ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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Ehrerbietung für die Armen

2.10.2010

Der Cronicken der mindern Brüder, das erst Buch, Cap. 38, S. 148-149, Konstanz, 1603

Inn was Ehrerbietung der heylige Mann die Armen gehalten wolte werden.
Cap. 38. S. Bonaventura.

Als er dem Predigen durch Italiam nachzuge / findet er auff der Strassen einen armen krancken Mann / mit vil Plagen beladen. Als er sich dessen erbarmet / facht (fängt) er mit seinem Gesellen (Gefährten) von ime an zu reden: Der gibt ihme zur Antwort / es wäre wol wahr / daß er eusserlich gar arm erschine / villeichter aber innerlich so voller Begirden / mehr als kein anderer desselben Orts wäre.

Als der Heylige diß hörte / straffte er ihn starck seines so leichtfertigen Urtheylens / sagte: Ist dir mein Gesellschafft angenem / so mußt du alsbald diese Buß / so ich dir auflegen will / verrichten. Der Bruder gehet inn sich selbsten / ist zu der Buß willig. Zeuch dich / sagt der heylige Mann / nackend auß / und wirff dich disem Armen zu Fussen / bitt ihn umb Verzeyhung / und beger er solle Gott für dich bitten. Das thät der Bruder von stundan.

Eben dergleichen hat es auch einem anderen / welcher nur einem Armen / so das Allmusen begert / böse Worte geben / gethan. Lernet also wie sie die Armen halten solten / und sprach: Wann ihr werdet ein Armen sehen / gedencket das es seye ein Spiegel / welchen der Herr euch seiner unnd seiner aller liebsten Mutter Armut anzuzeigen fürstellet. Und wann ihr einen Krancken sehet / gedencket daß es seye ein Spiegel der Schwachheit / so er von unsert wegen uberstanden: Wann dann die Hoffart / unnd Unbarmhertzigkeit der Reichen gegen den Armen / Gott so höchlich mißfalt / wie vil mehr werden ihme mißfallen die rauhen Wort der Minderen Brüder / so sie denselbigen geben / sonderlich weil sie die Profession arm zu seyn erzeigen: Und weil wir inn diser unser Profession / durch Verhengnus Gottes / von den Mächtigen und Gewaltigen geehret werden / wie unleidenlich wirdt es seyn / wann wir unser Seits inn der Hoffart die Armen als wir seynd / verachten. Darumben last uns wol verhüten / daß durch die gerechte Verhengnus Gottes / die Reichen uns nit verachten / und Hunger sterben lassen.

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