ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

www.etika.com
28.11.2009

12F3134

Von der Übung der Armut

Der Cronicken der mindern Brüder, das erst Buch, Cap. 34, S. 134-138, 1603, Fioreto

Auch dieser Artikel ist wieder ein Genesungstip für Investoren und Manager. Er bringt sie nämlich auf andere Gedanken.
Ihr Geld können sie ins Jenseits nicht mitnehmen, aber ihre Seelen können sie retten, wenn sie wollen.

Von Ubung der Armut / von dem Allmusen Sammlen / wie es der Heylige und seine Discipel geübt haben.
Cap. 34 - Fioreto

Seite 134

Da nun der Heylige ein gute Anzahl Brüder bey einander hätte / unnd zu Gemüte führte / wie ihm der Herr so heylige Gesellschafft unn liebliche Conversation gegeben / lebet er mächtig getröst / und liebet so hoch selbige seine liebste Kinder in Christo / daß er sie / wann die Nahrung manglet / solche zu suchen nit auß schicket / sonder gienge selberst / und das thäte er darumb / auff daß sie sich villeicht in dem Bettlen nit schemmten oder betrübten /

Seite 135:

in Ansehen daß es ihnen ein new Werck / und daß sie durch die Welt / von ihrem heyligen Fürnemmen / unnd Beruff  abzustehen / nit verführt wurden.

Dises übte er so lang / biß ihnen die heylige Flügel der Liebe Gottes / und deß Nächsten gewachsen / mit welchen sie in der Welt umbschweiffen und wanderen / inn den Mühseligkeiten der Armut berühmbt / unnd den Samen deß Göttlichen Worts desto mehr allen Völckeren (Anm: da steht nichts, daß die Juden ausgenommen sind) außsäen möchten.

Unnd obwol solches Samblen ihme vil Mühe / weil ers täglich übete / anthäte / so beschweret ihne doch mehr sein schwache Complexion / weil er von Natur zart / unnd sein Leib durch die grosse Abstinentz und rauhes Leben gar geschwächt / so hoch daß er dise Burde nit mehr ertragen könden.

Dannenhero als ihro nunmehr ein zimliche Anzahl worden / er angefangen dise fürtreffliche Ubung deß Bettlens einzuführen.

Ob nun aber gleichwol anfängklich die Brüder sich dessen was schembten / und schwer fiel / nichts desto minder als sie sich der Tugent der heyligisten Gehorsame erinnerten / warde es ihnen lieblich / begirig / unnd angenem: begerten derhalben von dem Heyligen / den sie von ihretwegen in so strenger Behelligung sahen / er solte sie hinfüro dise Burde tragen lassen.

Darauff sprach er zu ihnen:

Ir allerliebsten Brüder / euch soll nit schwer geduncken das Allmusen von einer Thür zu der anderen durch Gottes willen zu samblen /sonder solts für ein grosse Gnad unnd Ehr von dem Herren halten. Dann welcher wär der / so nit gern und mehr als willig durch Gottes willen sammlen wolte / welcher seinen Fürsten und Herren vor ihme sehe gehen / er wurd unfehlbar bey ime selbst sagen / wie? Solle der Discipel würdiger seyn als der Meister / und der Knecht mehr als der Herr? Wäre das nit mehr ein Hoffart als Scham? Verdiente er nit mehr

Seite 136:

die Straff als das Mitleiden? Erinneret euch daß unser Herr Christus Jesus / diser heyligste himlische König / von welches Broßmen / das ist / gnadenreichem Brot die Engel im Himmel / und alle Innwohner der Welt erhalten werden / sich hat uns zu Exempel und Gefallen / arm gemacht / das Allmusen gesucht / und in diser Welt genossen / und daß wir nimmer mehr in so engem Steig der Armut gehen mögen als unser Herr und Heyland / sambt seinen Jüngern in diser Welt gewandlet. Dannenher er selbsten durch den königklichen Propheten David sagt (Psal. 39.):

Ich bin ellend unn arm / und der Herr hat für mich gesorget.

Darummen so ziehet under einem solchen fürtrefflichen Haubtmann unnd Führer sicherlich / die Besitzung deß Erbs / so Christus Jesus erworben / unn hinderlassen denen / welche nach seinem Exempel die Welt verlassen / unnd allein umb seiner Liebe willen vil Trübsal und Ellend einnemmen / zu erlangen.

Achtend euch hoch wegen diser Erbschafft / dann er gibt solche keinem / als denen welche seine liebe und wahre Freund seynd / ihr solt für gewiß wissen / daß vil edle / gelehrte und fürnemme Menschen der Welt / in unser Gesellschafft werden kommen / welche für ein sondere Gnad und Ehr werden halten / daß sie also das Allmusen suchen / und samblen mögen.

Gehet derhalben / sagt er / mit dem Segen deß Herren / das Allmusen zu suchen / in vil höherem Vertrawen / Sicherheit und Glauben / als die jenige welche grosse Summa Gelts mit ihnen tragen solches zu bezahlen:

Dann ir (ob es schon nit scheint) inen vil mehr / als der andern keiner gebet / weil ir inen um selbiges die Liebe Gottes / wann ir saget gebt uns um der Liebe Gottes willen / darreichet.

Dann ich bitt euch sagt mir? Was kann im Himmel und auff Erden gefunden werden / so der Liebe Gottes gleich ist?

Ab (ob) diser deß heyligen Manns Ermahnung warden die

Seite 137:

Brüder so wol getröst, daß sie mit Freuden giengen das Allmusen in Stätten / Dörffern / unn anderen Orten zu suchen / und wann sie Heim kamen / dem Guardian ubergaben / der es alsdann in gemein außtheylet.

Als eines mals der heylige Franciscus in unser Frawen der Englen Kirchen war / kommet gar ein geistlicher Bruder / welcher das Allmusen zu Assisi gesamblet / wider / Gott mit heller Stimm lobende. Als der Heylig den erkant / eylet er im mit Freuden entgegen / umbfangt in / und küßt ihme die Achsel darauff er den Zehrsack getragen / nimbt solchen von ihm / legt ihn auff eigne Achßlen / tragt ihn zu Hauß / wendet sich zu den Brüderen / und spricht:

Also will ich daß meine Brüder thuen / daß sie das Allmusen samblen / und wann sie Heim kommen / den Herren darumben loben sollen.

Es begibt sich eines Tags / daß ein new angehender Bruder / deme das Samblen anbefohlen / nit gehen wolte / sagte / er schämet sich dessen. Als solches der Heylige vernommen / stoßt er ihn von stundan auß dem Orden / und spricht:

Also Bruder Muggen / wilst du von der Arbeit der anderen Brüder leben / und in dem Weingarten deß Herren / gleich wie Wespen welche nit arbeiten / und doch den Honig der Immen verzehren / müssig gehen?

(Anmerkung ETIKA: Ein deutlicher Widerspruch zu der Milde am Ende seines Lebens, wo er – wie es aussieht – den Brüdern fast alles verzeihen wollte. Aus Gerechtigkeitsgründen gefällt uns dieser Ausschluß des „Bruders Muggen“ nicht. Heute müßte man ganz andere Leute ausschließen, die es damals wohl kaum gegeben hat …)

Der Willen deß H. Francisci war / daß sie offt / nach ihrer Notturfft außgiengen / und das Allmusen sambleten / auff daß sie verdienten durch die Ubung hernach wann es die Zeit erfordert / sich nit mehr zu schämen / und je höher / edler / unn hochgelehrter der Bruder in der Welt gewesen / je mehr erfrewet er sich / und ward erbawen / so wol diser Demut / als aller anderer Wercken der Gehorsame so er übet.

Offtermalen auff daß er sie tröstet unn stärcket / sprach er diese Worte (S. Bonaventura.):

Brüder / in disen letsten Zeiten / in disem letsten

Seite 138:

Alter seynd wir der Welt gegeben worden / auff daß die Außerwehlten in uns die Werck der Barmhertzigkeit üben / und dardurch verdienen an dem Tag deß letsten Gerichts belohnet zu werden mit disen allerlieblichisten Worten deß Herren (Matt. 25.):

Ich bin hungerig gewesen / unn ihr habt mich gespeiset / ich bin durstig gewesen / und ihr habt mich getrenckt / unn alles was ir dem Wenigsten der meinen gethan / das habt ir mir gethan.

Darummen sprach er / es wäre ein Sach großes Trosts / und Ehrenkräntzlein inn der Belohnung der Gerechten / under dem Namen und Tittel der Mindern Brüder zu bettlen / welchen Tittel der Meister der Evangelischen Wahrheit / durch seinen Göttlichen Mund außtruckenlich hätte erklärt / und erleutert / da er durch den Propheten gesagt (Psal. 77):

Der Mensch hat genossen das Brot der Englen: dann das Brot welches durch Gottes willen (sprach er) begert wirt / wäre wahrhafftig das Brot der Englen /  dieweil der allmächtig Gott durch die Engel die Menschen solches mitzutheylen unn zu geben / ermahnte.

In den fürnemmsten Festen wann er Weil hätte auff daß er solche inn der Armut / desto herrlicher celebrieren köndte / sucht er das Allmusen selbsten.

Als er aber sich eines mals zu dem Oesterlichen Fest / weit von der Wohnung in einem seinen Oratorien / also daß er das Allmusen nit sammlen möchte / befunden / unn daß der Herr an einem solchen Tag seinen Jüngeren / welche gen Emaus gangen / in Gestalt eines Bilgers erschinen / erinnerte / begert er als ein armer Bilger in dem Refectorio von seinen eignen Brüdern das Allmusen / genosse dasselbig / und underwise sie / weil dz sie durch die Wüste diser Welt als die Bilger / Frömmdling / und wahre Hebräer reiseten / unn kein bleibende Statt hätten / solten sie allzeit das Oesterliche Fest deß Herren / welches da ist sein Abschid von der Welt zu der Glori seines himlischen Vatters mit grosser Demut halten.

Ende des Kapitels

 

 

Die Seite 135 ist zweimal abgedruckt, doch ist die erste fehlerhaft; wir drucken sie trotzdem nach:

in Ansehen daß es ihnen ein new Werck / und daß sie durch die Welt / von ihrem heyligen Fürnemmen unnd Beruff abzustehen / nit verführt wurden.

Dises übte er so lang / biß ihnen die heylige Flügel der Liebe Gottes / und deß Nächsten gewachsen / mit welchen sie in der Welt umbschweiffen unnd wanderen / inn den Mühseligkeiten der Armut berühmbt / unnd den Samen des Göttlichen Worts desto mehr allen Völkeren außsäen möchten.

Unnd obwol solches Samblen ihme vil Mühe / weil ers täglich übete / anthäte / so bescheret ihne doch mehr sein schwache Complexion / weil er von Natur zart / unnd sein Leib durch die grosse Abstinentz und rauhes Leben gar geschwächt (Anmerkung: er kannte die Theorie von Kneipp noch nicht, denn ein rauhes Leben kann den Körper auch stärken) / so hoch daß er diese Burden (nicht) mehr ertragen könden.

Dannenhero als ihro nunmehr ein zimliche Anzahl worden / er angefangen dise fürtreffliche Ubung / daß er solche inn der Armut desto herzlicher celebriren köndte / sucht er das Allmusen selbsten.

Eines mal zu dem Oesterlichen Fest / weit von der Wohnung in einer seinen Oratorien / also daß er das Allmusen nit samblen möchte / befunden / unnd daß der Herr an einem solchen Tag seinen Jüngeren / welche gen Emaus gangen / inn Gestalt eines Bilgers erschinen / erinnerte / begert er als ein Bilger / in den Refectorio von seinen eignen Brüdern das Allmusen / genosse dasselbig / und underwise (sie) / weil daß sie durch die Wüste diser Welt als die Bilger(Blatt zusammengeklebt, vermutlich: und F) römbdling und wahre Hebraeer reiseten / unnd kein bleibende Statt hätten / solten sie allzeit das Oesterliche Fest (deß) Herren / welches da ist sein Abschid von der Welt / … Glori seines himlischen Vatters mit grosser Demut (halten?).

In Originalschreibweise, mit Fehlern. Zweierlei Schreibweisen wie und und unnd werden beibehalten.
Die lästige Microsoft-Rechtschreibkorrektur wandelt leider automatisch dise immer um in diese, solten in sollten usw. Dadurch entstehen immer wieder Fehler. „I wer narrisch“, denkt der Abschreiber oft mit dem legendären ORF-Sportreporter Edi Finger senior.

Reihenfolge der Seiten im Original: 134 mit Beginn des Kapitels 34, 135 mit Papierfehler, 136 Beginn des Cap. 35 mit Papierfehler, 135 in Ansehen, 136 die Straff, 137 Brüder so wol getröst, 138 Alter seynd, 139 Beginn des Cap. 35, 140, 141.

Franziskus-Übersicht - - - Index 1