ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

www.etika.com
9.11.2007

12F3119

Brüder richten einander selbst

Der Cronicken der Minderen Brüder, Konstanz 1603. I, Cap. 19. Seite 88 - 93

Von der Ubung und Sitten / in welchen er seine Brüder erzuge.
Cap. 19.

Als nun der heylige Franciscus erkant / daß dise sein heylige fürgenomne Religion durch Krafft deß heyligen Geists / zu einem Spiegel der Christlichen Kirchen eingesetzt worden / inn welchem die Sünder / wie abscheulich unnd wie weit sie von der Gleichnus Christi wären / sehen solten.

Darumben bemühet er sich vast seine Brüder mit der Salbung Christi zu mästen / durch welches Krafft er sie widergebare:

Dannenhero weil er desselben Geists voll was / namen sie nit allein in der Zahl / sonder auch inn den Tugenten / und Aufferbawung deß Nächsten hefftig zu.

Damit sie aber neben der Andacht und Heyligkeit / in der Liebe und Eyffer deß Nächsten / mit welchen sie in der Welt / inn heyliger Conversation handlen müßten / underricht möchten werden / satzt er sich offtermals gar freundtlich under sie / befahle ihnen inn dem Namen Gottes / daß einer umb den andern ein Sermon solte halten / von deme so ihme von dem heyligen Geist eingeben möchte werden / und solches geschahe offtermals.

Eines mals under andern als alle die jenige / welchen er zu reden anbefohlen / so hohe unnd wunderliche Sachen von der Güte Gottes / und seinen Geheimnussen also unversehens allein auß Krafft der Gehorsame / darab sie sich selbsten verwunderten / redten / erkant er inn dem Werck wahr zu seyn das jenig / so der Herr zu seinen Jüngern gesagt: Ihr seyt nit die so vor den Fürsten und Richtern reden / sonder ewers Vatters Geist ist es / der in euch redet. (Matt. 10.)

Dahero in dem daß diese heylige / reyne / und einfältige Geschirr / den Balsam der Göttlichen Gnaden also außgossen / von den hohen Wercken Gottes / von den tieffen Geheimnussen der heyligen Geschrifft / auß Geheiß ihres heyligen Vatters redten / erscheint ihnen der Herr Jesus inn Gestalt eines schönen Jünglings / und gibt ihnen den Segen / mit solcher Liebligkeit / daß der heylige Franciscus sambt allen seinen Disciplen / verzuckt und als todte zu Boden gefallen.

Als sie wider zu ihnen selbst kommen / spricht der heylige Vatter zu inen:

Meine allerliebsten Brüder / wir seynd schuldig unserem Herren Jesu grossen Danck zu sagen / weilen seiner Göttlichen Majestät gefallen / durch den Mund der Einfältigen seine grosse Schätz zu offenbaren / und sich selbst uns zu erzeigen / bey welchen er angezeigt / daß er gegenwärtig gewesen / und wann es ihme gefalle / köndte die Zungen der Kinder / der Einfältigen / und Stummen / die wolberedtisten machen.

Unnd also weil dise Diener Christi der Gestalt mit dem Liecht der Gnaden Gottes illuminiert / wurden sie von dem heyligen Mann die Welt zu erleuchten außgesandt / zu ihrer Heimkunfft kamen sie alle bey S. Maria der Engel (Santa Maria degli Angeli, in der Ebene unterhalb von Assisi, darinnen das Porziunkula-Kirchlein) / als ihrer rechten Mutter zu samen / allda empfiengen sie mit Freuden einander / in sonderer geistlicher Liebe / also dz sie die Mühseligkeiten / Angst und Noht / und andere Widerwertigkeiten / so sie auff der Reiß gelitten / nit mehr achteten.

Die andern aber so da Heimen verbliben / ob sie wol sich in der Händarbeit / zu deß Klosters Notturfft bemüheten / war doch ihre meiste Ubung in dem Gebett:

Betteten mit Andacht und Zehern (Zähren, Tränen) ohne Underlaß / stunden zu Mitternacht von dem Beth auff dem Herren zu wachen / unnd allzeit für sich und alle andere Sünder zu bitten.

Sie liebten einander mit innerlichem Affectu, warden von dem Heyligen bedient / wie einem einigen Kind von seiner Mutter gedient wirdt / und brann dermassen inn allen die Liebe / daß sie gar ring (gering) zu seyn gedunckt / das Leben nit allein von Christi Jesu willen / sonder auch deß Heyls ihres jeden Bruders wegen darzugeben / und auffzuopfferen:

und solcher Gestalt / daß als eines mals zwen Brüder uber Land reiseten / unnd einen närrischen Menschen / welcher mit Steinen den einen Bruder warffe / antraffen / alsbaldts der ander ersicht / stehet er für (vor) ihn / auff daß die Stein ihne selbst / und nit sein Mitbruder treffen solten.

Solche und vil dergleichen Werck der wahren Liebe übeten sie.

Einer ehret den anderen als seinen Herren / unn dieser welcher Ammts oder Alters halber under ihnen der Obrist war / ernideret und demütiget sich mehr als die anderen.

Ubten sich in der Gehorsame / ward jeder bereit nit allein dem Gebott / sonder auch dem Willen seines Obristen zu gehorsamen / hielten auch alles das jenig / so ihnen anbefohlen worden / für gewiß / daß es der Willen Gottes wäre / war ihnen derhalben ring und leicht zu gehorsamen.

Unnd auff daß sie von anderen nit gericht wurden / anklagten / unnd richteten sie sich selbst. (1. Cor. 2.)

Wann einer gegen dem anderen ein ärgerlich Wort redte / ward er dermassen durch sein eigen Gewissen gezüchtiget / daß er kein Ruh hätte / biß er dem Beleydigten zu Fuß gefallen / unnd sein Schuld bekent hatte / ward an demselben nit ersättiget / sonder bate den Bruder / er solte ihm den Fuß auff das Maul setzen / unnd wol tretten.

Auff solche Weiß haben sie sich selbsten gestrafft / unnd die Hoffart zerknischt.

Solches übten nit allein die Brüder under einander / sonder die Obristen selbst / wann einer derselben befunden / daß er wider die Billigkeit jemandt auß ihrer Versamblung beleydiget / befahle er dem Beleydigten / er solte ihme den Fuß auff den Hals setzen / damit auff solche Weiß (deß Teufels Boßheit und Tyrannei zerknischende) under ihnen die brüderliche Liebe erhalten wurde.

Der Gestalten (dergestalt) stritten sie wider die Laster / und übten sich in Tugenten.

Uber das brauchten sie was sie hätten / von Kleideren / Büchern / oder anderm alles in gemein / dorffte keiner ihme was Eigens zueignen.

Und obwolen die Armut inn ihnen eusserist war / so waren sie doch allzeit reich inn dem Herren / und gaben willigklich und gern alles das jenig / so durch Gottes willen an sie begert wurde / hielten das Wort deß Herren stets im Gemüt / so da spricht:

Umb sonst habt ihrs empfangen / umb sonst gebets. (Matt. 10.)

Das Allmusen so sie empfangen / wann es andere Arme begerten / gaben sie willig / und welcher nichts anders zu geben hatte / der gabe ein Stuck seines Kleids das er antruge.

Wann die Reichen der Welt zu ihnen kamen / etlicher Sachen halber sich mit ihnen zu besprachen / empfiengen sie selbige mit Freuden / und begerten sie zu ihrer Conversation zu ziehen / auff daß sie hernach desto mehr Gelegenheit hätten / solche zu Abscheuhung von Sünden zu bereden / unnd zu der Buß zu berueffen.

Wann sie der heylige Vatter indie Welt außsenden wolte / begerten sie starck / er solte sie nit inn ihr eigen Vatterland schicken / damit sie mit den weltlichen Befreundten unnd Verwanten nit handlen müßten / achteten solches schier ein Ursach seyn wider zu der Welt zu wenden.

In ihrem Reisen (ob sie gleichwol grossen Mangel litten) namen sie weder Gold / Silber / noch anderer Sorten Gelt / dann sonderlich und uber alles anders verachteten sie von Hertzen / und verhaßten sie dasselbig.

Dannenhero weil sie also der weltlichen Begirden entladen und unbekümmert / machten sie sich von der Zahl deren so Esaias sagt (Esai. 52.):

Ey wie hüpsch seynd die Füß auff den Bergen dessen der die Bottschafft bringt / und den Friden ankündt / und das Heyl prediget.

(Bibel von Hamp/Stenzel/Kürzinger, 1975: Wie lieblich sind auf den Bergen des Frohboten Füße! Frieden kündet er, bringt frohe Botschaft, Heil kündet er. Luther-Bibel 1961: Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Boten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen. Jesaja 52,7)

Der Gestalt wanderten dise wahre Religiosen durch die Welt / inn dem engen und rauhen Weg der Armut / die härte Felsen der eignen Begirden / und bösen Neigungen verachtend / die dicken Wolcken der Sünden / und ärgisten Gewohnheiten der weltlichen Menschen brechend / wandleten / mit grosser Mühseligkeit ihres Lebens / auff den Dörnen der Betrübnussen und Widerwertigkeiten / mit dem Exempel der Tugent / unnd Lehr der Buß / dann dises ist der Weg und Steig / der zu dem Leben führt die jenigen / so es mit steiffem Fürsatz begeren unnd suchen.

Es übete auch der heylige Vatter seine Kinder in der Wart (Wartung, Pflege) der Außsätzigen / auff daß sie inn der Demut unnd Tödtung ihrer selbst ein steiffe Wurtzel setzten / verordnete daß zu erforderter Noht seine Brüder in den siechen Häuseren (Siechenhäusern) seyn müßten / damit sie ihnen dienten / und den Krancken pflegten.

Und sonderlich wann ein Edler in den Orden zu tretten begerte / ward ihme under anderm fürgehalten / nemblich er müßte den Außsätzigen dienen / und wann es ihme anbefohlen / in ihren Häusern bey ihnen wohnen / dieweil dasselbig der heylig Mann mit grosser Satisfaction der Seelen und Leibs selbst vollbrachte / unnd sambt ihme alle seine geliebten und heyligen Religiosen.

Und dieweil er ein sonderen Eyffer inn Verehrung deß heyligsten Sacraments hatte / wolte er daß nit allein die Altär / sonder auch die Kirchen und Hauß Gottes wol geziert / sauber und wol zugericht wären: wann er solches nit befande / säubert unn kehret er dieselbigen mit eigner Hand / oder wann er nit kondte / befahl er seinen Brüdern / daß sie solche außkehrten unnd säuberten / damit sie durch dises Göttliche Werck in ihnen selbsten erhielten die Reverentz und Demut gegen seiner Göttlichen Maiestät / unnd in der Innbrunst deß Geists / die Seelen der glaubigen Christen / welche ein wahrer Tempel deß lebigen Gottes seynd / reynigten.

Franziskus-Übersicht