ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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8.10.2013

12F31100

Wohin? Dreh dich! Nach Siena

Der Cronicken der Minderen Brüder, Konstanz 1603. I, Cap. 100, S.321-323

Von anderen dergleichen prophetischen Sachen.
Cap. 100. S. Bonaventura.

Ein Ordensbruder von dem Teuffel betrogen / hat sich under dem Schein vollkomner zu werden / auß dem Orden begeben / unnd ein Bilger worden.

Als er aber hin und her vil Fehl und Mängel befunden / erkent er sein Irrthumb / eylet dem heyligen Mann zu.

Als ihne derselbig gesehen / versperret er sich in der Zell / mit aller der anderen Brüder grossem Verwunderen / darumb daß er gegen denen so Rew ihrer Sünden trugen / unnd ihr Zuflucht bey ime suchten / sich allzeit gütig zu erzeigen pflegte.

Als es ihne aber Zeit gedunckt / und herauß gangen / fragten die Brüder / warumben er sich eingesperrt hätte. Denen antwortet er / wie daß er den Waffen seines Gebetts zugeloffen / disem Bruder zu helffen / und ihne auß den Händen deß Teuffels / welcher ob ihme wäre / zu erretten / und hätte also den Sig erhalten: wendet sich zu dem Bruder / unnd sagt:

Unser Herr und Gott hat dir verzygen / aber habe Acht / daß dich der Teuffel nit mehr under dem Schein einer anderen Heyligkeit betriegen / und dich von deiner wahren Mutter / durch einicherley andere Stieffmüter mache abscheiden.

Dises hielte der Bruder fleissig unnd vollkommenlich / weil er die Zeit seines Lebens allda verharret.

Alte Cronicken.

Als der heylige Vatter Franciscus durch Toscanam reisete / gienge ihme Bruder Maseus sein Gesell den Weg zu erkundigen / ein wenig vor / und als er zu einer Abtheylung der Strassen / dardurch man nacher Florentz / Senis / und Arezo reißte / kommen / fragt er den Vatter / welchen Weg er wandlen wolte.

Er sagt: Disen so der Herr wirdt zeigen. Der Bruder spricht: Wie wirt uns der Herr in deme sein Willen offenbaren? Durch dich / spricht der heylig Vatter: befilcht ihme bey der Gehorsame / er solte sich in einem Ring umbdrehen / und nit nachlassen / biß er ihme stillzustehen befahle.

Bruder Maseus war nit weniger fertig zu gehorsamen / als er zu befehlen / drehet sich so offtermalen umb / daß er vil malen / wegen Schwindel deß Haubts / zu Boden fiele / liesse nit nach / obwol vil Personen so allda fürgiengen / sich stelten / und ihme als einem Narren zusahen / und ihne verspotteten / biß ihme der heylig Vatter mit heller Stimm stillzuhalten befahle.

Als er gestanden / fragt er ihne wohin er das Angesicht gericht. / Er antwort / auff Senis (Siena) zu.

So laß uns (sagt der heylig Vatter) auff Senis zu reisen.

Als sie dahin kommen / gehen ihnen der meiste Theyl der Herren und Edelleut entgegen / begleiten sie mit sonderer Andacht inn deß Bischoffs Wohnung / an welchem Ort der heylige Vatter Franciscus mit Gelegenheit zweyer / so von burgerlicher Auffruhr wegen gleich selbig mal umgebracht worden / geprediget / unnd so vil gehandlet / daß er vor seinem Verreisen / alles wider befridiget / unnd vereinbart.

Durch welches mehr Göttlich dann menschlich Werck / (in welchem der Will deß Herren / daß er dahin reisen solte / erkant) der Heylige mit der unträglichen Burde deß menschlichen Lobs beladen / solches nit mehr erdulden möchte / sich derhalben eines Tags / ohne einiges Anmelden / von dannen begeben.

Bruder Maseus aber der ihme nachfolget / war der Unhöffligkeit / daß er also unbegrüßt von dem Bischoff abgescheiden / ubel zu friden / unn brumblet bey sich selbsten / daß er ine den vorigen Tag also wie ein Thoren ummdrehen lassen.

Alsbaldt aber erkennet er den Betrug deß Feinds / strafft sich höchlich / und sagt: Weil er so vermessen gewesen / den Heyligen zu urtheylen / wäre er werth der Höllen / als ein Widerwertiger der Göttlichen Wercken / die durch ihne als einen wahrhafften Engel deß lebendigen Gottes gewürckt wurden / klagt sich auff solche und dergleichen andere Weiß selbsten an / untzt der heylig Vatter sich umbwendet und saget:

Fahre nur fort mein Bruder Masee / dann diser dein letster Discurs ist so wol Göttlich / als der erste teufflisch.

Bruder Maseus demütiget sich je länger je mehr / je mehr er die offentliche Heyligkeit seines Vatters ansahe.

Ein anderer Ordensbruder begerte höchlich mit dem heyligen Vatter zu conversieren / besorgte jedoch seiner Unvollkommenheit halber ihne zu beleydigen / und durch Verletzung der Eynigkeit seiner Seelen / sein Huld unnd Gunst gantz und gar zu verlieren / enthielte sich derhalben dessen.

Diese Gedancken werden dem Heyligen geoffenbart / laßt ihne eines Tages berüffen / und sagt:

Bruder ich weiß daß du begerst mit mir zu conversieren / rede kecklich / und komme zu mir wann es dir gefällig: tröstet also disen seinen Sohn / und versichert ihne / daß er desto mehr Liebe zu seinem heyligen Vatter getragen.

Die Sachen inn welchen der prophetische Geist deß heyligen Vatters Francisci sich gegen menigklich geoffenbaret / seynd unendtlich: derhalben wann wir noch zwo oder drey erzehlt werden haben / wöllen wirs bey solchem so wir inn den Schrifften befunden / beruhen lassen / die uberigen aber Gott / der sie weißt / befehlen.

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