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FRANZISKUS-CHRONIK

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Wie Franziskus die Ehrerbietung floh

14.3.2013

Der Cronicken der mindern Brüder, das erst Buch, Konstanz 1603

Wie der heylig Vatter Franciscus die Ehrerbietung wegen der Demut gescheucht und geflohen.

Cap. 73. Fioreto. S. 246-249

OBwol / wie hoch der heylige Franciscus den Ruhm gescheucht und geflohen / hergegen aber wann seiner Wercken halber dem Herren das Lob gegeben / sich erfrewet / vor disem gesagt worden / so wirdt doch solches durch das jenig / so in dieser Materi hernach von ihme gesagt wirdt / noch klarer gemacht werden.

Als er eines mals in der Statt Iterrena zu predigen auffgehört / erhebt sich der Bischoff daselbsten / thut dem Volck ein kurtze Ermahnung / unnd sagt zum Beschluß:

Nach deme der Herr sein Kirchen gepflanzt / hätte er solche nie verlassen / sonder allzeit illuminiert / und durch Mittel fürtrefflicher vollkomner Personen erhalten / sonderlich aber an jetzo durch disen armen Barfussen / ungelehrten / unnd von seinet wegen verachten Mann / derhalben man schuldig wäre seiner Göttlichen Maiestät umb ein solche sonderbare Gnad sich danckbarlich zu erzeigen.

Als er vollendet / facht der heylige Vatter nach gebürender Reverentz und Ehrerbietung mit sonderen Freuden an zu sprechen:

In Wahrheit / hochwürdiger Herr / ist mir in diser Welt  noch kein so hohe Ehr erzeigt worden / als ihr gethan haben: dann etliche (wann Gott der allmächtig was durch mich würcket) nennen mich Heylig / sehen nit weiter als mich an / und geben seiner Göttlichen Maiestät den gebürenden Ruhm nit / aber ihr (als der Verständig) habt das gering von dem kostlichen abgescheiden /

wirfft sich ihme zu Füssen / küßt ihm beyde Händ / und scheidet von dannen / verlasset den Bischoff hinder ihm gar wol erbawet.

Wann er von jemandts Heylig genent warde / antwortet er alsbalde:

Wann mir Gott den Schatz seiner Genaden / welchen er mir zu behalten geben / entzuhe / wurde mir nichts als die Seel und Leib verbleiben / alle beyde wol mit Sünden und Blindheit beladen / wie der Verdambten und Unglaubigen.

Zu gleicher Weiß aber wie die gemahlte oder in Holtz oder Stein gehawene Bilder Christi / unn seiner heyligisten Mutter / als Darsteller der wahren Bildnus / geehrt unnd hoch geschetzt werden / da man doch ihnen als Stein und Holtz / mit dem wenigisten einige Ehr nit beweißt: Also der Mensch / welcher die wahre Bildnus unnd Abconterfet Christi ist / wann er in selber geehrt wirdt / solle er ihme doch die Ehr nit / sonder dem / dessen Person er repräsentiert / nemblichen Gott dem Herren zumessen / unnd sich aller Unehr inn disem Leben / wegen seiner Sünden / werth zu seyn achten.

Mit einem solchen Geist hat er eines mals die Ehrerbietung deß Volcks mit Küssung deß Kleids / der Händ / unnd Füßen / ohne allen Widerstand angenommen: von deßwegen dann sein Gesell / der ihne solche Ehrerbietung annemmen sahe / bey ime selbsten judicierte / er hätte daran ein Gefallen / und erfrewet sich derselben. Der heylig Vatter antwort / sprach ihm derhalben zu / unnd sagt:

O Bruder / dises Volck thut den wenigisten Theyl nit / was es thun solte.

Der Bruder ärgert sich dessen noch mehr. Er aber spricht weiter:

Alle dise Ehrerbietung / die du mir erweisen sihest / eigne ich nit mir / sonder Gott zu / dessen sie alle seynd / und ich verbleibe in meiner Niderigkeit: Darneben aber verbleiben die jenigen / so solche erzeigen / nit ohne Verdienst oder Gewinn / dann der Her wirt in seiner Creaturen erkant und geehret.

Von diser Antwort wirdt der Bruder mit grosser Verwunderung seiner Vollkommenheit wol ersättiget. Andere mal wann er in Betrachtung seiner selbsten stunde / wolte er kein Ruhm / oder Ehrerbietung gedulden.

Unnd derhalben als er eines mals gen Rom reiset / zohe ihme der Bischoff einer Statt (welcher Namen in Vergeß kommen) für die Statt hinauß entgegen / ihne zu empfahen.

Als der heylige Vatter dises im Geist wahrgenommen / sagt er zu seinem Gesellen:

Wir werden disturbiert werden / dann diese Personen / so du sichst gegen uns gehen / die kommen uns zu Ehren.

Derhalben weil er nit entwichen mögen / und wider umbzukehren die Zeit zu kurtz was / sagt er / folge mir nach: führt ihn zu einem Hauffen Leym / der nahend bey der Straß war / springt darein / unnd facht an mit den Füssen darinn zu tretten:

Als der Bischoff und die seinen solches sahen / hielten sie ihn für ein Thoren / zohen unangesprochen wider zu rugk Heimwerts. Dieser Gestalt hat der heylige Mann die Ehrerbietung geflohen. Nit lang hernach aber / kombt er verborgen in die Statt / erbawet dasselbig Volck vil mehr mit dem Exempel / als der Lehr.

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