ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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21.1.2001 – 24.6.2013

12F3184

Ein wunderlicher Schein

Der Cronicken der mindern Brüder, das erst Buch, Cap. 83, S. 277f., Konstanz 1603

Von einer andern Erscheinung /
so dem heyligen Vatter geschehen
Cap. 84.
Fioreto

ALs sich ein junger einfältiger Bruder in einem Oratorio, inn welches sich die Brüder / wann sie inn die Wilde gehen wolten / begaben / zu der Zeit als der heylig Franciscus auch dahin kommen / befunden / unnd von wegen Einfall der Nacht allda verbleiben müssen / nimbt er jm für dem jenigen / so er von dem heyligen Francisco so vil gehört / wie er nemblich zu Nacht in dem Gebett grosse Sachen verrichtet / Acht zu geben: legt sich derhalben / als die anderen alle sich zu Ruh begeben / zu den Füssen deß heyligen Vatters / unnd bindet / auff daß er ohn ihne sich nit hinwegk begebe / seinen an deß heyligen Vatters Strick / auff daß wann er auffstünde / ihne auch erwecken müßte.

Dises aber halff ihm wenig: dann der heylig Vatter stehet allgemach auff / löset die Strick von einander / und zeucht darvon sein Gebett zu verrichten.

Der Bruder der mit disem Gedancken schlaffen gangen / erwachet bald / und als er sich allein / und also betrogen befunden / entschleußt er sich / ihme durch das Holtz auff gut Glück nachzufolgen / unnd ihne zu suchen:

Und war der Willen Gottes so gut / daß er ihn bald zu obrist auff dem Berg bettende / fande / unnd ein Red hörete / nahend hinzu / sicht ein wunderlichen Schein / der den Heyligen umbgabe / darinnen unseren Herren Christum Jesum / die glorificierte Jungkfraw sein Mutter/ und den heyligen Johannem den Evangelisten / sambt einer unzahlbaren Menge der Englen / so zu gegen waren.

Als er diß sahe / umbfienge ihn ein solcher Schrecken und Forcht / daß er gleich geschwunden zu Boden fiele / und nit wider zu ihm selbsten kame / biß der heylig Vatter nach Vollendung deß Gebetts / wider der Heimet zu wolte / und ohne Gefähr in der Finstere an ihne stiesse / und ihme gleich was es wäre imaginierte:

Nimbt ihn derhalben auff die Achsel / so best er möchte / tragt ihne mit der Hilff Gottes / wie ein guter Hirt das geliebt Schäfflin / dem Schaffstall zu / ermuntert ihn / unnd befilcht das jenig so er / weil er gebettet / gesehen / ihme anzuzeigen / bindet ihme ebner massen ein / solches bey seinem Leben nit zu offenbaren.

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