ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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12F3136

Vom Geben - Den Armen nichts versagen

13.8.2010

Mit ETIKA-Kurzkommentar zur übertriebenen Verzeihungsbereitschaft und Armut des hl. Franziskus

Der Cronicken der mindern Brüder, das erst Buch, Cap. 36, S. 141-145, Konstanz, 1603

Von der anderen Ubung der Armut /
das ist das Geben / und wie der Heylig den Armen nichts versaget.
Cap. 36. S. Bonaventura.

Uber das hatte der heylige ein angeborne Güte und Freygebigkeit / welche in ihme die Gaben der heyligen Armut / unnd Gnaden Gottes mehret.

Dannenhero wurd er nit allein gerühmbt in dem Begeren / sonder auch inn dem Geben / alles deß jenigen so an ihne durch Gottes willen begert wurde / unnd also mit dem Exempel anzeigen / es seye denen / welche recht Arm im Geist / unnd nichts als Eigens / sonder alles als Gottes und deß Nächsten besitzen / vil seliger durch Gottes willen zu geben / und mitzutheylen / dann das begeren unnd empfahen.

Derhalben dieweil durch das Mittheylen den Armen Christi deßjenigen so einer besitzt (Act. 20.) die Verkünder der Evangelischen Armut den Tittel und Stand / der Armen im Geist erlangen / sollen sie in selbigem sich üben / verharren unnd enden / sich selbsten und das ihrig dem Nächsten zu Gutem nit versagen / dann solche erfrewen sich allzeit in dem Geben / haben allzeit vor Augen die Wort so der Herr seinen Jüngeren zu Gebott geben (Luc. 12.) / nemblich: Gebet so werdet ihr empfahen.

Dise Wort seynd leyder von den Christen wenig observiert /  mögen wol ungültig gescholten werden / sie seyen gleich was Stands sie wöllen / dann sie die Noht deß Nächsten / weil sie selbst nit manglen / nit erkennen.

Darumben aber halten die Armen deß Geists / was Stands sie auch seyen / solches Gesatz / dann sie erkennen sich selbsten bedürfftig / begeren daß inen geholffen werde / und empfacht ein jeder was ihm zu seiner Notturfft manglet.

Weil nun der heylige Vatter also die wahre Religion der heyligen Armut einsatzte / beflisse er sich zu lernen die wahre Natur derselben wäre nit so vil inn dem Begeren / dann inn dem nichts zu besitzen / das man versagen solte / unnd solches darumb / auff daß nit der Geitz oder Tyranney inn das Hauß der heyligen Armut / unnd Christlichen Mitleidens eingienge:

·       Er lernet sie / sie solten in allen Armen Christum betrachten / und darumben wann er auff der Strassen einen Armen (welchen er für Christum hielte) antraffe / gab er ihme nit allein das Seinig (ob ers gleichwol selbst bedörffte) freywillig / sonder vermeynte er wäre solches als deß Armen Eigenthumb ihme wider zu geben schuldig.

Zu strenger Winters Zeit leycht ihme ein andächtiger Bruder ein Stuck Thuchs / damit er sich an Statt eines Mantels darmit bedecken möchte.

Als er aber auff der Strassen ein altes Weib / so das Allmusen an ihn begert / antraffe / zuhe er alsbald den Mantel ab / unnd gibt ihn / ob er gleichwol nit sein / dem Weib / unn spricht:

Sihe Schwester /auß disem Thuch mache dir ein Rock / weil dus so gar bedürfftig bist.

Das Weib wirt erfrewet / gehet zu Hauß / und laßt den Rock schneiden / weil ihr aber noch ein Stuck darzu manglet / und nit wißt wie sie ihm thun solte /  unnd an die Freygebigkeit / deß Heyligen gedachte / laufft sie wider zu ihm / zeigt ihm den geschnittnen Rock / und was ihr darzu manglet.

Alsbald der Heylig den Mangel der Armen sicht / wendet er sich zu seinem Bruder / unn sagt:

Sichst du Bruder den Mangel dieser armen Alten / durch Gottes willen laß uns Frost leiden / unnd gib ihr für das Stuck so ihr manglet deinen Mantel.

Der Bruder besinnet sich nit lang / gibt ihr den / bleiben also beyde / auff daß sie das Weib kleideten / in einer so strengen Kälte ohne Mäntel.

Ein ander mal als sich der Heylige in dem Oratorio zu Cortona befande / und ein newen Mantel / welchen ime selbige Münch machen lassen / anhätte / sicht er an selbem Ort einen Mann / welcher wegen seiner Haußfrauwen Absterben / und deß verlaßnen Haußwesens sehr weinte / unnd der zu ihme / als er ihn getröst / sagte / dises seines Weinens wären vil Ursachen / aber die fürnembste wäre die Burde seines ellenden Haußwesens / welches durch der Frawen Ableiben also verlassen.

Der Heylig erbarmet sich seiner / zeucht den Mantel ab / gibt ihmen alsbald / unnd spricht:

Disen schenck ich dir durch Gottes willen /doch mit disem Geding / daß du solchen niemandts der ihn an dich begeret / wider gebest / allein er bezahl dir den zuvor.

Als nun die Münch / welche ihme solchen aller erst geben / den an dem Mann sahen / wolten sie ihn ihme nemmen. Er aber als der von deß Heyligen Worten schon gestärckt / wolt ihnen solchen nit lassen / müßten also / wann sie den Mantel haben wollten / solchen wider bezahlen.

Als er von Siena wider Heimb zoge / findet er under Wegen einen Armen / wendt sich zum Gesellen / unn spricht:

Bruder ich muß disem Armen mein Mantel geben / dann er ist sein / unnd uns Gott den nur so lang / biß wir ein Ermeren als wir seynd antreffen / gelyhen / und dieser vil ärmer als wir ist / und wann ich anderst thäte / wäre ich ein Dieb:

Gibt ihm darauff den Mantel / unangesehen deß Bruders Einreden / welcher sagte / er wäre mehr schuldig zuvor dem eignen Mangel / dann deß Nächsten zu begegnen.

Nahend bey Perugia begegnet ihm ein anderer armer Mann / welchen er noch inn der Welt gekent /  grüßt ihn / und fragt wie es umb ihne stünde. Der Arm gibt zu Antwort / unnd sagt:

Ubel /

und facht an seinen Herren einen / welcher ihme sein Lohn auff hielte / zu verfluchen / sagende / selbiges wäre ein Ursach seiner Verzweifflung. Der Heylige ermahnt ihn zum Vergeben / auff daß er nit zu sambt dem Gut die Seel auch verlure. Er wider antwort:

Es wäre Unmüglich weil er ihme das Seinige auff hielte / zu verzeyhen.

Alsbald zeucht der Heylig den Mantel ab/ gibt ihmen / unnd sagt:

Sihe mein Bruder / hiemit gib ich dir meinen Mantel für den Lohn den dir dein Herr schuldig ist: Und will dargegen allein vor dir / daß du ihme verzeyhest.

Mit diesem heyligen Werck hat der heylige Mann das harte Hertz deß Dieners also vermiltert / daß er dem Herren alsbald verzyhen unhd vergeben hat.

(Anmerkung ETIKA: Dies Verhalten mag christlich sein, widerspricht aber unserem Gerechtigkeitssinn. Der böse Ausbeuter bleibt ungeschoren. Dabei wäre es angebracht, wenn er Wiedergutmachung leisten würde; dann wäre das Verzeihen gar nicht notwendig. Wo kommen wir hin, wenn wir den Großkapitalisten und sonstigen Blutsaugern, die heutzutage ganze Völker ausbeuten und ins Elend stürzen, von vorneherein verzeihen? Wir können den Armen der Dritten Welt doch nicht unsere Mäntel schenken, wenn sie unverseuchten Grund und Boden, Wasser, Nahrung und so weiter zum Überleben brauchen. Nein, wir wollen eine gerechte Welt- und Wirtschaftsordnung ohne Ausbeutung. Jedem das Seine, Brot auch für die Armen, und die Reichen sollen teilen, zumindest aber für geleistete Arbeit den angemessenen Lohn zahlen. Ohne eine gerechte Ordnung gerät die Welt aus den Fugen. Immer nur verzeihen und versöhnen und still duldend das böse Treiben der Diener Mammons tolerieren – das führt ja derzeit die Menschheit an den Rand des Abgrunds. Das Christentum muss endlich den Weg der Gerechtigkeit beschreiten. Barmherzigkeit allein ist zu wenig. 12.8.2010 R. L., besonders für ** zur Beachtung)

Der Medicus von Riete /welcher ihme die Augen artzte / erzehlt ihm eines Tags / es wurde ein armes Weib mit gleichem Augenwehe behafft / von ihme curiert / welcher er neben der Artzney / ihrer grossen Armut halber / auch die Nahrung müßte reichen.

Alsbald der Heylig das gehört / wirdt er nit allein wegen der Kranckheit / sonder auch der Armut halber zu Mitleiden bewegt / laßt den Guardian beruffen / unnd spricht zu ihme:

Bruder wir müssen das wider geben / welches anderen zugehört.

Der Guardian verwunderet sich deren Worten / antwortet:

Was haben wir / Vatter / das anderen zugehört?

Der Heylig spricht:

Disen Mantel welchen wir von einer Armen entlyhen / den müssen wir ihr an jetzo wider zustellen.

Der Guardian sagt:

Vatter thut nun was euch gefällig ist.

Alsbald beschickt der heylig Mann einen Gottsförchtigen Mann / und sagt:

Nimm disen Mantel und die zwölff Brot die man dir geben wirt / unnd gehe zu dieser krancken unn armen Frawen / und sprich: Der arme Mann dem du disen Mantel gelyhen / der schickt dir in wider / und dancket dir: laß ir alles und komm wider.

Der ehrlich Mann verrichtet was ihm der Heylig befohlen. Das arme Weib aber vermeynend der Mann spottet irer / sagt:

Mein Mann / ich hab niemands kein Mantel gelyhen / unn mag nit wissen wie irs mit mir meynen.

Der Mann aber / ohne weiter Widerreden / laßt ihr den Mantel und Brot / und sagt:

Also ist es / er ist ewer / nutzt ihn / und gehet darvon.

Also sagt das Weib dem allmächtigen Gott Danck (Anmerkung ETIKA: wie du, deren / dessen Herz durch diese Geschichte gerührt wird) / und behielt den Mantel unn Brot.

Weiterer ETIKA-Kurzkommentar zum Thema Armut:

Auch in puncto Armut ist Franziskus von Assisi über das Ziel hinausgeschossen. Jedem, was ihm not tut, was er braucht, heißt es in der Bibel als Leitlinie. Es war falsch von Franziskus, seinen Brüdern den Besitz von Büchern zu verbieten. Genauso wie es verbohrt war von jenem benediktinischen Ordenserneuerer in „Tres Monjes Rebeldes“, den Brüdern das Abschreiben von Büchern zu untersagen und sie zur ganztägigen Feld- und Gartenarbeit zu zwingen, weil er der Meinung war, das „Ora et labora“ des Ordensgründers ließe sich nur so im ursprünglichen Geist verwirklichen. Das Abschreiben von Büchern ist etwas Geistiges, wirkt in die Zukunft hinein, während das Bebauen von Feldern hauptsächlich in den materiellen Bereich fällt und höchstens die Demut befördert. Der Gesundheit wären Spaziergänge, Wanderungen oder Wallfahrten zuträglicher. Gute Bücher sind Werkzeuge Gottes. Sie bleiben und wirken Jahrhunderte oder ewig. Die Mühen des Landmannes wirken sich normalerweise nur bis zur Ernte der Früchte im folgenden Jahr aus. Das Spirituelle sollte immer Vorrang vor dem Körperlichen und Materiellen haben. (AIHS 13.8.2010)

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