ETIKA

FRANZISKUS VON ASSISI

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5.1.2001

12F12

Brief an die Gläubigen

2. Fassung; aus dem Handbuch des einfachen Lebens, 2

Im Namen des Herrn, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Allen gläubigen Christen, Geistlichen und Laien, Männern und Frauen, allen Bewohnern der ganzen Welt entbietet Bruder Franziskus, ihr Diener und Untertan, achtungsvolle Ergebenheit, wahren Frieden vom Himmel und aufrichtige Liebe im Herrn.

Da ich der Knecht aller bin, habe ich allen zu dienen und ihnen die verheißungsvollen Worte meines Herrn mitzuteilen. Ich habe mir überlegt, daß ich wegen Krankheit und Schwäche meines Körpers nicht alle persönlich besuchen kann, und deshalb beschlossen, Euch durch vorliegenden Brief und durch Boten die Worte unseren Herrn Jesus Christus, welcher das Wort des Vater ist, und die Worte des Heiligen Geistes, welche Geist und Leben sind, zu berichten.

Dieses Wort des Vaters, so würdig, so heilig und hehr, hat der erhabenste Vater vom Himmel durch seinen heiligen Engel Gabriel dem Schoß der heiligen und glorreichen Jungfrau Maria anvertraut, aus deren Schoß es das wahre Fleisch unseres Menschseins und unserer Gebrechlichkeit angenommen hat. Obwohl er reich war, wollte er doch mit der seligsten Jungfrau, seiner Mutter, vor allem anderen in der Welt die Armut wählen.

Und als die Zeit des Leidens nahe war, feierte er mit seinen Jüngern Ostern, nahm das Brot, sagte Dank, segnete und brach es und sprach: "Nehmet und esset, das ist mein Leib." Und er nahm den Kelch und sprach: "Dies ist mein Blut des neuen Bundes (Testaments), welches für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden." Danach betete er zum Vater mit den Worten: "Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber." Und sein Schweiß ward wie Blutstropfen, die fielen auf die Erde. Er ordnete jedoch seinen Willen dem Willen des Vaters unter, indem er sagte: "Vater, dein Wille geschehe; nicht wie ich will, sondern wie du willst."

Der Wille des Vaters war so, daß sein gesegneter und glorreicher Sohn, den er uns gegeben hat und der für uns geboren worden ist, sich selbst durch sein eigenes Blut als Opfer auf dem Altar des Kreuzes anbieten sollte; nicht seinetwegen, durch den alles geschaffen ist, sondern unserer Sünden wegen, womit uns sein Beispiel gegeben wurde, seiner Spur zu folgen.

Und er will, daß wir alle durch ihn gerettet werden und ihn annehmen mit reinem Herzen und keuschem Leib.

Aber wenige sind es, die ihn annehmen und durch ihn gerettet sein wollen, obwohl sein Joch sanft und seine Last leicht ist.

Jene, die nicht kosten wollen, wie sanft der Herr ist, und die die Finsternis mehr lieben als das Licht, sind verflucht; von ihnen sagt der Prophet: "Verflucht sind, die von Deinen Geboten abirren."

Wie selig und gesegnet sind indessen jene, die den Herrn lieben und das tun, was der Herr selbst im Evangelium sagt: "Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen und ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst."

Lieben wir also Gott und beten wir ihn an mit reinem Herzen und reinem Geiste, weil er dies selbst vor allem andern gesucht und die Worte gesprochen hat: "Die wahrhaftigen Beter werden den Vater anbeten im Geist und in der Wahrheit." Alle nämlich, "die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten".

Und sagen wir ihm Lob und beten wir zu ihm Tag und Nacht mit den Worten: "Vater unser, der du bist im Himmel", weil es sich für uns gehört, immer zu beten und darin nicht nachzulassen.

Wir sollen sodann all unsere Sünden dem Pfarrer beichten; und empfangen wir von ihm Leib und Blut unseres Herrn Jesus Christus. Wer sein Fleisch nicht ißt und sein Blut nicht trinkt, kann nicht in das Reich Gottes kommen. Man esse und trinke es aber würdig, denn wer es unwürdig empfängt, der ißt und trinkt sich selber das Gericht, weil er den Leib des Herrn nicht unterscheidet, das heißt keinen Unterschied macht.

Bringen wir überdies würdige Früchte der Buße. Und lieben wir die Nächsten wie uns selbst. Und wenn einer sie nicht lieben will wie sich selbst, dann füge er ihnen wenigstens nichts Böses zu, sondern tue ihnen Gutes.

Die aber Macht zu richten erhalten haben, mögen das Richteramt mit Barmherzigkeit ausüben, so wie sie selbst von Gott Barmherzigkeit erlangen wollen. Ein Gericht ohne Barmherzigkeit wird nämlich jenen zuteil werden, die keine Barmherzigkeit haben walten lassen. Befleißigen wir uns deshalb des Mitleids und der Demut; und geben wir Almosen, denn gerade sie waschen die Seelen vom Schmutz der Sünden rein. Die Menschen verlieren nämlich alles, was sie in dieser Welt zurücklassen; mit sich tragen sie nur den Lohn der Nächstenliebe und die Almosen, die sie gegeben haben, und hierfür werden sie vom Herrn die Belohnung und ein würdiges Entgelt bekommen.

Wir müssen auch fasten und uns der Laster und Sünden enthalten sowie des Überflusses an Speisen und Getränken; wir müssen wahre Christen sein. Häufig sollen wir auch die Kirchen aufsuchen; die Geistlichen sollen wir achten und schätzen, nicht nur ihretwegen, die sie vielleicht Sünder sind, sondern wegen ihres Amtes als Diener am heiligsten Leib und Blut Christi, die sie auf dem Altar opfern und empfangen und den anderen weiterreichen. Und seien wir uns alle stets bewußt, daß niemand gerettet werden kann außer durch die heiligen Worte und das Blut unseres Herrn Jesus Christus; Geistliche sprechen, verkünden und verwalten dies, und sie allein sollen es verwalten und nicht andere. Besonders aber seien die Mönche, die auf das Weltliche verzichtet haben, gehalten, mehr und Größeres zu tun, dies aber nicht aufzugeben.

Wir sollen Haß empfinden gegen unseren Körper mit seinen Lastern und Sünden, weil der Herr im Evangelium sagt: "Alles Böse, Lasten und Sünden kommen aus dem Herzen." Wir sollen unsere Feinde lieben und denen wohltun, die uns hassen.Wir müssen die Gebote und den Rat unseres Herrn Jesus Christus befolgen. Auch sollen wir uns selbst verleugnen und unsere Körper unter das Joch der Knechtschaft und des heiligen Gehorsams stellen, wie es ein jeder dem Herrn versprochen hat. Und kein Mensch ist durch den Gehorsam gebunden, einem anderen zu gehorchen, wenn ein Vergehen oder eine Sünde begangen werden soll.

Wem aber der Gehorsam zu leisten ist und wer als der Größere gilt, sei dem Kleineren gleich und der anderen Brüder Knecht. Und gegenüber den einzelnen Brüdern lasse er Barmherzigkeit walten, wie er sie für sich möchte, wenn er sich in ähnlicher Lage befände. Auch soll er nicht wegen des Vergehens eines Bruders dem Bruder zürnen, sondern soll ihn mit aller Geduld und Demut wohlwollend ermahnen und ihm Halt geben.

Wir dürfen nicht nach dem Fleisch weise und klug sein, wir müssen vielmehr einfach, demütig und rein sein. Und behandeln wir unsere Körper mit Spott und Geringschätzung, weil wir alle durch eigene Schuld elend, schmutzig, modrig und Würmer sind, wie der Herr durch den Propheten sagt: Ich bin ein Wurm und kein Mensch, der Leute Spott und vom Volk verachtet.

Nie dürfen wir wünschen, über anderen zu stehen; wir müssen vielmehr um Gottes willen Knechte und Untertanen aller menschlichen Kreatur sein. Und all jene Männer und Frauen, die solches tun und ausharren bis zum Ende, auf denen wird der Geist Gottes ruhen und in ihnen Wohnung und Bleibe nehmen. Und sie werden Kinder des himmlischen Vaters heißen, dessen Werke sie tun. Und sie sind Verlobte, Brüder und Mütter unseres Herrn Jesus Christus. Verlobte sind wir, wenn die treue Seele durch den Heiligen Geist mit Jesus Christus verbunden ist. Brüder sind wir dann, wenn wir den Willen seines Vaters tun, der im Himmel ist; und Mütter, wenn wir ihn in unserem Herzen und Leib tragen durch die Liebe und ein reines, lauteres Gewissen; er wird von uns geboren durch heiliges Handeln, welches den anderen als Vorbild leuchten soll.

Oh, einen so glorreichen und heiligen und großen Vater im Himmel zu besitzen! .Oh, einen so heiligen, schönen, bewundernswerten Bräutigam und Fürsprecher zu haben! Oh, einen so heiligen Bruder und Sohn zu haben, der so lieb ist, so angenehm, bescheiden, friedsam, sanft, freundlich und über alles ersehnenswert, der sein Leben für seine Schafe hingegeben und zum Vater für uns gebetet hat mit den Worten: "Heiliger Vater, erhalte sie in deinem Namen, die du mir gegeben hast. Und die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben; und sie haben sie angenommen und erkannt wahrhaftig, daß ich von dir ausgegangen bin, und glauben, daß du mich gesandt hast; ich bitte für sie und nicht für die Welt;segne und heilige sie. Und ich heilige mich selbst für sie, auf daß auch sie geheiligt und eins seien gleichwie wir. Und ich will, Vater, daß, wo ich bin, auch jene bei mir seien, daß sie meine Herrlichkeit sehen in deinem Reich."

Ihm aber, der so viel ertragen hat für uns, der so viel Gutes vollbracht hat und in Zukunft vollbringen wird, gebe jede Kreatur, die in den Himmeln ist, auf der Erde, im Meer und in den Tiefen der Abgründe, Lob, Ruhm, Ehre und Preis, denn er ist unsre Tugend und Stärke, er allein ist gut, er allein ist der Höchste, er allein ist allmächtig, wunderbar, herrlich, und er allein ist heilig und zu loben und segensreich durch die unendlichen Ewigkeiten der Ewigkeiten. Amen.

All jene aber, die nichts von Buße wissen wollen und nicht den Leib und das Blut unseres Herrn Jesus Christus empfangen, sondern Lastern frönen und Sünden begehen, und die böser Begierde folgen und schlimmen Süchten und nicht halten, was sie versprochen haben, und die fleischlichen Gelüsten, den materiellen Problemen und Verlockungen dieser Zeit und den Sorgen dieses Lebens verfallen sind, also mit ihrem Körper der Welt dienen, getäuscht vom Teufel, dessen Kinder sie sind und dessen Werke sie ausführen, sind blind, weil sie das wahre Licht nicht sehen, unseren Herrn Jesus Christus. Die Weisheit des Geistes haben sie nicht, weil sie den Sohn Gottes nicht in sich haben, der die wahre Weisheit des Vaters ist; von ihnen wird gesagt: "Sie wußten keinen Rat mehr." Sie sehen, erkennen, wissen und tun das Böse; und im Bewußtsein dessen verderben sie ihre Seele.

Sehr, Ihr Blinden, die Ihr getäuscht werdet von euren Feinden, das heißt dem Fleisch, der Welt und dem Teufel, daß es für den Körper süß ist, die Sünde zu begehen, und sauer, Gott zu dienen, weil alle bösen Dinge, Laster und Sünden aus den Herzen der Menschen herausgehen und stammen, wie der Herr im Evangelium sagt. Und nichts habt Ihr in der jetzigen Zeit und auch nicht in der Zukunft. Ihr vermeint, die Eitelkeit dieser Zeit lange zu besitzen, aber Ihr täuscht Euch, denn der Tag und die Stunde kommen, wenn Ihr es nicht denkt und wißt und ahnt.

Der Körper wird krank, der Tod naht, es kommen die Verwandten und Freunde und sagen: Bring deine Sachen in Ordnung. Und schau, seine Frau und seine Kinder und Verwandten und Freunde tun so, als ob sie weinten. Da richtet er den Blick auf sie, sieht sie weinen, und eine düstere Regung befällt ihn; nachdenklich sagt er: "Hier sind meine Seele und mein Leib und alles, was ich besitze: Ich lege es in eure Hände." Wahrhaftig, dieser Mann ist verflucht, der seine Seele und seinen Körper und alles, was er hat, solchen Händen anvertraut und übergibt. Deswegen sagt der Herr durch den Propheten: "Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verläßt." Und sogleich lassen sie einen Pfarrer kommen; dieser stellt ihm die Frage: "Willst du dich der Buße zur Befreiung von allen deinen Sünden unterwerfen?" Er antwortet: "Ich will." "Willst du das wiedergutmachen, was du Übles getan hast, und Genugtuung und Ersatz leisten den Menschen, die du betrogen und enttäuscht hast, soweit du es aus deinem Vermögen kannst?" Er erwidert: "Nein." Und der Pfarrer frägt: "Warum nicht?" "Weil ich alles in die Hände der Verwandten und Freunde gelegt habe." Und er fängt an, die Sprache zu verlieren, und so stirbt der Elende.

Alle sollen es aber wissen, wo immer und wie immer ein Mensch in schwerer Sünde ohne Genugtuung stirbt, dabei Genugtuung leisten könnte und sie nicht leistet, daß der Teufel seine Seele unter solchem Schmerz und solcher Qual aus dem Körper reißt, wie sich niemand vorstellen kann, der es nicht selbst verspürt hat. Und alle Begabung, Macht und Wissen, die er zu besitzen wähnte, werden ihm weggenommen werden. Und sein Vermögen hinterläßt er den Verwandten und Freunden, und diese ergreifen es und teilen es untereinander und sagen später: "Verflucht sei seine Seele, denn er hätte uns mehr vermachen können; er hätte auch das in seinen Besitz bringen können, was er nicht erworben hat." Den Körper fressen die Würmer; und so verdirbt er Leib und Seele in dieser kurzen Erdenzeit und fährt in die Hölle, wo seine Qual ohne Ende ist.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Ich, Bruder Franziskus, Euer geringer Diener, bitte und beschwöre Euch in der Liebe, die Gott ist, und mit dem Wunsch, Eure Füße zu küssen, daß Ihr diese Worte und die anderen unseres Herrn Jesus Christus mit Demut und Liebe annehmen und beherzigen und befolgen wollet. Und jene Männer und Frauen, die sie guten Herzens aufnehmen, beachten und anderen in einer Abschrift zuschicken, und wenn sie in ihnen beharren bis ans Ende — sie alle segne der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

 

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