ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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18.9.2003

12F3108

Die ersten zwei Schüler des hl. Franziskus

Der Cronicken der Minderen Brüder, Konstanz 1603. Cap. 8. S. Bonaventura.

 

Von den ersten zweyen Disciplen deß Vatters S. Francisci.
Cap. 8
S. Bonaventura

Dieweil dann an vil Orten die Tugenten unnd Werck dises herrlichen Dieners Gottes bekant worden / theyls wegen der Wahrheit seiner einfaltigen Lehr / theyls wegen der Heyligkeit seines Lebens / underfiengen sich vil der Edlen / und setzten ihnen für ihme nachzufolgen / und Buß zu würcken.

Der erste war ein reicher und edler Burger von Assisi Bernard Quintavalle genant / wegen seiner Geschickligkeit hoch geachtet. Welcher als er sich begabe zu betrachten die grosse Verenderung deß Lebens deß heyligen Francisci / sein Verachtung der Welt / und daß er mit so großer Standhafftigkeit und Gedult alle Schmachen uberwande / und je mehr er geschmächt / geschändt / und veracht / je mehr Wolgefallen und Wollust er unverendert seines heyligen Fürnemmens empfienge / achtete er (Anm. ETIKA: Bernard) letstlich daß solches anderst nichts als ein Würckung Gottes seyn müßte / name ihm für dessen ein Prob zu haben / nimbt ihne nach vilem und hohem angelegtem Bitt mit sich zum Nachtmal in sein Hauß / unnd als sie zu Tisch gesessen / welcher vil mehr mit geistlichen als leiblichen Speisen erfült ward / hielten sie vil und allerley Gespräch undereinander.

Nach welchem als es Zeit sich zum Schlaff zu begeben wart / führt ihne Bernardus inn ein Kammer / in welcher zwey gute Beth zugericht waren / und legt sich ein jeder inn das seinig so ihme bereit gewesen.

Der listige Bernardus / so was von disem heyligen Mann zu sehen begerte / stellete sich alsbald als schlaff er / als Franciscus diß glaubet / stehet er vom Beth auff / kniet nider / hebt sein Angesicht und Händ gen Himmel / unnd facht (Anm.: fängt) an zu betten / sprechende:

Deus meus, & omnia, mein Gott / der du alles bist / oder / O du mein Gott, in welchem alles das deinig ist / O mein Gott / der du alles mein Guts bist.

(Anm.: Deus meus, et omnia = Gott meiner, und alles)

Dise Wort allein hat der Quintavalle offt von dem heyligen Mann mit uberflüssigen Zehern repetieren (Anm.: überfließenden Zähren, Tränen wiederholen) hören / unn gedunckte in (Anm: und es dünkte ihn) daß sein Geist grossen Trost durch solche empfienge / unangesehen daß er anders nie redete / so von ihme gehört möchte werden.

Dises Gebett wehret biß auff den Morgen / da deß Heyligen Seel verzuckt betrachtende die grosse Gnad / so er von der Allmächtigkeit Gottes empfangen / und wie Gott sich determiniert und entschlossen / sich seiner inn diser Welt (als er durch Revelation schon wißte) gebrauchen wolte.

Und weil er die Wichtigkeit dises Wercks erkante / klaget er sich der Untaugligkeit / unnd Unvermügligkeit solches zu vollführen an.

Darummen er dann unablässig in dem Gebett verharrte / und Gott bate / er wolte das angefangen Werck inn Vollkommenheit bringen / damit er ihme nach seinem Begeren dienen köndte / und sprache:

Du bist mein Gott / und all mein Hoffnung / all meine Stärck / Reichthumb / Leben / Freud / unnd Erfüllung / unnd alles was ich je begeren möchte / unnd besitze / und habe auch anders nichts dann dich. Du hast angefangen mit deinem Segen mich zu begnaden / schaffe O mein lieblichister Herr / daß du inn selber verharrest / und daß mit solcher ich mich zu dem gewünschten End beleite.

Unnd also weil er in der tieffen Betrachtung seiner selbst ware / sich selbst für nicht achtende / warff er sich mit wunderlicher Demut / inn die Arm der Göttlichen Liebe / da er die liebliche Communication unnd Ertheylung der Gnaden Gottes inn seiner Seelen empfande.

Da nun Bernardus dises alles gesehen/ und gehört / dann er ein brinnendes Lampen inn der Kammer gelassen / unnd daß es alles die Wahrheit wäre erkante / alsbald der Tag angebrochen / und der Heylig von dem Gebett auffgestanden / facht er an mit ihme auff nachfolgende Weiß zu reden:

O Francisce ein Diener / welchem sein Herr seines Guts mitgetheylt / daß er zu seinem Nutz unnd Gutem gebrauchen solte / wann er selbiges nit mehr inn seinen Händen zu halten begerte / was solt er thun das ihme zum nutzlichisten wäre.

Deme antwortet der heylig Mann / er solte es dem Herren / von welchem ers empfangen / wider zustellen. Bernardus sagt darauff:

Also muß es wahrhafftig  seyn / und (Anm.: meist mit zwei und zwischendurch mit einem n geschrieben) darumb (O mein Francisce)  will ich die zeitliche Güter / so ich bißher besessen / von wegen deß Herren / der mir sie geben / nach ewerm Gutachten außtheylen / und will euch in disem und allem anderm so ihr mir befehlen werdet / gehorsamen.

Da der Heylige das höret / ward er sehr erfrewet / antwortet und sprach:

Bernarde / dises Werck ist so wichtig / daß von nöhten will seyn / ehe daß man den Anfang mache / man sich zuvor mit dem Herren berahtschlage / unnd innbrünstigklich bitte / daß er uns sein Willen / unnd wie wir denselben vollbringen sollen / offenbare.

Gehen zugleich mit einhelligem Raht S. Niclas Kirchen zu / under Wegen gsellet sich ein Thumbherr / welcher auch ein Begird hätte dem Heyligen nachzufolgen / und Herr Peter Catanius genant war / zu ihnen.

Als sie inn die Kirchen kamen / die Meß gehört / unnd ihr Gebett verrichtet / nahet sich der heylig Franciscus zu dem Priester / bate ihne er solte das heylig Creutzzeichen uber das Meßbuch machen / unnd es folgendts auffzuthun: welchem der Priester willfahret / und als ers auffthät / fand er das Evangelium Matthaei am 19. Cap. welches da sagt:

Wilt du vollkommen seyn / so gehe verkauff was du hast / und gibs den Armen / dann also wirst du ein Schatz samblen in den Himlen.

Von disem Rath wurde der Heylig höchlich erfrewet / und danckete seinem Herren / und als ein vollkomner Diener der heyligen Dreyfaltigkeit /  begerte er von Gott er wolte sein angefangne Regel durch drey Zeugnussen confirmieren / thut das Buch wider auff / findet das Evangelkium Matthaei am 10. Cap. welches sagt:

Wenn ihr uber Landt reiset / solt ihr nichts mit euch tragen / weder Gelt noch zwen Röck / noch Schuch oder Stab / etc.

Und da er diß andermal auch confirmirt ward / that er das Buch zum dritten mal auff / fande eben Matthaeum am 16. Cap. sagende:

Welcher mir nachfolgen will / verlaugne sích selbsten / nemm sein Creutz auff sich / unnd folge mir nach.

Alsbald wendet er sich gegen beyden Gesellen / und spricht:

Ihr meine lieben Brüder / habt jetzt unser Regel angehört / und aller deren die zu uns kommen wöllen / derhalben wann ihr begert vollkommen zu werden / ist von nöhten / daß ihr das in das Werck richtet / so ihr an jetzo gehört habend.

Darauff alsbald ist der Quintavalle von ihme gescheiden / das seinig alles verkaufft / daß er auch nichts für sich behalten / unnd den Armen außgetheylt / ward also würdig der Göttlichen Berueffung / unnd dardurch daß er der Erstgeborn deß heyligen Francisci worden / verdient.

Gleicher Weiß thate hernach der Thumbherr / auffgabe das Canonicat / unnd was ihme verblibe / theylet er auß under die Armen / unnd war auch würdig dises heyligen Vatters Sohn zu seyn. Deßwegen er dann ihnen beyden den 16. Aprill deß 1206. Jars seinen Habit mitgetheylt und geben.

Welches wegen dann etliche wöllen / daß auff disen Tag der Orden der Minderen Brüder den Anfang genommen / weil das Wörtlein (Orden) nichts anders bedeute / dann ein Versamblung unnd zu samen Vereinigung etlicher Personen.

Mit diesen zweyen Disciplen zoge der heylige Mann von Assisi hinwegk / an ein verborgen einöd Ort / daselbsten übet er sie inn Armut / Demut / und dem Gebett / welche da seyn die wahre Bases oder Grundvesten der Religion.

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