ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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23.1.1999 – 10.7.2007

12F3102

Franziskus wird zum geistlichen Leben berufen

Der Cronicken der Minderen Brüder, Konstanz 1603. Cap. 2. S. Bonaventura

Wie Franciscus durch mancherley Erscheinung deß Herren erstlich von dem weltlichen zum geistlichen Leben beruffen ward.

Da nun diser Diener Gottes Francisci von diser Krankheit erlediget / an der Seelen mit newem Fürnemmen und Eyffer bekräfftigt / begibt es sich daß als er eins mal auß der Statt reisete / under Wegs ein gar ellende Person (welche gar ein adelich Ansehen / aber arm / zerrissen / und zerlumpet war) unversehens angetroffen / und als er sich deß adelichisten / edlisten / doch armen Königs Jesu Christi / den er vor Augen zu sehen vermeynte / erinnert / hatte er so groß Mitleiden / daß er den Armen mit seinen Kleider zu gleich bekleidet / und er dargegen deß Armen Lumpen anlegte.

Nächst folgende Nacht sahe er inn dem Schlaff ein sehr grossen und schönen Saal / darinn vil schöner herrlicher Harrnisch / alle mit dem Zeichen deß heyligen Creutzes bezeichnet / unnd darbey den Herren / von dessen wegen er dem Armen seine Kleider angethan / stehen / der zeigets ime / und versprach solche ihme und den seinigen unfelbar zu geben / allzeit wann er das sighafft Fendlen deß Creutzes wurde tragen / und ihme nachfolgen.

Als Franciscus erwacht / unnd dises Gesicht für die weltliche Ritterschafft /darinn sich selbiger Zeit die Christenheit auff der Bäbstlichen Heyligkeit Bullen und Verleyhung völligen Ablas / zu Eroberung deß heyligen Lands under den Namen Cruciata, weil jeder ein Creutz zum Zeichen tragen müßte) verstunde / zuvor auch dem Herren inn einem solchen Christenlichen Zug zu dienen bedacht ware / rüstet er sich alsbald mit sondern Freidigkeit / hoffende der Herr wurde an ihme die versprochene Herrligkeit als ein grossen Obristen / als er verstunde auß ihme zu machen / erfüllen: unnd darauff wann er der Ursach solcher seiner ungewöhnlichen grosser Fröligkeit befragt wurde / gab er zu Antwort / darumben daß er wißte / daß er bald in grossen Stand und Würde erhebt werden wurde.

Als er nun mit Harrnisch / Pferden / Dienern / und anderen Nohtwendigkeiten wol versehen / begab er sich auff die Reiß nach Puglia / da er einen Graffen / welcher in gedachtem Zug der fürnembsten Obristen einer verordnet / vermeynte anzutreffen / unnd under ihne sich zu begeben / hoffande bey selben die Ehr eines ritterlichen Helden unnd Haubtmanns zu erlangen.

Aber gleich die erste Nacht nach seinem Verreisen / höret er die Stimm des Herren / die zu ihme sprache:

Francisce wer kan dir mehr Guts thun / der Herr / oder der Knecht / der Arm / oder der Reich?

Er antwortet ohne allen Zweiffel /

der Herr / und der Reich.

Die Stimm sprach weiter:

Warumb verlassest du dann den Herren umb den Knecht? und den reichisten Gott umb den ärmisten Bettler?

Franciscus antwortet (gleich wie Paulus Act. Apost. Cap. 9):

O Herr was wilt du daß ich thun soll?

Kehr umb (spricht der Herr) in dein Statt / dann das Gesicht so dir erstlich fürkommen / bedeutet nit weltliche / sondern geistliche Sachen / welche inn dir nit durch weltlichen / sonder Göttlichen Willen erscheinen werden.

Also wendet der verenderte Franciscus wider seinem Vatterland gantz frölich und getröst zu / weil er angefangen innwendig in sich selbsten zu empfinden die Freud / so der Seelen durch die wahre Gehorsam / und Ubergebung seiner selbsten gereicht wirdt / gentzlich hoffende / sein Göttliche Maiestät wurde ihme ihren Willen offenbaren.

Lage von der Zeit an als er sich von den weltlichen Geschefften und Gesellschafften abgesündert / allein deme streng ob / unn begerte die Göttliche Güte wolte ihme / was er von selber wegen fürnemmen solte / zu erkennen geben.

Unnd ob er gleichwol wegen Ubung deß strengen Gebetts die Flam der Göttlichen Begirden an ihme zu wachsen empfunde / und allbereit alles von Liebe wegen deß himlischen Vatterlands verachtete / auch gar mit göttlichen Ubungen ummgeben zu seyn wünschte / verstunde er doch noch nit wie er solches angreiffen solte / allein empfand er durch Göttliche Inspiration bey ihme so vil / daß ein geistlich Fürnemmen müßte durch Verachtung der Welt / unnd die Christlich Ritterschafft durch Uberwindung sein selbst den Anfang nemmen.

Weil er nun also an abgesünderten Orten mit Gebett / und Seufftzen den Herren Jesum daß er ihn auff den rechten Weg weisen wolte bittend die Zeit verzehrte / hörete er ein Stimm eines Crucifix / so zu ihm sprache:

Francisce wann du meinen Willen zu wissen begerst / so must du alles das jenig / so du bißher unordentlich geliebt unnd begert / hinfüro abscheuhen unnd verachten. Welches so es von dir geschicht / wirst du in deme so dir bißher bitter und schwer gewesen / ein lieblichen süssen Geschmack / und inn disem in welchem du dich bißher erfrewet / ein groß Mißfallen haben.

Da nun Franciscus solche Lehr und Underweisung von Christo empfangen / unnd solche wol zu Gemüt geführt / begegnet ihme eines Tags / als er auff dem Feld bey Assisi ritte / ein armer außsetziger Mensch / an welches unversehenem Ansehen er nit ein geringen Verdruß und Abscheuhen gehabt.

Alsbald er aber an sein Fürnemmen zu der Vollkommenheit zu kommen / und wann er ein Ritter Christi seyn wolte / sich selbst uberwinden müßte gedachte / stige er von dem Pfert / lauffte dem Außsetzigen zu / umbfahet / küsset denselben / und reicht ihme das Allmusen.

Als er nun wider zu Roß gesessen / und umb den Armen umbgesehen / kondte er selben auff der weiten Heiden nit mehr ersehen.

Dahero er voller Schrecken und Freud / Gott dem allmächtigen groß Lob und Danck sagte / unnd durch sein stetes Gebett / Seufftzen / und Zehern / daß seine Begeren erhört wurden / erlanget.

Und als er auff ein Zeit gar eyfferig inn dem Gebett war / erschin ihme der gecreutzigte Christus / von welches Ansehen sein Seel durch Mitleiden dermassen erweicht / und seine Glider mit den Schmertzen der Marter deß Erlösers durchtrungen / daß hernach so offt ime dise Erscheinung deß Leidens Christi zu Sinn kommen / er sich mit Mühe von Zehern und Seufftzen (als er kurtz vor seinem Absterben selbst erzehlt) abhalten könden.

Es hat der Mann Gottes Franciscus durch dise Erscheinung inn sein Hertz einzutrucken empfunden dise Wort Christi (Matt. 16.) : Welcher mir will nachfolgen / verlaugne sich selbst / nemme sein Creutz auff sich / und folge mir nach / ward selber Stunde an angethan mit dem Geist der Liebe Gottes / der Armut / Gedult / Demütigkeit / und Andacht / von welcher göttlichen Liebe wegen er all sein Hab und Gut / ja alles so er je von der Welt zu gewarten und zu hoffen hätte / veracht und für nichts hielte / empfande inn seiner Seelen / daß ihme Gott ein verborgenen kostlichen Schatz eröffnet / von dessen Liebe und Begird er ihme fürnam alles das seinig zu verkauffen / unnd den Armen auszutheylen / unnd also den weltlichen Handel unnd Kauffmannschafft inn den Evangelischen / welcher da ist der wahre himlische Reichthumb / zu verwechßlen.

Auff solche Weiß hat der allmächtig Gott disen seinen Diener von seinen weltlichen zergengklichen Handlungen (gleich wie Matthaeum vom Zoll, Matth. 9.) zu sich beruffen / unnd nach dem er alles sein Zeitliches verlassen / zu Nachfolgung seiner heyligen Fußstapffen beruffen.

(Matth. 13.) Damit er aber zu der Evangelischen Vollkommenheit / welche er mit sonderm Fleiß gesucht / gefunden / unnd erkaufft / gelangen / unnd solche rühigklich besitzen möcht / hat ihme der gütige Gott darumben einen Kauff brieff auff reynem Pergament seines eignen Fleisches geschriben / und mit sein deß Verkauffers eignen Händen auffgetrucktem Innsigel der fünff heyligen Wunden verfertigt / zugestelt:

Und solches darumb / damit er durch das Exempel dises seines außerwehlten Heyligen / die betriegliche Handlungen und Wechsel der Welt / so in der Kirchen Gottes nur gar zu grob (leyder) geübt werden / gar außreuten / unnd die armen Christen durch die Handtierung der Buß / Tugenten / unnd glorwürdigen Nachfolgung Christi eine so edle Kauffmanswahr anreitzen möchte.

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