ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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18.8.2007

12F3112

Genehmigung der Regel

Der Cronicken der Minderen Brüder, Konstanz 1603. I Cap. 12. S. Bonaventura

Von der wunderlichen Approbierung diser Regel.
Cap. 12. - S. Bonaventura

Mit diser verfaßten Regel / so vil mehr durch den heyligen Geist / durch die Wort unnd Verstand deß heyligen Evangelij / dann durch weltliche Vernunfft zu samen getragen / entschlusse sich der heylige Vatter Franciscus sambt seiner Gesellschafft unnd Disciplen / dem Apostolischen Stuhl zuzureisen / damit solche Regel daselbsten von der Bäbstlichen Heyligkeit confirmiert und bekräfftiget möchte werden.

Und als er in solchem seinem Fürnemmen bevestiget /machet er sich mit allen seinen Gesellen  mit grossem Vertrawen in der Beleitung Gottes auff den Weg.

Welcher durch sein Güte in Erkantnus deß Fürnemmens und Begird dises erschrocknen Völckleins / welche nach ihrer Einfalt hefftig sorgten nit erhört zu werden / ihre Hertzen durch sein Güte stercken wolte / also daß sein Knecht Franciscus inn dem Schlaff sahe einen sehr hohen Baum / zu welches Stamm als er kommen / und durch die Gnad Gottes erhebt / unnd biß zu den höchsten Güpfflen erhaben / daucht ihn daß er alle die höchsten Est gegen der Erden neigen machte.

Welche Vision als sie von ihme für ein scheinbar Zeichen der Gnaden so von der Bäbstlichen Heyligkeit ihnen begegnen solten / verstanden / und mit sonderer geistlichen Freud angethan / erzehlt ers seinen Gesellen / tröstet und stärcket sie dermassen / also daß alsbaldt sie gen Rom kommen / unnd verstanden / daß Babst Innocentius der Dritte / bey S. Joanni Laterano ware / sich sammetlich dahin verfügten / fanden ine aber mit dermassen wichtigen Gedancken und Geschefften beladen / daß er sie nit hören köndte / sonder liesse sie abschaffen.

Die armen Brüder ziehen ubel content hinwegk in deß heyligen Antonij Spital / in dem sie freundtlich auffgenommen worden.

Under disem hat der Babst / als es Nacht worden / in dem Schlaff dise Revelation (Offenbarung) gehabt / Er sahe zwischen seinen Füssen ein kleines Zweig oder Geschoß herfür gehen / welches allgemach wachsend zu einem sehr schönen Baum wurde.

Als er sich dessen verwundert / unnd der Bedeutung nachtrachtet / ward er von dem heyligen Geist erleuchtet / daß solches Zweig die arme Gesellschafft deß H. Francisci welchen er Audienz versagt / bedeutete. Lasset ihn derhalben Morgens in aller Frü nachfragen / und alsbald sie inn gedachtem Spital gefunden / seiner Heyligkeit zuführen.

Als nun der heylig Franciscus mit allen seinen Gesellen / so er bey ihme gehabt / dahin kommen / fallen sie ihr Heyligkeit zu Fuß / unnd zeigen an demütigklich / was ihr Begeren wäre.

Als der Babst ihne samt den Gesellen ansahe / unnd an das jenig so ihm etliche Tag zuvor / als er ein Nacht alleinig / und wegen Vile der Bekümmernussen unnd Anligen nit schlaffen köndte / begegnet / nemblichen daß ihn zu sehen gedunckte / daß die gedachte S. Johans Kirchen fallen wolte / und aber durch Ankunfft eines armen und von der Welt verachten Menschen dermassen erhalten wurde / daß sie nit fallen möchte / gedachte / und die Reynigkeit und Einfalt des heyligen Manns Gemüts / wie er die Welt verachtet / die Armut liebet / die Beständigkeit seines Fürnemmens deß Evangelischen Lebens / welches er geschriben mittruge / und mit welchem er dem heyligen Stul Gehorsame versprach / den heyligen Eyffer deß Heyls der Seelen / und die Innbrunst und freyen Willen dem Herren Jesu zu dienen / betrachtet / sprach er bey ihme selberst:

Wahrlich ist diser der jenig so ich gesehen hab /welcher mit seinem Exempel der Wercken und Lehr die Kirchen Gottes wirdt helffen auffenthalten / verzuge nichts desto weniger das jenig so er begert zu bewilligen / weilen es etliche Cardinäl gedunckte / es wäre ein new Werck / und menschlicher Natur unmüglich ein Profession oder Regel solche Armut und Strenge zu halten.

Wie sie nun also unentschlossen inn dem Consistorio waren / erhebt sich einer genant der Cardinal S. Paul / Sabinensischer Bischoff / mit Namen Joannes / ein Liebhaber der Wolgefallen Christi / von Gott erleuchtet / unnd sagt offentlich diese Wort:

Wann wir das Begeren dises grossen Dieners Christi / als ein new / und streng Werck nit wöllen hören / welcher nichts anders / dann daß ime die Form und Regel deß Evangelischen Lebens confirmiert werde / begert / sollen wir uns höchlich förchten / Christum und das heylige Evangelium nit zu offendieren.

Dann ihr wisset / daß welcher sagte / daß in der Observantz der Evangelischen Perfection / unnd seiner Bedeutung / sich was Newes / Böses / Ungebürlichs / oder zu halten Unmüglichs befende / der wurde offentlich als ein Schender des Herren / von welchem das Evangelium kombt / gehalten werden.

Welches als es der Babst gehört / wendet er sich zum heyligen Francisco / und sagt:

Sohn / bitte den Herren / daß er uns durch dein Fürbitt seinen heyligen Willen eröffne / nach welches Erkantnus / wir freywillig ohne weiters Bedencken in diß dein Begeren einwilligen wöllen.

Mit disem Befelch zeucht Franciscus von dannen / begibt sich zum Gebett / und begert mit gewohnlicher Innbrunst von dem Herren / daß er sein Allmacht wolte dem Babst eingeben / alles das jenig was zu der Glori seiner Göttlichen Maiestät dienlich / unnd ihme zu  Erlangung seines Gottseligen Begerens fürderlich seyn möchte / zu handlen.

In dem Gebett ist ihme / was er fürbringen sollte / wunderbarlich geöffnet / und der Erhörung vergwisset worden.

Gehet also mit sonder Freud zu ihrer Heyligkeit / zeigt an Gott habe ihme diese Gleichnus geoffenbaret:

Ein armes Weib sonderbarer Schöne und Geberden / wohnet inn der Wildnus / diese ward von ihrem König eins mals ersehen / der verwundert sich ihrer Schöne / entschleußt sich er wölle sie ime zu einem Gemahel nemmen / mit Hoffnung von ihr außerleßne Erben zu bekommen / bey welcher als ers vermehlet / er vil schöne Kinder in der Wüste erzüget.

Zu disen als sie wuchsen / unnd groß wurden / hat die Mutter gesagt:

Ir sollet wissen meine Kinder / daß der König ewer Vatter ist / und darumben ehe daß ihr euch under andere hohe Leut mischet / so ziehet ewerem Vatter zu / der wirdt euch nach ewerm Stadt wol zu versorgen wissen.

Da sie nun von der Mutter abgescheiden / begeben sie sich dem Hoffwesen zu. Alsbald sie daselbst ankommen / unn von dem König mit sonderer Verwunderung irer schönen Gestalt gesehen / erkent er sie alsbald für die seinigen / fragt sie nichts desto minder weß Kinder sie seyen. Deme geben sie zur Antwort / sie seyen Kinder eines armen Weibs so inn der Wüste wohnet.

Der König aber der sie zuvor wol erkant / aber dises allein die Bestandhafftigkeit der Kinder zu probieren gesagt hatte / bewegt durch vätterliche Anmutung / umbfangt sie freundtlich / und spricht:

Förchtet euch vor nichtem: dann hab ich bißher inn Ubung gehabt / daß ich die Frömbden erhalte / wie vil mehr will ich euch / die ihr meine liebste Kinder seyt / erhalten / und dergleichen wirt auch begegnen zukünfftigklich allen denen / welche von meiner liebsten Gemahel ewerer Mutter geboren werden.

Appliciert also der Heylig diese Parabel oder Gleichnus / und spricht:

Dise unsere Regel und Leben (heyligister Vatter) ist dises arme Weib / von dem König aller Königen zu seiner Braut erwehlt / und auß ihr vil Kinder geboren / disen hat sein Göttliche Maiestät nie gemanglet / und wirdt noch nit manglen sie zu erhalten / unnd also weil er Sorg halt zu underhalten die Frömbden / also solle ewer Heyligkeit nit zweifflen / er sorgen werde für seine wahre und eheliche Kinder / dann es werden nit Hungers sterben die Kinder deß ewigen Königs / welche zu seiner Gleichnus durch Krafft deß H. Geists von einer armen Mutter der Evangelischen Armut geboren / unnd mit derselben Milch erzogen seynd.

Und dieweil der König der Himlen denen so ime in Glauben und Wahrheit nachfolgen / verheisset das ewige Leben / wie vil mehr wirt er ihnen das jenig mittheylen / so er gemeingklich (sic) mit so grosser Freygebigkeit dem Bösen und Guten erfolgen lasset.

Als der Babst mit sonderlichem Auffmercken diese Gleichnus / sammt so kräfftiger Außlegung von dem heyligen Mann gehört / verwundert er sich hoch / erkent wahrhafftig / daß der Herr in dem H. Francisco wohnet / confirmiert ihme / ohne alles weiters Nachdencken / von stundan sein Regel / gibt ime Gewalt in der gantzen Welt zu predigen / mit dem Tittel der Bußprediger / wolte auch daß allen den bekehrten Brüdern so bey ihme waren / kleine Blatten gemacht wurden.

Also hat der H. Franciscus in deß Babst Händ sein Profession sambt allen seinen Gesellen gethan / und verlobt / daß sie die Evangelische Regel und Leben halten wolten: Und ward von seiner Heyligkeit General uber den gantzen Orden gesetzt / mit Verheissung daß seiner Heyligkeit Hilff und Gnad ihme und dem Orden allzeit bereit seyn solle.

Dieweil aber dise Confirmation der Regel allein mündlich in dem Jar deß Herren 1209, in dem 13. deß Babstthumms Innocentij deß Dritten ohne Auffrichtung einiger Bulla beschehen / wirt der Anfang dieser Religion nit von selbiger Zeit hero gerechnet / sonder allein da sie Schrifftlichen durch Babst Honorium / im 8. Jar seines Babstthumms / durch ein Authentische Bullam bestätiget worden / 15. Jar nach dem daß es zuvor mündtlich beschehen.

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