ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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11.7.2007

12F3110

Wie Franziskus anfing, seine Brüder in die Welt auszuschicken

Der Cronicken der Minderen Brüder, Konstanz 1603. Toledo und Saragoza 1563, Konstanz 1603. Cap. 10

 

Wie der heylig Franciscus anfienge seine Brüder inn die Welt außzuschicken / was ihnen auff der Reiß begegnet / und wie er sie so wunderlich wider versamblet hat
Cap. 10.
Fioreto.

Zu diser Zeit gienge noch ein anderer fürnemmer Mann in den Orden / und also deß heyligen Vatters Brüder und Mitgenossen siben worden.

Solche beruefft er zu sammen / fienge an mit ihnen zu reden von dem Reich Gottes / Verachtung der Welt / von Verläugnung deß eignen Willens / und Ertödtung deß Fleischs / eröffnet ihnen sein Meynung und Fürnemmen / nemblich dass sie sich theylen / unnd gegen den vier Orten der Welt außreisen solten.

Dann weil er sich an der wenigen Zahl der Jünger / so bißher sein geringe und arme Einfalt inn dem Herren erworben / nit begnügt / begerte er in ime die gantze Gemein seiner Glaubigen zu generieren / und zu Beweinung und Schmertzen der heyligen Buß zu rueffen:

Unnd damit er solches inn das Werck richtet / befilcht er seinen liebsten Kindern / sie solten sich fertig machen zu gehen der Welt den Friden zu verkünden / und die Buß zu Verzeyhung der Sünden zu predigen / sprechend:

·        Seyt gedultig die Trübsal zu uberwinden / wachend inn dem Gebett / seyt starck in der Arbeit / in der Red züchtig / inn dem Wandel ehrbar / und in den Wolthaten danckbar: Dann wann ihr also handlet / wirdt euch das Himmelreich bereit seyn.

Als die geliebsten Discipel dise so heylige Erinnerung und Ermahnung gehört / geselten sie sich voller deß heyligen Geists und Begird / ihrem Hirten inn einem solchem Werck / zu dem Heyl der Menschen zu gehorsamen / zwen und zwen zu sammen / legten sich alle siben zu deß heyligen (sic) Füssen / welchen sie als ihren rechten Vatter ehreten / unnd begerten sein heylige Benediction.

Er aber hiesse sie auffstehen / unnd als er sie mit vätterlicher Liebe umbfangen / gibt er inen den Segen deß Vatters der Barmhertzigkeit / sagte zu jedem under ihnen dise deß Propheten Davids Wort (Psal. 54.):

Wirffe dein Anligen auf den Herren / der wirdt dich versorgen / (etc.) welche Wort er allzeit allen seinen Brüdern / wann er sie under der Gehorsame außsante / vorsagte.

Und weil er erwegen / daß er als zu einem Exempel der Welt gegeben worden / und zuvor das jenig so er andere underweisen wolte / selbst würcken müßte / nimbt er einen under den sibnen zu ihme / begert Erlaubnus von den anderen / theylen sie sich Creutzweiß / das ist / zwen gegen Auffgang / zwen gegen Niedergang / zwen gegen Mittag / und zwen gegen Mitnacht / zeucht ein jeder mit seinem Gesellen /  seinem fürgenomnen Weg nach / reich und wol bekleidet mit den Gnaden Gottes / aber zerrissen im Gewand / umbgürtet / barfuß / und nit vil minder als nackend / alles zeitlichen Guts beraubt / unnd predigten durch die Welt / mehr durch die Werck als durch Wort / mit dem Exempel der Demut / Gedult / unnd Armut:

·        Es mangleten ihnen auch allerley Mühseligkeiten und Betrübnussen nit / inn welchen sie an vilen Orten / unnd von vilen angefochten worden. (Anmerkung ETIKA: das Los aktiver Christen)

Und weil wir in Schrifften befinden was zweyen under ihnen widerfahren / könden wir darauß schliessen / was den andern begegnet seye.

Die Reiß gegen Niedergang (Anmerkung: Westen) / traffe den Bruder Bernardum Quintavalle. Als derselb gen Florentz mit seinem Gesellen kame / und nit wißte (weil es Nacht war) wo er herbergen solte / lägerten sie sich under das Tach eines Hauß / weil sie der Herr desselben nit beherbergen wolte / und sie wegen der ungewohnlichen unnd unbekanten Bekleidung / für heyllose Leut und Dieb hielte / daselbst bliben sie die gantze Nacht / erlitten uberauß grosse Kälte (Anmerkung: schon damals Verwirrung bezüglich s, ß und ss) / ja erfruren schier gar / weil es zu gröster Winterszeit war / lobten und dancketen Gott darneben unauffhörlich.

Deß Morgens in alle Frü gehen sie der Kirchen zu / hören daselbst die Meß / und betten andächtigklich.

Das Weib und Fraw deß Haus / da sie uber Nacht gelegen waren / befande sich auch bey diser Meß / unnd als sie selbige für diejenigen so weder sie noch ihr Haußwirth beherbergen wöllen erkent / sprache sie in ihr selbsten:

Wahrlich das seynd nit Dieb / wie sie mein Haußwirth geschetzt / sonder duncken mich heylige Leut zu seyn.

Under dessen wurden sie von menigklich wegen Ungewohnheit ihrer Bekleidung angesehen / und solches umb so vil mehr / weil einer der Umbstehenden sich zu ihnen nahet / unnd begert ihnen das Allmusen durch Gottes willen inn Gelt zu geben / sie aber nit annemmen wolten.

Dannenhero weil sie umm Christi willen wahre Arme erkent warden / erlanget der Mann und Fraw / so sie zuvor nit beherbergen wöllen / mit grossem Bitt / daß sie mit ihnen zu Hauß giengen / wurden durch sie mächtig erbawet  so wol durch das Exempel ihres heyligen Lebens / als durch die heylige Wort / mit welchen sie für ihre Seelen Guts zu würcken underwisen worden: seynd also wider von ihnen gescheiden.

Es war aber dise rauhe Nacht so die da uberstanden / ein kleins gegen dem so ihnen an andern Orten begegnet / da sie von vilen geschmächt unnd gescholten / auch wegen Ungewohnheit deß Habits / und Strenge deß Lebens für Narren gehalten / unnd ubel tractiert worden / etliche verspotteten sie / etliche wurffen ihnen Kot zu / etlich zuhen sie bey den Kappen / und etliche machten ihnen die Buben mit Geschrey nachlauffen.

Welcher Verletzungen und Schmach nit allein von der Boßheit der Menschen / sonder auch von den Listen deß Teuffels / welcher sie durch dise Mittel vermeynte zu erschrecken / unnd von ihrem heyligen Fürnemmen abzutreiben / herflussen.

Aber sie / bewaffnet mit der Gnad unn Gedult Christi / litten nit allein Hunger / Frost / unnd Schmach gedultig / waren daran nie verdrüssig / sagten kein böß Wort gegen den Verfolgern / sonder hielten das Leiden der Verfolgung für ein grossen Schatz / betteten allzeit für sie.

Welches als es von vilen betrachtet / und ir heyliges Leben erkant / hätten sie grosse Rew / giengen zu ihnen als zu heyligen Leuten / unnd begerten demütigklich Verzeyhung.

Solcher Krafft ist die Tugent / ob sie wol ein Zeit veracht und undertruckt / uberwindet sie doch letstlich / und zertrittet die Welt.

S. Ant.

Da nun ein zimliche Zeit fürüber / unnd der heylige mitleidenliche Vatter seiner Kinder Abwesen nit länger erdulden möchte / kame ihne ein grosse Begird an selbige wider zu sehen: getrawete ihme aber solches / weil sie weit von einander zerstrewet waren (ohne die Hilff Gottes) nit zu wegen zu bringen. Begibt er sich derhalben zu dem Gebett / und bittet zu Gott / er wolte mit gleicher Macht unnd Gewalt /  wie er die zerstreweten Israeliten zusammen gebracht / also auch seine liebsten Brüder widerumben versamblen.

Also wurde wunderlicher Weiß sein Gebett erhört / unnd in kleiner Zeit / ohne einigen Fleiß / oder menschliche Fürsichtigkeit die Brüder / wie er begert / zu sammen kommen / nit ohne Verwunderung der Brüder / einer so grossen Anschickung Gottes. Wurden alle von dem heyligen Vatter mit Freuden empfangen / fiengen an under ihnen zu reden / was ihnen begegnet / unnd was sie under den Glaubigen hätten außgericht.

Alte Chronicken.

Auff dise Weiß fiengen dise newe Apostel an sich inn dem Dienst deß Herren zu üben / und seiner heyligen Discipel Fußstapffen nachzufolgen.

Zu dieser Zeit kamen noch 4 andere ehrliche Edelleut in ihr Gesellschafft / also daß ihrer nun mehr eilff also genant waren / B. Bernard Quintavalle / B. Petrus Catanius / B. Egidius von Assisi / B. Sabadinus / B. Morico Picciolo / B. Jo. Capella / B. Philippus Longus / B. Jo. von S. Costantzo / B. Barbaro / B. Bernard von Veridante / und B. Angelus Tancredi von Riete.

 

Anmerkung 1: statt berüfft schreiben wir beruefft, weil leichter verständlich, zum Beispiel für Schwaben und Tiroler; man erkennt, wie das ü entstanden ist, auf dem u war nämlich ein kleines e (kommt uns vor)

Anmerkung: Als eine Christin im Juli 2007 in einem Leserbrief die schamlose Mode anprangerte, antwortete jemand: „Selten so gelacht“. Mehr dazu später in dem Fortsetzungsband „Die kommende Gerechtigkeit“.

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