|
ETIKA |
FRANZISKUS-CHRONIK |
www.etika.com |
|
12F3101 |
Von Geburt / Aufferziehung / unn natürlichen Anmutung deß heyligen Vatters Francisci. |
Der Cronicken
der Minderen Brüder, Konstanz 1603. Cap. 1. S. Bonaventura |
Als die Gnad unsers Herren und
Heylands Jesu Christi / zu disen unsern letsten Zeiten / inn seinem
Diener Francisco erschine / hat ime
der Vatter der Barmhertzigkeit
unn Liechts / durch seine
Güte / so vil Gaben und Gnaden mitgetheylt
/ daß er selben ( wie in dem Durchlauff
seiner Historien klärlich zu sehen) nit allein auß der Finsternus diser Welt ziehen /
und inn das wahre Liecht
setzen / sonder auch groß inn der Vollkommenheit
aller Tugenten machen und erheben wöllen:
Also daß sein Allmacht / nach Offenbarung viler fürtreffenlichen Geheimnussen deß heyligen Creutzes / ihne in seiner heyligen Kirchen
wunderlicher Weiß erhöcht / und in einen herrlichen
Stand eingesetzt hat.
Diser grosse Diener
Gottes war inn dem Jar deß Herren 1182 in Italia / in
der Statt Assisi in dem Thal Spoleti
/ von ehrlichen Elteren geboren / sein Vatter ein reicher Kauffmann auß
dem Geschlecht der Moriconi / ward Petrus von Bernardoni von seines Vattern deß Francisci Anherren
/ so Bernardon von Moricon geheissen / und sein Mutter gar ein ehrlich Gottesförchtigs Weib Pica genant / von welcher dem Francisco erstlich inn dem Tauff / der Namen Joannes gegeben / und aber nacher inn der Firmung / oder wie
andere wöllen / darumb daß er so wunderlicher Weiß / unn
leichtlich die Frantzösisch
Sprach erlernet / von dem Vatter in Franciscum verendert worden.
Erstlich ehe daß
er geboren / unnd die Mutter etlich
Tag in schweren Kindsnöhten gelegen / kame ein Pilger für das Hauß /
welcher nach empfangnem Allmusen zu dem der ihms gereicht / sagte / dise Fraw
so inn so grossen Engsten
läge / solte man in einen Stall
tragen / da wurde sie von stundan geberen.
Als solches geschehen / die Fraw un den Stall gelegt / ward
sie alsbald der Geburt erlößt / an welchem Ort
hernach ein Cappell erbawet
/ und zu Ehren der Geburt dises Heyligen / welchen
Christus ihme gleich an einem armen und schlechten
Ort hat wöllen geberen /
die Histori dises
Wunderzeichens angemahlet worden. Unnd
wirdt dise Cappell auff heutigen Tag bey S.
Francisco dem Kleinen genannt.
Als nun die Eltern disen Franciscum iren erstgebornen Sohn mit sonderer
Sorg unnd Fleiß aufferzugend
/ und er die Frantzösisch
Sprach / wie oben gemelt / in kurtzer
Zeit erlernet / liessen sie ihne
die Latinische / so
durch gantz Europam gebreuchlich (weil einem Kauff- unn Handelsmann vil Sprachen zu könden gar dienlich und nohtwendig)
auch begreiffen. Welche als er gefasset
/ unnd zu genugsamen Alter kommen / fienge der Vater an ihne in
seinem Handel so wol inner als ausser
der Statt zu gebrauchen.
Und ob er gleichwol
weltlich erzogen / und in derselben Eitelkeit umbgangen
/ und beladen gewesen / hat doch der böse Feind seine ganze Inclination,
welche der allmächtig Gott inn ihne
als einen guten Samen gesäet / unnd
er starck im Hertzen behalten / nie bewegen mögen: Also daß ob er gleichwol
in seiner Jugent sich bey Gesellschafft und anderen weltlichen Wollüsten
befande / hat er doch sich durch unordentliche
Begird und Gelüsten nie dahin bringen lassen / daß er den aller herrlichisten Schatz der Reynigkeit
und Jungkfrawschafft bemailigen
oder beflecken wolte.
Nit weniger wann er schon mit andern Kauffleuten / (welche gemeingklich
Knecht des Geitzes seynd) handlete / satzte er sein Gemüt
oder Hoffnung weder inn das zeitlich Gut / Gelt oder Reichthumb / also daß dardurch von der Barmhertzigkeit
gegen den Armen abwendig gemacht köndte werden /
sonder truge jederzeit
ein natürliche mitleidenliche Neigung (welcher ein
sondere Gnad von Gott seinen sonderbaren Außerwehlten
mitgetheylt) gegen denselbigen / welche
Gnad dermassen von Jugent auff in ihme eingewurtzt
/ und ihne inn solcher Güte
und Mitleiden erhielte / daß er keinem der ihne umb Gottes willen umb was ansprache / solches jemalen versagte.
Einsmals als er seinen Geschefften
oblage / gabe er nit Acht auff einen Armen / so umb Gottes willen das Allmusen an
ihne begerte / also daß selber unbegabt abscheiden müßte.
Als er aber seine Geschefft verricht / und daß er den Armen unangesprochen und unbegabt hinziehen
lassen / zu Hertzen geführt / strafft er sich selbsten
als einen ungütigen rauhen Menschen / sagte / daß wann ine einer seiner Freund
oder anderer fürnemmer Mann umb
was angeredt / er aller seiner Geschefften
hindan gesetzt ihne
angehört / unnd beflissen / damit er ihme dienen / und inn sein Begeren einwilligen möchte / und doch da / da er in deß Allerhöchsten Namen wäre gebetten
worden / hätte ers nit
geachtet.
Lauffet eylendts
dem Armen nach / ereylet ihn / bittet umb Verzeyhung / reicht ihme das Allmusen / unnd damit ihme solches nit mehr begegnet / verlobt er / daß er niemal so vil immer müglich / das jenig so durch Gottes willen an ihne
begert wurde / versagen wolte.
Und weil er biß
inn das End in solchem edlen Gelübt
verbliben / hat er augenscheinlich in den Gnaden und
Gaben Gottes zugenommen.
Dannenhero er hernach offt
gesagt / weil er auch noch in weltlichem Stand gelebt / habe er von der Liebe
Gottes nie hören reden / es habe ihme das Hertz durchtrungen.
In solcher Weiß hat der noch eytel und weltliche Franciscus an Gott gedacht / welches
doch andere so gleichwol für gute eyfferige
Christen sich halten / unnd geachtet seyn wöllen / wenig bedencken / sonder sich auch umb
das wenigist Allmusen / so
an sie begert wirdt /
erzürnen / unnd ungedultig
gegen den Armen erzeigen.
Dises war das A. B. C. inn welchem sich Franciscus samt den Fürnembsten
deß Hauß Christi übete / durch welches er so vil
Gnad / Barmhertzigkeit / unnd
Ehr von der Allmächtigkeit Gottes (weil die Barmhertzigen
selig genant werden) erlanget hat. (Matth. 5)
Gleicher Weiß war diser Franciscus von Natur nit geitzig / sonder milt / und freygebig / auch mehr als ime gebürte / darmit er von andern
desto mehr geacht und geehret
wurde / dannenher er von andern jungen Leuten hoch
gehalten / und bey ihren Spilen
/ Däntzen / und andern dergleichen Kurtzweilen / weil er mit der Music Bancketen
unnd anderm den Unkosten nit ansahe / zu ihrem Führer und Haubtmann erkießt worden.
Nicht desto minder wann er jeweil zu Betrachtung diser Eytelkeiten kame / sagte er inn ihme selbsten:
Bist du dann bey den Menschen / von welchen du nun
ein wenig eytlen Lobs zu hoffen / so freygebig / wievil mehr soltest du solches gegen Gott und seinen Armen / dem alles
was du hast zugehört / und gar reichlich wider belohnet wirt / erzeigen / reitzet damit sich selbsten das Allmusen desto reichlicher außzutheylen.
Neben disem
hatte er auch ein angeborne Liebligkeit der Geberden / sambt einer solchen
Demütigkeit und Gedult / die ine
bey jedermann freundtlich
und angenem machte / daß menigklich was sonderbares von ihme hoffete.
Selbiger Zeit war inn gemelter Statt Assisi ein einfeltiger Mann / wie man glaubt / von Gott also underwisen / welcher wo er den jungen Franciscum
antraffe oder begegnet / von stundan
seine Kappen abzoge / und auff
den Boden / da er fürüber gehen solte
/ spreitet / sprechende / also wäre es verordnet /
als wolte er sagen / von Gott / weil der Jüngling
Franciscus aller Ehrerbietung würdig wäre.
Als zwischen den Stätten Assisi unnd Perus Zwiespalt und Krieg entstanden / ward er sambt vilen anderen gefangen /
gen Perus geführt / unnd ein Jar
daselbst ( inn welcher Zeit
die Stätt sich doch wider vereinigten) gefengklich erhalten.
Da hat er die Standhafftigkeit
seines Gemüts / neben den andern / mit so grosser Mässig- und Fröligkeit erzeigt / daß sie sich daran sehr verwunderten / ihme
auch solches zu Zeiten verwisen.
Denen gab er schimpfflicher
Weiß zu Antwort: Was gedencket ir?
Was Ursach hab ich zu trauren
/ weil ich von deß wegen von der Welt nur mehr Ehr
und Ruhm zu gewarten habe: dienet ihnen / und tröstet
sie alle. Wurde also seines adelichen unn freundlichen Wandels wegen seine Conversation
und Gemeinschafft von menigklich
begert / und dardurch zu vilen weltlichen Freuden und Eytelkeiten
gezogen.
In dergleichen Ubungen
fast biß in das 25. Jar
verzehret der Jüngling das Alter / die Zeit / und zeitliche Güter / welche
Sachen ihme von dem Allerhöchsten nit
daß ers also unnutzlich verschwenden / sonder derselben sich allein zu
Lob und Ehr seiner Allmacht gebrauchen solte /
gegeben und verlihen worden.
Dann obwol
das Fünckle der Liebe Gottes inn
seinem Hertzen nie gar erlöschte / hat er doch (weil er mit zeitlichem Gut und
weltlichem Wollust ummgienge) der Zeit die himlische Geheimnus seiner
Göttlichen Berüffung / daß
er die zeitlichen Händel verlassen / und den himlischen
nachtrachten solte / noch nit verstanden / biß
so lang dz er die vätterliche
ernstliche Hand Gottes / welche ine mit einer
schweren unn langwirigen Kranckheit angriffe / spürete /
durch welche er gereyniget / und innwendig erleuchtet
/ gentzlich von dem Teuffel
/ Welt / und Fleisch abgescheiden wurde.
Franziskus-Übersicht
- - - Index 1