ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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Mit Demut den Nächsten erbaut

3.2.2013. Bischof von Imola. Aussätziger.

Der Cronicken der mindern Brüder, das erst Buch, Konstanz 1603

Wie der heylige Franciscus durch sein Demut den Nächsten erbawet / unnd bekehret.

Cap. 72. S. Bonaventura. Fioreto. S. 233-237

DErhalben ist sich nit zu verwunderen / daß sich der heylige Mann der Demut nit allein gebrauchet / sein Seel Gott dem allmächtigen / dem Feind der Hoffertigen / unnd seiner Gnaden gegen den Demütigen freygebigisten Mittheyler angenemb zu machen / sonder auch auff daß er durch Mittel derselben / den Nächsten erbawet / und die Seelen zu Gott bekehret / erlangte durch disen Weg der Demut solches / das er durch kein ander Mittel zu wegen hätte mögen bringen. Dessen ein Exempel.

Als er auff ein Zeit gen Imola zu predigen kommen / und umb Erlaubnus bey dem Bischoff angehalten / antwortet der Bischoff / es wäre genug an ihme (Anmerkung: dem Bischof selbst) dem Volck zu predigen: der Heylige neigt sich / und zeucht darvon. Bald hernach aber kombt er auß Göttlicher Eingebung wider dahin / als ihn der Bischoff ersicht / wirdt er unwillig / und sagt / was er allda zu schaffen / unn was er begerte. Der heylige Vatter antwortet demütigklich:

Wann der Vatter seinen Sohn zu der einen Thür auß dem Hauß jagt / muß er wegen der Liebe so er zu ihm tragt / zu der anderen wider hinein gehen.

Alsbald der Bischoff solches gehört / wirdt er durch dise Demut uberwunden / umbfacht ihn / unn spricht:

Hinfüro möchte er und alle seine Brüder inn seinem ganzen Bisthumb allezeit frey predigen / dann ein solche Demut wär es werth / und verdient es / und in disem erkenn ich / sagt er / nit Obschon Gott nicht will, daß wir ängstlich und kümmerlich um Nahrung sorgen, so will Er dennoch, daß wir auf das Alter bedacht seien und zur Zeit des Ueberflusses Etwas zurücklegen für die Tage der Noth und wo wir nichts mehr verdienen können.

Joseph kaufte in Aegypten den Ueberfluß des Getreides für die Jahre der Theuerung auf und Jesus ließ die übrig gebliebenen Stücklein sammeln. Von heute auf morgen leben, nichts für das Alter sparen, ist nicht christlich klug.

Lernet vom Hamster weise Sparsamkeit und Vorsorge für die Zeit der Noth. In seinen Backentaschen trägt er bis hundert Pfund auserlesener Körner, Weizen, Korn, Erbsen, Linsen, Bohnen in seine Höhle; wenn das Getreide reif ist, ist er früh und spät beflissen, seinen Bedarf zu sammeln. Im Herbste verstopft er seine Höhle, frißt seinen Vorrath zur Hälfte, oder zu zwei Drittheilen und hält dann seinen Winterschlaf. Im Frühlinge, wo es draußen noch nichts für ihn gibt, zehrt er den Rest des Vorrathes auf. Wäre er nicht bedacht auf diese schlimmen Tage, so müßte er verhungern.

Darum geht es den Verschwendern in ihrem Alter gewöhnlich schlecht; sie müssen betteln, Noth leiden und zur Zeit der Krankheit und eines Unglückes sich in Schulden stecken.

ein groß Werck zu seyn / daß die Demut den menschlichen Willen bewege / dieweil gar der allmächtige Göttliche Willen wegen derselben sich gegen der Menschen Begirden neiget / und denselben willfahret / wie der Engel zu dem Jacob gesagt (Genes. 32.):

Bist du gegen Gott starck gewesen / wie vil mehr wirst du den Menschen obligen?

Mit solchem Arm der Demut hat der heylige Mann vil Seelen auß dem Rachen deß Teuffels gezogen / wie geshen worden / und durch andere Exempel mehr gesehen wirdt.

Etliche Brüder / welchen der heylige Mann die Pfleg eines Außsätzigen anbefohlen / dienten ihme / und brauchten allen eussersten müglichisten Fleiß / köndten ihne doch nit benügen oder contentieren / daß er nit uber die Scheltwort und Streich (welches sie gedultig leideten) auch auff Anreitzung deß Teuffels / welcher ihn allbereit bey dem Har ergriffen / und grossen Wehetags / ubel wider Gott / und seine Heyligen fluchet und lästeret / also daß sie solche Gotteslästerung (weil sie so schändtlich / und einen Unglaubigen erschrecken möchten) nit gedulden köndten / begaben sie sich zu dem heyligen Vatter / und erzehlen ihme den gantzen Verlauff.

Als er dises mit grossem Mißfallen angehört / gehet er zu dem Außsätzigen / grüßt in / und sagt: Bruder Gott geb dir Friden. Er antwortet:

Was Friden kann ich haben / dieweil ich allezeit (nach dem mir Gott denselben innen unn aussen genommen) in stetem Krieg leben muß.

Der heylig Vatter antwortet / tröstet in / und spricht:

Bruder du must geduldig seyn /dann dise leiblichen Beschwernussen werden dir (wann du sie gedultig leidest) zu der Seligkeit befürderlich seyn.

Der Außsätzige aber sagte:

Wie kan ich mehr Gedult tragen / dieweil mein Plag Tag unnd Nacht unauffhörlich ist / unnd mehret dise meine Schwachheit / daß diese deine Brüder mir nit allein nit helffen / oder dienen / sonder biß auff den Tod plagen.

Auß disem erkent der heylige Mann auß Göttlicher Inspiration unnd Eingebung / daß dieser ellende Mensch durch den Teuffel geplagt / eylet alsbald dem Gebett zu / bettet für ihn / und als er solches vollendet / kehrt er wider / und spricht:

Wolan Bruder / weil dise meine Brüder dir nit wie sie sollen dienen / so will ichs selbsten hinfüro thun.

Der Außsätzige sagt:

So sag mir was du mehr als sie verrichten wilst?

Ich will alles dz thun (sagt der heylig Vatter) was du mir befehlen wirst / fach gleich jetzt an mir zu befehlen / was dir zum angenembsten möcht seyn / so versprich ich dir dz alles zu verrichten.

Ich will (spricht alsbald der Außsätzig) daß du mich durchauß an dem ganzen Leib wäschest / dann ich disen grossen Gestanck meines Leibes nit mehr gedulden mag.

Gar gern / spricht der heylig Mann /

laßt alsbald ein Bad von wolriechenden Kräutern zurichten / zeucht ihn nackend auß / facht ihn an zu wäschen / gießt ihme einer der Brüder das Wasser auff.

Ein mercklich Wunder war das / weil der heylige Mann mit seinen mitleidenlichen Händen ine wäschet / fallen die Schüpen nach einander herab / und wirt der Leib allgemach reyn und sauber / wie eines jungen Kinds / so lang biß er nit allein eusserlich / sonder auch innerlich gereyniget worden.

Als er nun dises groß Wunderzeichen gesehen / facht er an heiß zu weinen / unnd zu sagen:

Ach wehe meiner / ich bin nit einer sonder tausent Höllen wert / wegen der Gottslästerung / Verachtung / Schelten und Streichen / so ich wider die arme Brüder / so mir so freundtlich und fleissig gedient / geübt und außgestossen /

verharret in dieser Klag / nach dem er Gesundheit erlanget / 14. Tag an einander / beychtet vollkommenlich / und dancket dem Herren umb empfangne Gutthat.

Der heylige Vatter verlaßt ine nit / untzt er sich wegen deß grossen Zulauffs deß Volcks / so dises Wunderwerck zu sehen begerten / hinwegk begeben müssen / hinderlaßt ihn in der Gnad Gottes / welcher ihne in kurtzer Zeit zu ihme erfordert.

Nit lang hernach / als der heylig Vatter im Gebett war / erscheint ihm diser inn den Lüfften vil klarer als die Sonn leuchtend / und sagt zu ihm:

Erkenst du mich Vatter?

Der heylig Mann fragt ihn / wer bist du?

Er spricht:

Ich bin die Seel deß Außsätzigen / welchen Gott der allmächtig durch dein Gebett und Demut noch in der Welt gereyniget / jetzt gehe ich ein in dz Reich der Glori / darumben ich Gott meinem Herren / und dir seligem Vatter zu dancken habe / gebenedeyet seyen deine Wort / gebenedeyet seyen deine Werck / durch welche vil Seelen in der Welt geheyliget werden. Wisse daß inn dem Himmel kein Tag vergehet / in welchem die Engel und Heyligen Gott dem allmächtigen / umb den unzahlbaren Nutz und Frucht / so durch dich unn deinen Orden in der Kirchen geschafft wirt / nit Danck sagen / und glorificieren. Derhalben verharre biß die Zeit deiner verordneten hohen Kron herzu kombt:

Als sie dises geredt / verschwindet sie / verlaßt den heyligem Vater wol getröst / und Gott umb alles lobend / sonderlich aber wegen Behaltung selbiger Seelen / welche in so grosser Gefahr der Verdamnus gestanden.

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