ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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18.6.2013

12F3181

Von der Wirkung des Gebets

Der Cronicken der Minderen Brüder, Konstanz 1603. I, Cap. 81

Das erst Buch
Von der Würckung deß heyligen Gebetts.
Cap. 81.

AUß der Demuth deß Hertzens deß heyligen Vatters Francisci / entsprunge ein Mißtrawen seiner selbst Kräfften und Wissenschafft / unnd (einmal so, einmal so) ein vollkommen Vertrawen inn die Göttliche Gütigkeit / welche inn ihme verursachten / nit allein etwas zu begeren / geschweigen anzufangen / er hätte dann zuvor durch das Gebett von Gott begert / er wolte ine underrichten / wz er nach seinem Göttlichen Willen gedencken oder begeren solte / dannenher er so vil und sonderbare Gnaden für sich selbsten und andere erlangte.

Zu Anfang seiner Bekehrung / weil er noch inn der Welt war / erlangt er / daß die schweren und widerwertigen Sachen der Welt / als den Außsätzigen zu dienen / die angelegten Schmach zu verzeyhen / ihne gar ring und lieblich zu seyn gedunckten / und dises so er durch lange Ubung nit zu wegen bringen mögen / in kurtzer Zeit durch das Gebett erworben.

Ihme ist die Evangelische Vollkommenheit / und Verhaltung seiner Brüder in der dritten Eröffnung deß Meßbuchs gewisen worden.

Ihme ist die Regel von Babst Innocentio approbiert worden:

Er hat erfahren, daß es der Willen Gottes / daß er den Seelen zu ihrem Heyl zu Hilff kommen solte: Ihme hat Christus in Gestalt des Creutzes / und in vil ander Weiß geredet / und was er thun solte / entdeckt.

Den Schlachten der bösen Geister hat er ritterlich widerstanden / und sie / weil sie ihme nit widerstreben mögen / in die Flucht getriben.

Unmüglich ist es / grundtlich nach Ordnung alle die Gnaden / so er durch das Gebett von Gott erlangt / zu beschreiben: Dann uber die allbereit beschribne / noch vil derselben zu erzehlen / under welchen wir etliche allher / und andere an ihr gehörig Ort setzen wöllen.

Der Bischof von Assisi fienge an dem heyligen Vatter Francisco gar vertrawt zu werden / besuchte ihn offt bey S. Maria der Engel. Under andern als er eines mals zu seiner Zell kommen / unnd dieselben dermassen / als wär sie beschlossen / zugethan befunden / nahet er hinzu / unnd weil er niemandt hörete / vermeynte er der heylig Vatter wäre inn dem Gebett verzuckt  worden / kombt ihne ein Begird an solches zu erfahren / thut (auß uberigem Fürwitz) die Thür so weit auff / daß er den Kopff hinein bringen möchte: Sihe / weil er inn solchem Werck / stoßt ihne ein solches Zitteren deß gantzen Leibs an / daß er den Ahtem nit mehr gehaben / unnd wunderlich von der Zell hinwegk gestossen wirt / also daß er schwerlich die Krafft erholen / und zu den anderen Brüderen kommen mögen / denen bekent er sein Freffel und Vermessenheit so er geübt / und haltet hernach den heyligen Vatter in mehrerer Ehrerbietung.

Als ihme der Abt S. Justini Klosters / inn dem Perusianischen Bistthumb eines mals begegnet / stige er alsbaldt von Andacht wegen / so er zu ihme truge / von dem Esel / und gehet ihn zu umbfahen / unnd nach dem er von etlichen seinen Geschefften mit ihme gehandlet / bitt er ihn zum Abschid / er solte für ihne betten. Der heylig Vatter verspricht ihms: und als er fort geritten / begibt er sich von dem Gesellen / unnd sagt / er müßte die Schuld / so er dem Abt gemacht / bezahlen / welcher eben inn selbem Puncto / als ihme der Heylig sein Gebett versprochen / mit einer ungewohnlichen Innbrünstigkeit verzuckt worden: und hernacher als er sich wider erholet / die Krafft und Würckung deß heyligen Vatters Gebetts uberflüssig gespürt / unnd disen Casum hernach vilen erzehlt.

Bruder Maseus sahe ihn eines mals (als er bettet) als ob ime zu dem Mund und Augen brinnende Flammen außgiengen / unnd also brinnender zu ihme käme / unnd zu dem dritten mal sagte / und rüffte: Ach / ach/ ach / Bruder Masee / komme her zu mir. Er der ein solchen Excessum im Geist sahe / warffe sich ihme inn die Arm. Der heylige Franciscus aber / den heyligen Geist ihme inspirierend / erhebt ihn mit disem brinnenden Ahtem / eines Spieß hoch in die Höhe. Erzehlet hernach den Brüderen / er hätte inn selbigem Instante ein solche unnd so grosse Liebligkeit empfunden / als er hernach die Zeit seines Lebens niemalen gehabt hätte.

S. Bonaventura.

Als er durch den Marckt S. Sepulchro reiset / und wegen seiner Schwachheit auff einem Esel ritte / ward er von dem Zulauff deß Volcks / so ime die Kleider / die Füß / die Knie / und die Händ zu küssen begerte / gleichsam gar ersteckt / welches er alles / als ob er nit ein Mensch / sonder ein unempfindlich Bild wäre / geschehen liesse. Als er hindurch und zu sich selbst kommen / unn der Zulauf unn Gedreng nachgelassen / fragt er die Gesellen / wie weit sie noch zu dem Marckt hätten. Auß welchem sie gemerckt / daß der H. Vatter den grossen Zulauff deß Volcks nit wahrgenommen / weil er im Geist in Himmel verzuckt gewesen / sagten auch solches wäre ihme vil mal durch den grossen Exceß deß Geists begegnet.

 

 

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