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FRANZISKUS-CHRONIK

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Wie Franziskus gen Soria reiste, um dort die Märtyrerkrone zu erlangen

27.2.2011

Der Cronicken der mindern Brüder, das erst Buch, Cap. 43, S. 160-162, Konstanz, 1603

Wie er gegen Soriam reisete / die Marterkron daselbst zu erlangen.
Cap. 43
S. Bonaventura. S. Ant.

In dem Jar deß Herren 1212, als sein Religion täglich inn Anzahl und Heyligkeit zuname / ordnet er daß die Brüder zweymal deß Jars bey S. Maria der Engel (Anmerkung: Santa Maria degli Angeli unterhalb von Assisi) / nemblich umb den heyligen Pfingstag / unnd deß Ertzengels S. Michaels Tag / solten zu samen kommen / die Milch der Evangelischen Armut von derselben ihrer Mutter zu empfahen / die Nohtwendigkeiten deß Ordens sambt anderem zu erwegen / inn brüderlicher Liebe sich zu vereinigen / unnd einander inn geistlichen Tugenten zu stärcken. Allda waren die Ort den Predigeren / und andere Obedientzen gegeben.

Dannenhero erfolgte / weil der heylige Mann nit allein den Glaubigen / sonder auch den Unglaubigen zu helffen / und den Glauben allenthalben außzusäen begerte / daß er sich selbsten zu einem Opffer in dem Feur der Marter / dem Herren ein lebendige Hostiam darzugeben / unnd durch sein Todt nach dem Exempel Christi den Weg zu dem Heyl den verlorenen Seelen zu zeigen entschlusse.

Hat derhalben in vorgemeltem Jar / welches war das vierte der Institution seines Ordens / (weil er die Flammen der Begird zu der Marter nit mehr erdulden möchte) sich entschlossen uber Meer zu schiffen / und inn Soria (Anmerkerung: innerspanische Provinz, weite Teile davon heute ziemlich entvölkert) den Unglaubigen zu predigen.

Gehet darauff zu Schiff / und wirt durch grosses Ungewitter und Ungestimme deß Meers inn wenig Tagen nach Sclavoniam (Frage: wohin? Slowenien?) getriben / allda er sich vil Tag / weil weder dises noch andere Schiff weiter wolten / müssen auff halten / dardurch er seines Fürhabens beraubt / solches für ein Gottes Schickung hielte.

Und wißte daß etliche Schiffleut nach Ancona zu fahren Willens / bat er / sie solten ihne sambt seinem Gesellen durch Gottes willen / mit ihnen zu rugk auff Italiam zu nemmen.

Die Schiffleut als sie ihn so arm sahen / unnd kein Nutz von ihm verhofften / entschuldigten sich / mit Sagen / sie hätten wenig Provision unnd Nahrung.

Der heylige Vatter aber vertrawete auff die Barmhertzigkeit Gottes / macht sich also heimlicher Weiß sammt seinem Gesellen / daß es der Patron unnd Schiffherr nit wahrnamen / inn das Schiff / verbargen sich / unnd hätten nichts zu essen.

Bald aber erscheint einer Gottsförchtigen Person so in der Naven (von nave, Schiff, vgl. Nachen) war / ein Engel / gibt ihr für die Diener Christi die Nahrung und spricht:

Nimm hin unnd bewahr dise Speisen fleissig zu Underhaltung diser beyder Brüder / zeiget ihm solche / unnd wann sie es bedörffen / so gib ihns /

verschwindt alsbald / und die Person verrichtet was ihr befohlen ware.

Under disem schifften die Schiffleut in grosser Ungestimme deß Meers vil Tag / also daß sie all ir Nahrung verzehrten / unnd nichts als was der heylige Vatter hätte / unnd ihme von Gott gesandt ware / uberblibe / das mehret der heylige Vatter / ob es wol wenig scheinte / durch sein Gebett also / (Guts für Böß erweisend) daß alle die inn der Naven waren / biß sie an das Land kamen / genugsame Nahrung und Underhaltung hätten.

Als dises Wunderzeichen der Schiffherr sahe / beklagte er sich hoch / und rewet ihn / daß er sie durch Gottes willen nit inn die Naven genommen.

Dessen Göttlichen Maiestät / nicht desto minder gefallen ihme ein so herrlich Wunderzeichen zu erzeigen / auff daß er erkente / wie daß dessen wahre Diener durch ihre Verdienst die Welt vil mehr erhielten / dann sie von derselben erhalten wurden.

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