|
ETIKA |
FRANZISKUS-CHRONIK |
www.etika.com |
|
12F3102 |
Franziskus wird zum
geistlichen Leben berufen |
Der Cronicken
der Minderen Brüder, Konstanz 1603. Cap. 2. S. Bonaventura |
Wie Franciscus durch mancherley Erscheinung deß Herren
erstlich von dem weltlichen zum geistlichen Leben beruffen ward.
Da nun diser
Diener Gottes Francisci von diser
Krankheit erlediget / an der Seelen mit newem Fürnemmen und Eyffer bekräfftigt / begibt es sich daß
als er eins mal auß der Statt reisete
/ under Wegs ein
gar ellende Person (welche gar ein adelich Ansehen / aber arm / zerrissen / und zerlumpet war)
unversehens angetroffen / und als er sich deß adelichisten / edlisten / doch
armen Königs Jesu Christi / den er vor Augen zu sehen vermeynte
/ erinnert / hatte er so groß Mitleiden / daß er den Armen mit seinen Kleider zu gleich
bekleidet / und er dargegen deß Armen Lumpen anlegte.
Nächst folgende Nacht sahe er inn dem Schlaff ein sehr grossen und schönen Saal / darinn
vil schöner herrlicher Harrnisch
/ alle mit dem Zeichen deß heyligen
Creutzes bezeichnet / unnd darbey den Herren / von dessen wegen er dem Armen seine
Kleider angethan / stehen / der zeigets
ime / und versprach solche ihme
und den seinigen unfelbar zu geben / allzeit wann er das sighafft Fendlen deß Creutzes
wurde tragen / und ihme nachfolgen.
Als Franciscus erwacht / unnd dises Gesicht für die weltliche Ritterschafft /darinn sich selbiger Zeit die Christenheit auff der Bäbstlichen Heyligkeit Bullen und Verleyhung
völligen Ablas / zu Eroberung deß heyligen Lands under den Namen Cruciata, weil
jeder ein Creutz zum Zeichen tragen müßte) verstunde
/ zuvor auch dem Herren inn einem solchen Christenlichen Zug zu dienen bedacht ware
/ rüstet er sich alsbald mit sondern Freidigkeit /
hoffende der Herr wurde an ihme die versprochene Herrligkeit als ein grossen
Obristen / als er verstunde auß ihme
zu machen / erfüllen: unnd darauff
wann er der Ursach solcher seiner ungewöhnlichen grosser Fröligkeit befragt wurde
/ gab er zu Antwort / darumben daß
er wißte / daß er bald in grossen Stand und Würde erhebt werden wurde.
Als er nun mit Harrnisch
/ Pferden / Dienern / und anderen Nohtwendigkeiten wol versehen / begab er sich auff
die Reiß nach Puglia / da er einen Graffen / welcher in gedachtem Zug der fürnembsten
Obristen einer verordnet / vermeynte anzutreffen / unnd under ihne
sich zu begeben / hoffande bey
selben die Ehr eines ritterlichen Helden unnd Haubtmanns zu erlangen.
Aber gleich die erste Nacht nach
seinem Verreisen / höret er die Stimm des Herren / die zu ihme
sprache:
Francisce wer kan dir mehr Guts thun / der Herr / oder der Knecht / der Arm / oder der
Reich?
Er antwortet ohne allen Zweiffel /
der Herr / und der Reich.
Die Stimm sprach weiter:
Warumb verlassest du dann den Herren umb
den Knecht? und den reichisten Gott umb den ärmisten Bettler?
Franciscus antwortet (gleich wie
Paulus Act. Apost. Cap. 9):
O Herr was wilt du daß
ich thun soll?
Kehr umb (spricht der Herr) in dein Statt / dann das Gesicht
so dir erstlich fürkommen /
bedeutet nit weltliche / sondern geistliche Sachen /
welche inn dir nit durch
weltlichen / sonder Göttlichen Willen erscheinen werden.
Also wendet der verenderte
Franciscus wider seinem Vatterland gantz frölich und getröst zu / weil er angefangen innwendig in sich selbsten zu empfinden die Freud / so der Seelen durch die
wahre Gehorsam / und Ubergebung seiner selbsten gereicht wirdt / gentzlich hoffende / sein Göttliche Maiestät
wurde ihme ihren Willen offenbaren.
Lage von der Zeit an als er sich
von den weltlichen Geschefften und Gesellschafften abgesündert /
allein deme streng ob / unn
begerte die Göttliche Güte wolte
ihme / was er von selber wegen fürnemmen
solte / zu erkennen geben.
Unnd ob er gleichwol
wegen Ubung deß strengen Gebetts die Flam der Göttlichen Begirden an ihme zu wachsen empfunde / und allbereit alles
von Liebe wegen deß himlischen
Vatterlands verachtete / auch gar mit göttlichen Ubungen ummgeben zu seyn wünschte / verstunde er doch noch nit
wie er solches angreiffen solte
/ allein empfand er durch Göttliche Inspiration bey ihme so vil / daß
ein geistlich Fürnemmen müßte
durch Verachtung der Welt / unnd
die Christlich Ritterschafft durch Uberwindung sein
selbst den Anfang nemmen.
Weil er nun also an abgesünderten Orten mit Gebett /
und Seufftzen den Herren Jesum daß
er ihn auff den rechten Weg weisen wolte bittend die Zeit verzehrte / hörete
er ein Stimm eines Crucifix / so zu ihm sprache:
Francisce wann du meinen Willen
zu wissen begerst / so must
du alles das jenig / so du bißher
unordentlich geliebt unnd begert
/ hinfüro abscheuhen unnd
verachten. Welches so es von dir geschicht / wirst du in deme so
dir bißher bitter und schwer gewesen / ein lieblichen
süssen Geschmack / und inn disem in welchem du dich bißher erfrewet / ein groß Mißfallen
haben.
Da nun Franciscus solche Lehr und Underweisung von Christo empfangen / unnd
solche wol zu Gemüt geführt / begegnet ihme eines Tags / als er auff dem
Feld bey Assisi ritte / ein armer außsetziger
Mensch / an welches unversehenem Ansehen er nit
ein geringen Verdruß und Abscheuhen
gehabt.
Alsbald er aber an sein Fürnemmen zu der Vollkommenheit zu kommen / und wann er ein
Ritter Christi seyn
wolte / sich
selbst uberwinden müßte
gedachte / stige er von dem Pfert
/ lauffte dem Außsetzigen zu
/ umbfahet / küsset denselben / und reicht ihme das Allmusen.
Als er nun wider zu Roß gesessen / und umb den Armen umbgesehen / kondte er selben auff der weiten Heiden nit mehr
ersehen.
Dahero er voller Schrecken und Freud /
Gott dem allmächtigen groß Lob und Danck sagte / unnd durch sein stetes Gebett / Seufftzen / und Zehern / daß seine Begeren erhört wurden /
erlanget.
Und als er auff
ein Zeit gar eyfferig inn
dem Gebett war / erschin ihme der gecreutzigte Christus /
von welches Ansehen sein Seel durch Mitleiden dermassen erweicht / und seine Glider mit den Schmertzen der Marter deß
Erlösers durchtrungen / daß
hernach so offt ime dise
Erscheinung deß Leidens Christi zu Sinn kommen / er
sich mit Mühe von Zehern und Seufftzen
(als er kurtz vor seinem Absterben selbst erzehlt) abhalten könden.
Es hat der Mann Gottes Franciscus
durch dise Erscheinung inn sein Hertz einzutrucken empfunden dise Wort Christi (Matt. 16.) :
Welcher mir will nachfolgen / verlaugne sich selbst /
nemme sein Creutz auff sich
/ und folge mir nach / ward selber Stunde an angethan mit dem
Geist der Liebe Gottes / der Armut / Gedult /
Demütigkeit / und Andacht / von welcher göttlichen Liebe wegen er
all sein Hab und Gut / ja alles so er je von der Welt zu gewarten
und zu hoffen hätte / veracht und für nichts hielte / empfande
inn seiner Seelen / daß ihme Gott ein verborgenen
kostlichen Schatz eröffnet / von dessen Liebe und
Begird er ihme fürnam alles das seinig zu verkauffen / unnd den Armen auszutheylen / unnd also den
weltlichen Handel unnd Kauffmannschafft
inn den Evangelischen / welcher da ist der wahre himlische Reichthumb / zu verwechßlen.
Auff solche Weiß hat der allmächtig
Gott disen seinen Diener von seinen weltlichen zergengklichen Handlungen (gleich wie Matthaeum
vom Zoll, Matth. 9.) zu sich beruffen
/ unnd nach dem er alles sein Zeitliches verlassen /
zu Nachfolgung seiner heyligen Fußstapffen
beruffen.
(Matth.
13.) Damit er aber zu der Evangelischen Vollkommenheit / welche er mit sonderm Fleiß gesucht / gefunden / unnd
erkaufft / gelangen / unnd
solche rühigklich besitzen möcht / hat ihme der gütige Gott darumben
einen Kauff brieff auff reynem Pergament seines
eignen Fleisches geschriben / und mit sein deß Verkauffers eignen Händen auffgetrucktem Innsigel der fünff
heyligen Wunden verfertigt / zugestelt:
Und solches darumb
/ damit er durch das Exempel dises seines außerwehlten Heyligen / die betriegliche
Handlungen und Wechsel der Welt / so in der Kirchen Gottes nur gar zu grob (leyder) geübt werden / gar außreuten
/ unnd die armen Christen durch die Handtierung der Buß / Tugenten / unnd glorwürdigen Nachfolgung
Christi eine so edle Kauffmanswahr anreitzen möchte.
Franziskus-Übersicht
- - - Index 1