ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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19.1.2001 – 22.6.2013

12F3183

Erscheinungen ‒ Drey guldene Medeyen

Der Cronicken der mindern Brüder, das erst Buch, Cap. 83, S. 274ff., Konstanz 1603

Von etlichen Erscheinungen / so dem Heyligen in seiner Contemplation oder Betrachtung geschehen.
Cap. 83.
S. Bonaventura.

ES suchte der heylige Vatter Franciscus allezeit Einöde / verborgne Ort / in welchen er desto freyer mit Gott / und seinen heyligen Englen conversieren möchte / machet ihme daselbsten sein Zellen von Esten der Bäumen / weit von aller andern Bewohnung der Brüder / und befahle Bruder Leoni seinem Gesellen / er solte ihne nit mehr als ein mal deß Tags besuchen / und allein Brot und Wasser zutragen / unnd zu Nachts zu der Metten Zeit zu dem anderen mal / und zu seiner Ankunfft sagen:

Domine labia mea aperies, O Herr thu auff meine Lefftzen: unnd wann er antwortet / Domine ad adiuvandum me festina, O Herr eyle mir zu helffen: solte er hinein gehen / ihme die Metten helffen betten / wann er aber schwige / wider darvon ziehen / dann er wäre etlich mal also verzuckt / daß er weder bey Tag oder Nacht reden köndte.

Bruder Leo kame dem Befelch auff das fleissigst nach / kondte doch nit umbgehen ihne jeweilen zu seinem Trost außzuspehen.

Dannenhero er ihn vil malen inn die Lüfft erhebt sahe / gienge alsdann freydig hinzu / umbfienge ihm die Füß / wann er ihn aber nit erlangen köndte / weil er vil malen so hoch als die Bäum / ja daß ihn menschlich Aug nit erreichen möchte / erhebt ware / kniet er under ihm nider / und rüfft an die Barmhertzigkeit Gottes.

Es erzehlet diser Bruder / er hätte ihne kniend / mit auffgerichten Augen / unnd Händen gegen Himmel / gesehen / und gehört daß er dise Wort offt gesagt / unnd mit vilen Zeheren wider erholet:

O mein Gott / wer bist du? und wer bin ich?

Auff welche Wort ein Liecht herab auff sein Haubt kommen / und im selbigen Schein ein Stimm / so mit ihme redet / gehört / er hätte aber / weil er von dem heyligen Mann nit gesehen wolte seyn / weit darvon gewesen / solche Wort nit verstehen mögen: Sahe allein den Heyligen seine Hand zum dritten mal inn selbige Feurflammen stossen / nach welchem das Gesicht alsbald verschwunden.

Inn seinem Wegkgehen aber kondt er so still nit seyn / daß ihn der heylig Vatter nit hörte / rüfft ihm alsbald / unnd strafft ihn darumb.

Bruder Leo gibt sich schuldig / bittet / dieweil er ihm verzigen / er solte ihme die Gnad auch thun / unnd was diese Erscheinung (so er geschehen) bedeutet / anzeigen.

Der heylig Vatter / der ihme sein Bitt nit verweigeren wolte / facht an die Vision auff dise Weiß zu entdecken: Du solt wissen / daß zu der Zeit als du das Liecht herab steigen gesehen / mir von dem Herren die Erkantnus seiner Göttlichen Maiestät / und meiner selbsten / communiciert und vertrawt worden.

Das war dises / so ich an ihne begert / da ich sagte: O mein Gott wer bist du? / und wer bin ich? Welches dann ist sein Hochheit / unnd Macht / und mein grosse Gering- und Nichtigkeit / in der ich bin. Daher ich mich zu fragen nit ersättigen könden: Woher ist es dann O Herr / daß du dich mit mir so verworffnem Wurm so vil würdigest? Er aber antwortet mir so hohe Sachen / daß es der menschliche Verstand nit fassen mag. Hernach inn dem Abschid begert er / ich solte ihme was opferen / ich aber sagte / ich hätte nichts inn dieser Welt / ich selbsten wäre sein / unnd hätte mich ihme inn Ewigkeit geschencket / darumben wißt ich ihme weiter nichts zu geben. Er befahle darauff ich solte mit der Hand drey mal inn mein Schoß greiffen / und was ich darinnen funde / ihme opfferen. Ich thats / fande drey guldene Medeyen / welche ich ihme under drey malen geopffert. Er zeigte mir an dise drey Medeyen bedeuteten / die Armut / Keuschheit / und Gehorsame / welche ich (durch sein Gnad) ihme dermassen geopffert / daß in Haltung derselben / mich mein Gewissen mit dem wenigisten nit naget.

Zu Widergeltung aber dises Geschäncks so ich ihme thate / bewilliget er mir durch sein grosse Güte / daß ich so wol umb diß / als andere Gnaden unnd Gutthaten / so sein Göttliche Maiestät mir verlyhen / ihme mit Hertzen unnd Mund Danck sagen solte / unnd solche für sein unnd nit mein erkennen. Dises war das Außstrecken der Händ / so du zu dem dritten mal gesehen.

Weil ich dich nun aber befriden wöllen / so befihle ich dir doch darneben / daß du solches keinem Menschen / weil ich lebe / offenbarest / unnd daß du mir / wann ich bette / nit mehr nachgehest / zeuhe nun hin mit der Benediction deß Herren deiner Zellen zu.

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