ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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Wie er Bruder Ruffinus von einer Versuchung befreite

28.9.2012

Der Cronicken der mindern Brüder, das erst Buch, Konstanz 1603. S. 212-216.

Wie er Bruder Ruffinum von einer uberauß schweren Versuchung erlediget.
Cap. 65.

BRuder Ruffinus ein Gesell deß heyligen Francisci / ward auff ein Zeit mit einer so uberauß schweren Versuchung der Diffidentz / der Praedestination angefochten / daß nit wol ein schwerere seyn möchte: darauß zu sehen / wie vilerley Künsten der Teuffel sich gebrauche / die Gerechten zum Fall zu bringen /wann ihnen der allmächtig Gott nit beystünde.

Es war Bruder Ruffinuss ein frommer Ordensmann eines heyligen Lebens / und hoher Betrachtung /dieser als er mit der Diffidentz der Praedestination versucht / gibt im der Teuffel für / daß alle seine Bearbeitung /Bemühe / und Behelligung die er vollbrächte und leidete /so wol auch die Zeit so er in der Religion verzehrte / verloren unn vergebens wären / weil er nit auß der Zahl deren so zu der Seligkeit praedestiniert wären / welche Versuchung als sie immer unn immer zuname / (unnd er gleichwol mit den Brüderen zu conversieren nie underließe) ihne gar unwillig machte /unn weil er solche auß Forcht und Scham niemandt offenbaren dörffte / ime auß Verhengknus Gottes je länger je mehr Anfechtung deß Feinds verursachte.

Dann als er ihn inner- und eusserlich dermassen bestritten / erscheint er (der Teufel) ihm eines mals under anderen inn Gestalt deß gecreuzigten Christi / erzeigt sich gar mitleidenlich gegen ihm / und sagt:

Was plagest du dich so vast du armer Mann /und haltest so grosse Abstinentz ohne Frucht? Was hilfft so viel Bettens / dieweil die gantze Welt das jenig / so durch die Fürsichtigkeit und Weißheit meinews Vatters angeordnet / nit enderen mag / und durch selbige bist du schon nit der jenigen / welche zu der Seligkeit praedestiniert seynd / sonder zu der Verdammnus / derhalben hat mich dises dein grosses Leiden zu Mitleiden bewegt / auff daß du hie im Leben nit noch ein andere Höll habest / unnd ob dir solche gleichwol vil mal in den Sinn geben / habe ich doch allen Zweiffel wegkzunemmen / und daß du hinfüro disem andern Verdambten deß Peter Bernhardons Sohn / welcher mit seinem Vatter / und allen den jenigen so ihme nachfolgen / in die Höll fahren werden / anzeigen mögest / habe ich dir inn meiner eignen wahren Gestalt erscheinen / und dich durch mein Güte deß jenigen vergwissen wöllen / welches ich allein weiß / der ich allein selig mache / unnd verdamme.

Mit disem verschwindet er, und laßt den armen Bruder Ruffinum in so grosser Traurigkeit (ein Kranckheit welche die größten Diener Christi felt) und dermassen inn der Dünckle dises grossen Fürsten der Finsternus verwirret / dz er schier den Glauben an Christum / unnd seinen heyligen Diener verloren / und dessen wegen nit mehr mit ihme reden wolte.

Als dises der heylige Vatter berichtet / und auß Göttlicher Offenbarung den Schaden seines so geliebten Bruders erkennet / laßt er ihn weit ab dem Berg Subasio / da er in einer abgesünderten Zell wohnte / durch Bruder Maseum beruffen.

Als der sein Bottschafft verrichtet / antwortet er trutzigklich / er hätte mit Bruder Francisco nichts zu schaffen. Von diser Antwort erschrickt Bruder Maseus / spürt gleich deß Teuffels Betrug / spricht ihm auff das freundtlichist zu / unnd sagt:

O wehe Bruder Ruffine / was seynd das für Wort / die du redest / bist du von dir selbst kommen? Oder lassest du dich den Teuffel betriegen? Weist du nit daß der heylige Franciscus ein Engel auff Erden von Himmel gesant ist? Weist du nit wie vil tausent Seelen der allmächtig Gott durch sein Mittel allbereit behalten / noch täglich behaltet / und hinfüro behalten will? und wie er die Welt erleuchtet hat? und sonderlich wir durch ihn erleuchtet worden? Ich will inn all Weg / daß du zu ihme gehest / dieweil er dich jetzt durch mich eigens so freundtlich berüffen laßt / und solches desto mehr / dieweil man augenscheinlich sicht / daß du von dem Teuffel gar hoch betrogen wirst.

Durch dise Wort wirdt Bruder Ruffinus bewegt / macht sich auff / ohne weiters Widersprechen / unnd gehet mit ihm. Als er für (vor) den heyligen Mann kommen / verlure der Teuffel alsbald seinen Raub: Dann als ihme der heylige Vatter nach Ordnung alle seine Versuchungen erzehlet / unnd ihme zum Wahrzeichen geben / nemblich daß der Teuffel deß Menschen Hertzen verherrte (verhärte) / da entgegen der Herr solches erweiche / unnd erlinde / da er selbst sagt (Ezech. 11.):

Ich will das steine Hertz von euch nemmen / unnd euch ein fleisches geben:

unnd er die grosse Verstockung deß Hertzens von dem Teuffel kommend erkent / und darauß seine Künsten wahrgenommen / gibt er sich alsbald inn die Schuld / bekent und beychtet mit vilen Zeheren (Zähren, Tränen) sein Sünd / daß er der Versuchung so lang Statt geben.

Zu disem spricht der heylig Vatter:

Gehe hin mein Sohn / beychte / und verharre ein Zeit inn dem Gebett / du solst vergewißt sein / daß dise Versuchung dir inn so vil geistliche Freud unnd Frid verkehrt wirdt werden / wie du inn kurtz erfahren wirst / und wann dieser erschröckliche Teuffel wider zu dir kombt / so sag ihm dise Wort:

Du schandtlicher Teuffel / thur nur dein verlogen Maul auff / auff daß ich dirs wol mit Kot anfülle.

Auff diß zeucht Bruder Ruffinus dem Berg zu / daselbsten in seiner Zellen sein vergangen Irrthumb zu beweinen. Sihe da kombt der Teuffel abermal in Gestalt eines Crucifix und spricht:

Hab ich dir nit verbotten / du soltest Bruder Francisco nichts mehr glauben?

Bruder Ruffinus laßt ihn nit weiter reden / sonder sagt:

Thu dein Maul / auß welchem so vil Lugen fliessen / weit auff / du schandtlicher verlogner Teuffel / auff daß ich dirs mit Kot wol einfülle.

Alsbald der Betrieger solches gehört / weicht er von dannen / stürtzet die Felsen uberab / mit einem solchen Gewalt unn Prassen / daß sie an einander stossend feurig scheinten / macht ein solches Getümmel auff dem Berg / als wollte alles zu Grund gehen.

Als dises Getümmel der heylig Vatter sambt seinen Brüderen hörten / verwunderen sie sich was doch dises wäre / waren alle (ausser deß Heyligen / der ihm gleich was es seyn möchte / imaginierte) erschrocken / und traurig.

Sihe da kombt Bruder Ruffinus / eines so langen Kriegs entlediget / und der im Werck den Betrug erkant / zu dem heyligen Vatter / erzehlt ihme mit ihrer aller sonderem Frolocken und Freud / den ganzen Verlauff: bleibt nit lang bey ihnen / sonder eylet seiner Zell zu / inn welcher ihme der wahre Gecreutzigte erscheint / unnd sagt:

Recht hast du gethan / Bruder Ruffine / den Raht Francisci / der dir die List deß Teuffels entdeckt / anzunemmen / darumben will ich dir (wegen der grossen Bemüh / und Bearbeitung / so du inn dieser Versuchung uberstanden) hinfüro die Gnad thun / daß du die Zeit deines irdischen Lebens / von ihme  nit mehr solst angefochten werden / benediciert ihn / unnd verschwindt.

Auß welchem er dermassen (nach deß heyligen Vaters Prophezey) getröst worden / unnd mit solchem Eyffer und Liebligkeit deß Geists erfült / daß sein Seel allezeit verzuckt / und in Gott erhebt worden / und also inn Vereinigung seiner Liebe / vollkommenlich gelebt und gestorben.

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