ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

www.etika.com

12F3151

Von dem großen Generalkapitel

16.1.2012

Der Cronicken der mindern Brüder, das erst Buch, Cap. 51, S. 178-180, Konstanz, 1603

Von dem grossen general Capitel / genant das Capitel der Storn.
Cap. 51.
S. Bonaventura. Fioreto.

DIeweil aber selbiger Zeit die Minderen Brüder in allen Provintzen und Landen noch nit erkant und angenommen wöllen werden / also haben sie sich diser und anderer Ursachen halben inn dem 1219. Jar alle zu einem general Capitel bey S. Maria der Engel versammlet / in der Zahl / wie der heylig Bonaventura schreibt / biß in die 5000. welches wann es ein solcher heyliger Mann nit bezeugte / schwerlich zu glauben / daß in einer so kleinen Zeit dieser heylige Orden so vast zugenommen hätte.

Wie sie diß Capitel versamblet / befande sich Babst Honorius / mit dem gantzen Römischen Hoff zu Perusa / ihr Protector / der sich gen Assisi begeben / der besucht sie täglich / celebriert bey ihnen die Meß / prediget / und frolocket wann er auff selben weiten Heiden 50. und 100. derselben Kriegsleuten Christi mit einander sahe spatzieren / andere von dem Herren heyligklich hörte reden / andere sich inn dem Gottesdienst bemühen / andere inn Vollbringung der Wercken der Liebe sich üben / andere abgesündert inn den Betrachtungen verharren / und dises alles mit solcher Stille / daß einig Getümmel nit gehört möchte werden.

Derhalben sich mit allen den Herren deß Bäbstlichen Hoffs voll überflüssiger Andacht verwundert / und innerlich so vil immer müglich / belustiget / dieweil er sahe die Wort Jacobs in einer so grossen Anzahl der Diener Gottes erfült zu seyn / welcher sagt (Genes. 32.):

Diß seynd die Heere Gottes / und da ist sein Wohnung. Dann ihr Wohnung war inn dem Feld / gemacht von den Storen von Assisi / und geordnet wie ein Dormitorium, dannenher es das Capitel der Storen genent worden.

Ihre Beth waren die blosse Erden / oder ein wenig Stro darauff / ihr Küsse ein Stein / oder Holtz / unnd ihr Andacht so groß / daß vil edle unnd grosse Herren / Cardinäl / und Bischoffen von Weite her / ein solche heylige unnd demütige Versamblung zu sehen sich begaben / also daß wol erschine / kein gleichformigere wäre inn der Welt jemalen gesehen oder gehalten worden.

Fürnemblich aber kamen sie zu sehen und zu ehren das fürtrefflich haubt den heyligen Franciscum / welcher in so kleiner Zeit so vil unnd so schöne Glider von der Welt abgezogen / und als ein weiser Hirt ein so kostliche und grosse Herd zu der Weid Christi getriben und geleit hätte.

Als sie nun auß allen Provintzen versamblet / von dem Heyligen zu sammen beruffen / und er von dem heyligen Geist inspiriert / erhebt er sich / truge ihnen die starcke unnd wolgeschmackte Speiß deß Wort Gottes für / unnd thät ihnen mit heller unnd andächtiger Stimm nachfolgenden Tenors ein Predig.

Geliebste Brüder / grosse Ding haben wir versprochen / aber vil grösser seynd uns versprochen worden: laßt uns dise halten / und nach den anderen trachten. Kurtz ist die Belustigung der Sünd /aber die Pein ewig. Die Tugent ist mühlich / aber die Glori ist unendtlich. (Matt. 20.) Und letstlich seynd vil der Beruefften (geschrieben u mit kleinem e darüber) / aber wenig der Außerwehlten.

Auff diese Wort hat der Heylig so herrlich discurriert / daß es zu verwunderen ware / ermahnte sie zu der Gehorsame der heyligen Kirchen / zu der Übung deß Gebetts / ein gewaltig Mittel die Liebe Gottes zu erlangen / zu der Liebe und Aufferbawung deß Nächsten / zu der Gedult inn Bemühungen / zu der Reynigkeit deß Lebens / zu dem Friden Gottes / unn deß Menschen / zu der Demut / zu der Freundligkeit gegen menigklich / zu der Wacht / zu dem Widerstandt der Versuchungen / zu dem Eyffer der Evangelischen Armut / zu Verachtung der Welt / und sein selbsten / und inn einer Summ alle die Gedancken der Seelen und Leibs / in den höchsten Erschaffer /  Erlöser / unnd wahren Hirten unserer Seelen Christum Jesum zu setzen.

Damit er aber ein solches noch scheinbarer inn dem Werck erzeigte / befahle er inn Krafft der Gehorsame / die wenigiste Sorg weder umb Essen / Trincken / oder andere Nohtwendigkeiten zu tragen / unnd allein dem Lob Gottes / unnd Gebett obzuligen / mit disen seinen gewohnlichen deß Psalmisten Worten (Psal. 53.):

Setzt all ewere Gedancken in den Herren / unnd er wirdt euch erhalten.

Die Brüder folgeten ihm / trachteten nach nichtem / lagen nach Hinlegung aller zeitlichen Sorgen / allein dem Gebett und Lob Gottes ob.

In Originalschreibweise.

Dieses Generalkapitel wird auf einem großformatigen Bild im Kreuzgang des Bozner Franziskanerklosters dargestellt.

Franziskus-Übersicht - - - Index 1