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FRANZISKUS-CHRONIK

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Wie er seine Brüder im Gehorsam erzog

24.8.2009

Der Cronicken der mindern Brüder, das erst Buch, Cap. 28, S. 118-121, Konstanz, 1603

Wie er seine Brüder in der wahren Gehorsame erzuge.
Cap. 28. S. Bonaventura. Genes. 2.

Neben disem aufferzuge er seine Kinder auch in der Gehorsame / und Verlaugnung deß eignen Willens / führt ihnen das Exempel Christi ein / welcher als er den Menschen erschaffen / ihme alsbald under dem Gebott der Gehorsame gebotten / er solte den Apffel der Wissenheit deß Guten unnd Bösens nit anrüren: weil er dann solches gethan / sündiget er nit / alsbald er aber sich in die Ungehorsame begeben / sich selbsten und uns sammetlich inn das Verderben gebracht.

Der Geistlich oder Religios / welcher von dem Baum diser Lehr / ihme selbsten durch den eignen Willen / den er allbereit durch das Gelübt der Gehorsame verlassen / etwas zueignet / und sich in den Gaben / so er von Gott empfangen / erhebt / unnd ohne das Joch der Obedientz deß Praelaten lebt / erzeigt wol daß er inn die falsche Ermahnungen deß Teuffels einwilligt / weil er sich zu einem Ubertretter deß Gelübts (von dem Apffel deß eignen Willens nit zu essen) gemacht hat / bleibt also verurtheylt / und auß dem Paradeiß der Religion verstossen.

Dann der Herr sagt inn dem Evangelio:

Welcher sein Seel behalten will / der wirt sie verlieren. (Luc. 14.)

Und ein solcher Mensch will sein Seel inn diser Welt gewinnen / welcher seines eignen Willens leben will. Wie und auff was Weiß kann der Underthan sich weigern (ob er gleichwol etwas bessers und seiner Seelen nutzlichers / als ime anbefohlen wirt / würcken köndte) seinem Fürsteher zu gehorsamen?

Derhalben solle er seinen Willen Gott dem allmächtigen auffopfferen / und in allem seinem Praelaten underthänig seyn.

Derhalben (geliebtiste Brüder) alsbald ihr das erste Wort der Gehorsame höret / vollbringets alsbaldt was euch auffgeladen / wartet nit auff den andern (Anmerkung: zweiten) Befelch / entschuldiget euch auch nit / ob es euch schon unmüglich / und zu demselben nit verbunden zu seyn gedunckt / dann alles das jenig so euch anbefohlen wirt / ob es auch schon uber ewer Vermögen zu seyn scheint / so ist doch die Gehorsame inn ihr selbsten so mächtig / daß sie euch die Krafft wirdt geben / auff daß ihrs verbringen möget.

Als er von seinen Brüderen gebetten / er solte sie welches die rechte Gehorsame wäre / underrichten/ gabe er zu Antwort / schwerlich wäre in der gantzen Welt einen Menschen zu finden / welcher seinem Praelaten inn allem vollkommenlich gehorsamen möchte / und gab ihnen das Exempel eines todten Cörpels:

Nemmet (sprach er) ein todten Cörpel / thut ihn hin wo ihr wöllet / er widersprichts nit / unnd wehret sich nit / wann ihr ihn von einem Ort zu dem andern richtet / murret er nit / wann ihr ihn auffsetzt / beklagt er sich nit / stelt ihr ihn / so stehet er / setzt ihr ihn auff ein Stein / sicht er weder uber noch under sich / und wann ir ihn mit Purpur bekleidet / wirdt er nun desto ungefärbter.

Diser ist der wahre unnd vollkomne Gehorsame / welcher wann er schon von einem Ort zu dem anderen verenderet wirt / nit urtheylt / unnd wann ihme ein Dignitet gegeben / der Würde halber die Demut nit vergißt / sonder je mehr er geehret / je mehr sich derselben unwürdig schetzet.

Derhalben ob gleichwol der heylige Vatter als ein verständiger Kauffmann / auff vilerley Weiß die himlische Reichthumm gewanne / unnd alle dise Zeit zu dem Verdienst anwendet / wolte er doch kein Praelat / sonder ein Underthan seyn / nit befehlen / sonder gehorsamen / auff daß er seinen Brüdern nit allein die Form und Gestalt eines guten Praelaten / sonder auch eines guten gehorsamen Underthanen verlassen möchte: unnd derwegen alsbald der Orden zugenommen / das Generalat auffgeben / und sich einem Guardian underworffen / und ihme inn allem (wie hernach an seinem Ort gesagt wirt) gehorsamet.

Er sagte auch / die Frucht der Gehorsame wäre so groß / daß die jenigen so ihren Hals derselben Joch underwurffen / zu allen Zeiten und Augenblick was dardurch verdienten.

Und darumben als offt er uber Land reiset / die Gehorsame seinen Gesehen (Anm.: Druckfehler, Gesellen?) versprochen / und gehalten.

Etlich malen sprach er / under anderen Gaben unnd Gnaden / so der allmächtig Gott ihme so gnädigklich mitgetheylt / wär dises sonderlich eine / daß er gleich so gern einem Novitzen / welcher nur ein Stund im Orden geweßt / und ihme zu einem Guardian fürgestelt / als einem alten / verständigen / vollkomnen Mann gehorsamen wolte / und so wol zu friden seyn alles dessen / so er ihme erwise / als ob er der wenigiste under allen anderen wäre / dann der Bruder solte nit gedencken daß der Praelat ein Mensch / sonder der jenig deme er underthänig seyn müsse / dannenhero je weniger der Praelat hoch unnd ehrwürdig / je mehr Gott dem allmächtigen die Demut deß gehorsamen angenem wäre.

Er underliesse darneben als der Verständige nit die Praelaten seines Ordens zu ermahnen / sie solten wenig bey dem Gebott der Obedientz gebieten / dann man sollte nit gleich mit solcher Stenge (Anm.: Strenge?) fulminieren / welche das letste (wann kein ander Mittel vorhanden) seyn solte / auch die Hand nit so bald an die Wehr legen: Sagte darauff zu den Underthanen:

Welcher mit Fleiß nit gehorsamet / der kann in die Zahl deren die Gott nit förchten / und die Menschen ehren / gezehlt werden. Dann was ist der Gewalt zu befehlen inn einem verwegnen Menschen anders / dann ein Schwert in eines Unsinnigen Hand? Unnd was ist verwürfflicher als ein Ordensmann ohne Gehorsame?

Derhalben hasset der Heylige die Hoffart als ein Mutter alles Ubels / und die Ungehorsame als ihr erstgeboren Kind / verweigerte doch die demütige Buß deß ungehorsamen Ordensmann (?) nit / wie in dem nachfolgenden Capitel zu sehen.

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