ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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12F3172B

Von drei bekehrten Mördern. Mit Höllen- und Paradiesvision

16.3.2013

Der Cronicken der mindern Brüder, das erst Buch, Konstanz 1603

Von drey berühmbten Mörderen / so durch die Demut und Liebe deß heyligen Francisci bekehrt worden.

nach Cap. 72, Fioreto. p. 237-146.

ALs Bruder Angelus Guardian zu Monte Casal war / wandleten drey berühmte Mörder vil in selbiger Statt / so auff der Strassen erschröckliche Mordthaten begiengen / dise wurden eines mals von dem Hunger getriben / kommen zu Bruder Angelo / und begeren zu essen.

Der Guardian der sie erkante / wolte ihnen nit allein nichts geben / sonder facht an sie außzuschelten / unn zu straffen / sagende sie förchteten weder Gott / noch die Menschen / ermördten jämmerlich / lebten von anderer Arbeit / führten mehr ein teuffelisch als menschlich Leben / mit Stelen / Rauben / und Wüten gegen dem Nächsten / wäre sich wol verwunderen / daß sie der Erdboden trüge / unnd nit lebendig verschlucke / solten sich alsbald von dannen machen / und schleußt ihnen die Thür vor der Nasen zu.

Diese ziehen mit Unwillen ab / es stehet gar nit lang an / der heylig Franciscus kombt mit einem seiner Gesellen dahin / vernimbt die newverloffne That alsbald von dem Guardian / deme sagt er / er hätte gar ubel und bößlich gehandlet / dann dergleichen grosse Sünder wären mehr durch Freundligkeit / und lieblichen Worten / als mit dergleichen rauhen Straffen zu Gott zu bekehren / darumben hätte der Herr gesagt (Matt. 5.) / die Gesunden wären des Artzets (sic, wohl Setzfehler) nit bedürfftig / aber wol die Krancken / unn er wär nit kommen die Gerechten zu der Buß zu berüffen / sonder die Sünder.

Derhalben / sagt er / weil du zu wider der Evangelischen Liebe und Demut / und das Exempel Christi gehandlet (Mar. 2.) / so befihle ich dir inn Krafft der Gehorsame zu einer Buß / daß du dises Brot / und Fleschen Weins / so uns under Wegs zu Allmusen umb Gottes willen gegeben worden / nemmest / und zu ihnen in das Gebirg / da sie wohnen / tragest / unnd wann du zu ihnen kommest / dich ihnen zu Fuß werffest / unnd sie umb die außgestossene Wort umb Verzeyhung bittest / und wann sie das Brot angenommen / so bitte sie von meinet wegen / daß sie dise Weiß zu leben verlassen / ich wölle sie in allem versorgen / und gebrauch allen Fleiß / daß du sie zu mir hieher bringest.

Der Guardian als der gehorsamiste / begibt sich alsbald auff den Weg: der heylige Mann aber eylet der Kirchen zu / begibt sich in das Gebett / laßt nit nach / biß er von Gott erhört.

Dann als Bruder Angelus zu den Mördern gelangt / unnd was ihm von dem Heyligen befohlen / verricht / und sie an dem Brot angefangen zu essen / sagt einer under ihnen zu den anderen:

Ey / wie wirdt es uns Armen und Ellenden ergehen?

Wie viel Peinungen seynd uns inn der Höll bereit / umb so vil Diebstal / Mord / unnd Ubelthaten / so wir alle Stund begehen / unn umb solche abscheuliche Sünd uns kein Gewissen machen / vil weniger einige Gottesforcht oder Rew tragen: und diser Bruder so uns die Nahrung gebracht / ist von einer einigen Red wegen / welche er billicher Weiß (uns wie wir verdient ermahnend) sagen dörffen / so weit uns mit so grosser Demut umb Verzeyhung zu bitten / hieher kommen / da doch wir so grosse Ubelthätet niemalen von GOtt Verzeyhung begeren.

Uber das hat er uns auch die Liebe erwisen / bittet wir solten mit ihme zu disem heyligen Vatter / der uns zu Essen geschickt / kommen / welcher sich von des Heyls unserer Seelen wegen / so freygebig uns in allen unsern Nohtwendigkeiten zu versehen anerbeut.

Dise seynd die wahre Diener deß Herren / welche den Himmel allbereit gewonnen haben / aber wir andere Kinder deß Teuffels / die wir täglich ein Sünd uber die ander hauffen / was werden wir thun? dieweil unsere Sünden so groß / daß wir von dem Herren nit Verzeyhung / sonder die Straff verdient haben.

Derhalben gedunckt mich gut zu seyn / (weil es scheinet der Herr durch disen seinen heyligen Mann uns allbereit berüffe) wir sollen uns nit saumen / unnd die Gedult Gottes mißbrauchen / sondern zu ihme eylen / der wirdt uns auff den rechten Weg weisen / in welchem wir von der Höll erlößt / nach die Barmhertzigkeit erlangen werden.

Disem fallen die anderen zwen zu / gehen zugleich mit dem Guardian / dem heyligen Vatter zu / fallen ihme zu Fussen / unnd sagen:

Vatter wir haben unser hoch und schweren begangenen Sünden halber wenig Hoffnung Barmhertzigkeit von Gott zu erlangen. Wann ihr uns aber vergwissen wölt / daß wir noch Verzeyhung erlangen mögen / sihe so seynd wir bereit alles das jenig so ihr befehlen werden / zu vollbringen.

Der heylige Vatter empfacht sie freundtlich / tröstet sie nit zu zweifflen / dann der allmächtig Gott wäre bereit ihnen zu verzeyhen / allemal wann sie die Sünd zu verlassen / sich entschlussen / solten in das kein Mißtrawen setzen / dann dises wäre die allergrößte Sünd / so sie bißher begangen hätten / verspricht inen / und vergwisset sie / Gott werden ihnen allen verzeyhen.

Darauf bekehrten sie sich alle drey / verliessen nit allein ihr arges Leben / sonder absagten der Welt vollkommenlich / namen alle drey den Orden an / unnd lebten inn demselben heyligklich / die zwen aber wurden nit lang hernach zu besserem erfordert.

Der dritte lebte lange Jar / inn welchen er allezeit sich seiner so grossen begangnen Sünden erinneret / und betrachtet / und ein solche Buß anname / daß er 15. Jar an einander uber die ordenlichen Fasten / und andere Abstinentz / alle Wochen drey Tag in Wasser und Brot verzehret / bekleidet sich allein mit einem zerrissenen Habit / ohne den Mantel / discipliniert sich alle Tag / schlieffe nach der Metten nimmer / sonder verharret allezeit inn dem Gebett.

Bey dises Leben scheidet der heylige Franciscus zu der bereiten Glori / diser aber verharret in seinem angefangenen strengen Leben / unnd stetem Gebett unauffhörlich / erlangte von Gott ein Offenbarung der höllischen Pein / und Glori deß Paradeiß / wie hernach folgt.

Als dieser von dem heyligen Vatter bekehrte Mörder eines mals nach seiner Gewohnheit / nach der Metten in dem Gebett war / wird er dermassen mit einem Schlaff uberfallen / daß er sich nach grossem Widerstand / nit erwehren / und letstlichen schlaffend zu Boden fallen müssen.

Alsbald wird er in dem Geist von dem Engel Gottes erhebt / unnd auff einen hohen aller mit schneideden Blatten besetzten Berg getragen / uber welche ihne der Engel / so ihn gefürt / von der Höhe an biß auff den Boden / von einer Schneide zu der nächsten rollen liesse.

Als er hinab kommen / unnd (wie ihn selber Zeit gedunckt) aller zerschlagen / zerschnitten / zerhackt / und mehr todt als lebendig war / ruefft ihm der Engel / er sollte auffstehen / dann sie hätten noch einen weiten Weg zu reisen. Der Bruder antwortet:

Wie ist es müglich / daß du so tyrannisch seyest / weil du sichst wie ich mich befinde / unnd dannocht mich zum Fortziehen ermahnest.

Der Engel rürt ihn an / heylet ihn aller seiner Schmertzen / und zeucht voran / zeigt ihme ein weite Heiden voller spitzigen Steinen / Dornen / und wilden Distlen / befilcht ihme also barfuß / wie er war / darüber zu gehen.

Als er ihm anderst in seiner grossen Angst / wie zu gedencken / nit zu thun wißte / gehet er darüber. Hernacher will er in in einen brinnenden Ofen / so zu Ende diser Heiden war / einzugehen zwingen.

Als er sich aber dessen wideret / laßt er ihn durch die Teuffel / die daselbsten waren / darein werffen / und nach dem er ein Weil in selbigem ewigen Feur verbliben / und dieselbe Pein / von der er allein / der sie versucht / sagen möchte / gelitten / nimbt ihn der Engel herauß / sagt ihm er solt sich fertig machen / er müßte weiter.

Er aber / der aller verbrent und erstorben / ohne einige Erbarmung also fortziehen solte / beklagte sich dessen:

Darauff griffe in der Engel an / heylet in von dem Brand / und führt ihn auff ein Bruggen / so der Gestalt (weil sie eng und rund) erbawet ware / daß er keinen Fuß setzen / unnd ungefallen darüber gehen möchte / under dero luffe ein reissender Fluß voller erschröcklichen / abscheulichen Dracken unn Schlangen.

Er entschuldiget sich abermalen / er köndte ungefallen nit hinüber kommen. Der Engel sagt / er solte ihme nachfolgen / und sich nit förchten / sonder fort gehen / die Füß allzeit in seine Fußstapffen setzen / also mußt er hinnach / biß auff die Mitten der Bruggen / mit einem solchen Schrecken / daß er schier verschmachtet.

Das bösest war / als sie dahin kommen / verlaßt in der Engel / und verschwindet / begibt sich auff einen hohen Berg / darauff ein schöne Statt war / verlaßt den Bruder inn einem solchen Schrecken / wie wol zu gedencken / weil er allzeit under ihme die erschröckliche Dracken mit auffgesperrtem Rachen / allein auff sein hinab Fall wartende / ansahe.

Der gute Bruder weil er inn ein solcher Gefahr kein ander Mittel wüßte / umbfacht die Bruggen / begibt sich zu den Zeheren (Anmerkung: Zähren, Tränen, Weinen) / und Gebett zu Christo Jesu / unnd bittet / er wölle sich seiner in dieser Noht erbarmen / und ihme auß dieser eusseristen Gefahr helffen.

Sihe ihn gedunckt der Herr erhörte ihn / und wuchsen ihme allgemählich auff dem Ruggen Flügel / dannenhero er verhofft / wenn ime solche außgewachsen / wolte er sich fliegende zu seinem Geleitsmann begeben: weil er aber wegen der grossen Begird hinwegk zu kommen nit warten möchte / untzt daß die Flügel gar außgewachsen / unnd erstärcket / schwang er sich auff / wolte fliegen / falt wider auf die Bruggen / und verleurt die Flügel / umbfacht die Bruggen wiederumm / facht an wider zu weinen / und mit dem Propheten zu sprechen (Psal. 54.):

Wer wirdt mir Flügel geben wie einer Tauben / daß ich von disem gefährlichen und tödtlichen Baß möge fliehen / und etwa Ruh finden / allein du mein Herr Christe Jesu / mein einige Hoffnung und Errettung?

Als er diß kaum außgeredet / wuchsen ihme die Flügel wider: weil er abermal nit genug erwarten möchte / falt er / und verleurt solche zum anderen mal: also redopliert er seine Zeheren / bettet / und entschleußt sich / ob ihne gleichwol ein Stund tausent Jar gedunckt / so lang biß die Flügel völligklich außgewachsen / unnd ihne tragen möchten / zu warten / wartet mit grosser Gedult / biß er sie außgewachsen / und starck empfunden / schwingt sich alsdann auff / und kombt auff den hohen Berg zu seinem Geleitsmann.

Von dannen ziehen sie beyde der Statt obristen Thor zu / und klopffen an. Der Portner laßt den Engel ein / ihne aber hesset er heraussen bleiben / fragt ihn wer er wäre / der also verwegen unnd vermessen gewesen an diß Ort zu kommen.

Er antwort / er wäre einer der Mindern Brüder / und von deme der jetzt hinein gangen / daher geführt worden.

Warte (sagt der Portner) ich will den heyligen Franciscum holen / auff daß er sehe ob er dich erkenne.

Mitler dessen begibt sich der Bruder die Mauren unn das Gebäw selbiger so wunderlichen Statt zu besichtigen / welche so klar unn durchscheinend waren / daß alle die Chör und Reyen der Engel / und Heyligen dardurch erschinen. Als er solche mit grosser Freud anschawet / sieht er den heyligen Vatter Franciscum / mit ihme Bruder Bernharden Quintavalle seinen Erstgebornen / unnd andere Brüder seine Gesellen / mit einer grossen Anzahl anderer Heyligen beleitet / herfür gehen / welcher alsbald er ihn gesehen / befilcht er dem Portner ihne einzulassen. Das geschicht.

Der Heylige empfacht ihn hertzigklich / und zeigt ihm alle selbige Wunder / welche kein Aug gesehen / kein Ohr gehört (1. Cor. 2.) / und in keines Menschen Hertzen kommen.

Von welchem Anschawen der Bruder so vil Trost inn seinem Hertzen und Seelen empfangen / daß er an alle seinen außgestandene Mühseligkeiten nit mehr gedachte. Und spricht zu ihm der heylig Vatter:

Erfrew dich nit zu hoch / O Bruder / dann du must wider in die Welt kehren / bekräncke dich aber auch nit / dann es noch ein kleine Zeit antrifft / die dir der Herr aufflegen thut / nur siben Tag / inn welchen du dich besser bereiten mögest / nach solchem will ich selbsten umm dich kommen / und dich hieher mit mir / dise unsterbliche Seligkeit zu geniessen / führen.

Es war der heylige Franciscus mit einem kostlichen schönen Mantel bekleidet / leuchteten seine heyligisten Wunden / wie scheinende Sternen / mit einem solchen Glantz / daß ihn gedunckte sie erleuchteten den meisten Theyl diser grossen Statt. Allda erkent der Bruder vil Heyligen / deß heyligen Francisci Gesellen / die er noch in der Welt gesehen / welche er hernach hie unden genent hat.

Als er nun letstlich von dem Heyligen den Segen empfangen / und erwachet / hört er zu der Prim leuten / welches gleich gegen Tag war / da er doch meynte es wären die Jar zwischen diser seiner Reiß fürüber gangen. Erzehlt dise Vision dem Guardian / unnd den anderen Brüderen / allen den jenigen zu Trost / welche inn Mühseligkeit unnd Betrübnus (wie grosse Sünder sie auch seyen) leben / darbey zu sehen / wie der allmächtig Gott niemandt verlasse / sonder allzeit helffe / und inn allen Nöhten so lang beystehe / biß daß er sie in sein Reich begleite und führe.

Der Bruder aber zu einem Zeichen der Wahrheit / erkrancket alsbald / bereit sich mit grossem Eyffer und Andacht zu seinem letsten Stündlein. Und als die siben Tag verflossen / kombt der heylige Vatter Franciscus / unn führt sein Seel in das Paradeis / wie er versprochen hatte.

Auff solche Weiß / und Demut / hat diser heylige Vatter Gott dem allmächtigen die Seelen gewunnen / wie inn nachfolgendem Exempel auch zu sehen ist.

Es wohnten etliche andere Mörder in einem grossen Berg / von dannen kamen sie herab die Durchreisenden zu berauben: Dise von dem Hunger getriben / kamen jeweilen zu dem Betthauß der Brüder: nahend bey dem Borgo S. Sepulchro / und begerten um Gottes willen das Brot.

Etliche Brüder sagten / es wäre nit gezimlich / daß man ihnen (weil sie Rauber und Mörder wären) das Allmusen gebe / man solte sie zu dem gemeinen Schaden nit erhalten.

Die anderen gaben inen auß Mitleiden das Allmusen / ermahnten sie allzeit / von solchem bösen Leben abzustehen / und umb ihre begangne Sünden / Buß zu würcken.

Als aber der heylige Franciscus dahin kommen / begerten die Brüder / er solte ihnen disen zweiffelhafftigen Handel erleuteren / denen sagt er:

Wann ihr das jenig so ich euch sagen will / thun werden / hoffe ich / ihr werdet dem Herren diese Seelen gewinnen. Nemmet Wein und Brot deß besten so ihr habt / tragts auf den Berg / rüfft ihnen freundtlich / und sagt: Kombt her ir Brüder / förchtet euch nit / dann wir seynd Ordensbrüder / und haben euch zu Essen gebracht / breitet ihnen ewere Mäntel auff die Erden / setzt die Kost darauff / und dienet ihnen mit großem Fleiß / und Demut frölich biß sie gar gessen: Hernach zu Widergeltung diser Liebe so ihr ihnen erzeigt habt / unnd erzeigen werden / bittet sie allein / sie solten niemandts mehr verwunden / verletzen / oder umbringen / begert auff diß mal nichts anders.

Ein anderen Tag hernach / nach der Antwort so sie euch geben werden / bringt inen (uber das Brot unn Wein) Eyer und Keß / und dient ihnen mit müglichister Demut und Liebe / und sagt ihnen:

Wir wissen Brüder / was Ursach euch in disem Berg mit so grosser unendtlicher Mühe und Gefahr der Seelen und Leibs auffhalten thut / welche ihr doch letstlich (wann ihr verharret) verlieren müßt: darumben rahten wir euch / von eweres Nutzes wegen / ir solt dises Leben verlassen / unnd Gott vertrawen / der euch inn eweren Nöhten / in diser Welt nit verlassen wirdt / wir wöllen auch von seiner unnd ewer Liebe wegen nit ermanglen / euch zu Hilff zu kommen / auff daß ewere Seelen erhalten werden. Und ich vertrawe Gott (sagt der heylig Vatter) ihr werdet durch dise ewere geübte Demut und Liebe / sie zu ihme bekehren.

Also begibt es sich. Dann als die Brüder dises alles verrichteten / ist die Gnad des heyligen Vatters auff dise Mörder gefallen: und als sie von den Brüderen bewegt / die Ermahnung angenommen / und allgemach so vil gewürcket / daß ihro vil den Orden angenommen / und heylig gelebt: die anderen aber / als sie Besserung ihres Lebens den Brüderen versprochen / Gottselig und ruhig gelebt / und wie gute Christen gestorben / mit grossem Bewegen unnd Erbawung desselben Volcks / so Gott dem allmächtigen / und disen heyligen Brüderen darumb Danck sagten.

 

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