ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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Von der Verharrung im Gebet

10.6.2013

Der Cronicken der mindern Brüder, das erst Buch, Konstanz 1603

Von der Verharrung in dem Gebett / unnd von dessen Würckung so inn dem heyligen Vatter geschahe.

Cap. 78. S. Bonaventura. S. 261-264

DIe sibende Eygenschafft ist / die unabläßliche Verharrung inn demselben. (Luc. 15.) Dann der Herr sagt man müsse allezeit betten / unnd nit nachlassen. Derhalben kan wol unnd wahrhafftig gesagt werden / deß Heyligen Leben seye ein stet Gebett zu Gott / eintweder zu Gutem deß Nächsten / oder seiner selbsten gewesen /  begerte seinen so geliebten Christum Jesum allen Creaturen mitzutheylen / auff daß sie ihn alle erkenten / unnd wie er / der allzeit bey seiner Göttlichen Maiestät war / liebten.

Weil er aber in disem sterblichen Leben / durch Hinderung der Burde seines Leibs / als ein Bilgram / unn weit von seinem wahren Vatterland / solches nit vermöcht / unn aber dennocht so vil in disem Leben müglich / sich mit seinem liebhabenden Jesu erfrewete / bezwange er sich durch das Gebett / unabläßlich seinen Geist ihme allzeit zugeeignet zu erhalten / welches ihme gleichwol nit schwer ware / weil er in ime die irdischen Neigungen dermassen ertödtet / daß er als ein himlischer Burger / und deß Hauß Gottes Verwanter dort oben inn dem Gemüt / mit den heyligen Geisteren conversierte.

Derhalben war ihm das Gebett ein sondere Erquickung in den Mühseligkeiten / ein sicherer Schirm inn den Versuchungen / und ein Mittel inn der Noht: darumben als er ihme selbsten / seinen eignen Kräfften  / Kunst / unnd Verstand mißtrawet / satzt er all sein Hoffnung / durch Mittel deß Gebetts / inn Gott / sagte solches solte von jedem glaubigen Christen uber alles anders von Gott inn disem Leben begert werden / weilen ohne dasselbig kein Nutz in dem Weg deß Herren köndte geschaffen werden / erzeigte sich allezeit seinen Brüderen zu inner- und eusserlichem Exempel / also daß / er stunde / bettet / arbeitet / oder ruhete / sein Gemüt allezeit zu dem Gebett gericht ware.

Dannenhero erschine nit allein / daß er sein Seel unnd Leib / sonder auch die Augenblick und Momenten der gantzen Zeit / seinem geliebten Herren ergeben / auff daß durch sein Heyligkeit / einige Heimsuchung deß heyligen Geists (wann sie ihne nit bereit erfunde) zu verlur und fürüber gienge: Darumben wann er uber Land reiset / unnd solche empfande / stellet er sich / ließ den Gesellen fortziehen / auff daß er das jenig / so ine Gott inspirierte / mit sonderer Auffmerckung vernemmen möchte.

Wann er inn der Einöde war / erfült er die Berg mit Seufftzen / begusse die Erden mit Zeheren / unnd schluge sein Hertz / wegen der Beleydungen seines aller süssesten Herrens.

Etliche mal klagt er sich selbsten an / als vor einem Richter: etliche mal begert er Barmhertzigkeit / wie ein Sohn von seinem gütigen Vatter: ander mal redt er lieblich unnd freundtlich / als ob er bey einem geliebten Freund wäre.

Ein mal ward er von seinen Brüdern gehört die Gütigkeit Gottes anzurüffen / wegen deß grossen Leidens / so er von deß Leidens unnd Todts Christi wegen empfunde / als ob er ihne an das Creutz anhäfften sehe / erzeiget nach der inneren Affection auch die eusserlichen Geberden. Ein mal legt er den Mund auff den Boden / jetzt kniet er / unnd jetzt stund er / jetzt mit gecreutzigten Armen / jetzt mit zugethanen / und gen Himmel auffgeregten Händen.

Auff solche Weiß bettende / ist er offtermals mit einem umbgebenden Glantz / unn in die Lüfft erhebt / gesehen worden / zu Gezeugnus deß innerlichen Liechts / und seiner Würckung gegen Gott / in welcher Zeit er der Geheimnussen Gottes theylhafftig warde / welche er nie / allein es erforderts die Noht / offenbarte.

Pflegte allezeit zu sagen / daß sich offtermal umm ein klein Werth / ein grosser Schatz verlure / mit Beleydigung dessen der ihn gegeben / und Gefahr solchen nit mehr zu erlangen dessen der ihn empfangen.

Zu diesem End kondt er / wann er von solchen Ubungen kame / sein Angesicht so wol verstellen / daß welcher ihne nit erkente /nit vermeynte daß er inn solchen Excessen deß Geists gebettet hätte / unnd also wann er mit den Brüderen bettet / verhielt er die Seufftzen / und alle andere Fürtreffligkeit / durch welche er möchte gemerckt werden / lernet sie heimlich zu betten / unnd zu ihrem Herren zu sagen:

Dise Consolation welche dir gefallen mir ohne mein Verdienst zu geben / befihle ich dir / auff daß ich disen grossen Schatz nit entfrömbde.

Bezeuget sie wurden also erlangen / daß der Herr ein ander mal sie zu Gast ladend / sagen wurde (Lucae 14.):

Meine Freund / weil ihr so demütig gewesen / so kommet unnd setzt euch herauff inn die Glori.

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