ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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Franziskus hält sich für den größten Sünder der Welt

1.12.2001 – 3.10.2012

Der Cronicken der mindern Brüder, das erst Buch, Konstanz 1603

Wie sich der heylige Franciscus
für den grösten Sünder der Welt achtet.

Cap. 68 - S. Bonaventura. S. 220-226.

UNd auff daß solches wahr wäre / hat der allmächtig Gott (welcher ihne je mehr er sich auff Erden demütiget / je mehr ihn inn dem Himmel erhöhet) solches dem Bruder Ruffino durch ein Offenbarung wöllen andeuten.

Dann als er im Geist verzuckt / sicht er im Himmel ein hoch und erhebt Ort / inn welchem die höchste Statt der Seraphinen was / und under selben einen lären und für die anderen gezierten / glantzenden / unnd mit allerley kostlichen Edelgestein versetzten Sitz / fragt für wen solcher zubereit wäre. Da hört er ein Stimm / die zu im sprach:

Dieser Sitz war eines under den fürnemmsten Seraphinen / so in die Höll verstoßen seynd: jetzt aber wirdt er dem allerdemütigsten Francisco vorbehalten.

Nach welcher Vision kombt Bruder Ruffinum ein Begird an zu wissen / inn was dise so grosse unnd hoch verdienstliche Demut deß heyligen Francisci stünde / facht derhalben / als er mit ihme conversiert / also an zu sagen:

Mein allerliebster Vatter / ich wollte daß ir mir im Grund anzeigten / wie hoch ihr euch achtet / unnd was ihr von euch selbsten haltet.

Der heylig Vatter antwortet:

Ich halte mich wahrhafftig für den grösten Sünder der Welt / unnd der Gott weniger als jemandt anderer dienet.

Bruder Ruffinus sagt:

Dises könde er mit Wahrheit unnd gutem Gewissen nit sagen / seytemal (wie augenscheinlich zu sehen) vil Sünden begangen wurden / deren er / Gott Lob / unschuldig.

Der heylige Mann spricht hinwieder:

Wann der Herr selbige mit so grosser Barmhertzigkeit / wie er mir gethan / begnadet / wurden sie / wie arg und böß sie auch seyen / Gott vil angenemmer gewesen / und ime vil mehr als ich gedient haben. Und wann mich Gott verliesse / wurde ich vil mehr Ubelthaten begehen / als kein anderer Mensch. Derhalben klage ich mich selbsten an / von wegen der grossen Gnaden / so er mir erzeigt / als den grösten Sünder.

Mit dieser Antwort wirdt Bruder Ruffinus inn der Vision wol bestet / unnd deß Verdiensts der Demut Francisci wol berichtet.

(Randnotiz :) Ein Obiect deß Authoris / unn sein Solution.

Dieweil aber die Demut ihr Fundament allzeit soll haben in der Wahrheit / so scheint als ob vil nit vergebenlich auff diese sein Antwort zu repliciren wäre / möchte derhalben einer sagen.

Heyligster Vatter / ich bitte euch durch die eusseriste Liebe / so ihr in disem zergängklichen Leben gegen dem demütigen Christo Jesu getragen / unnd noch tragent / sagt mir / woher wißt ihr / daß wann ein anderer Sünder das jenig Talent der Gnaden / so ihr von Gott erlangt / hätte bekommen / ime angenemmer als ihr wäre / und mehr Nutz als ihr schaffen wurde? In was Beweisung und Lehr / inn was Geist ist das Fundament dieser ewern demütigen Opinion unnd Meynung gesetzt / so ihr von euch zu halten erzeigt? Dann ich halte für gewiß / wann Gott solches erkant / hätte er nit euch / sonder einem anderen sein Gnad eingegossen.

Auff diese Obiection möchte der demütigste Vatter wol antworten. Dises habe er inn der Lehr Christi deß Erlösers gefunden / welcher durch seinen eignen Mund sagte: Der Wind wehet oder blaset wo er will. (Ioan. 3., 1. Cor.3) Unnd durch den heyligen Paulum spreche: Es ist nun weder der da pflantzt / noch der da begeußt / etwas / sonder Gott der es wachsen macht.

Dannenhero köndt er dir auff diese Weiß einführen. Weil nit ich Franciscus / sonder Gott ist / der inn mir würcket / wann der Herr hätte einen anderen inspirieren wöllen / ist kein Zweiffel / daß er dergleichen / oder vil mehr als ich nach seiner Gnad gethan hätte.

Was aber das belangt / daß du für gewiß haltest / daß es Gott der allmächtig einem anderen gegeben / wann er / daß er dises / oder mehrers gethan wurde haben / erkent hätte. Dieser dein Glauben ist falsch. Dann wiewohl / sagt gedachter Apostel Paulus (2. Tim. 2.) / in der Hand deß Haffners stehet ein zierlich Geschirr zu ehrlichem Gebrauch / unnd ein anders zu dem Unflat / ein Handbeck / oder Scherben zu machen / dannocht gebürt dem Geschirr nit sich zu beklagen / und zu sagen / warumben disem mehr dann mir? Dann er ist der Herr / und also gefalts ihm.

Über das köndte er dir noch mit höherem Fundament disen Spruch der Braut allegieren (Cant. 1.): Sehet mich nit an daß ich braun bin / dann die Sonn hat mich also entferbt: welches nichts anders bedeut / allein daß man nit glauben solle / daß diese grosse Unsauberkeit (welche der Demütige ihme selberst einbildet) daher reiche / daß sie solche eigentlich seye / aber wol daß die Sonn der Gerechtigkeit der lebendige Gott / und nit der Monschein der weltlichen Weißheit ihne in seinen Augen solches so abscheulich zu seyn geduncken lasse.

Und das nit (sag ich) daß es in der Essentz das schön unflätig mache / sonder allein inn dem Schein / von wegen der Vergleichung zwischen einer unvollkomnen zu einer vollkomnisten Schöne möchte gemacht werden. Gesetzt aber / daß ich inn mir auch was Guts habe / (das dann wol seyn kann) wann ich aber meine Augen inn diese Göttliche Sonnen der Gerechtigkeit wende / müsse ich in selben scheinenden Striemen die Vile meiner Unvollkommenheiten ansehen / welche wann ichs (wie ich thun solle) betrachte / erkenn ich zugleich / daß mein Unvollkommenheit unendtlich ist / und wirdt inn disem meinem Accident zu nichtem.

Weil aber sich nit thun laßt / daß dises so wahr ist / nichts seye / gedencke ich inn mir selbsten / und betrachte / wie groß mein natürliche Nichtigkeit seye / erkenn nichts anders als die Gnad Gottes / welche inn mir was würcket / dann mir als einem Menschen wäre nit Sünd / wann ich schon nichts würckte / darumben ist es von nöhten / daß ich mich ernidere / und für gewiß halte / daß so vil dises anbelangt / keiner inn keinerley Weiß nichtiger unnd schlechter als ich seye.

Wann nun diese Vergleichung geschehen / so gehet alsdann die Demütigkeit sambt ihrem Verdienst ein / wann der wahre Demütig alle anderen Menschen / die ime der Natur nach in der Unvollkommenheit gleich / ehret / unnd höher als sich selbsten achtet. Und dises ist die braune Farbe / welche die Sonn der Gnaden / durch sein Güte mittheylet. Eben mit dieser Demut angethan / hat Gott / als er Mensch worden / gesagt:

Ich bin ein Wurm / und kein Mensch / ein Spott der Leut / unn Verachtung deß Volcks. (Psal. 21.)

Wann dann solches Christus der Herr / welcher die Wahrheit selber ist / von ihme selbsten gesagt / wer kann dann billicher Weiß ein Mann schelten / und sagen / daß er sich felschlich weniger / als andere Menschen achte. Darumben sagt er (Matth. 11.):

Lernet von mir / dann ich bin sanfftmütig / und demütig von Hertzen. Lernet / sagt er / von mir / dann er wißte / daß der hoffertige menschliche Verstand / mit seinen scheinlichen Argumenten nit wurde diese ubernatürliche / Göttliche Lehr fassen / vil weniger lernen könden. Aber lernet von mir zu wissen / daß ich Gott unnd Mensch seye / unnd weil ich eins und das ander bin / kann niemandt besser als ich / den Underschid zwischen dem und disem erkennen.

Auß der Contemplation oder Betrachtung entspringt die wahre und vollkomne Demut zum meisten (Psal. 109.) / ist der halben inn den Seligen grösser / welche klärlich die Göttliche Sonn inn ihrem Schein / welches sie selbster seynd / (das ist sein Höhe inn ihrer Erwiderung) sehen / als inn disen / welche inn dieser Bilgerfahrt der Welt wandlen / von welcher sie / wegen der unvollkomnen Liebe / unnd Glaubens / die Göttlichen Striemen / welche allein inn die Wolcken ihrer Unvollkommenheit scheinen /empfahen. Derhalben je mehr der wahre Diener Gottes / mit seinem Verstand bey ihme seinem Gott ist / je mehr wirt er demütig.

Dannenhero gleich wie die hochgelobte Jungkfraw auff Erden under allen Creaturen die demütigist geweßt / also ist sie auch noch / ob sie gleichwol zu der Gerechten deß Sohns sitzet / die demütigiste inn den Himlen: Dann je mehr sie dises Göttlichen unendtlichen Liechts theylhafftig wirdt / und je heller und mehrer Glori sie disen so großen Pelagum der unendtlichen Güte Gottes betrachtet / je mehr sicht sie den tieffen Abyssum ihrer wenigen Krafft / alles zu dem End / weil sie ein Creatur / unnd gegen dem Erschaffer nichts: Und kniet vor seinem Angesicht mit einer mehreren Reverentz nider / als die 24. Alten / die der heylige Joannes vor dem Thron Gottes prostiert gesehen / nimmer gethan haben / dann sie ihn besser als selbe erkennet. (Apoc. 4.)

Derhalben erstumme und weiche alle weltliche Vernunfft / welche die hohe Geheimnussen Gottes nit erreichen kann / inn der Contemplation der wahren Göttlichen Demut / durch welcher Mittel / mit wunderlichister Würckung alsdann die Demut die Seel erhöcht / wann sie dieselb zuvor in die Tieffe ernideret hat / und alsdann setzt sie ihr auff ein Kron in den Himlen / und machet sie dises ewigen Reichs zu einer Königin / wann sie sich zuvor allein umm der Liebe Gottes willen underthänig / und zu einer Sclavin gemacht hat: welches weil es sein Fundament / ist sich nit zu verwunderen / daß sein Gebäw inn ein solche Höhe auffwachßt.

Darumben ist die Demut nichts anders / dann ein tiefe / unnachläßliche Neigung der Seelen zu der Göttlichen Maiestät / der Göttlichen Freygebigkeit zugethan. Und derhalben soll sie wol bedencken / mit was Gütigkeit sein Göttliche Maiestät sich mit uns vereiniget / inn deme daß er unser geringe und nichtige Natur angenommen / welcher er sich wöllen gebrauchen / unser Armut darmit zu remoderieren.

Auß welcher Betrachtung wirt wachsen / und in unsern Seelen zunemmen die wahre Liebe / und Erkantnus der Schuld / so wir Gott zu thun seynd. Es ist nit außzusprechen / wie begirlich und unersättlich sie seye / wann wir verharren / Gott mit den Wercken uns zu vergleichen oder zu correspondieren / und uns selbsten von seiner Liebe wegen zu verachten / und allzeit je länger je lieber / diese sein vorgemelte Red zu Hertzen führen / Lernet von mir / etc.

Durch welche wahre Lehr einer solchen Demut kombt die Underthänigkeit der Seelen / nit allein gegen Gott / unnd seinen Gebotten / sonder auch wegen seiner Liebe gegen allen Creaturen (Anmerkung etika.com 1.12.2001: die in ihren Höhlen auf die Feinde wartenden Osama bin Laden und Mullah Omar eingeschlossen) / unnd achtets für grösser unnd höher / ob sie gleichwol Sünderin seyend / stelt sein Aug allein auff sein Niderkeit / uber welche er nit grösser kann seyn / darumben weil er sich selbst auff das eusserist veracht / sagt er auch mit seinem Jesu:

Ich bin ein Wurm / und kein Mensch / ein Spott der Leut / unnd Verachtung deß Volcks.

Mit welchem die Quaestion dissolviert ist.

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