ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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30.9.2003 – 10.7.2007

12F3109

Wie Bruder Egidius der dritte Schüler wurde

Der Cronicken der Minderen Brüder, Konstanz 1603. Toledo und Saragoza 1563, Konstanz 1603. Cap. 9.

 

Wie Bruder Egidius der dritte Discipel deß heyligen Francisci worden / unnd wie dem Heyligen geoffenbaret ward / daß ihme und allen Gesellen ihre Sünd verzigen worden / und daß sie in ein große Zahl wachsen solten.
Cap. 9.
S. Bonaventura

 

Diser zweyen Jüngern Zahl wurde gemehret durch den dritten / mit Namen Egidius von Assisi / der was nit in der Statt / da Bernardus und der Canonicus ihrer Gut verkaufft / unnd den Armen geben / damit sie dem heyligen Francisco nachfolgen möchten.

Als er aber anheimsch kommen / und von seinen Eltern die Resolution der beyden seiner guten Freunden mit menigklichs Verwunderung verstanden / hat er sich gleichfalls entschlossen / neben inen dem Herren zu dienen / zeucht von den Freunden / begibt sich zu dem Gebett / ruefft ernstlich zu Gott / und bittet er wölle ihne würdig machen / seinen Diener Franciscum anzutreffen.

Alte Cronicken

Da er das Gebett vollendet / komt er wunderlicher Weiß inn kleiner Zeit an den Ort / da die drey wahrhaffte Verachter der Welt waren.

Alsbald ihne der Heylig ersicht / gehet er eylendst ihne zu umbfahen entgegen. Egidius aber als der sich diser Freundligkeit unwürdig schetzte / falt ihme zu Fuß / unnd begert mit uberflüssigen Zehern / er wölle ihne inn sein Gesellschaft auffnemmen.

Der heylige Vatter als er den Eyffer / Demut / Glauben / und Andacht diser so herrlichen Person gesehen / antwortet ihm / und sagt:

Allerliebster Bruder / erkennend die grosse Barmhertzigkeit Gottes / die er euch erzeigt / in dem daß er euch heut zu seinem Diener auffnimbt:

facht an ihne zu trösten / und zu ermahnen / damit er inn der Berueffung / inn welcher er von Gott gefordert / standhafft verbleiben solte. Führt ihn da die andern Gesellen waren / und spricht  zu inen:

Heut hat uns der Herr einen guten Bruder geben.

Die Gesellen lauffen ihne zu umbfahen / erfreweten sich seiner versicherten Wolfahrt / begeben sich sammetlich zum Gebett / und folgendts zu dem Mittagessen.

Nach solchem nimbt der heylig Franciscus Egidium mit sich / wolte ihn gen Assisi ein Habit anmachen zu lassen führen / under Wegs begegnet inen ein gar arm und ellend Weibsbild / begert von ihnen das Allmusen: Als er aber nichts zu geben hat / kehrt er sich mit frölichem Angesicht gegen dem Egidio / unnd spricht:

Laß uns liebster Bruder diser armen Frawen umb Gottes willen dein Kappen oder Mantel geben.

Egidius ist mit so fertigem Hetzen dem heyligen Vatter gehorsam / daß ihn dunckte er sehe dises Allmusen (weil sein Freud so groß) gleich alsbald in den Himmel auffliegen.

Also an deß heyligen Ritters S. Georgen Tag / acht Tag nach den andern zweyen Disciplen name Egidius den Habit an / gabe alles das seinig den Armen / unnd erlangtet also die dritte Stell / wahrhafftig ein Mann Gottes / und ewiger Memori würdig / durch Ubung der Tugenten leuchtend / und (wie Franciscus vorhergesagt hat) rühmlich / und ob er gleichwol einfältig / und nit gelehrt / ward er doch dermassen erhöcht / inn die höchsten Güpffel der allerhöchsten Betrachtungen / daß von ihme wol gesagt mögen werden / er lebte mehr ein englisch dann menschlich Leben / wie wir in seiner Histori anzeigen werden.

Ein kleine Zeit hernach werden durch Würckung deß heyligen Geistes drey andere Discipel dem heyligen Francisco zugethan / waren also mit ihrem Vatter an der Zahl siben / aber in dem Willen nur einer.

Auß welchem damit er doch einen Anfang zu der Andacht machte / befilcht der Vatter / daß sie zu jeder Stund deß Herren / außgenommen bey der Meß / solten drey Vater unser betten.

Und sagete hernach Bruder Egidius die Ursach / daß er ihnen so ein kurtz Gebett aufferlegt / seye gewesen / daß der Heylig nit wolte / daß ihre Andacht solte durch Zwang deß Gebetts gehindert werden / sonder daß in einem jeden solten auß Eyffer der Andacht das Gebett und gutes Werck selbsten auffgehen.

Als nun der heylige Vatter sambt seinen Gesellen mit embsigem Gebett und Abstinentz in dieser Wüste lebet / und eines Tags an ein verborgen Ort weit von den andern zu betten sich begabe / unnd sein vergangen Leben / welches zwar nit ohne Schuld ware / mit grosser Bitterkeit seines Gemüts beweinte / unnd von Gott dem allmächtigen nit allein für sich selbsten / sonder auch seine Mitgesellen umb Gnad unnd Verzeyhung bate / wirdt er von dem heyligen Geist mit sonderm Trost erfüllt / unnd versichert / daß sein Gebett erhört / ihme unnd seinen Gesellen völliger Ablas und Verzeyhung aller irer Sünden biß auff den eussersten Quadranten gegeben worden.

Zu einem Zeichen desselbigen wirt er alsbald verzuckt / unnd mit einem wunderlichen Glantz umgeben / inn welchem als er das Gemüt erwecket / empfund er augenscheinlich alles das / so der Herr inn ihme und seinen Gesellen gewürckt hätte.

Dahero als ime der Willen Gottes bekant / und er sein einfältige Gesellschaft freudig zu machen begerte / sprache er ihnen zu / sie solten ihnen / weil ihrer so wenig nit förchten / sonder freydig iund behertzt sich erzeigen:

Dann also ihme Gott der Herr an jetzo offenbaret / wurden sie inn grosse Anzahl erwachsen / unnd unangesehen seiner und ihrer Einfalt / wunderliche Werck in diser Welt verrichten / und nach denselben / durch die Gnad Christi das ewige Vatterland erlangen. Von welcher seiner Ermahnung alle seine Brüder mächtig gestärckt unn erfrewt worden.

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