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ETIKA |
HL. TERESA VON
AVILA |
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12TA238 |
Himmlische
Geheimnisse |
25.3.2008 |
Das
Leben der heiligen Theresia von Jesu und die besonderen ihr von Gott erteilten
Gnaden, auf Geheiß ihrer Beichtväter von ihr selbst beschrieben. Neue deutsche
Ausgabe, nach den autographierten und anderen spanischen Originalen bearbeitet
und vermehrt von Fr. Petrus de Alcántara a S. Maria,
Priester aus dem Orden der unbeschuhten Karmeliten. Mit
Approbation des bischöflichen Ordinariates Regensburg. Pustet Verlag
Regensburg, Rom, New York und Cincinnati. 1903.
Achtunddreißigstes Hauptstück
Von
einigen großen Gnaden, die ihr der Herr sowohl durch Mitteilung himmlischer
Geheimnisse, als auch durch andere hohe Visionen und Offenbarungen, die er ihr
zuteil werden ließ, erwies. Wirkungen, welche diese Gnaden in ihr zurückließen,
und großer Nutzen, den ihre Seele daraus zog.
Als ich eines Abends mich so übel
befand, daß ich vom innerlichen Gebete entschuldigt zu sein glaubte, nahm ich
einen Rosenkranz zur Hand, um mich ohne Einsammlung des Verstandes nur mit
mündlichem Gebete zu beschäftigen. Dabei war ich jedoch, während ich in einem
Oratorium weilte, wenigstens äußerlich gesammelt. Doch wenn der Herr etwas
(anderes) will, bedeuten all diese Maßregeln wenig. Nur ganz kurze Zeit hatte
ich so gebetet, als mich eine Geistesentzückung mit solcher Gewalt überkam, daß
ich nicht widerstehen konnte.
Es schien mir, ich sei in den
Himmel entrückt, und die ersten Personen, die ich da erblickte, waren mein
Vater und meine Mutter. Zugleich schaute ich in so kurzer Zeit, als jemand
ein Ave Maria beten kann, so außerordentliche Dinge,
daß ich ganz außer mir war, denn allzugroß schien mir diese Gnade. Vielleicht
dauerte diese Vision auch länger, als ich gesagt, es macht aber dann nur sehr
wenig aus. Ich fürchtete (darnach), was ich geschaut, möchte eine Täuschung
gewesen sein, obwohl es mir nicht als solche vorkam, und ich wußte nun nicht,
was ich thun sollte, denn ich scheute mich sehr, mit
meinem Beichtvater darüber zu sprechen. Dies kam jedoch, wie ich meine, nicht
aus Demut, sondern, weil ich mir dachte, der Beichtvater werde mich auslachen
und mich fragen, ob ich etwas ein hl. Paulus oder ein hl. Hieronymus sei, daß
ich, wie sie, himmlische Dinge schaue? Aber ebendeshalb, weil diese glorreichen
Heiligen ähnliche Dinge schauten, war meine Furcht um so größer (Anmerkung:
In Ihrer Demut mochte sie gedacht haben, nur für so große Heilige seien so
erhabene Gnaden, sie selbst aber sei des Empfanges derselben nicht fähig und
nicht wert, deshalb fürchtete sie einen Betrug des Teufels um so mehr), und
ich mußte, da ich mir nicht zu helfen wußte, bitterlich weinen. Endlich ging
ich doch, so hart es mich auch ankam, zum Beichtvater; denn wegen meiner großen
Furcht vor Täuschung, wagte ich es nie, etwas zu verschweigen, wenn mir auch
die Mitteilung an den Beichtvater noch so schwer fiel. Dieser aber, als er mich
so betrübt sah, tröstete mich sehr und sagte mir viel Gutes, um mich von meinem
Leiden zu befreien.
Später offenbarte mir der Herr,
wie es auch jetzt manchmal geschieht, noch höhere Geheimnisse. Immer aber sah
ich nur so viel, als der Herr mir zeigen wollte; denn daß eine Seele, (wenn sie
in den Himmel entrückt wird), mehr schaue, als ihr gezeigt wird, ist in keiner
Weise möglich. Was ich indessen schaute, war so erhaben, daß das Geringste
davon hinreichend war, meine Seele in Staunen zu versetzen und sie derartig zu
fördern, daß sie alle Dinge dieses Lebens gering achtete. Könnte ich doch nur
von dem Wenigsten, was ich da erkannt habe, etwas erklären! Wenn ich aber
darüber nachdenke, wie dies sein könnte, finde ich es unmöglich. Nicht einmal
für den Unterschied zwischen dem
Lichte, welches wir auf Erden sehen, und zwischen dem, welches dort, wo alles
lauter Licht ist, dem Schauenden sich darstellt, gibt es eine Vergleichung;
denn selbst die Klarheit der Sonne scheint gegen dasselbe etwas sehr
Widerliches zu sein. Kurz, die schärfste Einbildungskraft kann nicht so weit
gelangen, daß sie sich die Beschaffenheit dieses Lichtes oder etwas anderes von
den Dingen vorstellen könnte, die der Herr mir zu verstehen gab. Dabei ließ er
mich eine unaussprechliche Wonne kosten; denn hier werden alle Sinne in so hohem Grade und mit solcher Lieblichkeit
erquickt, daß man es gar nicht aussprechen kann, weshalb ich auch am besten
davon schweige.
Einmal befand ich mich länger als
eine Stunde in einem solchen Zustande des Schauens. Der Herr schien da gar
nicht mehr von meiner Seite zu weichen und zeigte mir wunderbare Dinge. Dabei sprach er die Worte zu
mir: "Sieh, Tochter, was diejenigen verlieren,
die wider mich sind! Unterlasse es nicht, ihnen dieses zu
sagen."
Ach, mein Herr! wie wenig hilft
mein Wort bei denen, die durch ihre Werke verblendet sind, wenn deine Majestät
sie nicht erleuchtet. Einige, denen du Licht verliehen hast, haben zwar aus der
Kenntnis deiner Herrlichkeiten, zu welcher sie gelangt sind, Nutzen geschöpft;
aber sie sehen auch, o mein Herr, daß dieselben einer so bösen und elenden
Kreatur gezeigt wurden, daß ich es so hoch anschlage, wenn auch nur ein
einziger mir Glauben schenkt. Gepriesen sei dein Name und deine
Barmherzigkeit, daß wenigstens ich dadurch eine augenscheinliche Besserung in
meiner Seele erfahren habe. Seitdem möchte meine Seele immer dort oben sein
und nicht wieder in dieses Leben zurückkehren; denn es blieb ihr eine große
Verachtung aller irdischen Dinge. Diese kommen mir wie Unrat vor, und ich
sehe ein, wie niedrig und gemein es ist, wenn wir unsere Neigungen daran
heften.
Zur Zeit meines Aufenthaltes bei
jener Dame (Anmerkung: Luisa de la Cerda, s. 34. und
35. Hauptstück), von welcher ich gesprochen habe, litt ich an Herzschmerzen,
die früher, wie schon erwähnt, sehr heftig waren, jetzt aber es nicht mehr so sind.
Die Dame, liebevoll wie sie war, ließ mir Schmucksachen von Gold und
Edelsteinen, deren sie sehr kostbare besaß, vorlegen. Darunter war
namentlich ein Geschmeide von Diamanten, das man sehr hoch schätzte. Sie
meinte, das Anschauen dieser Dinge sollte mich aufheitern; allein da ich mich
dessen erinnerte, was der Herr uns aufbewahrt hat, mußte ich bei mir
lächeln, und es war mir leid, zu sehen, wie die Menschen solche Dinge
hochschätzten.
Auch dachte ich, wie unmöglich es
mir wäre, selbst wenn ich wollte, solchen Dingen einen Wert beizulegen, so
lange mir der Herr nicht das Andenken an jene anderen Schätze nehmen würde.
Dies ist eine große Herrschermacht in der Seele, so groß, daß ich nicht weiß,
ob sie wohl jemand zu fassen vermag, der sie nicht selbst besitzt; denn es ist
dies die eigentliche und natürliche, d. i. ohne alle Bemühung unsererseits
erworbene Losschälung, bei der Gott selbst alles thut. Seine Majestät enthüllt dieser Wahrheiten der Art,
daß sie so tief eingeprägt werden, daß man klar erkennt, man habe sich die
Erkenntnis derselben in dieser Weise in so kurzer Zeit unmöglich aus sich
selbst erwerben können.
Die erwähnten Gnaden hatten auch
die Wirkung in mir, daß ich wenig Furcht mehr vor dem Tode hatte, den
ich sonst immer so sehr fürchtete. (Anmerkung etika.com:
Ähnlich ist es gestern einem Wanderer ergangen, der staunend vor der erhabenen
Gletscherwand des Übeltalferners stand, unten eine
weite Ebene von weißem Schnee, der die Strahlen der Sonne zurückwarf, darüber
das Blau des Himmels in seiner Unendlichkeit: Wenn es so herrliche Dinge hier
auf Erden gibt, wie schön muß da erst das Paradies sein!) Jetzt scheint er
mir für diejenigen, welche Gott dienen, etwas ganz Leichtes zu sein, da sich
die Seele in einem Augenblicke aus ihrem Gefängnisse befreit und in Ruhe
versetzt sieht. Denn diese Erhebung des Geistes durch Gott und die Offenbarung
so erhabener Dinge, welche die Seele bei diesen Verzückungen schaut, scheint
mir eine große Ähnlichkeit mit dem Abscheiden der Seele von dem Leibe zu haben;
in einem Augenblick wird sich alsdann die Seele im Besitze aller dieser
Güter sehen. Von den Schmerzen, welche man bei dieser Trennung empfindet,
wollen wir absehen; denn dieselben sind wenig zu achten, und gewiß werden
diejenigen, welche Gott in Wahrheit lieben und den Dingen dieses Lebens entsagt
haben, eines sanfteren Todes sterben, als andere.
Noch einen anderen großen Nutzen
glaube ich aus diesen Gnaden geschöpft zu haben; ich meine die Erkenntnis
unseres wahren Vaterlandes und die Überzeugung, daß wir hienieden nur Pilger
sind. Es ist etwas Großes um die Erkenntnis dessen, was droben ist, und zu
wissen, wo wir in der Zukunft leben werden. Will einer in ein Land reisen, wo
er bleibend sich aufhalten soll, so ist es ihm zur Eintragung der Reisebeschwerden
eine große Erleichterung, wenn er dieses Land kennt und weiß, daß er dort ganz
in seiner Ruhe beten kann. Auch die Betrachtung himmlischer Dinge und das
Streben, daß unser Wandel droben sei, wird durch diese
Gnaden erleichtert; dies aber ist ein großer Gewinn. Denn ein bloßer Blick zum Himmel genügt, die Seele zu sammeln
und sie mit ihren Gedanken an die Dinge zu fesseln, welche der Herr ihr dort
gezeigt hat. Öfter ist es auch der Fall, daß ich durch die Gesellschaft derer
erfreut und getröstet werde, die, wie ich weiß, dort oben leben; sie allein
scheinen mir die wahrhaft Lebenden zu sein, indem mir die hienieden Lebenden so
tot vorkommen, daß ich, besonders wenn ich die schon besprochenen
gewaltigen Antriebe empfinde, meine, die ganze Welt könne mir keine
Gesellschaft leisten. Da erscheint mir alles, was ich mit körperlichen Augen
schaue, wie ein Traum und wie lauter Kinderspiel.
Was ich aber mit den Augen der
Seele geschaut habe, darnach verlangt meine Seele; und daß sie sich noch so
fern davon sieht, ist ihr ein bitteres Sterben. Kurz, es ist eine der größten
Gnaden, welche der Herr durch solche Gesichte einer Seele erweist; denn dadurch
wird ihr viel geholfen, besonders auch zur Ertragung eines lästigen Kreuzes,
wenn nämlich nichts in der Welt sie befriedigt und alles in derselben sie
anwidert. Würde der Herr sie nicht manchmal auf dieses Kreuz vergessen
lassen, ob sie auch bald wieder daran denkt, so weiß ich nicht, wie sie dieses
Leben aushalten könnte. Er sei in Ewigkeit gelobt und gepriesen!
Nachdem es Gott gefallen hat, mir
einige Kenntnis so erhabener Güter und gewissermaßen einen Anfang des Genusses
derselben zu verleihen, wolle er um des Blutes willen, das sein Sohn für mich
vergossen, gnädig verhüten, daß es mir so ergehe, wie dem Lucifer,
der durch seine Schuld alles verloren hat. Dies
lasse er um seiner Liebe willen bei mir nimmermehr zu, denn in
dieser Beziehung habe ich manchmal nicht wenig Furcht, obwohl mir andrerseits für
gewöhnlich die Barmherzigkeit Gottes die sichere Zuversicht einflößt, sie werde
mir, nachdem sie mich aus so vielen Sünden herausgezogen hat, ihre Hand nicht
entziehen und mich nicht verloren gehen lassen. Ich bitte Euer
Gnaden, unaufhörlich für mich darum zu beten.
Obwohl eine jede der erwähnten
Gnaden, für sich betrachtet, so groß ist, daß ich sie mit nichts vergleichen
kann, so scheint mir doch aus vielen Gründen die, von welcher ich jetzt
sprechen will, alle übrigen zu übertreffen. Durch sie sind mir große Güter und
eine außerordentliche Kräftigung der Seele zu teil geworden. Einst am Vorabende
des heiligen Pfingstfestes hatte ich mich nach der Messe an einen sehr
entlegenen Ort, wo ich oftmals mündlich betete, zurückgezogen und ich begann
dort in einem von einem Kartäuser (Anmerkung: Ludolph
von Sachsen, das Leben Jesu Christi. Ursprünglich in lateinischer Sprache
geschrieben, wurde dieses Buch in der Neuzeit auch ins Französische übersetzt.
Es ist ein sehr umfangreiches und nach dem Urteile des gelehrten Jesuiten Pater
Bouix mit tiefer Wissenschaft und inniger Salbung
geschriebenes Werk. Die hl. Theresia las selbst fleißig darin und empfahl es
auch ihren geistlichen Töchtern zur Lesung.) verfaßten Buche über dieses Fest
zu lesen. Ich fand hier die Kennzeichen angegeben, woraus die Anfangenden, die
Zunehmenden und die Vollkommenen erkennen können, ob der heilige Geist mit
ihnen sei. Nachdem ich das über diese drei Stände dort Gesagte durchgelesen
hatte, schien es mir, durch Gottes Güte sei, so viel ich verstehen konnte, der
heilige Geist mit mir. Dafür pries ich ihn, gedachte aber auch, daß mir zu
einer anderen Zeit, in der ich dasselbe las, alles dieses gar sehr mangelte;
denn ich hatte dies damals recht gut erkannt, wie ich jetzt das Gegenteil davon
in mir fand und also einsah, welch große Gnade mit nunmehr der Herr verliehen
hatte.
Ich fing darum an, den Ort zu
betrachten, den ich durch meine Sünden in der Hölle verdient hatte (sieh
die 1. Anmerkung zum 32. Hauptstück), und lobte Gott sehr; denn ich glaubte,
meine Seele, die ich gegen mein früheres Leben so verändert sah, gar nicht mehr
zu kennen. Unter dieses Betrachtung ergriff mich, ohne
daß ich die Veranlassung erkannte, ein mächtiger Antrieb. Ich meinte, die Seele
wolle mir nicht aus dem Leibe entfahren, denn sie konnte sich nicht mehr in
sich halten und fand sich unfähig, auf ein so großes Gut zu warten. Dieser
Antrieb war so übergewaltig, daß ich mir nicht mehr helfen konnte. Er schien
mir verschieden zu sein von denen, die ich sonst hatte, und ich konnte gar
nicht begreifen, was die Seele habe oder was sie wolle, daß sie so ganz
verändert war. Weil ich mich auch sitzend nicht halten konnte, so lehnte ich
mich an, denn alle natürliche Kraft schwand mir dahin.
In diesem Zustande sah ich über meinem Haupte eine Taube, die aber sehr
verschieden war von den irdischen; denn sie hatte keine Federn, wie andere
Tauben, sondern ihre Flügel waren von kleinen Muscheln zusammengesetzt, die
einen großen Glanz ausstrahlten. Sie war größer als eine gewöhnliche Taube, und
ich meinte das Rauschen zu hören, welches sie mit ihren Flügeln erregte, indem
sie etwa ein Ave Maria lang über mir schwebte.
Alsbald verlor die Seele sich selbst, und die Erscheinung entschwand ihr. Mein
Geist aber war bei diesem so guten Gaste ruhig geworden. Denn diese so
wunderbare Gnade mußte ihn meines Erachtens (anfangs) beunruhigt und erschreckt
haben; als er aber anfing, dieselbe zu genießen, schwand seine Furcht, mit der
Freude begann die Ruhe, und ich ward verzückt. Die Glorie dieser Verzückung war
überaus groß, und ich blieb während der Feiertage meistens so außer mir, daß
ich nicht wußte, was ich thun sollte, oder wie ich
eine so große Gunst und Gnade in mir fassen könnte. In der großen innerlichen
Freude, die ich hatte, hörte und sah ich sozusagen nicht mehr. Von jenem Tage
an gewahrte ich ein außerordentliches Wachstum in der Liebe Gottes und eine
besondere Kräftigung in den Tugenden. Gelobt und gepriesen sei Gott in
Ewigkeit. Amen.
Ein anderes Mal sah ich dieselbe
Taube über dem Haupte eines Paters aus dem Orden des hl. Dominikus; nur
schienen mir die Strahlen und der Glanz der nämlichen Flügel sich noch weiter
auszubreiten. Dabei wurde mir zu verstehen gegeben, daß dieser Pater Gott viele
Seelen zuführen werde.
Wieder ein anderes Mal sah ich
unsere liebe Frau, wie sie den Pater Präsentatus aus
demselben Orden, von dem schon öfter die Rede gewesen, (Anmerkung: Pater Petrus
Ibañez) mit einem schneeweißen Mantel umgab. Sie
sagte zu mir, diesen Mantel gebe sie ihm wegen des Dienstes, den er ihr in der
Förderung unseres Klosters geleistet, zum Zeichen, daß sie fortan seine Seele
rein bewahren wolle, und daß er in keine Todsünde fallen werde. Ich
halte für gewiß, daß dies auch geschehen ist; denn sein noch übriges Leben war
so bußfertig, und sein Tod, der wenige Jahre nach dieser Vision erfolgte, so
heilig, daß man, insoweit es sich erkennen läßt, nicht daran zweifeln kann. Ein
Bruder, der bei seinem Tode zugegen war, bezeugte mir, vor seinem Ende habe er
gesagt, der hl. Thomas sei bei ihm. (Anmerkung: Auf dem Rande des Manuscriptes der Heiligen bemerkte hier Pater Bañes: "Dieser Pater starb als Prior in Trianos.") Er starb sehr freudig und mit dem
Verlangen, aus dieser Verbannung zu scheiden. In der Folge ist er mir einigemal
in sehr großer Glorie erschienen und hat mir manches mitgeteilt. Das innere
Gebet übte er so anhaltend, daß er auf seinem Sterbebette, als er wegen großer
Schwäche es unterlassen wollte, dies nicht vermochte, weil er viele Verzückungen
hatte. Kurz vor seinem Tode schrieb er mir, was er thun
solle, da er nach der Messe, ohne es verhindern zu können, lange Zeit verzückt
werde. Endlich gab ihm Gott den Lohn, für den großen Eifer, womit er ihm sein
ganzes Leben hindurch gedient hat.
Von dem Rektor der Gesellschaft
Jesu (Anmerkung: Pater Kaspar von Salazar), dessen ich schon einigemal
Erwähnung gethan, habe ich bezüglich der großen
Gnaden, welche der Herr ihm erteilte, gleichfalls einige Visionen gehabt, die
ich aber hier, um nicht zu weitläufig zu sein, mit Stillschweigen übergehe.
Folgendes jedoch will ich nicht unerwähnt lassen. Es traf ihn einst ein großes
Leiden, da er sehr verfolgt wurde und sich deshalb in großer Betrübnis befand.
Eines Tages nun sah ich, als ich Messe hörte, bei der Erhebung der Hostie
Christum am Kreuze. Der Herr sprach da zu mir einige Worte, die ich ihm zum
Trost sagen sollte. Auch anders bezüglich dessen, was seiner noch wartete,
sollte ich ihm sagen, und daß er sich erinnern möge, was der Herr für ihn gelitten,
auf daß er sich zum Leiden bereit halte. Dies tröstete und ermutigte ihn sehr;
alles aber ist nachmals eingetroffen, so wie es mir vom Herrn vorausgesagt
wurde.
Von den Mitgliedern des Ordens
dieses Paters, d. i. der Gesellschaft Jesu, ich meine des gesamten Ordens, habe
ich große Dinge geschaut. Ich sah sie mehrmals im
Himmel mit weißen Fahnen in den Händen, und noch manche anderen sehr
wunderbare Dinge habe ich, wie gesagt, von ihnen geschaut. Darum halte ich
diesen Orden in großer Verehrung; denn ich habe schon viel mit den Mitgliedern
desselben verkehrt und gefunden, daß ihr Leben mit dem übereinstimmt, was der
Herr mir von ihnen geoffenbart hat.
Als ich eines Abends dem
innerlichen Gebete oblag, sagte der Herr einige Worte zu mir, durch die er mich
erinnerte, wie böse mein früheres Leben gewesen.
Dies beschämte mich sehr und erregte großen Schmerz in mir; denn wenn auch
solche Worte nicht scharf sind, so verursachen sie doch eine Reue und einen
Schmerz, die vernichtend sind. Durch ein einziges Wort dieser Art gewinnen wir
in der Erkenntnis unser selbst mehr, als wenn wir viele Tage lang unser Elend
betrachteten; denn es prägt uns die Wahrheit so überzeugend ein, daß wir sie
nicht mehr leugnen können.
Der Herr hielt mir vor, wie ich
früher die Geschöpfe so eitel liebte, und er sagte zu mir, ich solle es für
etwas Großes halten, daß eine so übel angewendete Liebe, wie die meinige es
gewesen, jetzt ihm zugewendet sei, und daß er dieselbe noch annehme. Andere
Male sagte er mir, ich solle mich daran erinnern, wie ich es einst für Ehre
gehalten, gegen seine Ehre zu handeln. Und wieder, ich solle bedenken, wie sehr
ich ihm verpflichtet sei, da er mich zur Zeit, in der ich ihn am meisten
beleidigte, mit Gnaden überhäufte. Habe ich Fehler an mir, deren nicht wenige
sind, so macht mich seine Majestät in einer Weise darauf aufmerksam, daß ich
ganz zu vergehen meine; und weil ich viele Fehler habe, so geschieht dies
oft. Zuweilen geschah es auch, daß ich nach einer Zurechtweisung des
Beichtvaters Trost im Gebet suchte, hier aber erst die wahre Zurechtweisung
fand.
Doch kehre ich zu der begonnenen
Erzählung von dem Ereignisse jenes Abends zurück. Als
damals, wie gesagt, der Herr mir mein böses Leben in Erinnerung brachte, und
ich reichliche Thränen vergoß, weil ich bis dahin,
wie es mir vorkam, noch nichts (in seinem Dienst) gethan
hatte, dachte ich bei mir, der Herr wolle mir vielleicht irgend eine besondere
Gnade erweisen. Für gewöhnlich empfange ich nämlich dergleichen Gnaden vom
Herrn erst dann, nachdem ich mich selbst zuvor vernichtete. Auf diese
Weise, denke ich, wird der Herr deshalb mit mir verfahren, damit ich um so
klarer erkenne, wie weit solche Gnaden über all mein Verdienen seien.
Kurz darauf war mein Geist so
verzückt, daß ich fast meinte, er befinde sich ganz außer dem Körper,
wenigstens gewahrte ich nicht, daß er noch im Leibe lebte. Da schaute ich die allerheiligste
Menschheit in einer so außerordentlichen Glorie, wie noch nie. Durch eine
wunderbare lichtvolle Erkenntnis ward mir Christus im Schoße des Vaters
gezeigt; doch weiß ich nicht zu sagen, wie er dort ist, denn die Gottheit, in
deren Gegenwart ich mich zu befinden schien, schaute ich nicht. Ich war davon
so ergriffen, und erstaunt, daß ich, wie ich glaube, mehrere Tage lang nicht
wieder zu mir kommen konnte, und es war mir immer, als sei mir die Majestät des
Sohnes Gottes gegenwärtig, doch nicht in der Weise wie das erste Mal. (Sieh 27.
Hauptstück.) Dies erkannte ich gar wohl; aber es blieb (die eben erwähnte
Vision), so kurz sie auch gedauert hatte, meiner Einbildungskraft so lebhaft
eingedrückt, daß ich mich einige Zeit hindurch derselben nicht entledigen
konnte. Dies gewährt großen Trost und fördert sehr den Fortschritt der Seele.
Die nämliche Vision habe ich noch
dreimal gehabt. Dieselbe ist meines Erachtens unter allen Visionen, womit mich
der Herr bisher begnadigte, die erhabenste und bringt die herrlichsten Früchte
mit sich. Sie scheint die Seele außerordentlich zu reinigen und unserer
Sinnlichkeit fast alle Kraft zu entziehen. Sie ist wie eine mächtige
Flamme, die alle Begierden dieses Lebens zu verzehren und zu vernichten
scheint; denn wenn auch, Gott sei Dank, meine Begierden nicht mehr auf eitle
Dinge gerichtet waren, so wurde mir hier doch ganz besonders klar, wie alles nur Eitelkeit und wie eitel auch alle
Herrschermacht dieser Welt ist. Sie ist eine eindringliche
Unterweisung, die Begierden zur lauteren Wahrheit zu erheben. Von dieser Vision
bleibt ferner der Seele eine Ehrfurcht vor Gott eingeprägt, die ich nicht zu
beschreiben weiß, die aber sehr verschieden von jener ist, die wie hienieden
aus uns selbst erlangen können. Großes Entsetzen befällt die Seele bei dem
Gedanken, wie sie es je habe wagen können, oder wie überhaupt jemand es wagen
könne, eine so großmächtige Majestät zu beleidigen. Ich werde schon einigemal
von diesen und anderen Wirkungen der Visionen gesprochen haben. Ich habe aber
auch gesagt, daß aus der einen Vision mehr, aus der anderen weniger Nutzen
gewonnen werde; aus dieser nun gewinnt man einen überaus großen.
Ging ich zur Kommunion und erinnerte ich mich der erhabenen
Majestät, die ich geschaut hatte, und dachte ich mir dabei, daß ebenderselbe im Sakramente gegenwärtig ist, wo ich ihn übrigens
nach dem Willen des Herrn gar oft in der Hostie schaute, so starrten mir die
Haare empor und ich schien ganz vernichtet zu sein.
O mein Herr! wer würde, wenn du
deine Größe nicht verhülltest, es wohl wagen. So oft hinzugehen, um etwas so
Schmutziges und Erbärmliches mit einer so erhabenen Majestät zu vereinigen?
Gepriesen seiest du, o Herr! Die Engel und alle Geschöpfe sollen dich dafür
loben, daß du alles unserer Schwachheit gemäß einrichtest, damit uns
deine große Macht beim Genusse so erhabener Gnaden nicht so erschrecke, daß wir
als schwache und armselige Menschen es gar nicht wagten, diese Gnaden zu
genießen.
Es könnte uns dabei ergehen wie
jenem Bauersmann, dem, wie ich gewiß weiß,
Folgendes begegnete. Derselbe fand einen Schatz, der größer war, als er
es in seinem beschränkten Geiste fassen konnte. Beim Anblicke desselben wurde
er so traurig, daß er vor lauter Betrübnis und Sorge, weil er nicht wußte, was
er damit anfangen sollte, allmählich dahinstarb. Hätte er den Schatz nicht so
auf einmal gefunden, und wäre ihm derselbe zu seinem Unterhalte nach und nach
gegeben worden, so hätte er fröhlicher gelebt, als in seiner vorigen Armut, und
es hätte ihn nicht das Leben gekostet.
O du Reichtum der Armen! Wie
wunderbar weißt du die Seelen zu nähren, indem du ihnen nur allmählich so große
Schätze zeigst, so daß sie dieselben nicht (auf einmal) sehen. Seit jener
Vision muß ich, wenn ich eine so erhabene Majestät in einem so kleinen Dinge,
wie es die Hostie ist, verborgen sehe,
über eine so hohe Weisheit staunen, und ich weiß nicht, wie der Herr mir Mut
und Stärke gibt, mich ihm zu nahen. Wahrlich, wenn nicht er selbst, der mir so
große Gnaden erteilt hat und noch erteilt, mich stärkte, so wäre es unmöglich,
daß ich mich enthalten könnte, so große Wunder mit lauter Stimme zu verkünden.
Wie muß aber einer so elenden
Kreatur, wie ich bin, die ihr Leben in so geringer Furcht Gottes zugebracht hat
und mit Greueln beladen ist, zu Mute sein, wenn sie zum Herrn einer so großen
Majestät hinzutritt, und er haben will, daß meine Seele ihn schaue? Wie soll
der Mund, welcher gegen denselben Herrn so viele Worte geredet hat,
seinen glorreichen Leib aufnehmen, der lauter Reinheit und Güte ist? Denn die
Liebe dieses Herrn, welche sein so schönes, anmutiges und freundliches Antlitz
offenbart, verursacht der Seele, weil sie ihm nicht gedient hat, weit mehr
Schmerz, als die Majestät, welche sie an ihm schaut, ihr Furcht einflößt. Was
könnte aber ich die beiden Male, da ich ihn in besagter Weise schaute,
empfunden haben? Wahrhaftig, o mein Herr, o meine Glorie! Fast möchte ich
sagen, ich habe durch die große Betrübnis, die meine Seele dabei empfand,
gewissermaßen etwas in deinem Dienste gethan. Ach,
ich weiß nicht, was ich sage, da ich beinahe nicht selbst es bin, die da redet,
indem ich dieses schreibe; denn ich fühle mich verwirrt und etwas außer mir bei
der Wiedererinnerung an diese Dinge. Käme dieser
Schmerz von mir selbst her, so könnte ich wohl sagen, ich habe etwas für dich gethan, o mein Herr! Weil man aber auch keinen guten
Gedanken haben kann, wenn nicht du ihn gibst, so verdiene ich keinen Dank; ich
bin die Schuldnerin, o Herr, und du bist der Beleidigte.
Einmal, als ich zur Kommunion
ging, sah ich mit den Augen der Seele und zwar viel deutlicher, als mit
leiblichen Augen, zwei Teufel in ganz abscheulicher
Gestalt, wie sie mit ihren Hörnern die Kehle des
armseligen Priesters zu umfangen schienen. Zugleich sah ich in der Hostie, die
derselbe in seinen Händen hielt und mir zu reichen im Begriffe stand, meinen
Herrn in der geschilderten Majestät. Ich erkannte klar, daß ihn diese Hände
beleidigt hatten, und daß die Seele des Priesters im Stande der Todsünde war. O
mein Herr, welcher Anblick! Deine Schönheit inmitten so abscheulicher
Gestalten! Sie waren vor dir so von Furcht und Schrecken ergriffen, daß sie,
wie es schien, gern geflohen wären, wenn du es ihnen gestattet hättest.
Diese Vision verwirrte mich so
sehr, daß ich nicht weiß, wie ich kommunizieren konnte, und es blieb mir eine
große Furcht; denn ich meinte, wenn die Vision von Gott gewesen wäre, so hätte
mir seine Majestät nicht gestattet, das Böse zu schauen, welches in jener Seele
war. Da sagte der Herr selbst zu mir, ich solle für den Priester beten; er habe
die Vision zugelassen, damit ich daraus die Kraft der Konsekrationsworte
erkennen und einsehen möge, daß Gott dennoch gegenwärtig ist, mag auch der
Priester, welcher diese Worte spricht, noch so böse sein. Auch solle ich
daraus seine große Güte erkennen, da er sich sogar in die Hände seines Feindes
übergebe, und dies alles zu meinem und aller Menschen Heile.
Aus dieser Vision ersah ich auch,
wie die Priester weit mehr als andere zur Heiligkeit verpflichtet sind;
was es Erschreckliches um den unwürdigen Empfang des heiligsten Sakramentes
ist, und welch eine große Herrschaft der Teufel über eine Seele hat, die sich
in einer Todsünde befindet. Die ganze Vision war mir von sehr großem Nutzen und
verschaffte mir eine recht klare Erkenntnis meiner Verpflichtungen gegen Gott.
Er sei gepriesen in alle Ewigkeit.
Eine andere Vision, die ich ein
anderes Mal hatte, setzte mich gleichfalls in sehr großen Schrecken. Ich war da
an einem Orte, wo eine gewisse Person starb, die, wie ich wußte, viele Jahre lang sehr böse gelebt hatte. Zwei Jahre
war sie krank und in einigen Stücken schien sie sich auch gebessert zu haben; darum
hielt ich sie, obwohl sie ohne Beichte starb, doch nicht für verdammt. Als man nun den Leichnam einhüllte, sah ich, wie eine große
Anzahl Teufel sich desselben bemächtigten. Sie schienen mit ihm zu
spielen, aber auch Strafe an ihm zu nehmen, indem
ihn einer um den anderen mit großen Haken an sich riß, was mich in
großen Schrecken setzte.
Als ich dann sah, wie man diesen
Leichnam mit der nämlichen Ehre und mit den nämlichen Ceremonien
wie alle anderen zu Grabe trug, betrachtete ich bei mir die große Güte Gottes,
der da wollte, daß die Schande dieser ihm feindlichen Seele nicht offenbar
wurde, sondern geheim blieb. Ich war über das Geschehene halb außer mir.
Während des ganzen Leichengottesdienstes sah ich keinen Teufel mehr; als man aber darauf den Leichnam in das Grab legte, war
darin eine solche Menge böser Geister schon bereit, ihn in Empfang zu nehmen,
daß ich bei diesem Anblicke außer mir selbst war, und mich sehr zusammennehmen
mußte, um es zu verbergen. Ich dachte bei mir, was diese bösen Geister wohl mit
der Seele anfangen werden, da sie schon an dem armseligen Leibe in solcher
Weise Gewalt ausübten. Möchte doch der Herr alle, welche im Stande der Sünde
sich befinden, das Schreckliche sehen lassen, was ich gesehen habe; es würde
sie, meines Erachtens, zu einem besseren Leben bestimmen.
Dies alles läßt mich mehr
erkennen, wovon mich Gott gerettet hat (Anmerkung AIHS:
auch dich?) und wieviel ich ihm deshalb schuldig bin. Ich blieb über diese
Vision in großer Furcht, bis ich mit meinem Beichtvater darüber gesprochen
hatte. Ich dachte mir nämlich, das Ganze könnte eine Täuschung des bösen
Feindes gewesen sein, um jene Seele in üblen Ruf zu bringen, obgleich sie nicht
für sehr christlich gehalten wurde. War es aber auch keine Täuschung gewesen,
so flößt es mir doch in Wahrheit, so oft ich daran denke, Furcht ein.
Weil ich einmal angefangen habe,
von Visionen über Verstorbene zu reden, so will ich weiter erzählen, was
mich der Herr von einzelnen Seelen schauen ließ. Um aber nicht zu weitläufig zu
werden, und weil es zu wissen nicht notwendig, ich will sagen, von keinem
Nutzen ist, will ich nur einige Begebenheiten anführen.
Man sagte mir, es sei ein Pater
gestorben, der einst unser Provinzial gewesen und es zur Zeit seines
Todes in einer anderen Provinz war. Ich hatte früher viel mit ihm verkehrt und
war ihm wegen einiger guten Dienste, die er mir geleistet, zum Danke
verpflichtet. Die Nachricht von seinem Tode betrübte mich sehr; denn obwohl er
ein Mann von vielen Tugenden gewesen, so war ich doch wegen seiner Seligkeit in
Furcht. Er war nämlich zwanzig Jahre lang Oberer, und da bin ich fürwahr immer
in großer Furcht, weil ich es für etwas sehr Gefährliches halte, die Last der
Seelsorge zu tragen.
In meiner Betrübnis ging ich in
ein Oratorium und schenkte ihm alles, was ich in meinem Leben Gutes gethan, und da mir dies sehr wenig schien, so bat ich den
Herrn, er wolle durch seine Verdienste ersetzen, was dieser Seele noch
notwendig sei, um aus dem Fegefeuer erlöst zu werden. Während ich so mit
möglichster Innigkeit zum Herrn flehte, kam es mir vor, als komme der
Verstorbene zu meiner Rechten aus der Tiefe der Erde hervor, und ich
sah, wie er mit höchster Freude zum Himmel aufschwebte. Er war schon gut
ein Greis gewesen; aber hier erschien er mir wie ein Dreißiger, ja noch jünger
und sein Angesicht glänzte.
Diese Erscheinung war schnell
vorüber; aber ich fühlte mich davon so außerordentlich getröstet, daß mich sein
Tod forthin nicht mehr betrüben konnte, obwohl viele ihn immer noch sehr
betrauerten, denn er war gar sehr beliebt. Der Trost, den meine Seele empfand,
war so groß, daß ich nicht zweifeln konnte, die Vision sei eine echte, ich will
sagen, keine Täuschung gewesen, und daß ich deshalb ganz ruhig blieb. Seit
seinem Hinscheiden waren nur vierzehn Tage verflossen. Indessen unterließ ich
es doch nicht, ihn Gott zu empfehlen und auch andere um dasselbe zu ersuchen,
obwohl ich selbst es nicht mit solcher Inbrunst vermochte, wie wenn ich die
Vision nicht gehabt hätte; denn wenn mich der Herr von einer Seele solches
schauen läßt und ich will sie nachher seiner Majestät empfehlen, so kommt es
mir unwillkürlich vor, als wolle ich einem Reichen ein Almosen geben. Da dieser
Ordensmann weit von hier gestorben war, so erfuhr ich erst später, welches Ende
ihm der Herr verlieh. Dieses war so erbaulich, daß alle Anwesenden über seine
Erkenntlichkeit, über seine Thränen und über seine
Demut, mit welcher er starb, sich verwunderten.
In meinem Kloster (Anmerkung:
Hier sowohl, wie auch im folgenden Absatz ist das Kloster zur Menschwerdung
gemeint - etika.com: wohl Monasterio
de la Encarnación, Avila) lebte eine Nonne,
eine sehr eifrige Dienerin Gottes, die etwas über anderthalb Tag gestorben war.
Eine Schwester las eben eine Lektion des Totenoffiziums,
welches im Chore für jene gebetet wurde, und ich stand neben ihr, um mit ihr
den Vers zu sagen. Da sah ich mitten unter der Lektion die Seele der
Verstorbenen, wie mir schien, an demselben Orte, wie die vorige, aus der
Tiefe zum Himmel sich erheben. Es war dies keine einbildliche Vision, wie
die vorhergehende, sondern sie war wie jene anderen, von welchen ich schon
gesprochen habe. (Anmerkung: D. i. sie war eine intellektuelle
(Verstandes-)Vision.) Doch ist (an der Wirklichkeit solcher Visionen)
ebensowenig zu zweifeln, wie an der Wirklichkeit jener, die man (mittelst der Einbildungskraft)
schaut.
In dem nämlichen Kloster starb eine
andere Nonne, die achtzehn bis zwanzig Jahre alt und immer krank gewesen
war. Sie hatte Gott eifrig gedient, den Chor fleißig besucht, und war überhaupt
sehr tugendhaft. Weil sie viele Krankheiten ausgestanden, so glaubte ich
gewiß, sie sei nicht ins Fegfeuer gekommen, sondern habe sich im Gegenteile
überflüssige Verdienste erworben. Ungefähr vier Stunden nach ihrem
Hinscheiden, noch vor ihrem Begräbnis, sah ich sie, während ich den Horen beiwohnte, an demselben Orte heraufkommen und zum
Himmel schweben.
Einmal befand ich mich in der
Kirche eines Kollegiums der Gesellschaft Jesu und war da von jenen großen
Seelen- und Körperleiden, die ich, wie schon gesagt, manchmal hatte und noch habe,
heimgesucht. Ich litt so sehr, daß ich auch nicht einen guten Gedanken fassen
zu können glaubte. Da in der Nacht zuvor ein Bruder dieses Kollegiums
gestorben war, so empfahl ich ihn, so gut ich konnte, Gott und hörte die Messe,
die ein Pater aus derselben Gesellschaft für ihn las. Während dieser Messe
geriet ich in eine tiefe Sammlung, in der ich den Verstorbenen in großer
Glorie vom Herrn begleitet, zum Himmel fahren sah. Ich erkannte es als eine
besondere Gnade, daß seine Majestät selbst ihn in den Himmel einführte.
Ein anderer Bruder aus unserem
eigenen Orden, ein sehr
eifriger Diener Gottes, lag sehr krank darnieder. Als
ich nun der heiligen Messe beiwohnte, verfiel ich wieder in eine tiefe Sammlung,
in welcher ich ihn sterben und ohne Fegfeuer in den
Himmel eingehen sah. Wie ich nachher erfuhr, starb er wirklich in der
Stunde, in welcher ich diese Vision hatte. Ich verwunderte mich, daß er gar
nicht ins Fegfeuer gekommen. Da wurde mir zu verstehen gegeben, er habe als
Ordensmann seine Profeß treu gehalten und darum seien ihm auch die dem Orden
verliehenen Privilegiums-Bullen (siehe untenstehende Anmerkung) zu gute
gekommen, so daß er nicht durchs Fegfeuer mußte. Ich weiß nicht, wozu ich dies
erfahren habe; wahrscheinlich aber, so denke ich mir, sollte mir dadurch
angedeutet werden, daß nicht der Habit, ich will sagen, nicht das Tragen
desselben den Ordensmann ausmache, und daß dieser dadurch allein noch nicht der
Vorteile teilhaftig werde, welche sein Stand, der ein Stand höherer
Vollkommenheit ist, ihm verheißt.
(Anmerkung: In einer dem Papste
Johannes XXII. gewordenen Erscheinung versprach die allerseligste Jungfrau, die
Mitglieder des Karmeliter-Ordens sobald als möglich, namentlich am Samstage nach
ihrem Hinscheiden, aus dem Fegfeuer zu befreien. Diese Gnade veröffentlichte
der genannte Papst mittelst einer Bulle (Bulla Sabatina) vom 3. März 1322, und mehrere seiner Nachfolger
bestätigten sie. Dieses Privilegium der allerseligsten
Jungfrau wird unter gewissen Bedingungen auch auf die Mitglieder der dem
besagten Orden einverleibten Bruderschaft (Skapulier-Bruderschaft)
ausgedehnt und ist unter dem Namen "samstägiges Privilegium"
bekannt.)
Weitere Visionen dieser Art will
ich, obwohl mir der Herr die Gnade erwiesen hat, viele derselben zu schauen,
nicht mitteilen, weil dies, wie gesagt, doch nichts nützen würde. Nur das eine
sie hier noch bemerkt, daß ich unter allen Seelen, die mir erschienen sind,
keine gesehen habe, die dem Fegfeuer ganz entkommen wäre, als die des eben
erwähnten Paters, die des heiligen Bruders Petrus von Alcantara,
und die des zuvor schon erwähnten Paters aus dem Dominikanerorden (Anmerkung:
Pater Petrus Ibañez).
Von einigen Seelen ließ mich der
Herr die Stufe der Glorie schauen, zu der sie gelangten, indem sie mir an
der Stelle gezeigt wurden, welche sie einnehmen. Der Unterschied zwischen
der Glorie der einen und jener der anderen ist sehr groß.
Neununddreißigstes Kapitel
Sie fährt in der Mitteilung der ihr vom Herrn erzeigten großen Gnaden weiter
fort. Versprechen des Herrn, ihr zu gewähren, um was sie ihn für andere bitten
werde; einige besondere Fälle, in welchen ihr seine Majestät diese Gnade
erwies.