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FRANZISKUS-CHRONIK

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Von der Bewahrung des Schatzes der Reinheit

14.12.1998 – 11.2.2009

Der Cronicken der mindern Brüder, das erst Buch, Cap. 22, S. 102ff., 1603, S. Bonaventura, S. Ant.

Von der Bewahrung deß kostlichen Schatzes der Reynigkeit / und wie er sich geschlagen / und in ein Schneegruben nackender eingeworffen.

Gleicher Weiß ist der heylige Vatter mit grosser Strenge unnd harter Disciplin inn Erhaltung der Reynigkeit beflissen gewesen unnd fleissig den jnneren und aussern Menschen darinn bewahret und derhalben im Anfang seiner Bekehrung sich zu strenger Winters Zeit offtermals nackend in dem Schnee umbgewälzet, damit er den heimischen Feind (das ist das Fleisch) desto vollkommenlicher uberwinden und das reyne Kleid der Keuschheit vor dem Feur der Empfindtligkeit unbefleckt erhalten unnd darinn demselben kein Statt zulassen möchte, wie durch dises Exempel zu sehen.

Als er eines mals in der Lantianischen Wildnus inn einer abgesünderten Zell sich befande und dem Gebett oblage, rueffet jhme der Teuffel zum dritten mal: Francisce, Francisce, Francisce. Der heylige Mann antwortet, wißte gleich vol nit wer jhme rueffte. Der Teuffel spricht: Kein Sünder in diser Welt ist so groß, welcher wann er sich bekehrt, von dem Herren nit Gnad erlanget: welcher aber sich durch gar zu strenge Buß selbst umb das Leben bringen wurde, der möchte nimmer mehr kein Gnad vor dem Angesicht des Herren erwerben.

Alsbald erkent der heylig Mann den Betrug des bösen Feindes, welcher under so lieblichen Worten verborgen lage, unnd solches umb so vil mehr, weil jhne zugleich durch den stinckenden Ahtem deß höllischen Drachen, welcher die Glut der Höllen auffblaset, ein uberauß schwere Versuchung deß Fleisches angestossen.

Welches alsbald es der wahre Liebhaber der Reynigkeit empfunden, zeucht er sich von stundan nackend auß, facht sich an gar hart mit seinem Strick zu schlagen. Wolauff Bruder Esel, sprach er, auff dise Weiß muß ich dich zämen, auff solche Weiß muß man mit dir umgehen, auff daß du dich selbst erkennest, und dieweil dir die Straff der Streich besser als das Fasten und Strenge deß Lebens gefallet, wirst du von mir dero genug empfahen, sihe allhie den Habit, welcher ist deß Ordens und ein eigentlich Anzeigen der Heyligkeit, dene zu stelen ist der Empfindtligkeit verbotten, begerst du dich darvon zu begeben, zeuhe jetz also gegeißlet dahin wo du wilst, gehet zu der Zellen hinauß, wirft sich in den Schnee unnd macht sich alsbald mit der eigner Hand siben Schneeballen, legts für sich unn spricht:

Sihe mein Leib, diser gröste Ballen ist dein Weib, dise vier seynd deine zwen Söhn und zwo Töchtern, die sie dir geboren, dise zwo andere seynd der Diener unn die Magt, so dir dienen werden. Nimm sie jetz unnd such sie zu bekleiden, dieweil sie schier erfrieren: Und wann diser newe Gedancken dich ängstiget, begnüge dich einem eintzigen Herren, welchem vil besser als disem Fleisch zu dienen ist, treulichen zu dienen.

Auff solche Weiß wirt der Teuffel verwirret, laßt die Versuchung nach unnd wird der heylig Mann sighafft, daß der Teuffel mit dergleichen Versuchungen und Anfechtungen nimmer an jhne setzen dörffen.

Mit disem so würdigem unnd rühmlichem Widerstandt deß Fleischs hat er seinen Brüderen die Lehr unnd Exempel gelassen, den Versuchungen der Empfindtligkeit nit allein mit dem Gebett, sonder auch mit leiblichen Wercken, mit Härte und Strenge des Leibs, mit uberflüssigen Zehern zu widerstreben, und nit in Wollust, wie die Weltlichen wolten, ohne alle Mühe mit kaltem Fürnemmen ehender als mit den Wercken deß Willens, inn welche etliche zarte unnd weiche Geistlichen all jhr Kunst und Stärcke setzen.

Daher es kein Wunder ist, daß selbige sich allzeit matt, schwach und unvollkommen befinden, dann solche werden sie auch allezeit, weil sie die leibliche Ubung der Tugenten und jhres Meisters und geistlichen Vatters Fußstapffen verlassen, verbleiben.

Damit aber ein solches Exempel uns underweisen solte, hat der Allmächtig gewehlt, daß weil der heylige Vatter dises verrichtet, ein Bruder so in dem Gebett ware, solches weil der Mon scheinet, alles hörte und sahe.

Als aber der Heylig solches vermerckte, hat er jhme die Ursach warumb es beschehen, nemblich diser Versuchung wegen, auch entdecken wöllen mit ernstlichem Befelch, er solte solches, weil er lebte, keinem Menschen offenbaren.

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