ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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22.10.2013

12F31101A

Franziskus setzt Generalvikar Elias ein – Streit im Orden

Der Cronicken der Minderen Brüder, Konstanz 1603. I, Cap. 101A, S. 329-335

Wie der heylig Franciscus den andern seinen General Vicarium eingesetzt.
Nach Cap. 101.

Als die Wunderzeichen deß Bruders Petri der Gestalt nachgelassen / erwehlte der heylige Franciscus mit der anderen Ministren Gutachten / zu seinem General Vicarien / an Bruder Peters Statt Bruder Heliam / einen Mann hoher Weißheit / und Wolbelesenheit: darumben er dann nit allein von den Brüderen / sonder auch den Weltlichen / Praelaten / und Fürsten hoch respectiert und angesehen war / diser hat so lang der heylige Franciscus gelebt / guberniert / welchen auch der heylige Vatter umb mehrer Ehrerbietung willen / ob ers wol nit war / und die Brüder bey Lebzeiten deß heyligen Vatters / wie oben gesagt / keinen anderen als ihn zu haben bewilligen wolten / General Ministrum allezeit genent / welche Ehr als Bruder Helias ihme selbst / und nit Gott zumasse / unn sein Weißheit der Welt nach gar närrisch gebrauchte / und also inn der Hoffart sich erhebte / ward er inn die eusserste Armut diser Welt gefellet / unnd doch die ewige Straff durch grosse Barmhertzigkeit des heyligen Vatters aufgeschoben / wie hernach zu sehen.

ALs der heylig Vatter Franciscus mit vilen seiner Brüderen zu Tisch sasse / nimbt er etliche der Fürtrefflichisten inn der Demut unnd Einfalt / so zu nächst bey ihme sassen / bey der Hand / wendet sich zu Bruder Helias / und sagt / er solte seines Gefallens die Gelehrten und Edlen / so da waren / ehren.

Bruder Helias entwortet aller auffgeblasen / und spricht:

O Bruder Francisce / ich zweiffle nit / du werdest mit deiner Einfalt unnd Nichtigkeit disen Orden noch gar zu Verderben richten.

Der heylig Vatter (mehr seines Heyls als seiner selbsten eyfferig) antwortet voller deß heyligen Geists:

O du Armseliger / dise deine Hoffart / und hochtragender Kopff / von welchem du dich nit abwenden wilt lassen / wirdt verursachen / daß du ausser deß Ordens bey Keyser Fridrichen dem anderen (Anmerkung: Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen) gestorben.

Noch ein andermal hat der heylige Vatter von disem auff ein folgende Weiß prophetiziert: Eines mals ward Bruder Helias bey dem Thor deß Klosters durch einen / welcher sich einen Engel von Gott zu ihme gesandt zu seyn fürgabe / beruffen.

Der Portner zeigt ihm alsbald diß an / es wäre ein Engel in menschlicher Gestalt vor dem Thor / der sein begerte / und auff ihn wartet: als er aber gedachte was es seyn möchte / enthaltet er sich ein Zeit / doch zuletst gehet er hinauß.

Der Engel haltet ihme für das Dubium: Ob den Verkünderen deß Evangelii (geschrieben Evangelij) alles das jenig / so ihnen für gesetzt wurde / zu essen vergont oder erlaubt wäre.

Von disem Dubio wirdt er gar confundiert / (dieweil er ihme fürgenommen / ein newes Gesatz / nemblich daß die Brüder kein Fleisch nießen solten / wider ihre erste heylige Regel / inn den Orden einzuführen) schlacht derhalben inn grossem Zorn dem Engel die Thür vor der Nasen zu / und gehet in das Kloster.

Als dises dem heyligen Vatter angezeigt / stehet er eylendts von dem Gebett auff / unnd gehet disem seinem Vicario zu / und sagt:

Du hast gar ubel gethan / (Bruder Helia) daß du die Thür vor den Englen / wann sie Gott uns zu underweisen schicket / gesperrt und zugethan hast / derhalben sage ich dir für gewiß / daß es unmüglich daß du (wegen deiner Hoffart) inn dem Orden beharren mögest /

und das sagt er / weil ihme solches / ja noch ärgers / daß er verdambt solte werden / zuvor von Gott geoffenbaret ware / führt ihme solches offtermals zu Hertzen / daß er gleich ihne nit mehr ansehen möchte.

Nit lang stehet es an / Bruder Helias nimbt solches wahr / befleißt und bearbeitet sich als der listig unnd abgeführt / durch sondere Demut und Importunitet so vil / daß er ihme dises alles eröffnet / von welchem er ein so grosses Grausen und Schrecken empfangen / daß er den heyligen Vatter mit uberflüssigen Zeheren umb Verzeyhung bate / und nit nachliesse zu begeren / er wolte / dieweil er noch sein Schäfflein / ihne umb deß Leidens Christi willen an jetzo / nit verlassen / sonder als ein guter Hirt zu dem wahren Schaffstall führen / und von dem ewigen Todt erlösen / allegiert ihme der Herr könde die Urtheyl / wann der Sünder sein Leben bessere / wol wider wenden / unnd enderen / sagte: (Gregor.)

Vatter ich hab so vil Glauben unnd Andacht gegen euch / daß wann ich schon inn der Hölle wäre / unnd ihr für mich bettet / wurde ich darauß entlediget: Derhalben ich an jetzo nit zweiffle / wann ihr bey Gott dem allmächtigen für mich bittet / so wirt er den Sententz gewißlich widerrüffen / und enderen.

Von disen Begeren unnd Flehen wirdt der heylige Vatter bewegt / kann denselben letstlich so vil nit widersprechen / unnd widerstehen / daß er sich nit mit grosser Innbrünstigkeit inn die Arm deß Herrn warffe / und für dise (allbereit verlorne Seel) bettet / unnd so lang darinn verharret / biß ihme der Herr antwortet / und vermeldet / er solte uber seine Sünd Buß würcken / so wurd er nit verdambt werden.

Was aber (daß er ausser deß Ordens sterben solte) anbelangte / köndte er ihme nit willfahren.

Dises geschahe also: dann er außer deß Ordens / gleichwol mit vilen Anzeigungen wahrer Rew / unnd wie etlich wöllen / auch in dem Habit gestorben.

ALs der heylige Vatter von einem anderen Bruder seinem guten Freund gebetten worden / er solte ihme anzeigen / was ihne bewegt daß er die Ubergab deß Generalats gethan / und in andere Händ / als wann sie nit dise Kinder so durch ihne erschaffen / erhalten / unnd underwisen worden / geliffert / antwortet er / unnd sagt:

Wisse Sohn / daß ich euch alle mehr / als kein Mensch außsprechen kan / liebe / und wann ihr alle meiner Meynung nachfolgeten / wurde ich euch noch mehr lieben / unnd mich nit von ewer Sorgtragung begeben haben: ich bin aber gezwungen worden /mich gleich bald darvon zu begeben / dann es seynd ihro vil / die mehr ihrer Praelaten Meynungen nachfolgen / von welchen sie zu anderen Sachen mit dem Exempel der Alten / so meiner Regel gar zu wider / geleitet werden / schetzen unnd achten meine Ermahnungen gering / von welchen doch letstlich der Irrthumb augenscheinlich gesehen wirdt werden.

Als er eines mals mit seiner Kranckheit beladen / etliche von obgeschribnen Sachen hörte reden / unnd sonderlich von den Praelaten / die durch ihre Freygebigkeit ihren Anbefohlnen böses Exempel (r )trügen / erhebt er den Kopff und sagt mit heller Stimm:

O wehe bedeckt mich / bedeckt mich / wer seynd dise / so meine Brüder von meinem Orden / von meinem Weg / unnd von meinen Gebräuchen abführen? Wenn ich einmal zu dem Capitel komme / will ich meinen Brüderen / was mein Begird / und Meynung seye / (auff daß sie nit betrogen werden) anzeigen.

Ein andermal als er noch kranck ware / sagt ihme einer:

O wehe Vatter / unser Regel hat sich vor disem allzeit beflissen / inn Armut unnd Mangel zu leben / arm inn der Kleidung / inn dem Essen / Wohnung / Haußrat / Bücheren / unnd inn allen Noturfften deß Leibs / ohne weiters Nachgedencken / von welcher (gleichwol eusserlichen) Armut die innerlichen Sachen von Tag zu Tag sich zu Besserung schickten / dann wir alle waren eines Willens unnd Eyffers / unnd in Haltung unser Regel / und dem Nächsten ein gut Exempel vorzutragen gar sorgfältig / und in allem so vollkommenlich als müglich / das Evangelium zu halten:

Aber an jetzo ein kleine Zeit her scheint es / als ob die Reynigkeit unser ersten Berüffung vast abgenommen / mit Entschuldigung / man köndte / wegen Vile der Brüder / den Orden wie erstlich nit mehr halten.

Unnd seynd deren verhanden / die da glauben / das Volck werde durch diese newe Unobservantz vil mehr erbawet / als zuvor / da sie in der Strenge deß Lebens / unnd Ertödtung ihres eignen Willens und Verstands lebten / und gedunckt sie / es wäre vil besser und Gottsförchtiger auff dise newe Weiß / dann auff die alte und erste zu leben / welche sie für irrig halten / weil sie inn der Einfalt / und heyligen Armut / welche das Fundament diser unserer heyligen Religion ist / gegründet:

derhalben weil solches gesehen wirdt / unnd wir glauben / daß ihr solches gleichfals  höret / unnd gleichfalls euch mißfalle / kombt uns seltsam für / daß ihr nit auff das ehist disem Ubel fürzukommen / nohtwendiges Einsehen thünd / und dasselbig / weil ihr Zeit habt / abstellet und straffet.

Als nun der heylige Vatter mit grossem Mißfallen seines Geists / dises lange Gespräch angehört / sagt er darauff:

Der Herr Jesus verzeyhe dir / dieweil du unbillicher Weiß vermeynest / daß ich das jenige / so mir nit mehr gebürt / thun / und mich deß jenigen / dessen ich kein Sorg wegen Ammts oder Befelchs trage / annemmen solle:

Und derhalben weil ich das General Ambt getragen / ob ich wol zu Anfang meiner zu Christo Jesu Bekehrung / vast allezeit kranck gewesen / hab ich doch nie underlassen mit den Gedancken und Wercken / mit dem Exempel und Regierung / deme / zu welchem ich verbunden / genug zu thun.

Als ich aber betrachtet / daß der Herr die Anzahl der Brüder täglich mehret / und solche von der rechten Strassen (so gleichwol eng und schwer) inn deren sie zuvor gewandlet / anfiengen abzutretten / unnd auff der Strassen / die du anmeldest / irr gehen / und von solcher uber alle meine Predigen / Ermahnungen / unnd Exempel / so ich ihnen täglich fürtruge / nit abweichen wolten / hab ich mich die Praelatur zu verlassen entschlossen.

Unnd ob gleichwol / als ich das Ambt auffgeben / mich inn dem Capitel zu entschuldigen nit ermanglet / sagende / daß ich wegen meiner Kranckheiten / wie zum Theyl / war / die Sorg uber sie als General nit mehr zu tragen vermöchte / nicht desto weniger sag ich dir mein Sohn / daß wann die Brüder ihrer Regel gemäß nach meinem Willen noch jetzo leben wolten / daß ich das Ambt wider annemmen / unnd so lang mir der Herr das Leben verleyhen wurde / solchem gern vorstehen wolte / weil es mir leicht seyn wurde / uber sie Sorg zu tragen:

Dann es ist gewiß / wann der getrew Underthan seines Praelaten guten Willen erkent / unnd in allem ihme zu gehorsamen sich befleißt  / braucht es wenig Müh ihne zu regieren: wurde auch wegen ihrer geistlichen Nutzbarkeit / und der Ehr / so der Göttlichen Maiestät darauß erfolgen wurde / desto mehr erfrewet und getröst werden.

Und derhalben / wann ich gleichwol allezeit auff einem Beth kranck liege / wurde mir nit schwer oder verdrießlich seyn / ihnen allen gnug zu thun.

Dieweil aber das Ammt wie es geistlich / und wider die Laster (nemlich sie zu emendieren / und zu züchtigen) ist / und sihe daß ich solches weder mit Liebe / Exempel / unnd Ermahnung nit mehr verrichten kan / will ich nit wider zu ihrem Schergen unnd Hencker werden / unnd sie mit der Stärcke der Disciplin / wie die Weltfürsten gegen den Ungehorsamen billich thun / straffen / sonder ich vertrawe dem Herren / daß die unsichtbaren Feind (welche seine Schergen und Fiscalen seynd die Ungehorsamen in disem und dem anderen Leben zu straffen) die Uebertretter deß Gelübts ihrer Profession auch straffen werden / auff daß sie mit Scham wider ihren Willen zu der ersten Berüffung widerkehren müssen.

Anmerkung ETIKA: Vergleiche: Der Gerechtigkeitswunsch des hl. Franziskus

Dennocht will ich darumben die Zeit meines Lebens nit nachlassen / weil ich mit anderem nit kan /  auff das wenigist mit dem Gebett / und Exempel ihnen allezeit zu Hilff zu kommen / und sie auff den rechten Weg / den mir Gott gezeigt / wie ich bißhero allezeit gethan / zu weisen / auff daß sie vor dem Angesicht Gottes kein Entschuldigung haben / dann uber solches bin ich zu mehrerem nit verbunden.

Dises war die Antwort / durch welche der Bruder vergütet / unnd mit unaußsprechlichem Schmertzen denen so sie hernach gehört / verlassen / weil sie augenscheinlich gesehen / wie hohe und billiche Ursach der heylige Vatter sie zu verlassen / sie aber ire Schuld zu bekennen und zu beweinen gehabt hätten.

Ende deß ersten Buches der Cronicken der Minderen Brüder.

Gott sey Lob.

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