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FRANZISKUS-CHRONIK

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12F3176

Von einer neuen Metten, welche Franziskus gesungen

21.4.2013

Der Cronicken der mindern Brüder, das erst Buch, Konstanz 1603

Von einer newen unerhörten Metten / welche der heylig Mann mit dem Bruder Leone /
als er kein Brevier gehabt / gesungen.

Cap. 76. S. 255-257

ALs er in der Einöde war / verirret er eines mals mit Bruder Leone so weit von der Zell / daß er / weil sie die Nacht uberfiele / nit mehr dahin reichen könden / und als er sein Brevier nit hatte / und die Mettenzeit herzu nahet / sagt er zu ihm:

Ich will nit daß wir diese Zeit vergebens hingehen lassen / sonder daß wirs zu dem Lob Gottes anlegen / derhalben will ich dir vorsprechen / unnd sage du mir nach / unnd verendere kein Wort: Ich will sagen / O Francisce / du hast so vil Sünd inn der Welt begangen / daß du der Höllen werth bist / und du antworte: Es ist wahr daß du deß Abgrunds der Höllen werth bist.

Bruder Leo / als der gehorsame unnd einfältige / verspricht ime / er wölle es also nachsagen.

Als aber der heylige Vatter die vorige Wort zu sagen anfacht / antwortet er:

Wisse Bruder Francisce / daß du nit in die Höll / sonder zu der hohen Glorie deß himlischen Paradeiß eingehen wirst.

Der heylig Mann verwunderet sich / befilcht ihme wider / er solle nit mehr also / sonder ihme nachsprechen:

Ich will sagen / O Francisce / du hast so vil und grosse Beleydung deinem Gott gethan / daß du werth bist ewigklich verflucht zu werden: unnd du antworte ohne Enderung einiges Worts: Du bist wahrhafftig werth / mit allen Vermaledeyten ewigklich von GOTTES Angesicht verstossen zu werden.

Bruder Leo verspricht ihms wie zuvor:

Der Heylig facht an mit kläglicher lauter Stimm / an das Hertz klopffend / zu sprechen:

O GOTT ein Herr Himmels unnd Erden / ich hab wider dein Göttliche Maiestät so vil Ubels begangen / daß ich wol erkenne / daß ich werth bin / ewigklich von deiner Glori abgescheiden / unnd verdammet zu werden.

Bruder Leo antwortet:

GOTT wirdt dich für ein solchen erkennen / welcher under der Schar seiner Außerwehlten in seinem himmelischen Reih / sonderlich wirdt gebenedeyet unnd glorificiert werden.

Der heylig Vatter verwundert sich noch mehr / als zuvor / weil er wißte daß Bruder Leo der gehorsamisten einer war / unnd sagt:

Warumben antwortest du mir nit wie ich dich lerne / unnd du mir versprochen hast? Wolan ich befihle dir inn Krafft der heyligen Gehorsamme / daß wann ich dir vorsagen wird / O du armseliger unnd ellender Francisce / vermeynest du von dem GOTT der Barmhertzigkeit einige Verzeyhung zu erlangen den du so hoch beleydiget hast? du mir antwortest: Auff keine Weiß verdienest du von GOTT die Barmhertzigkeit.

Bruder Leo aber / unangesehen daß er hoch versprochen / sagt:

GOTT Vatter / welches Barmhertzigkeit unendtlich / unnd unendtlich größer als unsere Sünden / wirdt dir sein Gnad / sambt anderen sonderen Gaben / mittheylen.

Der heylige Franciscus gleichsam erzürnet / sagt zu ihm:

Warumb hast du mir inn einem so billichen Begeren nit willfahrt? unnd das Gebott der Gehorsame inn so kleiner Acht gehalten?

Bruder Leo wirfft sich ihme zu Fussen / und sagt:

GOTT der Herr weißt / daß ich mir allezeit euch zu gehorsamen fürgenommen / er hat aber wöllen / daß ich nach seinem und nit nach meinem Willen rede.

Der heylig Mann / so noch nit ersättiget / repliciert wider / unnd sagt:

Ich bitte dich allerliebster Sohn / daß du mich doch dieses mal trösten wöllest / also daß wann ich mich anklage / du antwortest / ich seye keiner Barmhertzigkeit würdig.

Bruder Leo sagt:

Wann ich nur kann / (Vatter) will ich euch zu Gefallen / solches mehr als gern thun.

Auff das sagt der heylige Vatter weinende mit heller Stimm:

Vermeynest du Undanckbarer jemalen Barmhertzigkeit und Verzeyhung bey GOTT zu finden?

Bruder Leo sagt geschwind:

Vatter du wirsts finden / unnd uber solches noch so vil Gnaden von dem Herren empfahen / welche dich an jetzo / und dann inn den Himlen erhöhen werden / und spricht weiter: Verzeyhe mir O Vatter / dann ich hab das jenig so du gewölt / nit sagen könden / dann der Herr durch mein Mund geredt hat.

Auff solche Weiß haben sie die gantze Nacht inn dergleichen und anderen Ubungen biß auff den Morgen zubracht / in welchem der allmächtig Gott gnugsam erzeigt / wie angenem ihme die Demut / und sein selbsten Verachtung wäre.

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