|
ETIKA D12FA |
FRANZISKUS-CHRONIK |
www.etika.com |
|
12F3185 |
Franziskus küsst das Jesuskind |
Der Cronicken der Minderen Brüder, Konstanz 1603. I, Cap. 85 |
Das erst Buch
Von einem anderen Gesicht.
Cap. 85.
Fioreto.
Als
er (Franziskus von Assisi) eines mals von einem Kloster zu dem anderen
reisete / ward jme ein junger ungottsförchtiger Bruder zu einem Gesellen zugeben.
Demnach sie nun in dem Kloster / dahin sie kommen / sich nottürfftigklich ergetzt / begibt sich der heylige Vatter vor
den anderen allen zu Ruh / auff dass er seinem Gebrauch nach / in dem ersten
Schlaff zu seinem Gebett möchte auffstehen.
Der
Bruder aber bleibt bey den anderen Brüderen / facht an von dem heyligen
Vatter zu murren / unnd zu sagen / er
möchte wol essen / trincken / und schlaffen / wäre doch darneben Heylig
geschetzt / nimt jhme für / er wollte sehen ob er die Nacht (wie jhn die Brüder
berichteten) wurde auffstehen / unnd betten: schlafft darauf zu disem End gar
nicht.
Sihe
aber / er sicht bald den heyligen Vatter zu der anderen Wacht auffstehen / unnd
dem Wald zueylen / er folget jhme allgemach nach.
Als
nun der heylig Vatter an ein jhme gefellig Ort kommen / falt er auff die Knie /
facht an seine brünstige Seufftzen / unnd durchtringede Wort außzustossen /
unnd die
heyligiste Mutter Gottes zu bitten / sie wollte jhme jhren geliebsten Sohn inn der Gestalt / wie sie jhn auff die Welt
geboren / sehen lassen.
Nach
Verrichtung deß Gebetts / sicht der Bruder die Mutter Gottes inn einem klaren
Schein daher kommen / und jme den Sohn mit sonderer Freund- und Holdseligkeit
auff die Arm legen:
Der heylig Vatter empfieng / umbfieng /
und küsset jhn mit müglichister Danckbarkeit / unnd wehret (Anm.: währet) solches Gesicht mit sonderem
Wolgefallen / unnd Betrachtung deß Manns (Anm: des Zuschauers) biß gegen
dem Morgen.
Als
jhn Zeit gedunckt /ubergibt er das Kind wider deren / welche jhme solches zuvor
gelifert hatte / neiget sich mit höchster Ehrerbietung und Demut auff den Boden
/ und ward die Erscheinung verschwunden. Durch welches Wunderzeichen diser Bruder
so wol erbawet / dass er den heyligen
Vatter umb Verzeihung gebetten / unnd sein Leben gebessert.
Diese
und andere vil dergleichen Erscheinungen hatte der heylig Vatter von der
glorwürdigen Mutter Maria / von den seligisten Apostlen Petro unnd Paulo / unnd
von dem heyligisten Ertzengel S. Michael / von der sonderen Andacht wegen so er
zu jhnen truge / trösteten jhne unabläßlich / wie sein Beychtvatter / unnd
Gesell Bruder Leo offtermalen gehört / gesehen / und nacher angezeigt hat.