ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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Von der Vorbereitung zum Gebet

2.6.2013

Der Cronicken der mindern Brüder, das erst Buch, Konstanz 1603

Von der Zubereitung zu dem Gebett deß heyligen Francisci /
unnd von den Eygenschafften / welche der Bettende haben solle.

Cap. 77. S. 257-261

ES gedunckt uns / weil wir von der Metten zu reden angefangen / nun mehr Zeit zu seyn / etwas von seinem so vollkomnen Gebett zu sagen / vermeynen auch kein gelegnere Zeit dessen zu seyn als jetzo / da wir seine so hohe Demut beschriben haben / auff welche als auff einen Felsen / und wahres Fundament / das Gebett / wann es den Himmel und Gott erreichen soll / gesetzt muß werden / deren wegen er verdient alle Eygenschafften / so zu einem wahren und würdigen Gebett gehören / zu erlangen.

Die erste ist / die Erkantnus der eignen Armseligkeit / nach dem Salomon / welcher sagt (3. Reg. 8.): Wann einer die Wunden seines Hertzens / das ist / die Sünd erkennen / und seine Händ zu dir lebendigen Gott inn disem Tempel auffheben wirdt / so erhöre ihn.

Wolan wer hat sich selbsten jemalen vollkommenlicher erkent? Wer hat seine Schuld offentlicher bekent? Und wer hats demütiger Gott und den Menschen geoffenbart? als diser heylige Vatter. Dannenhero reichten seine Gebett zu der Gegenwärtigkeit Gottes / welcher seine Augen auff die Demütigen wendet / und ihre Bitt nit verachtet / wie der Prophet gesagt / unnd die heylige Judith das bezeuget (Iudith. 9.) / da sie sagt: O Herr dir wirdt das Gebett der Demütigen gefallen.

Die ander Eygenschafft deß Gebetts ist / die Seel allezeit von den irdischen Dingen abgescheiden / oder separiert / unnd inn Gott erhebt zu behalten / wie der heylige Isidorus sagt: Die Seel solle sich zuvor von dem Unflat der weltlichen Gedancken reynigen / wann sie hernach inn der geistlichen Beschawung will erleucht werden / also wirt sie reyn und klar vor ihrem Herren erscheinen mögen.

Reyn ist das Gebett / welches ohne Einmischung weltlicher Gedancken geschicht. Unreyn ist das jenig / wo das Gemüt inn irdischen Dingen stecket. Derhalben hat Christus der Herr / da er uns die Form deß wahren Gebetts geben / gesagt (Matt. 6.): Wann du wilt betten / gehe inn dein heimlich Kämmerlein / auff daß du alle Sorg / ausser mit Gott zu reden / darvor lassest / verschliesse wol die Thür deines Hertzens / auff daß nichts hinein komm / und ime alles sein Gut nemme: Berüffe dein Seel / verschaffe daß sie in ihr selbsten vereiniget / und zu Gott gericht seye / alsdann wirt dein Gebett volllkommen seyn / und dein Herr wirt dich erhören.

Also hat gethan der H. Vatter Franciscus / welcher so starck alle weltliche Gedancken unn Sorgen von ime legte / und sich in Gott transformierte / daß er weder seiner selbsten / noch deß seinigen gedacht. Derhalben wann er in dem Gebett ware / erhebet sich sein Leib inn die Lüfft / weil nichts Irdisch in ihme ware / so ihne in die Nidere ziehen möchte.

Die dritte Eygenschafft lernet uns Gott durch den Propheten Esaiam / da er sagt (Esaiae 58.): Du solst dem Hungerigen dein Brot brechen / und den Nackenden bekleiden / so wirdt er dich erhören / rüffe ihm / so wirdt er durch solche Mittel kommen: Hergegen aber wirdt der Herr den jenen / welcher seine Ohren vor deß Armen Bitt verstopffet / (wann er schon inn seinen –Nöhten dem Herren rüffet) nit anhören.

Dise Erbarmung unnd Mitleiden war inn dem heyligen Francisco so groß / daß er auch seines einigen Rocks / mit dem er den Leib bedeckte /nit verschonet / sonder theylt ihn / oder gab ihn gar: unnd das noch mehr / begert sich selbsten (wie oben gehört) zu einer Liebe gegen den Armen / unnd einem Exempel der Welt zu geben: Dannenher er verdient so freundtlich von seinem Herren umbfangen zu werden.

Die vierte Eygenschafft deß Gebetts dem Christen Menschen so nohtwendig / ist / Gott fleissig zu hören / wann wir von seiner Göttlichen Maiestät wöllen gehört werden. Dann welcher nit Ohren hat seine heylige Gebott unnd Gesatz zu hören / dessen Gebett ist vor dem Herren ein Grewel (sagt der weise Mann, Prov. 28.). Derhalben mag sich der Sünder billicher Weiß von Gott nit beklagen / er erhöre ihn nit / wann er ihne zuvor nit höret / oder wann er ihne wol in einer / zwo oder dreyen Sachen höret / stellet er sich doch inn den anderen gehörloß.

Darumben ist billicher Weiß ein Vatter unser / oder Ave Maria / eines Gottsförchtigen Christen von Gott vil mehr / als vil tausente eines Ungehorsamen erhöret. Es hat der heylige Franciscus inn einem solchen Grad der Vollkommenheit gehorsamet / daß er nit allein wann er ine durch seine Genaden berüffen / sich / seine Göttliche Gebott /  sondern auch die Räht seines heyligen Evangeliums ohne Außlassung einigen Jotas oder Pünctleins zu halten / bemühete: Darumben dann der Herr inn alle seine Begeren gütigklich einwilligte / solcher Gestalt / daß er ihme auch andere Creaturen underthänig machte.

Die fünffte Eygenschafft ist / daß sich diser so betten will / von Gemeinschafft der Welt absündere / nit allein weil er bettet / sonder alle andere Zeit / wann er vollkommen betten will / und sich in ein hoch oder abgescheiden Ort begebe / wann er sein Seel allezeit dem Herren würdigklich zu betten will bereit haben.

Es sagt der heylige contemplierende Bernhardus / als er von der Erfahrenheit redt: Wann dich die Welt belustiget / wirst du allzeit unreyn seyn. Der Herr Christus Jesus hat uns auch dises Exempel verlassen / dann er stige offtmals auff den Berg / und verließ seine heylige Apostel / dem himlischen Vater sich zu vereinigen.

Gleich also hat diser heylige Vatter die Gnad deß heyligen Geists mehr empfunden / wann er sich von dem Getümmel der Welt abgesündert / unnd an verborgne / wilde Ort begeben / an welchen er vil schöne Sig wider die bösen Geister erlangte / auff daß er nit von Gedancken der Welt / unnd deren Irrungen uberwunden wurde. Er fluhe das Liecht / als einen Verführer deß Hertzens / gabe seinem Leib zu Anfang der Nacht ein wenig Ruh / die uberige verzehrt er mit seinem geliebsten Herren in höchstem Silentio und Stille.

Die sechste Eygenschafft eines vollkomnen Gebetts ist / ein brinnende Liebe gegen Gott / aller Forcht frey / nit wie jene der Verzagten unnd Kleinmütigen. Dann dise vollkomne Liebe / jagt alle geringe Forcht unnd Pein auß / vereiniget durch die Liebe das Hertz deß Menschen der Güte Gottes / welche Liebe in disem  unserem glorificierten Vatter so groß ware / daß sie allezeit als ein lebendig Feur / inn seinem Hertzen branne / und die Flamm desselben sich allezeit zu deß Nächsten Wolfahrt durch alle Theyl der Welt außbreitete.

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