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FRANZISKUS-CHRONIK

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Wie die Brüder in viele Landschaften ausgesandt und Gott sie wundersam erhielt

28.3.2012

Der Cronicken der mindern Brüder, das erst Buch, Cap. 54, S. 186-189, Konstanz, 1603

Wie die Brüder in vil Landschafften der Glaubigen und Unglaubigen /
mit authentischen Brieffen außgesant worden / und sie Gott wunderlich erhielte.

Cap. 54. Alte Cronicken.

IN der Expedition dises grossen general Capitels wurden die Provintzen der Christenheit / wie auch der Unglaubigen / under ihre Ministros außgetheylt / und dieselben sambt den von der Bäbstlichen Heyligkeit und Cardinälen authentisierten Patenten dahin gesant / welcher wegen sie von den Praelaten und Völckeren mit Freuden empfangen / unnd inn hohen Ehren gehalten wurden.

Under anderen warden ihro sechs in Moream in die Statt Maroco zu predigen außgeschickt / welcher der ein in Hispania erkranckt / und die anderen fünff als sie dahin kommen / gemartert worden / wie in dem 4. Buch gesagt wirdt.

Er schicket etliche inn Gesellschafft Bruders Egidij seines dritten Discipels / nacher Tunis / auff daß sie wider die falsche Machometische Sect predigten / die doch als sie dahin gelangt / von den Christlichen Kauffleuten (welche sorgten ihnen was Ubels begegnen möchte) wider ihren Willen inn die Schiff genötigt / unnd wider herüber geschickt worden.

An vil andere Orte / weil sie ihne auß Begird der Marter so hoch baten / ließ er sie / auff daß sie getröst wurden / ziehen / da sie dann / wie inn Beschreibung ihrer Leben zu sehen / grossen Nutz schaffeten:

Dann weil sie all ihr Hoffnung in Gott setzten / der Herr durch sie vil Wunderzeichen würckte / und sie inn ihren Nöhten wunderlich erhielte / wie in nachfolgenden Exemplen zu sehen.

Als auff ein Zeit vil seiner Brüder in einem rauhen Gebirg / von wegen der grossen Hitz / hoch von dem Durst geplaget wurden / und gleich verschmachten / kamen sie auß Fürsehung Gottes zu einem Bronnen / da sie nach empfangner Benediction deß Obristen / desselbigen Wassers genossen / und wol erkennet daß solches mehr Göttlich als irdisch ware / seytemal sie dermassen als vor nie dardurch bekräfftiget unnd gestärckt wurden / also daß sie ihre Reiß desto ringer verrichten möchten / zogen fort / unnd lobeten Gott wegen dieser empfangnen Wohlthat.

Zwen andere Gesellen die auff Apostolisch ohne Zehrseck reißten / als sie vast ein ganzen Tag gangen / kein Brot bekommen / und wegen grossen Hungers gleich schier verschmachten / und gleichwol als sie zu einer Kirchen kommen / und den Priester durch Gottes willen um ein Stückle Brot baten / ihnen der hüpsch Gesell solches versagte / und daß er keins hätte antwortet / müßten die armseligen Brüder gleich schier als verzweifflet fortziehen / treffen under Wegen einen Jüngling an / der grüsset sie / und spricht:

Wo ziecht ihr so melancolisch und fauligklich hin / als ob ihr nit mehr gehen möchten.

Sie antworten / weil sie niemandts antreffen mögen der ihnen ein Stückle Brot mittheylet / wären sie schwach / daß sie besorgten zu sterben. Darauff sagt der Jüngling:

Wie das? Sitzet nider / und esset / sihe da seynd zwey Brot /

facht an weil sie essen / sich zu erkennen zu geben / unnd spricht:

O ihr kleinglaubige Menschen / warumb habt ihr der Göttlichen Providentz mißtrawet? Warumb seynd euch die Wort deß Propheten Davids / welche ewer heylige Vatter so offt repliciert (Psal. 54.) nit zu Sinn kommen?

Setzt all ewer Hoffnung in den Herren / und er wirt euch erhalten.

Seytemal er gar dem Vich kein Mangel laßt / derhalben solt ir wissen / daß euch Gott der Herr wegen dises ewers kleinen Glaubens also straffen / und durch den Hunger plagen wöllen. Nun aber hinfüro wißt ihr euch zu verhalten.

Als er diß gesagt / ist er verschwunden. Die Brüder demütigen sich / begeren von Gott Verzeyhung / und versprechen grosse Besserung.

Aber dises so zweyen Religiosen / die inn das Königreich Arragon geschickt waren / begegnet / ist wol zu verwunderen:

Dann als sie zu Lerida  von einem ehrlichen vom Adel / Raimondus Barriaco genant / deß heyligen Francisci Ordens ein sonderer Liebhaber / auffgenommen warden / haben sie angefangen ihne zu bereden / ihnen ein Betthauß ausser der Statt zu erbawen / vergwißten ihn durch solches Gebäuw wurde sein Gelt nit gemindert werden.

Als er nun dem Versprechen glaubt / facht er an so starck zu bawen / daß er das Gebäw inn kurzer Zeit weit brachte. Und als er eins Tags sein Diener uber sein Truhen Gelt zu holen / die Arbeiter darmit abzuzahlen / schickte / kombt derselbe / und sagt / er hätte keins darinn gefunden: er aber wolt solches nit glauben / schickte zu dem anderen mal / der kombt abermals wider / und sagt / es wäre inn Wahrheit keines in den Truhen.

Der Herr erschrickt ubel / erzeigt sich / als er den grossen Unkosten so er verbawet / unnd die falsche Vergwissung der Brüder zu Hertzen geführt / gegen ihnen gar ungedultig / und facht an ihnen ihr Versprechen zu verweisen. Diese antworten demütigklich unnd sagen:

Er solt sich nichts bekümmeren / solt selbsten gehen / unnd wol suchen / dann ohne Zweiffel wurde er die Verheissung Gottes wahr seyn befinden.

Als er diß gehört / fasset er ein Hertz / glaubt dem Wort der Brüder / und gehet inn gutem Vertrawem zu Hauß / findet in der Truhen all sein Gelt / als wann er kein Haller außgeben / unnd inn einem anderen Winckel der Truhen uber selbiges noch vil ein mehrers in grosser Anzahl.

Eylet derhalben / als er das Wunderzeichen Gottes erkent / frölich den Brüderen zu / wirfft sich ihnen zu Fussen / begert Verzeyhung seines ringen Glaubens / unn fahrt mit grossem Eyfer inn dem Gebäw fort.

 

In Originalschreibweise.

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