ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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18.10.2013

12F31101

Franziskus setzt Generalvikar ein und verbietet dem Toten Wunder

Der Cronicken der Minderen Brüder, Konstanz 1603. I, Cap. 101, S. 326-329

Wie der heylige Vatter Franciscus seinen Brüderen das General Ambt ubergeben /
und an seiner Statt ein General Vicarium eingesetzt.
Cap. 101. Fioretti.

DIser heylige gebenedeyte Vatter ware so eyfferig inn der Gehorsame / und sonderlich uber alles inn seiner heyligisten Demut / daß nit wol müglich / daß er sich andern zu befehlen disponieren kondte / verbrachte mit grossem Unwillen die Sachen eines so grossen Lasts und Sorgtragung so vil tausent Brüderen / als ihnen zu befehlen / sie zu reprehendieren / warnen / corrigieren / Gesatz geben / und die Hinlässigen straffen / entschlusse sich derhalben letstlich das Generalat auffzugeben / so wol nachfolgender Ursachen wegen / als daß er seine Kinder desto besser mit dem Exempel der Gehorsame underrichten köndte / und er sich allezeit kranck unnd schwach befende / und klarlich sehe / daß er einem solchen Ambt nit nohtwendigklich vorstehen möchte.

Wolte wegen Behaltung deß Leibs / die Strenge der Buß nit underlassen / bewilligte vil mehr kranck zu seyn / dann inn dem wenigisten Anligen zu minderen / unnd zu heylen / (ein genugsame Ursach sich auß jeder dergleichen schweren Burde zu schützen)

Unnd derhalben bey dem General Capitel / welches zwey Jar zuvor / ehe daß er die heyligiste Wundenmaal von dem Herren empfangen / gehalten warde / das General Ambt offentlich mit grossem Hertzenleyd aller Brüder auffgeben / welche weil sie nit bewilligen wolten / daß bey seinen Lebzeiten ein anderer mit dem Tittel eines Generals solte erkieset werden / ward der heylige Vatter gezwungen / einen General Vicarium / welcher inn seinem Namen regieren solte / zu erwehlen.

Hat also Bruder Petrum Catanium / sein inn der Religion Andergebornen /  darzu deputiert und verordnet / einen Mann grosser Weißheit / Dapfferkeit / und zu dem Regieren verdienstlichen und taugentlichen / welchem der heylige Vatter anfängklich / unnd einem jeden / den er ime zu einem Guardian verordnen wurde / zu gehorsamen verlobet und versprochen.

Als seine Brüder solches hörten und sahen / gedunckt sie ohne das Regiment ihres geliebten Vatters gleichsam als die verlassen Schäfflein zu verbleiben / welcher / als er sie nach seinem besten Vermügen getröst / mit auffgereckten Augen unnd Händen gesagt:

Ich befihle dir O Herr / dises Haußgesind / so du mir bißher anbefohlen / unnd ich an jetzo wegen meiner Kranckheiten / unnd anderen Verhinderungen / und billichen Ursachen / welche dir Herr wol bewißt / neben meinem Ambt dem General / unnd anderen Provincialen auffgeben / welche an dem Tag deß letsten Gerichts vor dir umb alle die jenige / so durch ihre Vorlässigkeit / oder böses Exempel zu Grund gehen werden / grosse Rechenschafft thun müssen.

Der Gestalt hat der heylige Franciscus biß zu dem Tag seines Todts allezeit underwürffig zu seyn verharret / und durch Demut uberwunden / ob er gleichwol darneben dem Orden durch allerley Mittel zu helffen (weil diser Vicarius was weniger als zwey Jar gelebt / unn bey S. Maria der Engel inn Abwesen deß heyligen Francisci gestorben) nit underlassen.

Alsbald diser begraben / facht der Leib dermassen an Wunderzeichen zu würcken / daß unzahlbare Menge deß Volcks dahin luffe / und dem Kloster grosses Allmusen alldorten liesse.

Als aber der heylige Vatter dahin kame / und wieder das ein oder das ander gestatten wolte / das erst von wegen gemeiner Unruh / das ander wegen Ermilterung der Regel / so wegen deß reichen Allmusens geschehen möchte / vorsahe / gehet er dem Grab zu / unnd sagt:

Mein allerliebster Bruder / gleich wie du inn der Welt allen meinen Gebotten gehorsamet / also ist es von nöhten / daß du jetzunder (weil wir durch dein Fürbitt von so vilem Volck beunrühiget werden) mir auch also todter gehorsamest: Befihle dir derhalben bey der Gehorsame / daß du hinfüro keine Wunderzeichen mehr würckest / weil wir inn großer Gefahr unsers Verderbens stehen.

Auff dises Gebott und Befelch (ein wunder Ding) laßt Bruder Peter Wunder zu würcken alsbald nach / so hoch unnd groß war die Krafft unnd Gewalt der heyligen Gehorsame / in einem frommen und gerechten Praelaten / unnd Underthanen / daß sich sein Gewalt nit allein auff Erden und im Leben / sonder auch inn dem Himmel / unnd Todt erzeigt / unnd durch solche die Glori und Hochheit der Wunderzeichen / welche die Ehr deß lebendigen Gottes erhöhen / und außkunden / sich endet.

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