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FRANZISKUS-CHRONIK |
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Brüder richten einander
selbst |
Der Cronicken der
Minderen Brüder, Konstanz 1603. I, Cap. 19.
Seite 88 - 93 |
Von der Ubung und Sitten / in welchen er seine
Brüder erzuge.
Cap. 19.
Als nun der heylige Franciscus erkant / daß
dise sein heylige fürgenomne Religion durch Krafft deß heyligen Geists / zu
einem Spiegel der Christlichen Kirchen eingesetzt worden
/ inn welchem die Sünder / wie abscheulich unnd
wie weit sie von der Gleichnus Christi wären / sehen solten.
Darumben bemühet er sich vast seine Brüder
mit der Salbung Christi zu mästen / durch welches Krafft er sie widergebare:
Dannenhero weil er desselben Geists voll was
/ namen sie nit allein in der Zahl / sonder auch inn den Tugenten / und
Aufferbawung deß Nächsten hefftig zu.
Damit sie aber neben der Andacht und
Heyligkeit / in der Liebe und Eyffer deß Nächsten / mit welchen sie in der Welt
/ inn heyliger Conversation handlen müßten / underricht möchten werden / satzt
er sich offtermals gar freundtlich under sie / befahle ihnen inn dem Namen
Gottes / daß einer umb den andern ein Sermon solte halten / von deme so ihme von dem heyligen Geist eingeben möchte werden / und
solches geschahe offtermals.
Eines mals under andern als alle die jenige /
welchen er zu reden anbefohlen / so hohe unnd wunderliche Sachen von
der Güte Gottes / und seinen Geheimnussen also
unversehens allein auß Krafft der Gehorsame / darab sie sich selbsten
verwunderten / redten / erkant er inn dem Werck wahr zu seyn das jenig / so der
Herr zu seinen Jüngern gesagt: Ihr seyt nit die so vor den Fürsten und Richtern
reden / sonder ewers Vatters Geist ist es / der in euch redet. (Matt. 10.)
Dahero in dem daß diese heylige / reyne / und
einfältige Geschirr / den Balsam der Göttlichen Gnaden also außgossen / von den
hohen Wercken Gottes / von den tieffen Geheimnussen der heyligen Geschrifft /
auß Geheiß ihres heyligen Vatters redten / erscheint ihnen der Herr Jesus inn
Gestalt eines schönen Jünglings / und gibt ihnen den
Segen / mit solcher Liebligkeit / daß der heylige Franciscus sambt allen seinen
Disciplen / verzuckt und als todte zu Boden gefallen.
Als sie wider zu ihnen selbst kommen /
spricht der heylige Vatter zu inen:
Meine allerliebsten Brüder / wir
seynd schuldig unserem Herren Jesu grossen Danck zu sagen / weilen seiner
Göttlichen Majestät gefallen / durch den Mund der Einfältigen seine grosse Schätz zu offenbaren / und sich selbst uns zu erzeigen /
bey welchen er angezeigt / daß er gegenwärtig gewesen / und wann es ihme
gefalle / köndte die Zungen der Kinder / der Einfältigen / und Stummen / die
wolberedtisten machen.
Unnd also weil dise Diener Christi der
Gestalt mit dem Liecht der Gnaden Gottes illuminiert / wurden sie von dem
heyligen Mann die Welt zu erleuchten außgesandt / zu ihrer Heimkunfft kamen sie
alle bey S. Maria der Engel (Santa Maria degli Angeli, in der Ebene unterhalb von Assisi, darinnen
das Porziunkula-Kirchlein) / als ihrer rechten Mutter zu samen / allda
empfiengen sie mit Freuden einander / in sonderer geistlicher Liebe / also dz
sie die Mühseligkeiten / Angst und Noht / und andere Widerwertigkeiten / so sie
auff der Reiß gelitten / nit mehr achteten.
Die andern aber so da Heimen verbliben / ob
sie wol sich in der Händarbeit / zu deß Klosters Notturfft bemüheten / war doch
ihre meiste Ubung in dem Gebett:
Betteten mit Andacht und Zehern (Zähren, Tränen) ohne Underlaß / stunden
zu Mitternacht von dem Beth auff dem Herren zu wachen / unnd allzeit für sich
und alle andere Sünder zu bitten.
Sie liebten einander mit innerlichem Affectu,
warden von dem Heyligen bedient / wie einem einigen Kind von seiner Mutter
gedient wirdt / und brann dermassen inn allen die Liebe / daß sie gar ring (gering) zu seyn gedunckt / das Leben
nit allein von Christi Jesu willen / sonder auch deß Heyls ihres jeden Bruders
wegen darzugeben / und auffzuopfferen:
und solcher Gestalt / daß als eines mals zwen
Brüder uber Land reiseten / unnd einen närrischen Menschen /
welcher mit Steinen den einen Bruder warffe /
antraffen / alsbaldts der ander ersicht / stehet er für (vor) ihn / auff
daß die Stein ihne selbst / und nit sein Mitbruder treffen solten.
Solche und vil dergleichen Werck der wahren Liebe
übeten sie.
Einer ehret den anderen als seinen Herren / unn
dieser welcher Ammts oder Alters halber under ihnen der Obrist war / ernideret
und demütiget sich mehr als die anderen.
Ubten sich in der Gehorsame / ward jeder
bereit nit allein dem Gebott / sonder auch dem Willen seines Obristen zu
gehorsamen / hielten auch alles das jenig / so ihnen anbefohlen worden / für
gewiß / daß es der Willen Gottes wäre / war ihnen derhalben ring und leicht zu
gehorsamen.
Unnd auff daß sie von anderen nit gericht wurden
/ anklagten / unnd richteten sie sich selbst. (1. Cor. 2.)
Wann einer gegen dem anderen ein
ärgerlich Wort redte / ward er dermassen durch sein
eigen Gewissen gezüchtiget / daß er kein Ruh hätte / biß er dem Beleydigten zu
Fuß gefallen / unnd sein Schuld bekent hatte / ward an demselben nit ersättiget
/ sonder bate den Bruder / er solte ihm den Fuß auff das Maul setzen / unnd wol tretten.
Auff solche Weiß haben sie sich
selbsten gestrafft / unnd die Hoffart zerknischt.
Solches übten nit allein die Brüder under
einander / sonder die Obristen selbst / wann einer derselben befunden / daß er
wider die Billigkeit jemandt auß ihrer Versamblung beleydiget / befahle er dem
Beleydigten / er solte ihme den Fuß auff den Hals setzen / damit auff solche
Weiß (deß Teufels Boßheit und Tyrannei zerknischende) under ihnen die brüderliche Liebe erhalten wurde.
Der Gestalten (dergestalt) stritten sie wider die Laster / und übten sich in
Tugenten.
Uber das brauchten sie was sie hätten / von
Kleideren / Büchern / oder anderm alles in gemein / dorffte keiner ihme was Eigens zueignen.
Und obwolen die Armut inn ihnen eusserist war / so waren sie doch allzeit reich inn dem Herren
/ und gaben willigklich und gern alles das jenig / so durch Gottes willen an
sie begert wurde / hielten das Wort deß Herren stets im Gemüt / so da spricht:
Umb sonst habt ihrs empfangen /
umb sonst gebets. (Matt. 10.)
Das Allmusen so sie empfangen / wann es
andere Arme begerten / gaben sie willig / und welcher nichts anders zu geben
hatte / der gabe ein Stuck seines Kleids das er antruge.
Wann die Reichen der Welt zu ihnen kamen / etlicher Sachen halber sich mit ihnen zu besprachen /
empfiengen sie selbige mit Freuden / und begerten sie zu ihrer Conversation zu
ziehen / auff daß sie hernach desto mehr Gelegenheit hätten / solche zu
Abscheuhung von Sünden zu bereden / unnd zu der Buß zu berueffen.
Wann sie der heylige Vatter indie Welt
außsenden wolte / begerten sie starck / er solte sie nit inn
ihr eigen Vatterland schicken / damit sie mit den weltlichen
Befreundten unnd Verwanten nit handlen müßten / achteten solches schier ein
Ursach seyn wider zu der Welt zu wenden.
In ihrem Reisen (ob sie gleichwol grossen Mangel litten) namen sie weder
Gold / Silber / noch anderer Sorten Gelt / dann
sonderlich und uber alles anders verachteten sie von Hertzen / und verhaßten sie dasselbig.
Dannenhero weil sie also der weltlichen
Begirden entladen und unbekümmert / machten sie sich von der Zahl deren so
Esaias sagt (Esai. 52.):
Ey wie hüpsch seynd die Füß auff
den Bergen dessen der die Bottschafft bringt / und den Friden ankündt / und das
Heyl prediget.
(Bibel von Hamp/Stenzel/Kürzinger, 1975: Wie lieblich sind auf den Bergen
des Frohboten Füße! Frieden kündet er, bringt frohe Botschaft, Heil kündet er.
Luther-Bibel 1961: Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Boten, die da
Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen. Jesaja 52,7)
Der Gestalt wanderten dise wahre Religiosen
durch die Welt / inn dem engen und rauhen Weg der Armut / die härte Felsen der eignen Begirden / und bösen
Neigungen verachtend / die dicken
Wolcken der Sünden / und ärgisten Gewohnheiten der
weltlichen Menschen brechend / wandleten / mit grosser Mühseligkeit ihres
Lebens / auff den Dörnen der Betrübnussen und Widerwertigkeiten / mit dem
Exempel der Tugent / unnd Lehr der Buß / dann dises ist der Weg und Steig / der
zu dem Leben führt die jenigen / so es mit steiffem Fürsatz begeren unnd
suchen.
Es übete auch der heylige Vatter seine Kinder
in der Wart (Wartung, Pflege) der Außsätzigen / auff daß sie inn der Demut unnd Tödtung ihrer selbst ein steiffe Wurtzel setzten / verordnete daß zu erforderter Noht seine
Brüder in den siechen Häuseren (Siechenhäusern)
seyn müßten / damit sie ihnen dienten / und den Krancken pflegten.
Und sonderlich wann ein Edler in den Orden zu tretten begerte / ward ihme under anderm fürgehalten /
nemblich er müßte den Außsätzigen dienen / und wann es ihme anbefohlen / in
ihren Häusern bey ihnen wohnen / dieweil dasselbig der heylig Mann mit grosser
Satisfaction der Seelen und Leibs selbst vollbrachte / unnd sambt ihme alle
seine geliebten und heyligen Religiosen.
Und dieweil er ein sonderen Eyffer inn
Verehrung deß heyligsten Sacraments hatte / wolte er daß nit allein die Altär /
sonder auch die Kirchen und Hauß
Gottes wol geziert / sauber und wol zugericht wären:
wann er solches nit befande / säubert unn kehret er dieselbigen mit eigner Hand
/ oder wann er nit kondte / befahl er seinen Brüdern / daß sie solche
außkehrten unnd säuberten / damit sie durch dises Göttliche Werck in ihnen
selbsten erhielten die Reverentz und Demut gegen seiner Göttlichen Maiestät /
unnd in der Innbrunst deß Geists / die Seelen der glaubigen Christen / welche
ein wahrer Tempel deß lebigen Gottes seynd / reynigten.