ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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20.8.2007

12F3115

Franziskus bekommt das Kirchlein von Portiunkula

Der Cronicken der Minderen Brüder, Konstanz 1603. I, Cap. 15.

Wie der heylig Franciscus sein Wohnung bey unser Frawen der Engel anrichtet.
Cap. 15.
Fioreto.

Dieser heylige einer kleinen in der Zahl / in Verdiensten aber grossen Herd Hirt entschleußt sich / weil er in disem Ort mit den seinen nit Weite der Wohnung / und Ruh gehaben mögen / sich von dannen zu begeben / spricht deßwegen seinen Brüderen auff folgende Weiß zu:

Ihr Allerliebsten / ich weiß schon daß der Herr uns mehren will / darumben gedunckte mich thunlich zu seyn / daß wir zu dem Bischoff der Statt / ald (?) zu den ehrwürdigen Thumbherren deß heyligen Ruffini / oder zu. S. Benedicten Abt giengen / und sie um etwar ein arme Kirchen / die Horas Canonicas zu betten / und ein schlechtes Hauß von Erden und Holtz gemacht / in welchem wir zu Wohnung unnd andere unsere nohtwendige Geschefft zu verrichten Weite hätten / anzusprechen.

Dann (wie ihr secht) so ist dises Ort so vil Brüdern zu klein / zu deme kann man in solchen wegen der Enge die Horas Canonicas nit verrichten / vil weniger wann einer under uns sterben solte / selbigen begraben.

Die Brüder lassen ihnen sein Meynung wol gefallen: Gehen derhalben zu dem Bischoff / und als er sein Begeren geoffenbart / empfacht er zu Antwort / er habe für sie weder Kirchen noch Hauß: Eben solche Antwort empfienge er von den Thumbherren auch / eylet derhalben dem Berg Subasio zu / auff welchem S. Benedicten Kloster / zu / begert für den Abt / zu welchem als er kommen / eröffnet er ihme sein Begeren / mit Anmeldung was er für Antwort von dem Bischoff und Thumbherren empfangen.

Als der Abt sein Anbringen vernommen / gibt er dem heyligen Vatter Francisco unnd all den seinen auß Eingebung deß heyligen Geists / unnd mit Consens aller seiner Brüder / die Kirchen von S. Maria von Porticella / die ärmste under allen Kirchen so sie hätten / unnd eben die so der Heylig zum meisten begerte / ein / und spricht zu ihnen:

Wir verwilligen gern in das jenig / so ihr von uns begeren / dargegen wöllen wir im Fall der allmächtige Gott eweren Orden (wie wir hoffen) mehren wirdt / daß diese Kirchen das Haubt ewer Zusamenkunfft und Versamblung seye.

Auff diß dancket ihme der heylige Franciscus sambt den Brüderen höchlich / unnd versprechen daß dises Ort sollte nach ihrem Begeren das Haubt ihres Ordens seyn.

Alsbald sie dises Ort erlangt / nimt der Heylige sein Abschid / ist gar wol getröst / sonderlich weil diese Kirchen zu Ehren der seligisten Jungkfrawen geweycht / durch welcher Hilff und Verdienst er von dem Herren vil Gnaden empfangen / und noch grössere zu empfahen verhoffte / unnd auch weil selbige Kirchen von wegen deß Orts da sie was zu Porticella gemeingklich genant worden / welches Wort vor alten Zeiten in Lateinischer Sprach Portiuncula, (hier steht sogar ein Beistrich) welches (ein kleiner Theyl) auff Teutsch genant / und also ein wahre Figur ihrer Religion / die er begerte zu halten / die eingezognist und ärmiste / so in der Kirchen Christi observiert / und den wenigisten Theyl in dieser Welt under allen Religionen haben solte / ware:

Und dessentwegen sagte der heylige Vatter / habe der Herr nit wöllen daß die ersten Brüder dises Ordens ein newe Kirchen erbawen solten / damit dise Prophezey der Minderen Brüder solte erfült werden / welche inn  Vollkommenheit der Evangelischen Armut verharren / wachsen /  unnd durch die ganze Welt zunemmen sollen.

Unnd ob gleichwol der gedachte Abt sambt seinen Brüdern ihnen diese Kirchen frey ohne einige Obligation oder Dienstbarkeit gegeben / wolte doch der heylige Mann / (als ein Liebhaber der Armut / unn verständiger Bawmeister) welcher sein Religion auff ein strenge und harte Armut setzen wolte / solches nit zugeben / sonder järlichen dem Abt nit allein auß Freundligkeit / sonder auch zu Anzeigung einer Gehorsame / ein Körble voller kleinen Fischlen / die inn dem Wasser / das nächst daselbst fürflosse / gefangen  wurden / zu geben verordnen / auff daß seine Brüder nit vermeynten daß sie etwas eigens hätten / weil sie auch die Kirchen ohne Erkantnus deß Herren derselbigen nit haben könten.

Dise Fischle (Anmerkung: Druckort Konstanz am Bodensee) wurden von dem Abt mit grosser Andacht unnd Ehrerbietung empfangen / unnd liesse den Brüdern dargegen ein Geschirr voller Oels geben.

Anmerkung ETIKA: Offenbar hat es weiterer achteinhalb Jahrhunderte bedurft, bis Christen auch ein Gefühl der Barmherzigkeit gegenüber Fischen entwickelt haben (die evangelischen Theologen Albert Schweitzer, Skriver und so fort). Sollten nicht auch sie als Kreaturen Gottes ebenso geachtet und vom Töten verschont werden wie zum Beispiel Säugetiere und Vögel? Diese Bemerkung gilt natürlich auch für die orthodoxen Mönche des Klosters Walaam. Katholiken und Orthodoxe brauchen sich nicht einbilden, sie stünden hoch über den Gläubigen der anderen Konfessionen. Ethisch jedenfalls nicht. Da können sich alle eine Scheibe von dem Hindu Mahatma Gandhi abschneiden. Denn die tierschützerischen Ansätze des hl. Franziskus sind in der katholischen Kirche verkümmert, obwohl sie darauf pocht, dass der Papst der Stellvertreter Gottes auf Erden sei. So erwarten wir gespannt die Enthüllung des Mysteriums Tiere im Jenseits.

Alsbald dise Armen Christi der Gestalt in dem Hauß der heyligen Jungkfrawen versamblet / hat sich alsbaldt der gute Geruch ihrer Tugenten nit allein in dem Spoletischen Thal / sonder auch durch die gantze Welt mercken lassen.

Dann der Heylige gienge von dannen / und prediget allenthalben / nit mit glatten zierlichen Worten / nach der Welt Kunst / sonder in der Krafft des heyligen Geists:

Und mit solcher Verwunderung / daß die jenige so ihn höreten / sich darab als einem himlischen Ding entsatzten / dann

er hebet das Gesicht allzeit auff gegen dem Himmel /
auff dass er die Creatur von der Erden zu
ihrem Erschaffer erheben
möchte.

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