ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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Franziskus trägt die Bürde Armer

2.10.2010

Der Cronicken der mindern Brüder, das erst Buch, Cap. 37, S. 146-148, Konstanz, 1603

Von anderen dergleichen Sachen / so der Heylig durch Gottes willen geübt.
Cap. 37. S. Bonaventura.

EInes Tags / als er zu predigen außgangen / begegnen ihm zwen Frantzösische Brüder seines Ordens / bey welchen als er sich ein Weil in dem Gespräch auffgehalten / und die Brüder wegen seines Lebens und Worten wol getröst worden / begerten sie (auß sonderer Andacht) durch Gottes willen seinen Habitum (Gewand) den er antruge.

Alsbald der heylige Mann das Begeren vernimbt / zeucht er den Habitum ab/ und gibt ihn denselben / legt einen anderen / welchen der ein Bruder abgezogen / dargegen an / auff daß er seinem Gelübt dardurch Statt thäte / nemmlichen / daß er nichts so umb der Liebe Gottes willen an ihne begert wurde / zu Ehrerbietung deß jenigen Herren / welcher die Liebe genant will werden / versagen wolte: Derhalben mißfiele ihme sehr ubel / und straffet die Brüder hoch / wann sie umm eines jeden geringen Dings wegen ohne Aufferbawung deß Nächsten / die Liebe Gottes / welche allein in wichtigen Sachen / und mit grosser Reverentz und Ehrerbietung genent werden solte / unnützlicher Weiß nanten.

Derhalben dann deß Heyligen Gebrauch war / daß er selten ein newen Habitum hätte: dann ob man wol ihme solchen machte / vertauscht er ihn von stundan mit einem anderen Bruder umb einen zerrißnen und geflickten / manchmal nam er ein Stuck Lumpoen von einem / und ein anders von einem anderen Bruder / flickets zu samen / unnd machet ein Habitum darauß / also daß wann er nur umb den Magen (an welchem er grossen Wehetagen litte)  gedeckt war / fragt er die andern / wie es auch wäre / weiters nichts nach.

Es kame eines Tages ein armer Mann dahin / da er wohnete / begert an die Brüder umb der Liebe Gottes willen ein Stuck Thuch / damit er sein Kleid flicken köndte. Als es der Heylig gehört / laßt er inn dem Hauß suchen ob eines da wäre / aber keins war vorhanden / gehet alsbald auff daß er nit gesehen wurde / in einen Winckel / trennet das Stuck so er uber dem Magen trug / auß / und gibt’s dem Armen. Dieweil er aber solches so verborgen vor den Brüdern nit verrichten mögen / namen sie solches dem Armen wider. Der heylige Mann aber wolts nit annemmen / noch den Armen von dannen lassen / untzt ihme ein anders gefunden warde.

Als er in unser Frawen zu den Englen Kirchen (Anm.: Santa Maria degli Angeli, Kirche bei Assisi) war / kombt ein armes Weib so zwen Söhne in seinem Orden hätte / und begert das Allmusen. Der heylig Mann rüfft Bruder Petrum Catanium / unnd spricht zu ihm: Mögen wir auch was haben / das wir diser unser armen Mutter mittheylen? Bruder Petrus antwortet: Es wäre nichts vorhanden / allein die Bibel inn welcher sie zu Metten Zeit die Lectiones lesen / welche man ihr (weil sie das Allmusen begerte / und dessen so nottürfftig wäre) wol geben köndte.

Er besinnet sich nit lang / spricht bald: Lieber laß uns sie geben / dann sie wirts verkauffen / unnd ihr inn dieser ihrer Not zu Hilff kommen / dann ich glaube wahrlich / es werde dises Werck der Liebe / unserem Herren unnd Gott gefälliger seyn als das Lesen der Lektionen /gibt ihr darmit das Buch. Dises geschah in der Zeit als noch wenig Bücher getruckt wurden / unnd inn einem hohen Gelt waren.

Solches wirt gesagt darmit anzuzeigen / daß der heylige Mann keines Dings / was es auch wär / so umb der Liebe Gottes an ihn begert wurde, verschonte. Ja das noch mehr / auff daß er dises Werck der Liebe verrichten möchte / nam er die Burde der Armen / so ihme auff der Straß begegneten / von ihren Achßlen / legts auff die seinen / trügs so lang biß sich dieselben wider erquickten. Darummen wolt er / daß die Armen von menigklich / wie von ihm / als die Christum repraesentierten / geehret werden solten.

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