kaum angetretene, zügellos mißbrauchte Herrschaft und mußte fliehen, ohne daß sich Karl, der Neapel so schnell gewann, als verlor, um Besserung und Befreiung der Kirche bekümmert hätte, wie dringend ihm auch Savonarola seinen Zug durch Italien als eine heilige Sendung zu erklären suchte.
Sowohl bei Pietro’s Vertreibung als bei dem wiederholten Besuche des französischen Heeres gelang es den Bemühungen Savonarola’s, Blutvergießen und Greuel (Anm.: ein paar Jahrzehnte später Gräuel, dann um die Jahrhundertwende Greuel und hundert Jahre später wieder Gräuel; jeder schreibe, wie er will!) zu verhüten. Er hauchte nun auch der wieder einzuführenden, alten, freien Stadtverfassung das Leben ein; aber nachdem sie, im Bunde mit Frankreich, wieder hergestellt war, zog er sich von allen Staatsangelegenheiten zurück. Er wollte nicht herrschen und befehlen, er hatte ja nichts als sein mahnendes Wort, seinen Geist voll Glaubens, sein Herz voll Menschenliebe, mit dem er selbst seinen und seines Volkes Feinden, den Anhängern des Hauses Medicis, Verzeihung und sicheren Aufenthalt in Florenz ausmittelte.
Teil II: Radikale Reformen in Staat, Kirche, Orden
Nachdem er seinem Volke verkündet, was ihm Noth thue, und es aus den Händen seiner Verführer befreit hatte, begann er das Werk der Reformation der Kirche und der Sitten.
Muth und Kraft schöpfte er aus der Quelle, aus der sie alle ächten Reformatoren schöpfen, aus der Heiligen Schrift, die in den letzten acht Jahren seines Lebens das einzige Buch war, in dem er las, und aus der Rechtfertigung durch den Glauben. Die Schrift gab ihm die Bürgschaft für die Wahrheit seiner Sendung, und der Glaube, durch Gnade gerecht und aufgenommen zu seyn, gewährte ihm die überquellende Freude, die er seiner Zeit mittheilen wollte. Wenn er lehrt, daß die guten Werke die Gnade Gottes in uns mehren, so schreibt er auch diese Werke dem zu, von dem Beides kommt, Wollen und Vollbringen und erweist uns, wie wir die Gnade in uns nur durch lebendigen Glauben lebendig machen: wie wir aber immer mehr Gnade empfangen, je mehr wir Gutes thun, weil ja unser Gutes nur ein Empfangen der in und durch uns wirkenden Gnade ist. Ihm hat der Mensch kein Verdienst, als das Verdienst der Hand, die sich vom Geiste regieren und brauchen läßt. Nach seiner Ueberzeugung ist also die Tugend nur da zu finden, wo der Glaube ist, und der Glaube wieder nur da, wo die Tugend ist; denn nur Gott kann die Quelle des Guten sein, und Mangel an Willigkeit zum Guten verscheucht den Glauben und entfernt die Gnade. Alles Gute gibt uns Gott im Sohn; wir werden nur für Tugend empfänglich, wenn wir es für Gottes Liebe werden, die uns am Kreuze zu sich ladet.
Auf diesen Grund baute Savonarola seine Lehre. Er sah, wie seine Zeit weder Tugend noch Glauben hatte, weil sie gegen die Liebe Gottes in Selbstflucht und Sinnlichkeit erstorben war. Sie hatte weder die Aufrichtigkeit, ihren Unglauben zu erkennen, noch die Selbst- und Weltentsagung zur Liebe. Er sah, wie die ganz einseitig, ganz fleischlich aufgefaßte Weisheit und Dichtung der Griechen und Römer seine Zeit vollends in Nebel hüllten. Die Aufgabe, die er sich stellte, war nun, das Volk zur Schrift zurückzuführen und aus ihr für den Heiligen Geist empfänglich zu machen und Glauben und Leben zu bauen.
Mit diesem Glauben mußte er eine Erneuerung der Kirche erwarten. Ob er daher gleich, in seiner ganz praktischen Richtung, dem Kirchenglauben treu blieb, ob er sich gleich von seiner Kirche, die er noch nicht unverbesserlich fand, nicht lossagte, so arbeitete er doch im Stillen, durch Briefe an den Kaiser Maximilian, an die Könige von Spanien, England und Frankreich und andere Große, auf die Zusammenberufung einer allgemeinen Kirchenversammlung hin, welche die Kirche von ihrem Aussatz reinigen sollte.
Den Pabst und seinen Klerus schilderte er, in der Erklärung des achtzigsten Psalms, wie sie damals waren. Warum, sprach er mit dem Psalmisten, hast du den Zaun meines Weinberges zerbrochen, daß jeder Wanderer ihn bepflückt und das wilde Schwein ihn durchwühlt? Und er erklärte:
„das Gehege, das die Unwürdigen abhielt, ist eingerissen, und diese Unwürdigen erlangen nun die kirchlichen Aemter und treten die Früchte des Geistes zu Boden. Der Pabst ist das eingedrungene Schwein, der schwelgerische Geistliche, der grausame Priester, der nicht Mensch, sondern Thier zu Gottes Altar tritt, die ganze Nacht in seinem Schmutze, im Kothe sich wälzt, und Morgens die Sakramente zu berühren wagt, der das Wort der Wahrheit nicht hören mag, und sich am Blute freut.“ –
Savonarola starb, seinem Gelübde treu, als Mönch, aber als Mönch im erhabensten Sinne des Wortes, als ein Geist, der sich der Welt bis zum letzten Athemzuge weihte, während er ihr immer entsagte. Fasten und andere, nicht vernunftwidrige Uebungen empfahl er als Dämme gegen den fleischlichen Sinn. –
Die Ceremonien aber wollte er vereinfacht wissen. Ihm selbst konnten sie nur wenig Nutzen mehr schaffen; denn wenn sie den Zweck haben, uns durch das Aeußere ins Innere zu führen, so war ja das Reich Gottes schon in ihm. Statt der sinnlichen Bräuche wandte er sich an die erhabenen Bilder, durch welche Gottes Wort die Geheimnisse der höhern Welt uns näher bringt und die wir die Bildersprache des h. Geistes nennen möchten. In seinem Innern sah er die strahlende Stadt des lebendigen Gottes, das himmlische Königreich mit seinem Siege – und ins Heiligenkleid solche Bilder liebte er seine Worte zu kleiden.
· Darum verwarf er den äußerlichen Prunk, und drang im Gottesdienst auf eine, das Schickliche beachtende, edle Einfalt. Unsere Väter, sprach er, hatten hölzerne Kelche und goldene Priester, wir haben goldene Kelche und hölzerne Priester.
Dem geläuterten Glauben sollte das geläuterte Leben entsprechen. Florenz machte er zur Musterstadt christlicher Sittlichkeit. Mit der Macht seiner Rede und seines heiligen Wandels gewann er die Herzen. Florenz, rief er seiner geliebten Stadt zu, dich ermahne ich vor Allen, von dir aus soll ganz Italien erneuert werden, darum hat Gott dir vor allen Städten die Schrift eröffnen und die kommende Trübsal verkünden lassen. –
Er gewann die weltliche Obrigkeit, wie sie der Geistliche gewinnen soll; er blieb ihr Unterthan und trachtete nie danach, sie zu beherrschen, wie oft sie auch von seinem Geiste beherrscht werden mochte. Bei ihr trug er, mit Erfolg, auf die Entfernung aller schlechten Geistlichen, auf Beschränkung lärmender, wilder Freuden und alles nutzlosen Aufwandes an.
Gesetze zur Bestrafung auffallender Laster und zur Erhaltung christlicher Zucht wurden gegeben (Anmerkung ETIKA: Wir erinnern an den Sittlichkeitserlaß von Andreas Hofer in Tirol) und mit der Abnahme der Laster nahmen Fleiß und Wohlstand zu.
Gottes Geist ergriff die Herzen: entwendetes und trüglich erworbenes Eigenthum wurde freiwillig zurückerstattet; die gerettete Menschenliebe zeigte sich namentlich bei einer Theurung und bei der Gastfreundlichkeit, mit der das von nah und fern zu Savonarola’s Predigten strömende arme Landvolk von den Bürgern beherbergt wurde. Der Eifer für Gottes Wort aus seines Zeugen Munde war so groß, daß vor den Predigtmorgen der Dom schon bald nach Mitternacht, selbst in rauher Jahreszeit, von Andächtigen umlagert wurde, die auf seine Eröffnung harrten und dann ihre Lichter anzündeten und in stillem Gebet auf den Morgen warteten, der ihnen das Brod des Lebens brachte.
· Besonders gewann Savonarola die Jugend; aus ihr entstand ein eigener Bund, der sich die Entfernung aller schlechten Bücher und üppiger Luxusartikel zur Pflicht machte und sie von den Einwohnern auf bescheidenes Bitten größtentheils erhielt, um sie unter dem Absingen von Psalmen öffentlich und festlich zu verbrennen. –
Ins übrige Italien sollte von Florenz aus das Wort und der Geist des Lebens frühe ausgehen. Zu diesem Zweck hatte er sein Kloster reformirt und mehrere lombardische Klöster seines Ordens, namentlich das Dominikanerkloster in Fiesole in einen Bund vereinigt. Die Mitglieder theilten sich in zwei Klassen, in Lehrer und Arbeiter. Jene sollten das Land predigend durchwandern, und diese sollten sie begleiten und mit ihrer Hände Arbeit ernähren. Beide führte er auf die einfachste Lebensweise und die einfachsten Bräuche zurück, und vereinte seinen Bund in evangelischer Bruderliebe. –
Auch im Auslande wirkten seine Schriften und hatte er sich Freunde für seines Gottes Sache erworben, wie er dann namentlich auch mit frommen Deutschen Briefe wechselte.
Teil III Die Feuerprobe
Dies war sein segensreiches Wirken. Aber der Verfolger säumte nicht. Drei Feinde sandte er gegen ihn. Die Knechte der Ueppigkeit und des Lasters verspotteten ihn und waren wüthend gegen seine Lehre und ihre Wirkungen. Folgendes Beispiel mag sie uns zeigen:
In der Nacht auf das Himmelfahrtsfest 1497, an welchem Savonarola im Dom zu predigen hatte, verunreinigten sie diesen mit dem umhergelegten faulenden Aas eines gefallenen Esels und bekleideten mit dessen Haut die Kanzel. Während der Predigt erregten sie einen solchen Aufruhr, daß das Volk floh, und nahten sich nun der Kanzel, um Savonarola zu morden, den aber seine Freunde in ihre Mitte nahmen und in sein Kloster geleiteten, das er fortan nicht mehr ohne bewaffnete Geleite verlassen konnte. –
Die Anhänger des Hauses Medicis sahen in ihm die Hauptursache der Vertreibung Pietro’s und vergalten ihm seine Fürbitten für ihr Leben und ihre Güter mit Plänen zu seinem Verderben. –
Durch sie erfuhr der Pabst Alles, was vorging, und sein Grimm vermehrte sich durch einen aufgefangenen Brief Savonarola’s an den König von Frankreich, in dem des Pabstes freilich nicht geschont worden war. Jedoch im Gefühl seines Unrechts suchte er den Gegner durch den Kardinalshut zu gewinnen, den er ihm unter der Bedingung des Widerrufs und des Aufgebens weiterer Angriffe versprechen ließ.
Savonarola’s Antwort war: ich will keinen andern rothen Hut, als den mit meinem Blut gefärbten des Märtyrerthums.
Nun
hielt Alexander seinen Grimm nicht
mehr zurück; er verbot ihm die Kanzel
und hob die früher genehmigte Verbesserung seiner Klöster wieder auf. Savonarola suchte sich schriftlich vor dem Pabste zu rechtfertigen, prüfte sorgfältig seinen Glauben
und seine Absichten, und als er sie lauter fand, predigte er, von der Stadtobrigkeit beschirmt, muthig
fort; er sah ja, wie seine Predigt
die Guten immer besser und Schlechten immer schlimmer machte.
· Darauf erklärte ihn der Pabst am 12. Mai 1497 als einen Ungehorsamen und Ketzer in den Bann, bedrohte mit gleichem Fluche Alle, die des Gebannten Predigten noch besuchen würden, bedrohte selbst Florenz, wenn sie Savonarola’s Wirksamkeit noch dulde.
· Er betrat die Kanzel nicht mehr, und schnell stürzte das Volk in alle Sittenverderbnis zurück.
Die Obrigkeit befahl ihm daher in der Fastenzeit 1498 wieder im Dom zu predigen, und die Sitten besserten sich wieder. –
Aber eine neue Obrigkeit wurde gewählt; unter ihr saßen die Anhänger der Mediceer und der Schlechten, und so wurde Savonarola nun selbst von der Stadt, die er zum Leben führte, die Kanzel verboten. Der Pabst verlangte sogar seine Auslieferung.
Mit
unerschütterlichem Muthe predigte er, vom Dom und den
Kirchen der Stadt verdrängt und überall
von Feinden umgeben, in seiner Klosterkirche fort, bis ihm auch diese
verschlossen wurde. Am 18. März 1498 trat er zum letztenmale
auf, als der Hammer, wie er sich
nannte, den nun der Herr wegwarf,
nachdem er ihn gebraucht.
Je schwerer sein
Stand hier unten wurde, desto herrlicher, hoffte er, werde seine Krone droben
werden. Er blieb jetzt ruhig und stellte Alles dem Herrn anheim.
Seine Feinde aber hatten ihn zu fürchten, so lange das Volk ihn ehrte. Daher legten sie ihm ein Netz, in dessen Schlingen er dem Volke verhaßt werden und ihnen selbst die Mittel bieten sollte, ihn zu verderben.
Schon zwei Jahre vorher war sein Freund und Ordensbruder Domeniko von Pescia, Prior zu Fiesole, von dem Franziskaner Puglia herausgefordert worden, durch die Feuerprobe die Wahrheit der Lehre und der Verheißungen Savonarola’s zu beweisen. In der Fastenzeit 1498 wiederholte dieser seine Ausforderung. Unter heimlichem Zuthun des Pabstes befahl ihnen nun die Obrigkeit die Feuerprobe, denn ihre Meinung war, möchte nun Domeniko in den Flammen umkommen oder vor der Probe zurücktreten, in beiden Fällen wäre Savonarola’s Achtung vor dem Volke dahin, das jetzt in ihm einen falschen Propheten sehen müsse, dessen Hinrichtung nichts mehr hindern könne.
Savonarola hielt Wunder zur Erweisung seiner Lehre immer für überflüssig, doch nun, durch alle erdenkliche Macht dieser Erde von all seinem Wirken zurückgestoßen, von der Obrigkeit selbst zur Feuerprobe aufgefordert, scheint sein gepreßtes Herz keinen Ausweg mehr gefunden zu haben, als die zögernde Annahme des verfänglichen Antrages.
· Daß er bis zum entscheidenden Augenblicke hoffte, Gott werde, wenn er ja das Zeichen geschehen lasse, es zur Offenbarung der Wahrheit seiner Lehre lenken, ist bei dem feurigen Glauben und der Bedrängniß des Mannes begreiflich, dem Alles, was er im Geiste über die Welt anbrechen sah, so wundervoll von Gott gelenkt erschien.
Als die Probe stattfinden sollte, trat Puglia feige zurück, und ein anderer fanatischer Franziskanerbruder trug sich dazu an, der sich für überzeugt hielt, sowohl er als auch sein Gegner würden in den Flammen sterben, aber eben dadurch müßte Savonarola’s Sache untergehen.
Auf Savonarola’s Seite war der Eifer größer: außer allen Brüdern von St. Markus erboten sich noch viele seiner Anhänger, selbst Frauen und Jungfrauen zur Probe. Demoniko und der Franziskaner sollten sie aber allein bestehen.
Der 7. April wurde zum Tage des Gottesgerichtes anberaumt, das auf dem Hauptplatze der Stadt abgehalten werden sollte. Von allem Volk begleitet, kamen die Ordensbrüder von St. Markus unter frommen Gesängen, in die das Volk allgemein einstimmte, auf dem Platze an, wo sie von den Franziskanern schon erwartet wurden. Alle Räume, selbst die Dächer, waren von Zuschauern besetzt.
Nun sollte Domeniko durch zwei brennende Scheiterhaufen hindurch den Gang machen und mit dem Kruzifix in der Hand schickte er sich getrost dazu an. Das Mitnehmen dieses Zeichens aber wollten die Gegner nicht zugeben, worauf Savonarola die Monstranz vorschlug; aber auch diese gestatteten sie nicht. Unter dem langen Hin- und Wiederreden brach der Abend an und gab der Obrigkeit ein leichteres Mittel, den Gerechten zu verderben; sie befahl, daß sich beide Partheien unverrichteter Dinge entfernen sollten.
Das Volk war um ein Wunder gekommen und Savonarola mußte die Schuld tragen; wie vordem die Bewunderung, so brach jetzt die Wuth über ihn aus, und nur mit Lebensgefahr retteten ihn seine zahlreich versammelten, bewaffneten Freunde in sein Kloster.
Bei
Anbruch der Nacht stürmte der aufgehetzte Pöbel die Klosterkirche, plünderte einige Häuser der angesehensten Anhänger Savonarola’s
und mordete
diese. Selbst den Säugling eines
solchen erdrosselten sie in der Wiege.
Savonarola hatte sich mit den Brüdern in die Bibliothek zurückgezogen, von wo aus er, und nach ihm seine beiden Freunde, Domeniko und Sylvester Maruffi, durch Bewaffnete vor den Rath geführt wurde.
Erschütternd war der Abschied von dem treuen Kreise der Brüder; Savonarola küßte sie alle und ermahnte sie, dem Glauben treu zu bleiben, der Trübsalsweg führe ja zum Himmelreich. So trat er, ein williges Opfer, in seine Leidensbahn.
Teil IV Folter und Scheiterhaufen
Mit auf den Rücken gebundenen Händen, unter Verwünschungen und Mißhandlungen wurde er durch die tobende Menge auf’s Rathaus geschleppt. Ihm und seinen beiden mitgefangenen Freunden wurde nun, nach einer Anfrage bei dem Pabste, der Proceß gemacht.
· Der Pabst gestattete den Florentinern die Untersuchung und die Anwendung der Folter, bat sich aber die Auslieferung der Opfer aus; Florenz dagegen suchte eine Ehre darin, sie selbst hinzurichten.
· Sechs Wochen lang währte die peinliche Untersuchung, während welcher Savonarola mit enger Haft, falschen Protokollen, Hunger und Folterqualen gepeinigt wurde.
· Es war die Leidenswoche des Herrn, in der er des Leidens Christi so viel zu empfangen beginnen sollte.
Mit rückwärts empor gezogenen Armen wurde er in beträchtliche Höhe emporgerissen und dann mit einem Zuge herniedergeschnellt, so daß der Schmerz alle seine Gebeine traf.
Ueber glühende Kohlen hielt man seine Füße und geißelte schmachvoll seinen Leib.
Ihm war bei seinem schwächlichen Körperbau nicht gegeben, die Marter schweigend zu erdulden; aber in seinen Klageruf um die Hinnahme seiner Seele mischte sich das Gebet für seine Peiniger, und was er im Uebermaaß der Qual mit dunklen Worten zu bekennen schien, das widerrief er nach derselben immer wieder.
In der langen, vielfachen Marter wurde sein Gemüth oft so tief gebeugt, daß ihm auf Stunden alles Licht und aller Trost entschwand, aber die Gnade ließ ihn nicht untergehen und hob ihn erbarmend wieder in ihren Frieden.
Der Verlegenheit, eine erweisliche Schuld ihm aufzubürden, wurden die Richter durch den Pabst bald überhoben, denn nach Einsehung der, durch einen erkauften Schreiber verfälschten, Akten verurtheilte er ihn und die beiden Ordensbrüder als Ketzer, Verfolger der Kirche, Störer des Kirchenfriedens und Volksaufwiegler und sandte zwei Commissarien mit dem Urtheil ab. Am 22. Mai wurde es den Duldern eröffnet und ihnen die Vollstreckung auf den folgenden Tag verkündigt; sie sollten gehangen und vor der Abnahme vom Galgen verbrannt werden.
Noch einmal, am Abend vor ihrem Tode, kamen sie nach Savonarola’s Wunsch auf eine Stunde zusammen. Es war ein Wiedersehen in Thränen, als sie mit Ketten an den Füßen und mit den Malen ihrer Martern zusammentraten, aber eine Stunde voll heiligen Muthes, wo der Herr bei denen war, die sich in seinem Namen versammelten.
Savonarola war auch hier nur Liebe und Demuth; dem feurigen Domeniko verwies er den Wunsch, lebendig verbrannt zu werden, da sie den Tod, den Gott für sie wähle, besser ertragen würden, als eine selbstgewählte Todesart, und dem Sylvester, der vorhatte, noch auf dem Richtplatz ihre Unschuld zu betheuern, widerrieth er es, da ja der Herr auch ohne solche Betheuerung gestorben sey.
Am Todesmorgen empfingen sie zusammen noch, nach einem glaubensvollen Gebet Savonarola’s, das Abendmahl. Auf dem Todeswege tröstete er die beiden Brüder und ermahnte sie zu standhaftem Muthe.
Von einem Bischof, einem Schüler Savonarola’s, wurden sie öffentlich ihrer geistlichen Würde und Gewänder entkleidet und aus der Kirchengemeinschaft gestoßen.
Auf das Wort: „so scheide ich dich von der siegenden Kirche,“ rief Savonarola: von der streitenden, nicht von der siegenden, denn das kannst du nicht.
Bis auf’s Hemd entkleidet und barfuß mußten sie die Wiederholung ihres Todesurtheils anhören, und damit ihrer Schmach der Spott nicht fehle, so wurde ihnen schließlich noch ein gnädiger päbstlicher Bescheid verlesen, der ihnen Ablaß und Befreiung vom Fegfeuer zusagte.
Nicht zum erstenmal sprach damals Satan durch seine Kinder die Kinder Gottes von Sünden und Strafen los.
Einem Priester, von dem Savonarola während dieser schmählichen Behandlung befragt wurde, ob er getrost in den Himmel gehe, antwortete er:
sollte ich nicht gerne um dessenwillen sterben, der freiwillig für mich sündigen Menschen starb?
Einem Anderen aber, der ihn damit zu trösten meinte, daß er ihn an das viele Gute mahnte, das er gethan, erwiederte er:
Lob und Ehre von Menschen bedarf ich nicht.
Dem Henker übergeben und an der Todesstätte angekommen, sprach er zu dem ihm beigegebenen Beichtiger, einem Benediktiner:
Betet für mich und saget meinen Freunden, daß sie kein Aergerniß an meinem Tode nehmen, sondern in meiner Lehre und im Frieden Gottes beharren.
Auf einem großen Brettergerüste war ein kreuzförmiger Querbalken verrichtet, an dem die Dulder enden sollten. Auf dem Boden des Gerüstes angekommen, wurden sie von boshaften Buben mit spitzigen Pfählen, durch die Fugen der Bretter hindurch, unter die sich jene versteckt hatten, in die Füße gestochen, damit der Qual bis zum letzten Augenblick kein Ende sey.
Hierauf wurden die beiden Brüder zu beiden Seiten des Pfahls aufgeknüpft; in der Mitte, zwischen ihnen sollte Savonarola sterben.
Getrosten Muthes, mit lauter Stimme das apostolische Glaubensbekenntniß betend, stieg er die Leiter hinan. Oben schlug er noch einmal die Augen auf und schaute auf sein undankbares Volk nieder, das ihm den höhnischen Jubelruf in den Tod schrie:
Jetzt, Bruder, ist es Zeit, Wunder zu thun!
Ein Regen von Steinen flog auf die Leichen zu, unter welchen alsbald die Flammen angezündet wurden; ein heftiger Wind trieb sie zur Seite, so daß sie einige Zeit die Leichen nicht anfaßten, worüber das Volk, als sähe es ein Wunder, mit Entsetzen floh, bis endlich die Flammen zusammenschlugen und die Körper verzehrten.
Noch aus dem Feuer heraus wurde der erhobene, brennende Arm Savonarola’s mit emporgehaltenen Fingern sichtbar, als wollte der Todte das Volk noch segnen, das ihn gemordet hatte. Er starb am Abend vor dem großen Feste der Himmelfahrt des Herrn. Seine und seiner Leidensbrüder Asche wurde in den Arno geworfen.
Wenn ihr um Wohlthat willen leidet und erduldet, das ist Gnade bei Gott. Diese Gnade fand der Gerechte und sehnte sich nach ihr schon lange, denn er wollte treu bleiben und sah in der Zeit keinen andern Lohn seiner Treue, als solch ein Ende.
Seine Freunde haben sein nicht vergessen und das Wort beachtet: gedenket an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben, welcher Ende schauet an und folget ihrem Glauben nach.
Evangelische Christen, könnten wir sein vergessen? Wir wollen mit Wehmuth ihn ehren, den Hingeschiedenen, der sein Leben lang nichts suchte, als seines Gottes Ehre und seiner Brüder Heil, und nichts fand, als Schmach und Verfolgung.
Er hat durch seinen Tod den schmalen Weg der Wahrheit angebahnt, auf den uns die Reformation führte und der Dank soll nicht auslöschen, den er um jedes evangelische Herz verdiente.
Aber eine dreifache Pflicht hat die Nachwelt für solche Vorgänger: sie habe Gefühl für das rein Menschliche dieser großen Zeugen Gottes; sie habe Erkenntniß dessen, was sie wollten und sollten; sie habe die Willigkeit, ihnen nachzueifern.
· Mit dem Gefühl für das rein Menschliche trete der Dichter auf und verherrliche, schaffe neu, die vor Jahrhunderten gewandelt haben, damit ihre Geister wieder durch die Zeit gehen, mit all’ dem Lieben und Großen, das sie geleistet und verkündet haben.
· Mit dem sichtenden Geist betrachte sie der Gelehrte und weise uns nach, was ihr Leben bedeutet hat in der Weltgeschichte, damit es auch uns bedeutend werde.
· Mit dem Geist von oben aber rufe der Christ den theuren Zeugen herab, daß sie von Neuem ihre Worte an die Menschen gelangen lassen und sie zur Nachfolge laden.
Die beiden ersten Pflichten hat unsere Zeit an Savonarola erfüllt: der Dichter Geist hat ihn uns wieder vorgeführt und hat ihm ein edles Lied über seinen heiligen Wandel und sein Dulden gesungen. Gelehrter Scharfsinn brachte an’s Licht, was dieser Mann beleuchtet hat.
Die dritte Pflicht steht noch aus und wir nehmen einen bescheidenen Theil von ihr auf und bringen seine erwecklichen Werke dem Vaterland, das sie in seiner Sprache noch nie vernommen hat.
Bei der Auswahl aus den uns bekannt gewordenen Schriften Savonarola’s richteten wir unser Augenmerk weder auf wissenschaftliche noch auf Streitschriften, sondern nur auf solche, die uns im praktischen Christentum fördern. Die erste, über die Einfalt des Christenwandels, wurde von ihm zwei Jahre vor seinem Tode 1496 niedergeschrieben. In bündigen Gedanken, mit der Gluth eines im Herrn seligen Herzens verbunden, zeigt sie uns, was wir lassen und üben müssen, um zu finden und zu haben, was hier schon selig macht.
Die zweite Schrift weist uns nach, wie Savonarola die Bibel las, was sie ihm war, welche Gebete und Betrachtungen der himmlischen Gnade sie in ihm erweckte.
Die Dichtkunst war ihm von Jugend an lieb, und wer seine hier mitgetheilten geistlichen Lieder liest, wird bedauern, daß sich ihrer nicht mehr fanden.
Von seinen vielen Predigten, von welchen drei Bände vor uns lagen, und die er ohne schriftliche Ausarbeitung ablegte, während seine Freunde sie nachschrieben, wählten wir vier. Sie reichen hin, um uns den treuen Hirtensinn zu zeigen, mit dem er an seiner Gemeinde hing und die holdselige Liebe aufzuschließen, mit der er bei allem männlichen Muthe und aller Geistesschärfe doch so kindlich an seinem Herrn hing. Die beiden ersten zeigen mehr seine praktische, die beiden letzten mehr seine verborgene Richtung.
Zwei kleine Aufsätze, ein betender Gesang und eine Klage der Kirche vermitteln in ihrem wehmütigen Tone den Uebergang zu den Betrachtungen über den 31. und 51. Psalm, die er in seinem Kerker, von Noth und Qual getroffen, in seinen letzten Lebenstagen niederschrieb. Vor der Vollendung der Betrachtungen über den letztern Psalm rief ihn der Tod ab. Das kurze Gebet, mit dem wir die Sammlung schließen, sprach er am Todesmorgen, da er das Abendmahl sich reichte.
Diese drei letzten Schriften wollen uns nicht nur den Verfasser in seinen Leiden und Kämpfen anziehend machen, sie sind der Ruf in einem Kampfe, den wir Alle zu kämpfen haben, wenn wir das Leben im Herrn gewinnen wollen. Hier ringen und dulden, hier zweifeln und siegen wir mit dem Verfasser, so oft uns die Stunden des inneren Gerichts wiederkehren, aus dem nur Demuth und Hoffnung weiter in die Arme der Gnade führen, die verwunden kann und heilen.
Genuß von diesen Schriften können wir nur Dem versprechen, der seine Freude im Siege über sich und die Welt sucht und nur siegen kann, wenn er besiegt wird, weil er Keinen mehr Recht haben läßt, als seinen Erlöser. Einen solchen überwindenden Ueberwundenen aber wird das Licht erquicken, das aus den Gedanken dieses Mannes strömt und die Flamme erwärmen, die aus seinem Herzen weht.
G. R.
Girólamo Savonarola wurde am 21. September 1452 in Ferrara geboren. Er starb am 23. Mai 1498, am heiligen Abend vor Himmelfahrt, auf der Piazza della Signoria in Florenz. Er war 55 Jahre und acht Monate alt. (Perrens)