ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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Wie streng er den eigenen Hochmut strafte

11.4.2013

Der Cronicken der mindern Brüder, das erst Buch, Konstanz 1603

Wie rauch er die hochtragende Wort unnd Gedancken gestrafft.

Cap. 75. Fioreto. S. 252-255

ALs er vil Tag blind geweßt / wie dann offt / wegen der Blöde der Augen / so sein stetiges Weinen verursacht / beschahe / entschleußt er sich eines Tages zu seiner Consolation und Trost / zu dem Bruder Bernharden einem seiner ersten Gesellen / und geliebten Freund zu gehen / und ein Weil inn Göttlichem Gespräch bey ihme zu verbleiben.

Als er nun zu obrist auff dem Berg zu seiner Zell kommen / und sie beschlossen befunden / gedenckt er / er wäre in dem Gebett / wie dann war / weil er ihn dann nit sehen möchte / facht er an zu rueffen / unn zu sagen:

Thu auff Bernhard / und komme disen armen Blinden zu trösten /

erholet solches etliche mal : weil ihme aber niemandts geantwort / bekümmert er sich dessen hoch / unnd sagt zu seinem Gesellen:

Ich hab ihme offt geruefft / er hat uns aber nit wöllen antworten / komm / wir wöllen wider darvon.

Als sie also hinwegk giengen / und Bruder Bernarden für hoffertig urtheylten / gedenckt er doch / daß solches sein Brauch oder Gewohnheit nie gewesen / sündert sich von seinem Gesellen ab / und begibt sich zu dem Gebett / verharret nit lang in demselben / sonder hört bald die Stimm deß Herren / so ihne straffte / und sagte:

Warum betrübst du dich also / O Mensch? Gedunckt dich recht zu seyn / den Erschaffer für das Geschöpff zu verlassen? Als du Bruder Bernharden geruffen / ward er bey mir / unnd nit bey ihme selbsten / hat dir derhalben / weil er dich nit gehört / nit antworten könden.

Als solches der heylig Vatter gehört / demütiget er sich gegen den Herrn / bittet umb Verzeyhung / eylet wider mit Fleiß Bruder Bernharden zu / findet ihne / weil er sein Gebett verrichtet / vor der Zell.

Als Bruder Bernhard den heyligen Vatter sahe / falt er ihme zu Fuß / und deßgleichen der Heylige ihme / bekent seine Schuld / wegen deß falschen Urtheyls / so er gefelt hätte / sagte er wolte / daß er nach seinem Willen ein Buß aufflegen solte.

Ich will / sprach er / daß du mir die Füß auff den Hals und Maul stellest / wol trettest / und sagest: Also lige auff dem Boden du Baur / Peter Bernhardens Sohn / dieweil du dich so hoch mit so grosser Hoffart erhöchst hast / du schnöder der du bist.

Als dises der arme Bruder Bernhard gehört / wolt ers keines Wegs verrichten / so lang biß der heylig Mann ihme solches bey der Gehorsame einbande / alsdann verricht ers mit sonderer Reverentz / Ehrerbietung / und Bescheidenheit / da ihme zuvor der heylige Vatter versprechen müssen / daß er auch das jenig so er begeren wurde / verrichten wolte.

Und als er dem Heyligen gehorsamet / befilcht er ihme entgegen / er solte / wann sie bey einander wären / ihne nur rauch umb alle seine Mängel straffen. Der Gestalt übten sich die heyligen Vätter selbiger Zeit in Demut.

Der heylige Franciscus aber als er dises gehört / mißfiele ihme sein Versprechen ubel / wegen der grossen Würden / inn welchen er Bruder Bernharden seiner grosser Frombkeit / und erst Geburt halber hielte / entschleußt sich dem zu entweichen / sich seiner lieben unnd angenemmen Conversation zu eussern / unangesehen daß wenig oder gar nichts in solchem grossen Diener Gottes zu reprehendieren und zu straffen ware.

Eines mals führt ein Bruder einen Außsätzigen / dem er pflegen solte / mit sich zu S. Maria der Engel Kirchen / der Heylig verweißt ihm / daß er ihn mit Unstatten dahin gebracht hätte. Als er aber kaum außgeredet / gedunckt ihn er habe unrecht gethan / daß er dem Bruder so starck inn Beyseyn deß Außsätzigen zugesprochen hätte / gehet alsbald seinem Vicario zu / und bekent sein Schuld / begert er soll ihme zu einer Buß aufferlegen / daß er mit dem Außsätzigen auß einer Schüssel essen müßte.

Der Vicari (wolte er ihn nit unwillig machen) muß alsbald bewilligen / unn ihme anbefehlen / wirt alsbald ein Minester in einer Schüssel für sie beyde daher getragen / da war es wunderlich zu sehen / mit was Gedult und Wolgefallen sich der heylige Vatter auß dieser Schüssel zu essen zwange / inn welche der Außsätzige seine Finger / von welchen der Außsatz darein ranne / stackte / mit grossem Grausen unnd Mitleiden der anderen Brüder / welche den heyligen Vatter / so nit gesündiget / ein so strenge unnd unleidenliche Buß würcken sahen.

Dises seye zu unser Confusion gesagt / die wir so grosse Kunst und Fleiß zu Bereitung unserer Speisen gebrauchen / und sie nit / sie seyen dann kostlich zugericht / essen und niessen wöllen.

Unnd dise Brüder besteteten hernach / daß so offt sie an dises ihres heyligen Vatters Mal gedächten / wie gut und wolgeschmackt die Speisen / so sie vor ihnen hätten / wären / sie doch allezeit ein Grausen und Unwillen ankäme / daß sie solche nit niessen köndten.

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