ETIKA D12FA

FRANZISKUS-CHRONIK

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12.1.2001
korrigiert am 22.6.2013

12F3182

Wie er durch das Gebet alles von Gott erlangt

Der Cronicken der Minderen Brüder, Konstanz 1603. I, Cap. 82

Das erst Buch
Wie er durch Mittel deß Gebetts alles von Gott erlangt.
Cap. 82.

S. Bonaventura.

 

ALlein Gott / der ihme so vil Gaben unnd Gnaden mitgetheylt / kondte solches alles erzehlen / nicht desto minder will nit billich seyn / das jenige so uns beschriben worden / zu verschweigen.

Anmerkung: Beispiel 1

Als er sich in die Einöde / seiner Fasten eine allda zu halten / begeben wolte / unnd aber solches wegen seiner Schwachheit zu Fuß nit verrichten möchte / bittet er einen armen Mann / er solte ihme sein Esel leyhen.

Der bewilligets nit allein gern / sondern wolt auß sonderer Andacht auch mit ihme gehen: und weil es gar heisse Zeit war / vermeynt er inn selben trucknem Gebirg Dursts zu sterben / klagts derhalben dem heyligen Mann / der wirdt alsbald zu Mitleiden bewegt / steigt von dem Esel / kniet nider / facht an Gott anzurueffen / laßt nit nach / biß er ihn erhört / stehet alsbald auff / sagt zu ihme:

Gehe hin zu diesem Felsen / der wirt dir Wassers genug zu deiner Notturfft geben.

Der Mann gehet / findet das Wasser / unnd löschet den Durst / der Bronnen aber gestehet wider.

Dardurch der Welt zu erkennen geben / dass allein durch die Verdienst deß heyligen Vatters / gleich wie eines anderen Moyses / der Herr auß einem harten Stein Wasser habe fliessen lassen.

Anmerkung: Beispiel 2

Weil der heylig Mann zu Spoleti wohnet / sagt ihme ein Bruder / Andreas von Senis genant / so das Allmusen samblet / es wäre ein ungottsförchtiger Burger daselbsten / von welchem er nie kein Allmusen gehaben möchte.

Dem antwortet er / er solte sich befleissen / nur ein einig Stuck Brot von ihme zu bekommen / und ihme zu bringen.

Der Bruder gehet / ist mit dem Begeren so unverschambt / biß er ihme letstlich auß Verdruß eines geben müssen.

Alsbald er’s bekommen / gibt er’s dem heyligen Vatter / der zertheylts / gibt’s jedem Bruder darvon ein wenig / mit solchem Geding / dass ein jeder für disen geitigen Mann ein Vatter unser / unnd Ave Maria betten solte: begibt sich sambt ihnen zum Gebett / und erlangen von Gott / dass diser geitige Mann freygebig worden / und ihme Gott sein Irrthumb zu erkennen geben / also dass hernach keiner ihnen mehr Liebe und Freundligkeit erwise.

Anmerkung: Beispiel 3

Ein Gottsförchtiger und frommer Edelmann führt den heyligen Vatter offtermalen inn sein Hauß / erzeigte ihme so vil Freundschaft unnd Wolthaten / dass er gleich in ihne verliebt / und ihne inn dem Orden zu haben häfftig wünschte / begerte von Gott / dass er solchen seinen so lieben Freund wolte erleuchten / auff dass er die Welt verlassen möchte: verricht solches Gebett mit solchem Eyffer unnd Innbrunst / eben in seinem Hauß / dass er verzuckt / und in den Lufft erhebt warde / unnd so lang verblibe / untzt der Edelmann / der daselbsten fürüber gienge / ihne also inn den Lüfften / und neben ihme Christum / welcher ihme / als ihn gedunckte / ein Gnad bewilligte / bekehrt sich darauff / unnd nimbt mit der Hilff unnd Gnad Gottes den Orden an.

Anmerkung: Beispiel 4

Als er durch den Wald bey Cortona wandlet / zeucht ihme ein stattliche edle Fraw entgegen / begert von ihme den Segen:

Als er ihr den geben  / erzehlt sie ihme den unseligen Stand / in welchem sie sich selber Zeit befande / und sagt / es hätte ir vor langstem der Herr / dass sie seiner Göttlichen Maiestät dienen solte / eingeben / deme sie auch zu gehorsamen begirig / ihr Mann aber wäre disem ihrem heyligen Fürnemmen so gar zu wider / unnd ihrem Heyl so feind / dass sie inn unauffhörlicher Bekränckung lebte: begert derhalben er sollte ihr umb der Liebe Gottes willen rahten / und zu Hilff kommen.

Der heylige Vatter antwortet ihr / und sagt:

Weib setz dein Vertrawen inn Gott / dann derselbig / weil er dein Gemüt gerecht und andächtig sicht / wirdt dein Begird erfüllen. Zeuhe derhalben wider zu Hauß / unnd sage zu deinem Mann unerschrocken: Ich sage dir an Statt deß Herrens / jetzt ist die Zeit der Barmhertzigkeit / hernach aber wirdt die Zeit der Gerechtigkeit kommen / derhalben bitte ich dich durch die Wunden deß gecreutzigten Christi / du wöllest dich darnach richten / auff dass wir inn Frieden unnd Forcht Gottes hinfüro leben mögen: unnd du wirst sehen / er wirdt dich erhören.

Das Weib zeucht getröst wider Heim / verlaßt den heyligen Mann für sie beyde bittend.

Ein wunder Ding / als sie zu Hauß kommen / fragt sie der Mann woher sie käme:

Sie erzehlt ihme alles nach Ordnung / wie es ihr  ergangen / und sagt ihme an Statt Gottes die jenige Wort / so sie der heylige Franciscus gelernet: von welchen er so sanfftmütig worden / dass er deme / der er zuvor gewesen / nit mehr gleichet:

Sagt zu  dem Weib / er wollte hinfüro sein Leben enderen / unnd nach ihrem Willen dem Herren dienen. Sie sagt:

Weil es dir dann gefalt / dem Herren unserem Gott zu gehorsamen / gedunckt mich für das erst gar thünlich zu seyn / dass wir hinfüro das Gelübt der Keuschheit verloben und halten / welche ein Tugent so dem Höchsten gar annemlich / und uns hoch verdienstlich seyn wirdt.

Der Mann lasst ims gefallen / lebten also hinfüro mit einander heyligklich.

Dise Bekehrung erweckte selbiger gantzen Gegend ein grosse Verwunderung / unnd das noch mehr / (weil sie so einig / und in allem Guten verharreten / und hernach an einem Tag das Weib zu Morgen / unnd der Mann zu Abend / sie zu einem Morgen- und er zu einem Abendopffer geendet) also durch deß Herren Würckung jetzo inn dem Himmel / durch die Verdienst deß Gebetts deß heyligen Francisci / vereinbart seyn solten / unnd also durch dises grosse Wunderzeichen derselben gantzen Gegend ein ewige Gedechtnus hinderlassen.

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