ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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21.1.1999 – 10.7.2007

12F3101

Von Geburt / Aufferziehung / unn natürlichen Anmutung deß heyligen Vatters Francisci.

Der Cronicken der Minderen Brüder, Konstanz 1603. Cap. 1. S. Bonaventura

Als die Gnad unsers Herren und Heylands Jesu Christi / zu disen unsern letsten Zeiten / inn seinem Diener Francisco erschine / hat ime der Vatter der Barmhertzigkeit unn Liechts / durch seine Güte / so vil Gaben und Gnaden mitgetheylt / daß er selben ( wie in dem Durchlauff seiner Historien klärlich zu sehen) nit allein auß der Finsternus diser Welt ziehen / und inn das wahre Liecht setzen / sonder auch groß inn der Vollkommenheit aller Tugenten machen und erheben wöllen: Also daß sein Allmacht / nach Offenbarung viler fürtreffenlichen Geheimnussen deß heyligen Creutzes / ihne in seiner heyligen Kirchen wunderlicher Weiß erhöcht / und in einen herrlichen Stand eingesetzt hat.

Diser grosse Diener Gottes war inn dem Jar deß Herren 1182 in Italia / in der Statt Assisi in dem Thal Spoleti / von ehrlichen Elteren geboren / sein Vatter ein reicher Kauffmann auß dem Geschlecht der Moriconi / ward Petrus von Bernardoni von seines Vattern deß Francisci Anherren / so Bernardon von Moricon geheissen / und sein Mutter gar ein ehrlich Gottesförchtigs Weib Pica genant / von welcher dem Francisco erstlich inn dem Tauff / der Namen Joannes gegeben / und aber nacher inn der Firmung / oder wie andere wöllen / darumb daß er so wunderlicher Weiß / unn leichtlich die Frantzösisch Sprach erlernet / von dem Vatter in Franciscum verendert worden.

Erstlich ehe daß er geboren / unnd die Mutter etlich Tag in schweren Kindsnöhten gelegen / kame ein Pilger für das Hauß / welcher nach empfangnem Allmusen zu dem der ihms gereicht / sagte / dise Fraw so inn so grossen Engsten läge / solte man in einen Stall tragen / da wurde sie von stundan geberen.

Als solches geschehen / die Fraw un den Stall gelegt / ward sie alsbald der Geburt erlößt / an welchem Ort hernach ein Cappell erbawet / und zu Ehren der Geburt dises Heyligen / welchen Christus ihme gleich an einem armen und schlechten Ort hat wöllen geberen / die Histori dises Wunderzeichens angemahlet worden. Unnd wirdt dise Cappell auff heutigen Tag bey S. Francisco dem Kleinen genannt.

Als nun die Eltern disen Franciscum iren erstgebornen Sohn mit sonderer Sorg unnd Fleiß aufferzugend / und er die Frantzösisch Sprach / wie oben gemelt / in kurtzer Zeit erlernet / liessen sie ihne die Latinische / so durch gantz Europam gebreuchlich (weil einem Kauff- unn Handelsmann vil Sprachen zu könden gar dienlich und nohtwendig) auch begreiffen. Welche als er gefasset / unnd zu genugsamen Alter kommen / fienge der Vater an ihne in seinem Handel so wol inner als ausser der Statt zu gebrauchen.

Und ob er gleichwol weltlich erzogen / und in derselben Eitelkeit umbgangen / und beladen gewesen / hat doch der böse Feind seine ganze Inclination, welche der allmächtig Gott inn ihne als einen guten Samen gesäet / unnd er starck im Hertzen behalten / nie bewegen mögen: Also daß ob er gleichwol in seiner Jugent sich bey Gesellschafft und anderen weltlichen Wollüsten befande / hat er doch sich durch unordentliche Begird und Gelüsten nie dahin bringen lassen / daß er den aller herrlichisten Schatz der Reynigkeit und Jungkfrawschafft bemailigen oder beflecken wolte.

Nit weniger wann er schon mit andern Kauffleuten / (welche gemeingklich Knecht des Geitzes seynd) handlete / satzte er sein Gemüt oder Hoffnung weder inn das zeitlich Gut / Gelt oder Reichthumb / also daß dardurch von der Barmhertzigkeit gegen den Armen abwendig gemacht köndte werden / sonder truge jederzeit ein natürliche mitleidenliche Neigung (welcher ein sondere Gnad von Gott seinen sonderbaren Außerwehlten mitgetheylt) gegen denselbigen / welche Gnad dermassen von Jugent auff in ihme eingewurtzt / und ihne inn solcher Güte und Mitleiden erhielte / daß er keinem der ihne umb Gottes willen umb was ansprache / solches jemalen versagte.

Einsmals als er seinen Geschefften oblage / gabe er nit Acht auff einen Armen / so umb Gottes willen das Allmusen an ihne begerte / also daß selber unbegabt abscheiden müßte. Als er aber seine Geschefft verricht / und daß er den Armen unangesprochen und unbegabt hinziehen lassen / zu Hertzen geführt / strafft er sich selbsten als einen ungütigen rauhen Menschen / sagte / daß wann ine einer seiner Freund oder anderer fürnemmer Mann umb was angeredt / er aller seiner Geschefften hindan gesetzt ihne angehört / unnd beflissen / damit er ihme dienen / und inn sein Begeren einwilligen möchte / und doch da / da er in deß Allerhöchsten Namen wäre gebetten worden / hätte ers nit geachtet.

Lauffet eylendts dem Armen nach / ereylet ihn / bittet umb Verzeyhung / reicht ihme das Allmusen / unnd damit ihme solches nit mehr begegnet / verlobt er / daß er niemal so vil immer müglich / das jenig so durch Gottes willen an ihne begert wurde / versagen wolte.

Und weil er biß inn das End in solchem edlen Gelübt verbliben / hat er augenscheinlich in den Gnaden und Gaben Gottes zugenommen.

Dannenhero er hernach offt gesagt / weil er auch noch in weltlichem Stand gelebt / habe er von der Liebe Gottes nie hören reden / es habe ihme das Hertz durchtrungen.

In solcher Weiß hat der noch eytel und weltliche Franciscus an Gott gedacht / welches doch andere so gleichwol für gute eyfferige Christen sich halten / unnd geachtet seyn wöllen / wenig bedencken / sonder sich auch umb das wenigist Allmusen / so an sie begert wirdt / erzürnen / unnd ungedultig gegen den Armen erzeigen.

Dises war das A. B. C. inn welchem sich Franciscus samt den Fürnembsten deß Hauß Christi übete / durch welches er so vil Gnad / Barmhertzigkeit / unnd Ehr von der Allmächtigkeit Gottes (weil die Barmhertzigen selig genant werden) erlanget hat. (Matth. 5)

Gleicher Weiß war diser Franciscus von Natur nit geitzig / sonder milt / und freygebig / auch mehr als ime gebürte / darmit er von andern desto mehr geacht und geehret wurde / dannenher er von andern jungen Leuten hoch gehalten / und bey ihren Spilen / Däntzen / und andern dergleichen Kurtzweilen / weil er mit der Music Bancketen unnd anderm den Unkosten nit ansahe / zu ihrem Führer und Haubtmann erkießt worden.

Nicht desto minder wann er jeweil zu Betrachtung diser Eytelkeiten kame / sagte er inn ihme selbsten: Bist du dann bey den Menschen / von welchen du nun ein wenig eytlen Lobs zu hoffen / so freygebig / wievil mehr soltest du solches gegen Gott und seinen Armen / dem alles was du hast zugehört / und gar reichlich wider belohnet wirt / erzeigen / reitzet damit sich selbsten das Allmusen desto reichlicher außzutheylen.

Neben disem hatte er auch ein angeborne Liebligkeit der Geberden / sambt einer solchen Demütigkeit und Gedult / die ine bey jedermann freundtlich und angenem machte / daß menigklich was sonderbares von ihme hoffete.

Selbiger Zeit war inn gemelter Statt Assisi ein einfeltiger Mann / wie man glaubt / von Gott also underwisen / welcher wo er den jungen Franciscum antraffe oder begegnet / von stundan seine Kappen abzoge / und auff den Boden / da er fürüber gehen solte / spreitet / sprechende / also wäre es verordnet / als wolte er sagen / von Gott / weil der Jüngling Franciscus aller Ehrerbietung würdig wäre.

Als zwischen den Stätten Assisi unnd Perus Zwiespalt und Krieg entstanden / ward er sambt vilen anderen gefangen / gen Perus geführt / unnd ein Jar daselbst ( inn welcher Zeit die Stätt sich doch wider vereinigten) gefengklich erhalten.

Da hat er die Standhafftigkeit seines Gemüts / neben den andern / mit so grosser Mässig- und Fröligkeit erzeigt / daß sie sich daran sehr verwunderten / ihme auch solches zu Zeiten verwisen.

Denen gab er schimpfflicher Weiß zu Antwort: Was gedencket ir? Was Ursach hab ich zu trauren / weil ich von deß wegen von der Welt nur mehr Ehr und Ruhm zu gewarten habe: dienet ihnen / und tröstet sie alle. Wurde also seines adelichen unn freundlichen Wandels wegen seine Conversation und Gemeinschafft von menigklich begert / und dardurch zu vilen weltlichen Freuden und Eytelkeiten gezogen.

In dergleichen Ubungen fast biß in das 25. Jar verzehret der Jüngling das Alter / die Zeit / und zeitliche Güter / welche Sachen ihme von dem Allerhöchsten nit daß ers also unnutzlich verschwenden / sonder derselben sich allein zu Lob und Ehr seiner Allmacht gebrauchen solte / gegeben und verlihen worden.

Dann obwol das Fünckle der Liebe Gottes inn seinem Hertzen nie gar erlöschte / hat er doch (weil er mit zeitlichem Gut und weltlichem Wollust ummgienge) der Zeit die himlische Geheimnus seiner Göttlichen Berüffung / daß er die zeitlichen Händel verlassen / und den himlischen nachtrachten solte / noch nit verstanden / biß so lang dz er die vätterliche ernstliche Hand Gottes / welche ine mit einer schweren unn langwirigen Kranckheit angriffe / spürete / durch welche er gereyniget / und innwendig erleuchtet / gentzlich von dem Teuffel / Welt / und Fleisch abgescheiden wurde.

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