ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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Von der Liebe des heiligen Mannes zur Armut

24.11.2009

Der Cronicken der mindern Brüder, das erst Buch, Cap. 31, S. 127ff., Konstanz, 1603

Von der Liebe deß heyligen Manns gegen der Armut.
Cap. 31. S. Bonaventura.

Under allen Gaben und fürnemmen Gnaden / so der heylige Vatter von der freygebigen Hand Gottes empfangen / ist die fürnemmste gewesen die Gnad der Armut / mit welcher er sich ein newen Menschen inn der Welt / den Teufflen erschröcklich / Christo dem Herren gleichförmig / unnd allen Sterblichen zu einem Exempel und Beyspiel gemacht hat / inn welcher Gnaden Liebe / und Besitzung er durch sonderlich Göttlich Privilegium unnd Freyheit in der Heyligkeit / und Fromkeit deß Lebens / inn der heyligen Kirchen das Fürstenthumb zu haben verdient hat.

Dise sonderbare Affection unnd Neigung zu der heyligen Armut / hat er auß der Betrachtung / wie hoch sie von dem Sohn Gottes / weil er hie unden gelebt / geachtet / und wie schmächlich sie jetzt inn der Welt gehalten werde / genommen.

Dannenhero weil er begerte inn ihme ein Wohnung zu machen / inn welcher die heylige Armut möchte auffgenommen werden / hat er die Welt verlassen / und alles sein zeitlich Gut den Armen außgetheylt / unnd weil er umb der Liebe Gottes willen Vatter / unnd Mutter / die Freund und Verwanten auffgeben / ward er ein vollkomner Bilger hie auff Erden / auff daß er verdiente die heylige Armut / welche so hoch von menigklich geflohen / inn ihme zu beherbergen.

Kein Mensch in der Welt ist jemalen deß Golds so girig / noch inn Bewahrung seines Schatzes so sorgfältig gewesen / als der heylige Franciscus seiner Armut / welche er allezeit als ein kostlich Edelgstein / unn Evangelische Berlen / inn den Augen und Mund getragen / mit der Armut stund er / mit diser aß er / mit selber ward er bekleidet / mit der Armut schlieff er / und inn der Armut traumet ihm / und hät sie allzeit inn dem Hertzen eingeschlossen / hätte in seinem Leben nichts anders / dann ein kurtzen / engen / und geflickten Habit / einen Strick mit einem bar Niderkleider: In solcher seiner so reichen Armut hat er biß an sein End gelebt / begerte in solcher alle andere zu ubertreffen / wie er von ihr gelernet hatte / den Wenigisten sich under allen der anderen zu schetzen.

Die Armut unsers Herren Jesu Christi / unnd seiner heyligisten Mutter / führt er offtermalen zu Gedechtnus / unnd erinneret derselben mit uberflüssigen Zeheren seine Brüder / mit Anzeigen / solche wär die Königin aller Tugenten / weil sie scheinbar und klar in dem König der Himlen /  unnd der Königin seiner Mutter geleuchtet.

Die Armut / sprach er / ist ein fürnemme Strassen deß Heyls / als welche ein wahre Mutter / Erhalterin der Demut / unnd Wurtzel der Vollkommenheit ist / welcher Frucht allen Menschen grossen Nutz unnd Hilff bringt / unangesehen daß solche Gewißheit von der Welt Kindern wenig erkant wirdt.

Dise ist ungezweifflet der in dem Evangelischen Feld verborgne Schatz / welchen zu erkauffen / der Mensch alles das Zeitlich hingeben solle (Matt. 13.) / unnd welcher deß Zeitlichen nichts vermag / solle selbes auff das wenigist mit dem Gemüt / die Reichthumb zu verachten / unnd zu verlassen / seinem eignen Willen und Fürnemmen Widerstand zu thun / üben:

Dann der jenige verlaßt nit vollkommenlich die Welt / welcher den Seckel seines eignen Willens und Gefallens voll behaltet.

Auff dise unnd dergleichn Weiß predigte er vilmalen von der heyligen Armut / und widerholet offtermalen die Wort deß Herren / da er sagt (Matth. 8.):

Die Füchs haben Gruben / und die Vögel under dem Himmel Näster / aber deß Menschen Sohn hat nit da er sein Haubt hinlege.

Derhalben lernet er seine Discipel / daß sie als die Armen nur arme Häußle zu ihrer Wohnung erbawen solten / und in selben / nit als inn eignem Hauß / sonder als die Bilger und Frömbdling in dem Eigenthumb eines anderen wohnen / dann das Gesatz und billicher Begird der Bilger / so lang ihr Reiß wehret / ist sich under Frömbden doch zu behelffen / unnd inn grosser Begird ihr Vatterlandt zu erlangen.

Er nennet die Armut das Fundament seines Ordens / auff welchem sein gantzes Gebäw erhalten wurde / darumben sagt er ihnen / er hätte es gleichsam auß einer Offenbarung / daß die wahre Porten seiner Religion dise Wort deß Herren wären (Matt. 9.):

Begerst du vollkommen zu werden / so gehe hin und verkauffe was du hast / und gibs den Armen / kehre widerumm / und folge mir nach.

Darumben name der Heylige keinen inn den Orden / der nit nach Verscheinung deß Probierjars alles das Seinig verlassen hatte / unnd diser observierte er nit allein von wegen der Wort Christi / sonder auch auff daß keiner inn dem Kasten deß Ordens was suchen solte / so er darein gebracht hätt.

Unnd wann einer der solche Ubergab / wann er köndte / den Armen nit gethan / inn den Orden zu gehen begerte / sagt er zu ihm:

Zeuch nur hin / dann du bist noch nit von deinem Hauß außgangen / noch von den Deinen abgescheiden / hast auch noch nit das schwache / und in den Sand der Begird der zeitlichen Güter gesetzte Fundament verlassen / welches wann du es verachtet / hättest du mögen das starcke und veste Fundament deß Gebäus unn geistlichen Lebens setzen / du begerst von mir den Orden / bedencke was du schuldig bist / alsdann beger in:

verstunde gedachts Fundament für die heylige Armut / welche er zu Zeiten sein Mutter / zu Zeiten sein Braut / und zu Zeiten sein Fraw zu nennen pflegte.

Als er auff ein Zeit mit etlichen seinen Gesellen nacher Siena gienge / und gleich nach zu der Statt kommen war / begegneten ihme drey Weiber / von Gestalt / Geberd unnd Kleidung so gleich / daß eine von der anderen nit zu erkennen / die grüßten ihne mit einhelligem Mund / und sagten:

Seye willkommen die heylige Armut.

Als er solches gehört / erfrewet er sich hoch / weil er nichts lieber hörte / als von menigklich arm genent zu werden / wie ihne dise drey Weiber / so alsbald verschwunden / genant hätten.

Als solches seine Gesellen sahen unnd betrachteten / wurden sie mit sonderem Wunder / wegen diser frömbden Sach / erfült / unnd gedachten solches wäre ohne sonder Misterium nit beschehen / und wäre augenscheinlich zu erkennen / daß diese drey Weiber (welches Engel gewesen) die Evangelische Schöne und Vollkommenheit / der drey fürnembsten Gelübten / als der Armut / Gehorsame / und Reynigkeit den Brüdern von dem Herren so hoch gelobt / unnd die zugleich vollkommenlich inn dem Heyligen leuchteten und scheinten / bedeutet hätten.

Anmerkung: Wie üblich nach dem Abschreiben nochmals genauestens mit dem Original verglichen. Dieses haben wir von Tierschützer G. T. erhalten, der es vor drei Jahrzehnten auf einem Londoner Flohmarkt gekauft hat, als er noch ein reicher Mann war; jetzt ist er selbst arm, und wir bitten den Herrn, ihm sein großzügiges Geschenk wenigstens im Jenseits zu vergelten. Sollte jemand dieses Buch (oder eines der anderen, die demselben Zweck dienen) stehlen oder beschlagnahmen, bevor alles ins Internet abgeschrieben ist, so spricht sich der Dieb damit sein eignes Urteil für das Diesseits und die Ewigkeit, denn er verhindert die Rettung von Seelen.

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