ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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9.11.2007

12F3120

Von der Lehre und Unterweisung des hl. Franziskus

Der Cronicken der Minderen Brüder, Konstanz 1603. I, Cap. 20. Seite 93 - 97

Von der Lehr unnd Underweisung deß heyligen Francisci.
Cap. 20.

Vil malen thäte der heylige Franciscus seinen Kindern in Christo geistliche Ermahnungen / erinneret sie ihres Stands und Profession / darein sie Gott so gnädigklich beruffen / und sagte:

Ihr allerliebsten Brüder / lasset uns allzeit unsere erste Berueffung vor Augen haben / in welche wir von dem Herren mit so grosser Barmhertzigkeit / nit allein von unser / sonder viler Heyls wegen seynd beruffen worden.

Lasset uns derhalben durch die Welt reisen / dieselbige ermahnen unnd lehren / mit Worten und Exempel / damit sie uber ihre begangne Sünden Rew haben / unn sich der Gebotten Gottes / welche sie schier in Vergeß gestelt / erinneren:
Dann weil ihr also arbeitet / möchte ihr vesten Glauben haben / daß ihr durch Hilff deß Herren finden werdet gütige / sanfftmütige Menschen / die euch freundtlich und mit Liebe annemmen / und ihr sie dargegen gewinnen werden.
Wann ihr aber Hoffertige / Unglaubige / die eweren Worten sich widersetzen / antreffen werdet / leidet alles mit Gedult unnd Demut / von dessen wegen / welcher als er von den Juden verschmächt / nit ein böß Wort widersprochen / noch die Ubelthaten gerochen (vermutlich: gerächt) / sonder mit grosser Liebe solches alles zu leiden / damit er für unsere Sünden genug thun möchte / sich dargeben hat.

Wann er sie außsandte / gabe er ihnen diese heylige Lehr.

Habet allzeit die Demut und Ehrbarkeit in ewer Gesellschafft / unnd biß zu der dritten Stund deß Morgens haltet streng das Silentium, (ja, tatsächlich ein Komma) und in selbiger Zeit verrichtet ewer Gebett / und bittet Gott im Hertzen.
Alle unnütze und unfruchtbare Wort solt ihr nit brauchen / oder anhören / dann an allen Orten so ihr wandlet / soll ewer Conversation nit weniger ehrbar und demütig seyn / als wann ihr in ewerer Zellen da Heim wären / inn Ansehen daß an allen Orten da wir seyn / tragen wir unser Zell mit uns / welche unser Leib / und die Seel der Einsidler ist / so in demselben wohnet / damit er dem Herren betten / unnd seine Wolthaten betrachten möge / und darumben wann die Seel inn dieser Zellen nit rühig seyn kann / wirt dem Religiosen sein Zell in dem Kloster wenig nutzen.
Lebet also / auff daß niemandt durch euch geärgert / sonder menigklich durch ewer Sannftmütigkeit zum Friden / Gütigkeit / und Einigkeit geladen werde: Sonderlich weil wir darumben beruffen / nemblich daß wir
die Verwundten heylen / die Irrigen auff den rechten Weg weisen / die Zerstreuten versamblen / und mit den süssen Näglen der Forcht Gottes verhäfften sollten.

Nach solchem erklärt er ihnen / was der Stand der Mindern Brüder wäre / sagte:

Die Religion der Minderen Brüder ist ein Netz, welches die grossen Fisch dem Herren fahet (fängt) / und die kleinen gehen lasset.
Und das Leben und Religion der Minderen Brüder ist ein kleine Herd / und Meyerschafft / welche der Sohn Gottes von seinem himlischen Vatter begert hat / daß er ihme zu disen letsten Zeiten verleyhen sollte / daß es ein Volck wäre voller Demut / und solcher verworffner Armut / daß es von allem anderen underschidlich / und sich ihne allein in diser Welt zu besitzen begnügte / und der Vatter hat ihms geben.

Henget daran / der Herr hätte ihme inn einer Revelation befohlen / daß er sie die Minderen Brüder nennen solte / dann dises wäre das arme Volck / so er von dem Vatter begert / zu disem sagt er auß dem Evangelio: Föcht (förcht) euch nit du kleine Herd (Luc. 12.) / dann (denn) es ist ewers Vatters Wolgefallen / euch das Reich zu geben.

Und obwol solches von allen Armen im Geist verstanden mag werden / so war es doch in sonderheit auff die Religion der Minderen Brüder gedeutet / welche in seiner Kirchen den ersten Stand der H. Apostlen wider verneweren solten.

Also ermahnet er sie / daß sie ohne Forcht durch die Welt reisen / sicherlich verkünden / unnd einfältigklich die Buß predigen solten / sich in dem Herren / der die Welt uberwunden / trösten / welcher allzeit inn ihnen / und durch sie / durch Mittel deß heyligen Geists / vil Seelen zu gewinnen / reden wurde.

Aber uber alles laßt uns / die wir die Welt allbereit verlassen / sonderlich Acht haben / (sprach der heylige Vatter) daß wir von einer schlechten Sach wegen hernach nit verlieren das Reich der Himmeln: Darumben wiederhole ich von newem / daß ihr solches nit höher als den Staub / den ihr mit Füssen trettet / achten.

Er berichtet sie auch / sie solten niemandts verachten / darumben daß er unordenlich lebet / und inn der Kleidung prächtig wäre / dann Gott wäre sein unn unser Herr / mächtig ihne zu berueffen / und zu rechtfertigen: unnd wolte die Brüder solten dergleichen Personen so vil Reverentz / als ihren eignen Brüdern unnd Herren erzeigen: dann sie als vernünfftige Creaturen / weil alle eines Erschaffers unnd Erlösers Geschöpff wären / wahrhafftig ihre Brüder / und von ihrer Hilff wegen / so sie disem irem Leben darreichten / wahrlich ihre Herren genent möchten werden / und wären.

Und sagt / der Minder Bruder solle under der Welt also geschaffen seyn / daß er in allem was er sehe oder hörte / allzeit Gott den himlischen Vatter glorificierte.

Eines Tages fragten die Brüder den heyligen Mann /er solt sie underrichten welche Tugent den Menschen Gott dem allmächtigen zum angenemsten machte.

Denen antwortet er / die Armut Brüder / die Armut / die Armut. Ihr solt gewißlich wissen / daß dises ist der sonderliche Weg zu der Vollkommenheit / der Stamm der Demut / auff welchem der Herr wolte den Baw der Vollkommenheit anfangen / da er sagt: Willst du vollkommen werden / gehe unn verkauff was du hast / etc. Dann (denn) durch diese werden die grösten Verhinderung wegk genommen / als da seynd die Neigung und Gedancken der zeitlichen Güter / beleitet mit der Hoffart / unnd Ehrgeitz deß Lebens / welche von der Reichthumb gleich wie die Schaben im Thuch herwachsen.

Es hat auch der Herr die sondere Fürtreffligkeit der Armut als ein Sitz aller andern Tugenten angezeigt / da er spricht:

Wer mir nachfolgen will / verlaugne sich selbst / nemme sein Creutz auff sich / unnd folge mir nach.

Und darumben solle der wahre arm Mensch nit allein alle Liebe und Begird deß Zeitlichen / sonder auch die Liebe sein selbsten / seiner Kunst / Weißheit / und Willens verlassen / auff daß weil er nichts Eigens hat / inn den wunderlichen Gewalt deß Herren eingehe / unnd sich also nackend inn seine heyligiste Arm einwerffe.

Es lobet der heylige Mann in seinem Gespräch / so er mit den Brüdern hielte / auch sehr die Tugent unn Krafft deß Gebetts deß Ordenmanns / saget daß ohn dasselbig keiner möchte in dem Dienst Gottes wachsen und verharren / und darumben reitzte und übte er auff alle Weiß so er möchte / die Brüder zu dem Gebett an / beredt sie / sie solten allzeit betten / sie stünden oder giengen / da heim oder daussen / inn Trübsal oder Freud / und alles mit dem Geist zu Gott gericht verrichten / welcher an allen Orten in uns ist / stet gegenwärtig / unnd will / daß wir allzeit mit ihme conversieren / damit wird uns durch Hinlessigkeit nit berauben der Heimsuchung deß Geists / wann wir solche mit gebürender Reverentz nit annemmen.

Anmerkung ETIKA: Bei diesem Kapitel kommt uns vor, daß da ein in Rechtschreibung schwacher Setzer schlampig gearbeitet hat.

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