ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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10.11.2007

12F3121

Von dem strengen Leben des Heiligen und seiner Enthaltsamkeit

Der Cronicken der Minderen Brüder, Konstanz 1603. I, Cap. 21. Seite 97 - 102

Kräuter, Wurzeln, Brot und Wasser
Von dem strengen Leben deß Heyligen / und seiner Abstinentz.
Cap. 21.
S. Bonaventura.

Weil nun der heylige Vatter vermerckte / daß er von Gott dem allmächtigen zu einem Exempel unnd Liecht der Völcker gegeben / unnd daß vil durch ihne / durch das Mittel dem Herren ihr Creutz nachzutragen / behalten solten werden / beflisse er sich als ein wahrer Kriegsmann Christi / durch die Werck der Verharrung in der Vollkommenheit / die Kron deß Sigs zu erlangen / und als er dise Wort der Apostel betrachtet  (2. Tim. 2., Galat. 5.) / nemblich /

Diejenigen so von Gott seynd / becreutzigen ihr Fleisch / unnd Laster / auff daß sie die Waffen deß Herren an ihrem Leib auch tragen mögen /

creutzigte er mit so strenger Disciplin sein Fleisch / unnd wehret seinen Gelüsten unnd Appetit / daß er zu Erhaltung seines Lebens kaum das jenig brauchte / so vil der Natur Notturfft erfordert:

(S. Ant.)

und sagt als der jenig ders wol probierte / es wäre schwerlich der Notturfft deß Leibs gnug zu thun / und darneben den unordentlichen Begirden deß Sinns nit nachzufolgen.

In dem Anfang deß Ordens / ob sie wol die Notturfft deß Brots zu ihrer Underhaltung nit hätten / nichts desto minder begerten sie solches nit / dann er unn seine Brüder waren dermassen dem Geist und Gebett ergeben / daß sie vergassen das Allmusen zu suchen: Dessen wegen dann sie zu vilen Zeiten nichts anders als Kräuter und Wurtzen assen.

Wann der heylige Mann gesund war / aß er selten unnd schier nie warme oder kochte Speiß / sein Ordinari war Brot und Wasser (Anmerkung ETIKA: Tolstoj hielt dies für genug) / unnd wann er doch jemalen was kochts (das doch nur Kräuter waren) asse / warff er darein so vil Aschen / oder kaltes Wasser / daß es sein Geschmack verlure / unnd ärger war als roh / wann er das Wasser tranck / trancke er nur so vil / als er vermeynte der Natur genug zu seyn / löschet den Durst nit gar.

Sein Tisch war die Erden / (welche die Brüder auch so lang er gelebt hat / gebraucht haben) erfande täglich ein newe Form oder Weiß der Abstinentz / ward allzeit beflissen / unnd gericht / das Fleisch zu züchtigen / und dem Geist / underwürffig zu machen / auff daß es nit verhinderte den Nutz der Seelen.

Er fastet fast das gantze Jar / theylets in etliche Fasten auß / die erste war. (Wir korrigieren: auß. Die erste war, die Christus …)

(1.) Die Christus der Herr gefastet hat / welche anfacht nach der heyligen drey König Tag / die fastet der heylige Diener Gottes / zu der Ehre und Exempel Christi in höchster Stille / und immer werendem Silentio, mit grossem Abbruch deß Brots und Wassers.

(2.) Darnach alsbald das Osterfest fürüber war / fastet er wegen deß Fests deß heyligen Geists / bereitet sich also wie die Apostel zu einer so herrlichen Ankunfft.

(3.) Ein andere Fasten hielt er zu Ehren der heyligen Apostlen Petri und Pauli.

(4.) Ein andere hielt er von dem Fest gemelter Apostlen an / biß zu unser Frawen Himmelfahrt.

(5.) Nach welcher fastet er biß auff das Fest des heyligen Ertzengels S. Michaels.

(6.) Das Advent war (neben den obgedachten Fasten) gar streng von ihme gefastet / und hat den Brüdern solches von aller Heyligen Tag an / auff solche Weiß und Speiß / wie er brauchte / zu fasten gebotten.

Das ander sein mässig Leben kan daher abgenommen werden / daß er von ihm selbst sagte / Ich bin nie kein Dieb gewesen inn Begerung uberflüssiges Allmusens / und hab allzeit weniger genommen / als mir von nöhten gewesen / auff daß´ichs den andern Armen nit entzuge  / dann wann ich anderst gethan / halte ich für gewiß / daß ich ein offentlichen Diebstahl begangen hätte.

Sonder wann er durch die Welt wandlete / hielte er sich nach dem Evangelio gleich denen so ihne in ihre Häuser auffnamen. (Luc. 10.) Dannenhero er allzeit / er asse oder fastete / seinen Nächsten aufferbawet.

Wann er jeweilen in seinen Kranckheiten gezwungen Fleisch zu essen / unnd es sich besserte / dopplete er zu einer Buß sein Abstinentz.

Darumben dann der Bruder Egidius zu sagen pflegte / wann der heylige Vatter Franciscus so einen gesunden starcken Leib / als er / gehabt / hätte sich ime im Leiden die gantze Welt nit vergleichen mögen.

Dieweil aber der Adel und Verdienst der Tugent nit stehet inn dem Theyl deß Leibs / sonder deß Geists / ist in ime / wann sein Kräfften abnamen / der Eyffer deß Geists dermaßen gestärckt worden / also daß er weit die natürlichen Kräfften ubertraffe / und dises war sein hohe Kron.

Und darumben als er einsmals disem Bruder Egidio erschine / und er sagte / er begerte mit ihme etliche Wort zu reden / sprache er /

Lerne zuvor bey dir das jenig so du mit mir reden willst.

S. Bonaventura

Uber das war die bloß unnd harte Erd dises Armen außgemärgleten müden Leibs ordinari Beth unnd Ligerstatt / das Küß (Kissen) ein Stein oder hart Holtz / unnd schlaffet offt sitzend.

Es hätte auch sein Leib kleine (Anmerkung: keine?) Ergetzligkeit inn dem Schlaff / weil er die meiste Zeit inn dem Gebett verharret / zu welchem er auffstunde / weil die anderen Brüder schlieffen.

Sein Bekleidung war ein einiger rauher Rock mit einer Kappen / sambt einem groben härigen Strick / unnd Niderkleid.

Unnd weil er das zarte Kleiden sehr hasset / liebet er sonderlich das rauhe / allegierte (führte an) der heylige Johannes wäre in disem sonderlich von dem Herren gelobt worden / da er sagt (Matt. 11.):

Nit in den Häusern der Armen / sonder an der Fürsten Höffen findet man diejenigen / so sich köstlich bekleiden.

Unnd derhalben wann er mit dem wenigsten einen Lust inn seinem Rock / wegen daß er glat worden / spürte / ubernehet er ihn von stund an innwendig mit rauhem Spaget / und saget / er wißte gewiß daß die Teuffel sich höchlich ab (Anm.: wohl ob) einem so strengen Leben verwunderten / und entgegen die jenigen so kostlich bekleidet wären / sehr versuchten.

Eines mals als er befragt worden / wie er in einer so strengen Kälte / sich in so ringem (geringen) und schlechtem Kleid betragen möchte / gibt er zu Antwort:

Wann wir mit der Flammen der Liebe Christi innwendig angethan wären / wurden wir dise und noch strengere eusserliche Kälten ringklich erleiden und gedulden mögen.

Nach dem er aber erkante / daß alle Brüder nit taugelich wären ein solche Strenge zu leiden / sagt er zu ihnen:

Der wahre Diener Gottes solle in dem Essen / Trincken / und allen andern deß Leibs nohtwendigen Sachen ein sondere Bescheidenheit brauchen / also daß er ihme nit Ursach gebe zu murren / unnd zu sagen / er könde sich nit mehr auff den Füssen erhalten / vil weniger betten / und mit den anderen arbeiten: Wann er diese Bescheidenheit gebraucht / und aber hernacher der Leib sich träg unnd schläfferig inn dem Gebett erzeigte / soll er ihne nur dapffer straffen.

Unnd darumben solle er inn allen seinen Sachen / er seye gesund oder kranck / sein Zuflucht zu seinem Fürseher haben / und ihne anrueffen / und ob er gleichwol nit alsbald getröst wirt / solle ers gedultigklich leiden / unnd gedencken daß unser Herr und Heyland in seiner grösten Angst seinen himlischen Vatter angeruffen / und dannochter nit getröst worden.

Unnd er solle gewiß seyn / daß ein solche gedultig unnd willige Noht / von dem Herren für ein Martyrium auffgezeichnet wirdt.

Unnd wann durch solche schon der Leib geschwächt / ist es nit sein Schuld / sonder der Willen Gottes.

Neben disem seinem für andere so gütigem Underricht / züchtigte er sein Fleisch sehr härtigklich / und starck: Dannenhero wenig Tag ehe daß er sterben sollte / bate er in umb Verzeyhung / daß er ihn so ubel gehalten / entschuldiget sich / solches wäre nit auß Feindschafft / so er zu ihme getragen / sonder mehrer Sicherheit wegen seines Heyls / zu der Glori deß Herren beschehen.

Anmerkung: Einmal steht geschrieben „unnd“, ein andermal „und“, einmal „ihn“, einmal „in“ bzw „jn“. Statt anrüffen schreiben wir anrueffen, weil besser verständlich.

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