ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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Wie er durch Demut seine Mängel offenbarte

15.3.2013

Der Cronicken der mindern Brüder, das erst Buch, Konstanz 1603

Wie er durch gedachte Demut seine eigne Mängel offenbaret / unnd wie hauptfeind er den Gleißneren gewesen.

Cap. 74. S. Bonaventura. Fioreto. S. 249-252

AUff daß das Volck / so ihne so tugentreich und fürtrefflich sahen würcken / solches mit ihme / sonder Gott (der in ihme würckte) zumesse / hat er alle seine Defecten / welche er still zu halten zu seyn gedachte / ob es wol nit Defecten waren / offenbaret.

Als er eines mals gar schwach gewesen / müßte er aus Gehorsame an seiner Abstinentz was nachlassen: da er sich aber wider erholt / und umb ihne besser worden / hat er (als der wahre Verachter seiner selbsten) wider sein eigen Fleisch ergrembt / zu mehrer Confusion bey ihme selbsten gesagt:

Es ist nit billich daß mich das Volck für ein fastenden und abbrüchigen Menschen halte / und ich darneben heimlich Fleisch fresse.

Befilcht (also im Geist getriben) etlichen seinen Brüderen / sie solten ihme wie einem Ubelthäter / ein Strick umb den Hals binden / und durch die Statt Assisi schleiffen.

Als sie aber in dem nit gehorsamen wolten / zeucht er sich ab / gehet allein inn dem underen Rock und Niderkleid auff den Blatz zu dem Pranger / facht daselbsten an / unangesehen dz (daß) er deß viertäglichen Fiebers halber gar schwach / zu predigen / unnd bey dem meisten Zulauff deß Volcks zu sagen / sie solten ine mit nichtem für einen geistlichen Mann halten / dann er hätte in dieser seiner Fasten / welche er von aller Heyligen wegen zu halten im Brauch / Fleisch gessen / bittet sie solten ihne schmähen unnd schänden.

Die Umbstehenden so dise sein so grosse Demut hörten / warden aller dings bewegt / sagten weinend:

O wehe uns Armen unnd Ellenden / die wir allezeit in Sünden leben / unn allen Fleiß zu Gelegenheit dises Lebens ohne Bußwürckung / anwenden / und diser heylige Mann beklagt sich so hoch / daß er / gleichwol auß erforderter Noht / unnd billicher Weiß / hat zu erlaubter Zeit Fleisch gegessen / klagt sich selbsten / unangesehen er mehr todt als lebendig / mit so grosser Scham an / und wir andere lernen nit von ihm / der mehr ein verwunderlich / als erleidenlich Leben führt / und ein wahres Conterfei der Demut ist.

Solcher Weiß als ein Nachfolger Christi verachtet er die Welt / sambt ihrer Glori / den Schatten der Gleißnerey vertreibend / in welcher er sich vast menigklich vil oder wenig verwirret.

Dises war wenig gegen deme so er täglich übet. Dann auff daß er dise erste Bewegungen deß weltlichen Ehrgeitzes möchte bezwingen / unnd an dem harten Stein Christi Jesu zerknirschen / thät er was hernach folgt.

Alle mal wann er in Gegenwärtigkeit der Leut war / unn ime einig hoffertig oder ehrgeitzig Wort entgienge / beychtet ers alsbald in aller Gegenwärtigkeit / saget jeweilen zu seinem Gesellen:

Ich befleisse mich vor dem Angesicht Gottes / in der Einöde und anderen Orten anders nit / als bey vilen Leuten zu leben / dann wann ich anderst thäte / wäre ich ein Gleißner.

Eines mals  als er zu Winters Zeit gar ein grosses Magenwehe leidet / bitt ihn sein Gesell / er solle ihme ein Stuck von einem Fuchsbalg innwendig an Rock uber den Magen näen lassen / das wolt er ihme bewilligen / so lang daß er ihme außwendig an den Rock auch eines setzte / auff daß menigklich sehe / daß er auff blossem Leib ein Beltz trüge.

Als er durch Assisi gienge / begert ein arm altes Weib an ihne durch Gottes willen das Allmusen. Als bald er disen Namen höret / zeucht er den Mantel ab / unnd gibt ihr denselben. Als ihne aber / nach Verrichtung dises Wercks der Liebe / ein Stimulus eyteler Ehr anstiesse / beycht ers offentlich / und bekent seine Schuld.

Wie hohe Sorg aber Gott uber disen seinen getrewen und demütigisten Knecht getragen / ist klarlich inn nachfolgendem Exempel zu sehen.

Als er sich zu Alexandria einer Statt inn Italia befunden / ward er von einem Edelmann in sein Hauß auffgenommen / welcher (als der Haußherr / und der ihne sehr liebte) zu ihme sprache:

Ihr habt euch (dem Evangelio zu gehorsamen) (Luc. 10.) zu entschliessen / und von allem dem so euch fürgesetzt wirdt zu essen /

unnd laßt ihme ein guten feißten Kapaunen herfür tragen. Welchen als der heylige Vatter mit dem Segen Gottes genosse / kombt ein armer für die Thür / begert das Allmusen / dem schickt der heylig Mann ein Fuß von dem Kapaunen. Als der Bettler solchen nit mit gütigen / danckbaren / sonder boßhafftigen teufflischen Augen sahe / schweigt er weil es Nacht war / behalt ihn biß Morgen.

Als der heylige Vatter predigte / zeigt ihn dem ganzen Volck / und sagt:

Sehend alle dises Fleisch / welches diser Prediger deß Abbruchs frisset / heut nacht / als er wol ersättiget war / gab er mir disen Kapaunenfuß.

Der barmhertzige Gott aber / welcher die Strick deß Teuffels aufflösen kan / und sie inn Zerrittung bringet / schaffet daß weil dieser ellende Mensch vermeynet den Kapaunenfuß / welchen ihme der Heylig gegeben / zu zeigen / zeiget er wunderlicher Weiß ein Fisch.

Als solches menigklich sahe / unnd ihne für närrisch und thörächt hielte / ward er zu der Kirchen außgestossen: da er hernach solchen besser besichtiget / laufft er aller verwirret wegen seiner Sünd dem heyligen Vatter zu / bittet Gott und ihne umb Verzeyhung. Als er die erlangt / bekehrt sich der Fisch in die Gestalt deß Kapaunenfuß / der er zuvor gewesen. Der Heylig erzehlt den Verlauff offentlich / wie es zugangen / lobten also / und danckten sammetlich seiner Göttlichen Maiestät.

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