ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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26.8.2007

12F3118

Der einfältige Johannes. Ein Abgelehnter.

Der Cronicken der Minderen Brüder, Konstanz 1603. I, Cap. 18. Seite 84 - 88

Von vilen anderen so den Orden angenommen /
und einem welchen er nit wolt in den Orden eingehen lassen.
Cap. 18.
S. Bonaventura.

Inhalt: Der einfältige Bauernsohn Johannes ahmt Franziskus in allem nach. Durch seine Einfalt erlangt er einen hohen Grad an Vollkommenheit. Ein anderer wird abgelehnt.

Joannes ein gar einfältiger Mann / ward auff nachfolgende Weiß in den Orden genommen.

Es begabe sich daß der heylig Franciscus inn einer Kirchen predigen wolte / und dieselbe gar unsauber war / facht er an solche außzukehren / inn deme das Geschrey / daß der heylige Mann in dises Dorff kommen / erschallen / lauffet derselbigen Gegne (?) auß Andacht so sie zu ihme trugen vil Volcks zu / und in sonderheit Bruder Johannes / selbiger Zeit ein gar einfältiger Mensch / welcher als er auff dem Feld mit dem Pflug ackeret / denselben sambt den Ochsen verlassen / und der ersten einer zu der Kirchen kommen / und den Heyligen also kehrend gefunden / spricht derhalben zu ihm:

Gib mir / Bruder / disen Besen / ich will dir helffen /

nimbt ihm denselben auß der Hand / und vollendet die Kirchen gar außzusäubern.

Inn deme als der Heylige sahe daß das Volck versamblet / facht er an zu grossem dessen Gefallen und Benügen (Begnügen, Vergnügen?) zu predigen.

Nach Vollendung derselben begibt er sich bey Seits / under dessen gehet der fromme Johannes zu ihm / und spricht:

Es ist nunmehr vil Tag / daß ich begere meinem Herren zu dienen / und solche Begird hat vil mehr inn mir zugenommen / als ich von dir hab hören reden / ich hab dich aber nit gewißt zu finden. Nun aber weil es Gott gefallen / daß ich dich heut gesehen / hab ich mich entschlossen mit dir zu gehen / und deinen Gebotten zu gehorsamen.

Deme gibt der heylige Mann (weil er sein guten Willen und Qualitet betrachtet / und in dem Herren erkennet daß er wegen seiner grossen Einfalt ein guter Ordensmann seyn wurde) zu Antwort / und sagt:

Bruder / wann du begerst unsern Orden zu halten / und dich zu uns zu begeben / so ist zuvor von nöhten / daß du dich beraubest alles dessen so du auff der Welt hast / unnd gebest solches den Armen / wie uns das Evangelium lehret / dann also haben alle die meinigen / dies es thun könden / gethan.

Als der gute Johannes diß gehört / eylet er dem Ort zu da er gepfluget / lößt den einen Ochsen von dem Pflug / führt ihn zu dem heyligen Mann / unnd spricht:

Bruder / so vil Jar hab ich meinem Vatter und dem Hauß gedient / und obwol mich dises ein ringer Lohn oder Theyl meines Erbs zu seyn gedunckt / jedoch will ich mich mit disem Ochsen benügen / und will das so mein ist / hiemit den Armen geben / oder nach deinem Willen und Gutachten außspenden.

Under dessen aber daß er sich mit dem Heyligen deß Ochsen halber underredet / wirdt den Eltern deß Sohns Fürhaben und Resolution / daß er sie verlassen wolte / kund gethan / kommen alle dahin da er ware / weinen so hertzigklich / unn klagen so bitterlich / daß der Heylig grosses Mitleiden mit ihnen truge / facht an sie zu trösten / unnd sagt:

Gehet unnd richtet alsbald zu das Essen / weint nit mehr / dann ich will euch trösten.

Gehen derhalben mit sambt dem Heyligen zu Hauß / und als sie das Essen zugericht / essen sie alle mit einander. Nach dem Essen wendet sich der Heylige zu Bruder Johannes Vatter / und spricht:

Ewer Sohn will Gott dienen / dessen solt ihr kein Verdruß tragen / sonder euch vil mehr erfrewen / unnd dem Herren Christo Jesu grossen Dank sagen / dann er will daß ihme durch einen eweres Bluts solle gedient werden / und ir werdet mit disem ewern Sohn alle unsere Brüder und Ordensleut zu Kindern und Brüdern gewinnen. Er auch als ein Creatur Gottes / welche ihrem Erschaffer zu gehorsamen verbunden / kan / mag / und soll solches nit underlassen.

Damit ihr aber inn disem Werck Gottes desto mehr getröstet werdet / will ich daß er / inn Ansehen ewer Armut / ob er gleichwol nach dem Evangelio andern Armen geben solte werden / euch disen Ochsen lassen solle.

Von disen Worten werden sie mächtig getröst / sonderlich wegen deß Ochsen / welchen sie wegen ihrer Armut / wol so vil als den Sohn vätterlicher Liebe halber beweint hätten.

Auff dise Weiß wie Helias Helisäum / hat der heylig Franciscus disen seinen Bruder Johannem erlangt / unnd von der zeitlichen Arbeit zu dem vollkomnen Werck deß Weingartens Christi gezogen.

Unnd weil der heylige Vatter in ihme selbst / und inn anderen die Einfalt sehr liebet / hat er ihne allezeit / nach dem er ihn bekleidet / zu seinem Gesellen mit sich genommen.

Dannenhero er in der Einfalt seines Hertzens also zugenommen / daß er alles das jenig / so er von dem heyligen Francisco sahe / nachthun wolte.

Dannenhero wann der Heylige inn dem Gebett war / stellet er sich an ein Ort / da er ihn sehen / und sich ihme / ja gar in den Geberden gleich halten möchte / also daß wann der Heylig zu dem Gebett kniete / stunde / oder das Angesicht auff den Boden legte / oder die Händ in die Höhe auffhübe / wann er seuffzet / hustet / oder außspeyet / thate Bruder Johannes alles nach:

Unnd wann ihme dises von dem Heyligen verwisen / sagt er /

ich hab dem Herrn verheissen / alles das jenig nachzuthun / was ich von dir sehe / darumben muß ich mich in allem dir vergleichen.

Der Heylig entsetzt und erfrewet sich / als er ihn so starck und beständig in seiner Einfalt sahe / durch welche er folgendts so grosse Frucht inn allen anderen Tugenten erlangt / daß sich alle Brüder der Vollkommenheit / dahin er gelangt / höchlich verwunderten.

Dieweil aber die Welt eines so reynen Gewissens nit würdig gewesen / hat ihne der allmächtig Gott in kurtzer Zeit zu sich beruffen. Nach welches Ableiben / erzehlte der heylige Vatter mit grossen Freuden seinen Brüderen sein heylige Conversation / nennet ihn auch nie Brueder Johannem / sonder S. Johannem.

Fioreto.

In dieser Zeit begibt es sich / als der heylig Franciscus durch die Anconische Landschafft zu predigen reiset / unnd eines mals zu predigen auffgehört / kombt zu ihme ein Person / zeigt an / sie wölle die Welt verlassen / ime nachfolgen / und bey ihme verbleiben.

Disem gibt er zu Antwort:

Begerst du in disen Orden zu tretten / so gehe und thu zuvor was dich das Evangelium lehrt: Verkauff was du hast / und gibs den Armen. (Matth. 16., richtig: 19).

Dieser gehet von ihm / theylet alles das seinig under seine Freund auß / zu demselbigen mehr durch Mitleiden deß Fleischs / dann den Eyffer des Geists bewegt / kehrt wider zu dem Heyligen / unnd spricht:

Vatter / ich hab alles das so ich gehabt / verlassen.

Der Heylig fragt auff was Weiß ers außgetheylt.

Er sagt /

seinen armen unnd nottürfftigen Freunden.

Darauff spricht der heylig Mann / als er den Eyffer deß Geists bey disem nit zu seyn erkant.

Zeuhe nur zu Hauß Bruder Fleugen / weul du dz deinig deinen Freunden hast außgetheylt / unnd jetzt begerst von dem Allmusen meiner armen Brüder zu leben.

Also zeucht der Armselig zu Hauß zu seinen Freunden / der nit würdig gewesen under so vil vollkomnen Dienern Christi zu leben. (Anmerkung: Wer von uns wäre wohl würdiger, von Franziskus in den Orden aufgenommen zu werden? Ein trauriges Kapitel. Franziskus, warst du manchmal nicht ein bißchen zu streng? Und dann wieder zu großzügig? Du weißt, was wir meinen.)

Andere aber in grosser Begird durch deß Herren Eingebung / traten täglich in den Orden / und nit allein durch Italiam / sonder die gantze Welt erschallet ihr Namen / dann sie wurden von dem heyligen Francisco so inn underschidliche  Theyl der Welt außgesandt / als wahre Nachfolger deß Lebens Christi / welches machet die heylige Armut / die sie an Statt eines Seckels mit sich trugen / in der Gehorsam bereit / in der Arbeit starck / und auff der Straß ringfertig (?) / unnd weil sie nichts Eigens hatten / liebten sie nichts / dorfften auch solches zu verlieren nit sorgen.

Also an allen Orten da sie waren / lebten sie ohne Forcht in grosser Ruh deß Gemüts / weder Tag oder Nacht sorgende / wie sie dann von deme / welcher der einig unnd rechte Meister ist / underwisen waren / als er sagt (Matt. 6.): Behalten die Speiß nit von einem Tag zu dem anderen: sonder hielten den Mangel diser zeitlichen und vergängklichen Ding / für ihr grosse Reichthumb unnd Uberfluß.

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