ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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4.9.2003 – 10.7.2007

12F3105

Franziskus wird in Schneegrube geworfen und küsst Aussätzigen

Der Cronicken der Minderen Brüder, Konstanz 1603. Cap. 5. S. Bonaventura.

Von den Ubungen / inn welchen sich Franciscus der wahre Diener Christi nach solchem übet. Cap. 5.

Nach Erledigung der Banden / und Befreyung der vätterlichen Betroungen (eigentlich Betroeungen, Betröungen) ist diser wahrhaffte Verachter der Welt Franciscus der Einöde zugangen / damit er daselbsten einig / und inn der Stille köndte unnd möchte die Geheimnussen deß Worts Gottes anhören.

Und da er eins mals in dem Gebirg das Lob Christi inn Frantzösischer Sprach singend wandlete / warde er von etlichen Mördern angesprengt / welche ihne wer er wäre / und was er allda zu schaffen hätte / mit grimmiger Stimm befragten. Denen gibt er prophetischer Weiß Antwort:

Ich bin ein Verkünder/ der die Werck deß grossen Königs außrueffet (eigentlich außrüffet).

Da sie dise Wort gehört / seynd sie ergrimmet / sich mit grossen Schmachworten zu ihme genahet / und nach vilen Streichen in ein tieffe Schneegruben so da war geworffen / sagende / hie must du als ein bäurischer Außschreyer deß Herren verbleiben.

Da sie nun hinweg gangen / und Franciscus sich auß dem Loch gearbeit / folget er gar wol content unnd zu friden / Gott lobende / seinem Gang nach / und als er ein weil gegangen / kombt er zu einem Kloster / begert daselbst das Allmusen durch Gottes willen / welches ihme auch gereicht worden.

Von dannen begibt er sich der Stadt Augubio zu / da er von seinen Freunden einem erkent / zu Herrberg auffgenommen / und weil er schier nackend geweßt / mit einem schlechten Mantel bedeckt worden / in welchem er zwey Jar mit einem Stab inn Händen gleich wie ein Einsidler umbgangen / und wegen der Schuch die er getragen / und Gürtel mit welcher er begürtet / für ein Augustiner Münch gehalten worden.

Unnd weilen der wahre Liebhaber der Demut seinem geistlichen Baw ein vest und verhafft Fundament und Grund setzen wolte / übete er sich unauffhörlichen in dem würcklichen Leben / das ist / in den Wercken der Liebe gegen dem Nächsten / sein Leben darbey in schwerer Casteyung und Strenge führende.

Unnd darumb als die Liebe gegen ihme selbst gar wegk genommen / unnd inn seinen Nächsten verendert / wurde all seine Liebe inn Christum gesetzt / und gleicher Weiß wie ihn gedauchte inn diser Welt ein Abscheuhen wegen der außsetzigen Menschen zu haben / also jetzo (verliebt und entzündt in dem gecreutzigten Christo / welcher wie Esaias sagt / verachtet unnd verwundt einem Außsetzigen gleich unmenschlicher Gestalt in diser Welt gesehen worden) begabe er sich den Außsetzigen zu dienen / suchte sie offt heim inn ihren Häusern / samblete für sie das Allmusen / küssete ihnen das Angesicht / Händ und Füß / pfleget ihrer durch Christi willen mit sonderem Fleiß:

Unnd jeweilen damit er sich selbst desto baß uberwinden möchte / mit sonderm Eyffer und Begird säuberte er ihnen die stinckenden und schwerenden Wunden / samb er von Gott dem allmächtigen inn die Welt / damit er als ein erfahrner Artzet / die tödtlichen Wunden der Sünden heylen möchte / gesandt wäre.

Nach solchem steckte er seinen Mund inn die Erden unnd Staub / damit er also mit der gleichen Verachtung unnd Betrübnissen die Hoffart seines Fleischs dem Geist underwürffig und gehorsam machen / und also ein ruhiger (eigentlich rühiger) und vollkommener Herrscher seiner selbsten seyn möchte / dardurch er dann vil unnd unglaubliche Krafft von dem Herren in Heylung der geistlichen und zeitlichen Kranckheiten empfangen. Ein Wunderwerck muß ich allhie under andern / deren vilfältige in diser Histori zu seiner Zeit hernacher erzehlt werden / anmelden.

Es war in dem Hertzogthum Spoleto ein Mann / welcher einen so abscheulichen und gefährlichen Schaden in dem Angesicht hatte / der ime allbereit dz gantze Wang / und ein guten Theyl deß Maul wegk gefressen / unnd verzehrt hatte. Als er aber kein Mittel das ime helfen möchte fande / verlobte er sich gen Rom zu den heyligen Apostlen Petro und Paulo zu verfügen / dieselben umb Fürbitt gegen Gott dem allmächtigen / damit er ihne von einer so langen gefähr- und beschwerlichen Kranckheit erledigte / zu erbitten.

Da er nun sein Verloben erfüllt / unnd wider nach seinem Heimwesen reiset / trifft er unversehens den heyligen Franciscum an / welchem er wegen seines ehrwürdigen Anschawens / unnd Ehrbarkeit der Kleidungen gleich zu Fuß gefallen / und ihme auß sonderer Neigung die Fuß küssen wollen.

Der demütige Diener Christi aber wolt solches nit gestatten / trate hinder sich / und als der Krancke auffgestanden / umbfienge der wahre Nachfolger Christi ihne freundtlich / und kußte ihne in das Angesicht.

Alsbald solches auß wahrhaffter Erbarmung geschehen / unnd der abscheuliche Schaden geküßt worden / ist er von stundan gesund und heyl worden.

Ich kan wahrhafftigklich bey mir nit befinden / welches under disen beyden Stücken mehr zu verwundern seye / die Demütigkeit deß Heyligen / in welcher er ein so abscheulichen Schaden geküßt / oder die Fürtreffligkeit seiner Krafft / inn welcher er so groß Wunderzeichen vollbracht hat.

Es war auch dise grosse Lieb von ihme nit allein gegen den Außsätzigen geübt / sonder auch gegen allen anderen Armen so freigebig erwisen / daß er / damit sie bekleidt wurden / offt halb nackend blibe / und sich selbsten dazu zu geben begerte / sonderlich aber waren ihm die armen Priester angelegen / denen kame er mit grosser Liebe / Andacht / und Ehrerbietung zu Hilff.

Uber diß ware er gar embsig mit der Zier der Kirchen / unnd Altaren / dieselbe kehrete / säuberte / unnd bereitete er mit eigner Hand / damit in und auff solchen der allmächtige Gott mit gebürlicher Ehrerbietung unn Reverentz möchte geehret werden.

Die Armut gedunckte disen fürtrefflichen Heyligen das beste inn diser Welt / dise allein begerte er / unnd truge Neid gegen denen / die er ärmer als sich zu seyn vermeynte.

Dahero als er auff ein Zeit S. Peters Kirchen zu Rom besuchte / unnd under der Thür derselben / ein grosse Menge der Armen sahe / under welchen sich gar ein uberauß Erbärmlicher unnd Ellender befande / ward er zu Erbarmung bewegt / unnd entzündt mit der Liebe der Armut / zoge er seine eigne Kleider ab / legets dem Armen an / unnd nimbt dafür desselben Lumpen.

Erlustigte sich auch so höchlich inn disem Werck / daß er selben gantzen Tag bey den Armen verblibe / erfrewet sich mit höchsten Freuden / zu Trutz diser Welt Glori unnd Herrligkeit der Armut / lernet inn disen und andern dergleichen Wercken der Liebe zuvor zu würcken / als zu underweisen / folgete den wahren Fußstapffen seines Lehrmeisters Jesu Christi / welches Leben und Lehr er den Menschen inn der Practick und Würckung fürgeben und legen solte.

Als eines Tags zu Winter Zeit er sich zu Kirchen bey der Meß gar ubel bekleidt / daß an etlichen Orten der nackend Leib erschine / befande / ersicht ihn seiner Brüder einer / der ohne Gefahr bey demselben Gottsdienst ware / schickt zu ihme / ob er umb ein Real seines Schweiß ihme zu kauffen geben wolte.

Deme gibt der Diener Christi frölich zu Antwort:

Sage ihme meinem Bruder / ich habe ihn allen und wol meinem Herren Christo verkaufft / welches er gar wol mit Wahrheit sagen kondt / weil er sich unablässig in Ubung der Wercken der Liebe gegen dem Nächsten / und Demut übete: Darummen aber die innerliche Conversation mit dem gecreutzigten Christo Jesu nie underlassen / von welcher Besitzung wegen / er in die Einödinen / unnd verborgne stille Örter gienge / daselbst die Zeit im Gebett unnd Zehern verzehrte / auch nimmer ohne Erfindung einer sonderbaren Weiß des Fastens von dannen schide.

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