|
ETIKA |
FRANZISKUS-CHRONIK |
www.etika.com |
|
12F3105 |
Franziskus wird in Schneegrube geworfen und küsst Aussätzigen |
Der Cronicken
der Minderen Brüder, Konstanz 1603. Cap. 5. S. Bonaventura. |
Von den Ubungen / inn
welchen sich Franciscus der wahre Diener Christi nach solchem übet. Cap. 5.
Nach
Erledigung der Banden / und Befreyung der vätterlichen Betroungen (eigentlich
Betroeungen, Betröungen) ist diser wahrhaffte Verachter der Welt Franciscus der
Einöde zugangen / damit er daselbsten
einig / und inn der Stille köndte
unnd möchte die Geheimnussen
deß Worts Gottes anhören.
Und da er
eins mals in dem Gebirg das
Lob Christi inn Frantzösischer
Sprach singend wandlete / warde
er von etlichen Mördern angesprengt / welche ihne wer
er wäre / und was er allda zu schaffen hätte / mit grimmiger Stimm befragten. Denen
gibt er prophetischer Weiß Antwort:
Ich bin
ein Verkünder/ der die Werck deß
grossen Königs außrueffet (eigentlich außrüffet).
Da sie
dise Wort gehört / seynd sie ergrimmet / sich mit grossen Schmachworten zu ihme genahet / und nach vilen Streichen in ein tieffe
Schneegruben so da war geworffen / sagende
/ hie must du als ein bäurischer Außschreyer
deß Herren verbleiben.
Da sie
nun hinweg gangen / und Franciscus sich auß dem Loch gearbeit / folget er
gar wol content unnd zu friden / Gott lobende /
seinem Gang nach / und als er ein weil gegangen / kombt
er zu einem Kloster / begert daselbst das Allmusen durch Gottes willen / welches ihme
auch gereicht worden.
Von
dannen begibt er sich der Stadt Augubio zu / da er
von seinen Freunden einem erkent / zu Herrberg auffgenommen / und weil
er schier nackend geweßt / mit einem schlechten
Mantel bedeckt worden / in welchem er zwey Jar mit einem Stab inn Händen
gleich wie ein Einsidler umbgangen
/ und wegen der Schuch die er getragen / und Gürtel
mit welcher er begürtet / für ein Augustiner Münch gehalten worden.
Unnd weilen der wahre Liebhaber der Demut seinem
geistlichen Baw ein vest
und verhafft Fundament und Grund setzen wolte / übete er sich unauffhörlichen in dem würcklichen
Leben / das ist / in den Wercken der Liebe gegen dem
Nächsten / sein Leben darbey in schwerer Casteyung und Strenge führende.
Unnd darumb als die Liebe
gegen ihme selbst gar wegk
genommen / unnd inn seinen Nächsten
verendert / wurde all seine Liebe inn
Christum gesetzt / und gleicher Weiß wie ihn gedauchte
inn diser Welt ein Abscheuhen wegen der außsetzigen
Menschen zu haben / also jetzo (verliebt und entzündt
in dem gecreutzigten Christo / welcher wie Esaias sagt / verachtet unnd verwundt einem Außsetzigen gleich
unmenschlicher Gestalt in diser Welt gesehen worden)
begabe er sich den Außsetzigen zu dienen / suchte sie
offt heim inn ihren Häusern
/ samblete für sie das Allmusen
/ küssete ihnen das Angesicht / Händ
und Füß / pfleget ihrer durch Christi willen mit sonderem Fleiß:
Unnd jeweilen damit er sich
selbst desto baß uberwinden
möchte / mit sonderm Eyffer
und Begird säuberte er ihnen die stinckenden und schwerenden
Wunden / samb er von Gott dem allmächtigen inn die Welt / damit er als ein erfahrner Artzet / die tödtlichen Wunden
der Sünden heylen möchte / gesandt wäre.
Nach
solchem steckte er seinen Mund inn die Erden unnd Staub / damit er also mit der gleichen Verachtung unnd Betrübnissen die Hoffart seines Fleischs dem Geist underwürffig und gehorsam machen / und also ein ruhiger (eigentlich rühiger) und
vollkommener Herrscher seiner selbsten seyn möchte / dardurch
er dann vil unnd
unglaubliche Krafft von dem Herren in Heylung der
geistlichen und zeitlichen Kranckheiten empfangen.
Ein Wunderwerck muß ich allhie under andern / deren vilfältige in diser Histori zu seiner Zeit hernacher erzehlt werden / anmelden.
Es war in
dem Hertzogthum Spoleto ein Mann / welcher einen so abscheulichen und gefährlichen
Schaden in dem Angesicht hatte / der ime allbereit dz gantze
Wang / und ein guten Theyl deß
Maul wegk gefressen / unnd
verzehrt hatte. Als er aber kein Mittel das ime
helfen möchte fande / verlobte er sich gen Rom zu den
heyligen Apostlen Petro und Paulo zu verfügen / dieselben umb
Fürbitt gegen Gott dem allmächtigen / damit er ihne von einer so langen gefähr-
und beschwerlichen Kranckheit erledigte / zu
erbitten.
Da er nun
sein Verloben erfüllt / unnd wider nach seinem
Heimwesen reiset / trifft er unversehens den heyligen
Franciscum an / welchem er wegen seines ehrwürdigen Anschawens / unnd Ehrbarkeit der
Kleidungen gleich zu Fuß gefallen / und ihme auß sonderer Neigung die Fuß
küssen wollen.
Der
demütige Diener Christi aber wolt solches nit gestatten / trate hinder sich / und als der Krancke auffgestanden
/ umbfienge der wahre Nachfolger Christi ihne freundtlich / und kußte ihne in das Angesicht.
Alsbald
solches auß wahrhaffter
Erbarmung geschehen / unnd der abscheuliche Schaden geküßt worden / ist er von stundan
gesund und heyl worden.
Ich kan wahrhafftigklich bey mir nit befinden / welches under disen beyden
Stücken mehr zu verwundern seye / die Demütigkeit deß Heyligen / in welcher er ein so abscheulichen Schaden geküßt / oder die Fürtreffligkeit
seiner Krafft / inn welcher er so groß Wunderzeichen
vollbracht hat.
Es war
auch dise grosse Lieb von ihme
nit allein gegen den Außsätzigen
geübt / sonder auch gegen allen anderen Armen so freigebig erwisen
/ daß er / damit sie bekleidt
wurden / offt halb nackend blibe
/ und sich selbsten dazu zu geben begerte
/ sonderlich aber waren ihm die armen Priester angelegen / denen kame er mit grosser Liebe /
Andacht / und Ehrerbietung zu Hilff.
Uber diß ware
er gar embsig mit der Zier der Kirchen / unnd Altaren / dieselbe kehrete / säuberte / unnd
bereitete er mit eigner Hand / damit in und auff
solchen der allmächtige Gott mit gebürlicher
Ehrerbietung unn Reverentz
möchte geehret werden.
Die Armut
gedunckte disen fürtrefflichen Heyligen das beste inn
diser Welt / dise allein begerte er / unnd truge Neid gegen denen / die er ärmer als sich zu seyn vermeynte.
Dahero als er auff
ein Zeit S. Peters Kirchen zu Rom besuchte / unnd under der Thür derselben / ein grosse Menge der Armen sahe / under welchen sich gar ein uberauß
Erbärmlicher unnd Ellender befande / ward er zu Erbarmung bewegt / unnd
entzündt mit der Liebe der Armut / zoge er seine eigne Kleider ab / legets
dem Armen an / unnd nimbt
dafür desselben Lumpen.
Erlustigte sich auch so höchlich inn disem Werck
/ daß er selben gantzen Tag
bey den Armen verblibe / erfrewet sich mit höchsten Freuden / zu Trutz diser Welt Glori unnd Herrligkeit der Armut /
lernet inn disen und andern
dergleichen Wercken der Liebe zuvor zu würcken / als zu underweisen / folgete den wahren Fußstapffen
seines Lehrmeisters Jesu Christi / welches Leben und Lehr er den Menschen inn der Practick und Würckung fürgeben und legen solte.
Als eines
Tags zu Winter Zeit er sich zu Kirchen bey der Meß gar ubel bekleidt
/ daß an etlichen Orten der nackend Leib erschine / befande / ersicht ihn
seiner Brüder einer / der ohne Gefahr bey demselben Gottsdienst ware / schickt zu ihme / ob er umb ein Real seines
Schweiß ihme zu kauffen
geben wolte.
Deme gibt der Diener Christi frölich
zu Antwort:
Sage ihme meinem Bruder / ich habe ihn allen und wol meinem Herren Christo verkaufft
/ welches er gar wol mit Wahrheit sagen kondt / weil er sich unablässig in Ubung
der Wercken der Liebe gegen dem Nächsten / und Demut übete: Darummen aber die
innerliche Conversation mit dem gecreutzigten Christo Jesu nie underlassen
/ von welcher Besitzung wegen / er in die Einödinen /
unnd verborgne stille Örter gienge
/ daselbst die Zeit im Gebett unnd
Zehern verzehrte / auch nimmer ohne Erfindung einer
sonderbaren Weiß des Fastens von dannen schide.
Franziskus-Übersicht - - - Index 1