ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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16.8.2007

12F3111V

Ermahnung an die Brüder

Der Cronicken der Minderen Brüder, Konstanz 1603. I Cap. 11, 22

Von der Regel die S. Franciscus gemacht hat.   Cap. 11. Unterkapitel 1 - 21

Von der Ermahnung so er den Brüdern gethan hat.
Cap. 22.

Lassend uns erinneren dessen so der Herr sagt:

Liebend ewere Feind / und thund Guts denen so euch Böß thun. (Matth. 5.)

Dann uber das / daß er uns solches mit Worten underweißt / lehrt er uns selbiges auch mit dem Werck / dessen Fußstapffen wir nachfolgen sollen.

Unnd gleicher Weiß wie Christus der Herr den Judam / so ihne den Juden verkaufft / einen Freund genent /und denen so ihne begert zu creutzigen / sich willig dargeben: Also sollen auch wir die jenige für Freund halten / die uns unbillicher Weiß alles Ubels / Marter / Schmertzen / ja den Todt selbst zufügen / sie umb solches vil mehr lieben / dann es seynd nit sie / sonder Gott / der sich deß Mittels gebraucht: dann alles das jenig so er thut unnd verheißt / (ob es uns gleichwol böß gedunckt) dient uns zu dem Heyl / weil wir durch solches Mittel erlangen das ewige Leben.

Wir sollen auch unsern Leib hassen / wann er sich in Wollust und Lastern belustiget / dann wann wir also fleischlich leben / ziehen wir uns ab von Christo Jesu / und führen uns selbsten zu der Verdammnus.

Und darumben weil wir wegen der Schuld stinckend und armselig / und die Begirden deß Fleischs unserem wahren Gut zu wider / aber zum Bösen bereit seynd / wie der Herr sagt:

Auß dem Hertzen kommen böse Gedancken / Mord / Ehebruch / Unkeuschheit oder Hurerey / Dieberey / falsche Zeugnus / Lesterung / das seynd die Stuck die den Menschen verunreynigen: (Matth. 15.)

So sollen wir als die jenigen / so die Welt allbereit verlassen / nichts anderes thun als den Willen deß Herrn vollbringen / und in demselben uns erfrewen.

Lasset uns hüten / daß wir nit seyen wie das Erdrich / so an der Straß liegt / oder voller Stein und Dörn ist / dann wie der Herr sagt: (Luc. 8.)

Der Same ist das Wort Gottes. Disem Samen so an den Weg gesäet / und von den Menschen zertretten worden / seynd gleich die jenigen / die es hören / richten sich nit zu der Tugent / darnach kombt der Teuffel / und nimt das Wort von ihrem Hertzen / auff daß sie nit glauben und selig werden.

Dem Samen der auff den Felsen fält / seynd gleich die jenigen / welche wann sie es hören / nemmen sie das Wort mit Freuden an / und haben nit Wurtzel / dann sie glauben ein Zeitlang / und zu der Zeit der Anfechtung fallen sie ab.

Deme so in die Dörnen fält / seynd vergleicht die so es hören / und gehen hin / und von den Sorgen / Reichthumb / und Wollüsten dises Lebens ersticken sie / und bringen nit Frucht.

Disem aber so in die gut Erden gefallen / vergleichen die so das Wort hören / und behalten in einem guten und vesten Hertzen / und bringen Frucht in Gedult.

Deß-senwegen (sic) geliebsten Brüder / lasset uns die Todten / ihre Todten vergraben. (Matth. 8.)

Lasset uns sonderlich wol verhüten von den bösen Künsten und Listen deß Teuffels / welcher anders nichts sucht / dann unser Seel von Gott abzusündern / mit der Speiß der zeitlichen Güter / der Hochheiten / der Belustigung deß Fleischs / begerend sich ein Herren zu machen deß Menschen Hertzens / gebraucht allen Fleiß die Göttliche Gebott uns auß dem Sinn zu treiben / begert das Hertz deß Menschen zu verblenden / mit den Gelüsten und Gedancken der Welt / und in denselben zu bevestigen / wie der Herr spricht (Luc. 11.):

Wann der unreyn Geist von dem Menschen außfährt / so wandlet er durch dürre Stätte / unnd sucht Ruh / und so er nicht findet spricht er / ich will wider umbkehren in mein Hauß darauß ich gangen bin / und wann er kombt / so findet ers mit Besen gekehrt / unnd geschmuckt / dann gehet er hin unnd nimbt siben andere Geister zu ihm die böser seynd dann er selbs (Anmerkung: Diese Differenzierung Jesu nimmt Vicente F. Delmonte als Rechtfertigung dafür, daß in seinem Buch „Jedem nach seinen Taten“ der Esel-Dämon, der Führer durch den Zoo der Tierquäler, besser abschneidet als andere Geister) / und wann sie hinein kommen / wohnen sie da / unn werden die letsten Ding desselben Menschen ärger dann die ersten:

Darumben weil wir mit solchen Ermahnungen erinnert / so lassend uns verhüten (von Gott durch einicherley weltlichen Wercken / Gnad und Belohnung wegen absünderend) zu sterben / sonder alle unsere Werck von der Liebe Gottes zu vollbringen.

Ich bitte alle Brüder / daß sie nach Hinlegung aller Hindernus / so sie unrühig machen köndte / auff die beste Weiß so müglich / sich bemühen Gott unsern Herren zu lieben / zu dienen / und zu ehren (Ioan. 4.) / mit reynem Hertzen und freywilligem Geist / dann das begert er von uns vor allem anderen / und lasset uns also leben / daß in uns seye die Wohnung der Göttlichen Maiestät / Gottes Vatters / Sohns und heyligen Geists / welcher sagt (Luc. 2.):

Bettet alle Zeit / damit ihr würdig werden zu entweichen so viel Ublen (Übeln) / so da kommen werden / unnd würdigklich vor seinem Angesicht möget bestehen: welcher als er uns lehrt betten / sagt er:

Wann ihr bettet sprechend: Vatter unser der du bist in den Himlen / etc. Dannenhero muß man alle Zeit betten / unnd nie nachlassen.

(Ioan. 10.) Lassend uns den allmächtigen Gott anrueffen mit standhafftigem Hertzen / dann dem himlischen Vatter gefallen solche Anbetter / und also will ers haben.

(Luc. 13. Ioan. 4.) Gott ist ein Geist / darumben die jenigen so ihn abetten / sollen ine in dem Geist und Wahrheit anrueffen.

Lassend uns dem Herren als dem Vatter und Hirten unserer Seelen zulauffen / dann er sagt (Matt. 22. Ioan. 15. Matt. 18. Matt. 28. Ioan. 6. Ioan. 14. Ioan. 17.):

Ich bin der gute Hirt / unnd weide meine Herd / so weit auch daß ich mein Leben für sie gibe.

Ihr alle seyt Brüder / darumben nenne sich keiner einen Vatter / dann einer ist ewer Vatter der im Himmel ist. Nennet euch auch nit Meister / dann einer ist ewer himlischer Meister.

Wann ihr inn mir bleibet / unnd meine Wort in euch / was ihr begeret / werdt ihr erlangen.

Wo zwen oder drey in meinem Namen versamblet seynd / bin ich mitten under ihnen biß zum End der Welt.

Die Wort so ich zu euch geredt / seynd Geist und Leben.

Ich bin der Weg / Wahrheit und Leben.

Lasset uns derhalben sein heyliges Leben / Lehr / unnd heylig Evangelium / welches er uns zu offenbaren ihme gefallen lassen / halten / wie er sagt:

Vatter ich habe deinen Namen den Menschen / die du mir geben hast geoffenbaret / und sie haben die Lehr / die ich ihnen geben / angenommen / und haben wahrhafftig erkent daß ich von dir kommen bin / und glaubt daß du mich gesandt habst / für dieselbigen bitte ich / nit für die Welt / aber für die / die du mir ubergeben hast :

Heyligister Vatter bewahre die welche du inn deinem Namen mir geben hast / damit sie eins Ding seyen wie wir seynd.

Dise Ding rede ich in der Welt / damit sie in ihnen selbst haben ein vollkomne Freud.

Ich hab sie gelehrt dein Wort / unn die Welt scheuhet sie / dann sie seynd nit von der Welt / wie ich dann auch nit bin.

Ich bitte dich nit dz du sie sollest von der Welt nemmen / sonder vor dem Ubel bewahren.

Heylige sie inn deiner Wahrheit / dein Wort ist die Wahrheit.

Wie du mich hast inn die Welt gesandt / also habe ich sie gesandt: und von derselben wegen heylige ich mich selbsten / damit sie auch in der Wahrheit geheyliget werden.

Ich bitte nit allein für sie / sonder auch für jene / die durch ihre Lehr inn mich zu glauben haben / damit wir allesamt ein Ding seyen / und die Welt glaube / daß du mich gesandt / unnd wie du mich / also auch sie geliebt habst.

Unnd wirst ihnen kundt thun deinen Namen / damit die Liebe / mit der du mich geliebet / inn ihnen seye / und ich darbey.

Vatter ich will daß die so du mir geben hast / bey mir seyen / wo ich bin / unnd daß sie sehen die Herrligkeit so du mir geben hast.

In dem Namen deß allermächtigisten Gottes / bitt ich alle Brüder / daß sie lernen den Verstand dessen so inn disem Leben und Regel umb unser Seelen Heyl wegen geschriben ist / und dasselbig wolbedechtlich zu Gemüt fassen.

Und begere von Gott / daß er seinen Segen verleyhe allen denen so da underweisen oder lernen / daß sie sich vergleichen die obgeschribne Ding zu würcken / unn offt zum Heyl ihrer Seelen zu widerholen.

Und bitt alle Brüder denen ich allen hiemit die Füß küsse / daß sie solche lieben und stet halten von wegen deß allmächtigen Gottes / unn der Bäbstlichen Heyligkeit.

Ich Bruder Franciscus befihl bey der Gehorsame / und obligiere / daß von disen Sachen / so inn disem Leben und Regel geschriben seynd / niemandts nichts darvon oder darzu thut / unnd daß die Brüder auch kein andere Regel halten.

Das End der Regel deß H. Francisci.

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