ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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Von der großen Liebe des Franziskus gegenüber dem Nächsten, und wie er die Brüder von Versuchungen befreite

9.1.2011
Über weite Strecken schwer verständlich

Der Cronicken der mindern Brüder, das erst Buch, Cap. 42, S. 157-160, Konstanz, 1603

Von deß heyligen Francisci grosser Liebe gegen dem Nächsten /
und wie er die Brüder von den Versuchungen erledigte.
Cap. 42
S. Bonaventura. Fioreto.

Der arme Mann Christi / der heylige Franciscus hätte nichts als zwen kleine Pfenning / (also pfleget er die Seel und Leib zu nennen) die er von der Liebe Christi und deß Nächsten wegen / zu aller Gelegenheit disen zu einem innbrünstigen Eyffer / und den anderen zu Abstinentz unnd Disciplin auffzuopfferen begerte / inn dem eusserlichen Theyl das Fleisch zu einem Opffer schlachtende /  innerlich aber inn dem Tempel seiner Seelen ein wolschmeckend Rauchwerck der Gottesforcht / unnd Andacht brennende / mit eusserlichsten Liebe sein Hertz in Gott erhebende / und mit seiner innerlichen Güte sich gegen allen Creaturen / welche ihme der Natur unnd Gnad nach zugeellet / und mit deß Herren Blut erlößt / außtheylende und außstreckende.

Er hätte sich nit für einen Freund Christi geachtet / wann er die Seelen / welcher mit seinem so kostbaren Blut erlößt hat /  verlassen / sagte / es solte alles anders der Seelen Heyl nachgesetzt werden / weil von derselben Heyl wegen der eingeborne Sohn deß himmlischen Vatters an das Creutz geschlagen wöllen werden.

Vergosse derhalben inn dem Gebett vil Zeheren (Zähren, Tränen) / wann er prediget / brann er uber die Maß / und inn einer Summa / casteyet er sein Leib so streng / nit darumb daß er die Sünd / welche er nit begiene / straffet / nit daß er sich darvor praeservieret / weil die Hand Gottes schon bey ihm war / sonder auff daß er mit seinem Exempel / unnd Verdienst die armen Seelen Christi / auß dem erschröcklichen unnd unersättlichen Rachen der Höllen ausreissen möchte / sagte die Wort des heyligen Pauli (I. Cor. 13.):

Wann ich mit aller Welt weisisten / ja der Engel selbsten Zungen reden wurde / aber die Liebe nit hätte / und meinem Nächsten nit gut Exempel fürtrüge / wurde ich anderen wenig / ja mir selbsten noch weniger Nutz schaffen.

Theylet derwegen dise seine Liebe als ein wasserreichen Bronnen in vilerley Canäl / in welchen er außflusse / einen jeden nach seinem Stand unnd Wesen ehrend unnd liebend.

Die Priester ehret er mit sonderlicher grosser Ehrerbietung als Diener Gottes / durch Göttlichen Gewalt geheyliget / auff daß sie seyn allerheyligist Mysterium verrichten / und die Seelen (seinen mysticum Leib) von den schädlichen Sünden absolvieren köndten / in ihnen wolte er einigen Fehl oder Mangel weder sehen noch betrachten / als denen welche allzeit Christum repraesentierten.

Unnd dise gegen der Priesterschafft so hohe Ehrerbietung verliesse er seinen Kinderen inn dem Testament zu einem Exempel / auff daß die anderen alle sie gleicher Weiß / als die jene inn welcher Gewalt nach Gott / das Mittel unser Seligkeit stünde / ehren solten.

Die Prediger und Theologen ehret er als die welche uns den Geist unnd das Leben deß Wort Gottes administrierten.

Den Alten erzeigt er auch grosse Ehre / unnd hielt sie in grosser Acht.

Zu gleicher Weiß bewise er auch die gebürliche Ehr den Hohen unn Edlen diser Welt (Anmerkung ETIKA: heutzutage unangebracht):

sonderlich aber uber alle dise liebet er die Armen. Mit allen hielt er Frid und Liebe /und wolte daß solches seine Brüder auch thäten / auff daß niemandts sich ihrenthalben ärgeren oder Verdruß tragen solte. Gegen denselben erzeigt er als ein Kind Christi / die eusserlichste Liebe / so er gegen ihnen truge / weil er mit ihnen niemalen als ihr Haubt unnd Obrister / sonder als Vatter / Bruder und Diener conversierte / und sambt inen aller ihrer Betrübnus / Noht / und Versuchungen theylhafftig wolte werden /  also daß er mit dem Apostel wol sagen kondte (2. Cor. 11.):

Wer ist under euch schwach / unnd ich werde nit schwach? Wer wirdt geärgert / unnd ich brenne nicht?

Dargegen erfrewet er sich zum höchsten / wegen der geistlichen Frucht / so sie schaffeten / tröstet und stärcket die Schwachen und Angefochtnen / wie inn nachfolgenden Exemplen zu sehen ist.

Er war eines mals von einem der höchlich von dem Teuffel versucht unn angefochten worden / gebetten / er solte Gott für in bitten / den tröst er / und spricht:

Sohn bekümmere dich nit / dann das ist das aller gewissest Zeichen / daß du Gott ein wahrer angenemmer Knecht seyn wirst / seytenmal sich keiner ein wahrer Diener Christi / allein den Versuchungen und Betrübnussen / nennen oder achten kann.

Vil in irem Unverstand rühmen sich keiner Trübseligkeit / wissen auch nit was Versuchungen seyen / da sie doch sich vil mehr betrüben / und ihren ringen Verstand und Liebe Gottes / und darauff folgende ewige Straff erkennen solten / inn  Ansehung der Herr den Glaubigen disen Schrecken allhie abnimbt / und jetzt straffet / und einer höheren Kronen würdig machet / wie er auch nimmer zulasset/ daß sie uber ihre Kräfften angefochten / sonder vil mehr durch dieselben grosse Belohnung erwerben.

Durch dise Wort / ob sich gleichwol der Bruder solche zu leiden richtet / ward er doch dermassen getröst / daß er alsbald in ihme solche Bitterkeit inn geistliche Freud / und Wollust verkehrt zu seyn / empfunde.

Ein anderer Bruder war durch den Geist mit der Gottslesterung sehr angefochten / der wirfft sich mit uberflüssigen Zehern / also daß er kein Wort reden köndte / dem heyligen Mann zu Fussen.

Der Vatter als er die grosse Beängstigung deß Bruders erkante / unnd sich der armen Seel erbarmet / sagt zu ihm:

Ich befihle euch ihr Teuffel / inn dem Namen unsers Herren Jesu Christi / daß ihr euch hinfüro / disen Bruder anzufechten nit mehr understehet.

Alsbald wirdt der Bruder entlediget / unnd sein Andacht unnd Krafft wider die Geister erkant.

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